# taz.de -- Schlammschlacht in Washington
> Das Impeachment-Verfahren gegen den US-Präsidenten ist kein Heimspiel für
> die Demokraten. Das Land ist in dieser Frage zutiefst gespalten. Und
> Polarisierung ist das politische Lebenselixier des Donald Trump.
IMG Bild: Bye-bye, Biden!
von Aaron Maté
Nur einen Tag nachdem die Zeugenaussage von Sonderermittler Robert Mueller
Russiagate ein Ende bereitete, gab Präsident Donald Trump den Hoffnungen
der Demokraten auf die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens neuen
Auftrieb.
In einem Telefonat am 25. Juli 2019 bat er den ukrainischen Präsidenten
Wolodymyr Selenski, US-Justizminister William Barr bei dessen
Nachuntersuchung zu ebenjenem Russiagate behilflich zu sein – denn, gab
Trump zu verstehen, die Affäre hätte ihren Anfang vielleicht „in der
Ukraine genommen“.
Außerdem bat Trump um Unterstützung bei Ermittlungen gegen Joe Biden,
Obamas ehemaligen Vizepräsidenten und möglichen demokratischen
Präsidentschaftskandidaten bei den Wahlen im kommenden Jahr. Trump ging es
um die Rolle, die Biden 2014 bei der Entlassung des ukrainischen
Generalstaatsanwalts gespielt hatte. Dieser hatte Ermittlungen gegen das
ukrainische Gasunternehmen Burisma eingeleitet, das Bidens Sohn Hunter ein
Salär von bis zu 50 000 Dollar im Monat gezahlt hatte.
Trumps Gespräch mit Selenski erfolgte eine Woche, nachdem er
US-Militärhilfen in Höhe von knapp 400 Millionen Dollar für die Ukraine
eingefroren hatte. Außerdem fiel es zeitlich mit Aktivitäten seines
Privatanwalts Rudolph Giuliani in der Ukraine zusammen, der sich dort
vermutlich bemühte, belastendes Material gegen die Bidens zu sammeln.
Bei einigen Beamten im Weißen Haus und Geheimdienstlern, die das Gespräch
von Trump und Selenski mithörten, schrillten sämtliche Alarmglocken; sie
befürchteten, dass der Präsident die Militärhilfe für seine eigenen
politischen Zwecke ausnutzen wollte. Sie teilten ihre Bedenken einem
CIA-Whistleblower mit, der sie daraufhin anonym veröffentlichte. Damit
brachte er die Untersuchungen zu einem Amtsenthebungsverfahren in Gang, die
Washington derzeit in Atem halten.
Am 29. Oktober bestätigte Oberstleutnant Alexander Vindman, ein Mitarbeiter
des Weißen Hauses, die von ihm mitgehörte Forderung Trumps, Kiew müsse
Ermittlungen gegen Hunter Biden einleiten. Vindman gab außerdem an, dass in
dem vom Weißen Haus veröffentlichten Transkript des Telefonats wichtige
Passagen fehlten.[1]
Ukrainegate hat mit Russiagate einiges gemeinsam. Wieder einmal ist es der
Sicherheitsapparat, der Vorwürfe gegen den Präsidenten erhebt, und wieder
einmal ist es ein Konflikt, der sich nur innerhalb der Eliten abspielt: auf
der einen Seite Trump und seine republikanischen Bundesgenossen, auf der
anderen Seite eine Koalition aus Demokraten, großen Medienhäusern, Beamten
der Sicherheitsbehörden und Neokonservativen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie
den Präsidenten als ungeeigneten Sachwalter des US-amerikanischen Imperiums
betrachten.
Getreu den alten Feindbildern aus dem Kalten Krieg meinen sie, dass es 2016
die bösen Russen waren, die Trump ins Amt gehievt hätten, und dass sich
dieser nun seine Wiederwahl sichern will, indem er die ukrainischen
Verbündeten schutzlos den russischen Angriffen preisgibt.
Für die Demokraten könnte sich Ukrainegate allerdings als Bumerang
erweisen. Während bei Russiagate gestohlene E-Mails im Mittelpunkt standen,
die zeigen sollten, dass das National Committee der Demokratischen Partei
und seine Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gegen Gesetze
verstoßen hätten, lenkt Ukrainegate die Aufmerksamkeit auf ein
möglicherweise korruptes Verhalten Joe Bidens.
Diese Schlacht der Eliten beschäftigt Politik und Medien abermals so
intensiv, dass alle anderen Themen ins Abseits geraten – insbesondere die
Suche nach einem geeigneten demokratischen Präsidentschaftskandidaten.
Eines ist in der Ukraine-Affäre allerdings anders: Diesmal hat sich der
Präsident eindeutig unethisch verhalten. Biden könnte im Wahlkampf 2020
sein Gegenkandidat werden. Egal ob die Familie Biden in wie auch immer
geartete Machenschaften in der Ukraine verwickelt war, hatte Trump kein
Recht, deren Staatsoberhaupt zur Aufklärung dieses Sachverhalts anzuwerben.
Insofern lohnt es sich, den Bedenken nachzugehen, Trump habe versucht,
„sein Amt zu seinem persönlichen Vorteil zu missbrauchen“.
Ob sich die zeit- und energieaufwendigen Recherchen zur Einleitung eines
Amtsenthebungsverfahrens lohnen, sei dahingestellt. Es ist nämlich längst
nicht bewiesen, dass Trump, wie weithin angenommen, die Ukraine mit der
zurückgestellten Militärhilfe zu Ermittlungen gegen Biden nötigen wollte.
Als er mit Selenski telefonierte, hatte er sie bereits eingefroren, zur
Sprache kam das jedoch nicht. Und die Regierung Selenski erfuhr davon erst
später.
Der demokratische Senator Chris Murphy sagte nach einem Treffen mit
Selenski Anfang September, der ukrainische Präsident habe keinerlei
Verbindung „zwischen der gestoppten Hilfe und den von Giuliani
vorgetragenen Bitten“ gezogen. Falls Trumps angebliches Opfer weder von dem
Komplott noch von dem zu entrichtenden Lösegeld wusste, wird schwerlich zu
belegen sein, wo hier Erpressung im Spiel gewesen sein soll.
Aus dem lückenhaften Transkript des Telefongesprächs geht auch nicht
hervor, was genau Trump von Selenski eigentlich wollte.[2]Sein endloses
Gefasel lässt Raum für Interpretationen. In Bezug auf Biden sagt er zum
ukrainischen Präsidenten, „alles, was Sie zusammen mit dem Justizminister
tun können, wäre großartig“, und bittet ihn, „sich das mal anzusehen“. Aber
Justizminister William Barr sagt, Trump und er hätten nie über Ermittlungen
gegen Biden oder eine entsprechende Bitte an die Ukraine gesprochen.[3]Und
Selenski meint, er habe keinerlei Druck verspürt, etwas gegen Biden zu
unternehmen. „Sich etwas ansehen“ kann Verschiedenes bedeuten.
Vielleicht ging es Trump vor allem um die Mithilfe Selenskis an Barrs
Vorhaben, noch einmal zu prüfen, wo seinerzeit die Ermittlungen zum
Russiagate ihren Anfang genommen hatten. So inkohärent Trump auch wirkt –
die Ukraine in diesem Fall um Kooperation zu bitten, ist sein gutes Recht.
Immerhin haben sich ukrainische Amtsträger 2016 möglicherweise mit dem Ziel
in die US-Wahlen eingemischt, Trumps Kandidatur zu schaden, indem sie
kompromittierende Informationen über seinen Wahlkampfmanager Paul Manafort
durchstachen.
Mehrere Szenarien sind also denkbar. Vielleicht wollte Trump die Ukraine
erpressen, vielleicht auch nicht. Vielleicht ging es ihm in erster Linie um
Ermittlungen zur ukrainischen Einmischung in den Wahlkampf 2016 oder um
Ermittlungen gegen Biden oder um beides. Wenn er gefordert hat, dass die
Ukraine Biden ins Visier nimmt, wäre das äußerst unmoralisch gewesen; wenn
ihn aber die Rolle der Ukraine im Jahr 2016 interessiert hat, wäre sein
Anliegen legitim gewesen. Hat er die Zweckentfremdung der Militärhilfe im
Sinn gehabt, die zu gewähren er vom Kongress beauftragt war, dann hätte er
sein Amt missbraucht. Wollte er wiederum Selenskis Wunsch nach einem
persönlichen Treffen im Weißen Haus ausnutzen, wäre das schon eher
vertretbar.
Bei all dem stellt sich die Frage , warum sich die Demokraten auf einer so
wackligen Grundlage für den heiklen Weg eines Amtsenthebungsverfahrens
entschieden haben, immerhin das härteste zur Verfügung stehende
Rechtsmittel; und warum sie angesichts der tagtäglichen moralischen
Ausfälle des Präsidenten ausgerechnet diese Sache als seine „bisher
gravierendste Verfehlung“ erachten – so die Worte des demokratischen
Abgeordneten im Repräsentantenhaus Adam Schiff.
Die Antwort liegt auf der Hand. In Washington müssen Angehörige der Eliten
selten mit Konsequenzen rechnen, wenn sie der Bevölkerung Schaden zufügen.
Anders sieht es aus, wenn sie sich an den Eliten, an anderen „Mitgliedern
des Clubs“ vergreifen.
Sehr deutlich wurde das im Fall Watergate. Richard Nixon drohte die
Amtsenthebung nicht etwa wegen der Massenmorde in Vietnam, Kambodscha und
Laos, sondern weil er das oppositionelle Lager der Elite mit unerlaubten
Mitteln anging und das zu vertuschen versuchte. George W. Bush wiederum
hätte es ohne Frage verdient gehabt, wegen der Irak-Invasion seines Amtes
enthoben zu werden, aber er beging sein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
mit parteiübergreifender Rückendeckung.
Nun, in der Ära Trump, formiert sich der „Widerstand“ prominenter
Demokraten und Medienvertreter rund um die nicht verhandelbaren Gebote der
nationalen Sicherheit. So entstand Russiagate: US-Geheimdienstler
verdächtigten Trump, ein russischer Agenten zu sein, weil er nicht an der
in beiden großen Parteien grassierenden Feindschaft zu Moskau festhielt.
Und auch bei Ukrainegate geht es um Fragen der nationalen Sicherheit. Der
Whistleblower kommt von der CIA, und seine Quellen haben in verwandten
Organisationen hohe Ämter inne, auch im Weißen Haus. Eine dieser
Schlüsselfiguren ist niemand anderes als der unlängst geschasste
nationale Sicherheitsberater John Bolton. Laut Washington Post
„explodierte“ der unverbesserliche Neokonservative, als er von Giulianis
Gesprächen mit der Ukraine erfuhr, und wies sogar einen Referenten an, den
Anwälten des Weißen Hauses seine Bedenken mitzuteilen.[4]
Trump wird nicht bloß wegen möglicher Korruptheit verdächtigt. Nancy
Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, vermutet auch, dass
„Russland seine Hände im Spiel“ haben könnte (MSNBC, 27. September): Das
Aussetzen der Militärhilfe für Kiew würde die Ukraine gefährden und
Russland stärken. Tatsächlich aber befürchtete schon Präsident Obama einen
fatalen Stellvertreterkrieg in der Ukraine und gab dem immensen Druck,
militärische Hilfe zu senden, nicht nach. Auf den gleichen Druck des
politischen Establishments in Washington hin revidierte Trump Obamas
Entscheidung – ihn belasteten obendrein Anschuldigungen, zu nachsichtig mit
Russland und sogar dessen Komplize zu sein.
Dass die Demokraten wieder einmal die militaristische Rhetorik des Kalten
Kriegs bemühen, um gegen Trump Opposition zu machen, birgt indes Risiken
für die Ukraine, Russland und für sie selbst.
Wir wissen alle, wie der letzte Skandal ausgegangen ist: drei Jahre
gegenseitige Bezichtigungen, Rohrkrepierer, die als Paukenschläge gedacht
waren, und eine Untersuchung, die nicht nur keine Verschwörung zwischen
Trump und Russland aufdeckte, sondern bei genauerem Hinsehen fast keinen
echten Kontakt zwischen Trump und Russland – insofern mit „Russland“ die
Regierung Putin gemeint ist.
Die Demokraten hätten aus „Russiagate“ ihre Lehren ziehen können. Der Hype
um die geheime Zusammenarbeit lenkte nicht nur von dem Unheil ab, das Trump
über die Vereinigten Staaten und die Welt gebracht hat, sondern belohnte
ihn auch noch mit einer Rehabilitierung, als alle Vorwürfe wie ein
Kartenhaus in sich zusammenfielen.
Ebenso könnte er vom Ukrainegate profitieren. Ob sich der Verdacht gegen
Trump und Giuliani erhärtet, bleibt abzuwarten. Dagegen ist die Beweislast
gegen Hunter Biden bereits erdrückend. Ohne jede regionale Expertise wurde
er Vorstandsmitglied eines ukrainischen Gasunternehmens, und das nur wenige
Monate nachdem sein Vater in seiner Funktion als US-Vizepräsident einen
Staatsstreich zum Sturz der Kiewer Regierung unterstützte hatte. Wenn die
Demokraten Trump nun beschuldigen, sein Amt zum persönlichen Vorteil zu
nutzen, kann dieser ihnen den Ball bequem ins Feld zurückspielen.
Zu allem Überfluss war Hunter Bidens erster öffentlicher Auftritt nach
Bekanntwerden des Telefonats katastrophal: Er behauptete, nichts falsch
gemacht zu haben, räumte aber ein, dass er seinen lukrativen Job durchaus
seinem Namen verdanke. Er bedauerte lediglich, dass er die Risiken für die
politischen Ambitionen seines Vaters falsch eingeschätzt habe.
Die republikanische Senatoren werden die nächsten Monate damit verbringen,
Nachforschungen über die Familie Biden anzustellen und die Heuchelei der
Demokraten anzuprangern. Dann werden sie wahrscheinlich für einen
Freisprechung des Präsidenten stimmen. Trump wird das als weiterer Beweis
seiner Unschuld präsentieren und zum wiederholten Male gegen den „tiefen
Staat“ wettern, der sich gegen ihn verschworen hat.
Während der gesamten Russiagate-Affäre deckten sich die Interessen der
nationalen Geheimdienste mit denen der neoliberalen Demokraten, die 2016
gegen Trump verloren hatten. Und weil sich die Eliten innerhalb der
demokratischen Partei unermüdlich an ihren Verschwörungstheorien
abarbeiteten, konnten sie sich weiter um die Einleitung des Wandels
herummogeln, der doch überfällig gewesen wäre, nachdem sie gegen einen
milliardenschweren Hochstapler verloren hatten, der sich als Held der
Arbeiterklasse geriert.
Mit Ukrainegate gibt es nun noch eine Verlängerung. Statt dass die
Demokraten in ihrem Vorwahlkampf Themen wie die Krankenversicherung für
alle, Bildung, Klimawandel, Rechte von Migranten, Militarismus und soziale
Ungleichheit diskutieren, bringen sie das Land in eine Situation, in der
das erneut alles beherrschende eliteninterne Gerangel das Wahlvolk und
dessen Belange in den Hintergrund drängt. Die Demokraten riskieren also
nicht nur, dass die Wähler wieder nur zum Zuschauen verdammt sind, sie
verpassen auch die doch gute Gelegenheit, sie überhaupt zu erreichen.
1↑ Julian E. Barnes, Nicholas Fandos und Danny Hakim, [1][„White House
Ukraine Expert Sought to Correct Transcript of Trump Call“, New York
Times,29. Oktober 2019],
[2][edition.cnn.com/2019/10/24/politics/white-house-official-impeachment-in
quiry-testimony/index.html].
2↑ [3][„Read Trump’s phone conversation with Volodymyr Zelensky“, CNN, 26.
Septemb]er 2019.
3↑ [4][„House launches Trump impeachment inquiry“, CNN, 25. September
2019.]
4↑ Greg Miller und Greg Jaffe, [5][„At least four national security
officials raised alarms about Ukraine policy before and after Trump call
with Ukrainian president“, The Washington Post,27. September 2019.]
Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier
Aaron Maté ist Journalist.
7 Nov 2019
## LINKS
DIR [1] https://www.nytimes.com/2019/10/29/us/politics/alexander-vindman-trump-ukraine.html
DIR [2] https://edition.cnn.com/2019/10/24/politics/white-house-official-impeachment-inquiry-testimony/index.html
DIR [3] https://edition.cnn.com/2019/09/25/politics/donald-trump-ukraine-transcript-call/index.html
DIR [4] http://www.edition.cnn.com/politics/live-news/trump-impeachment-inquiry-09-25-2019/index.html
DIR [5] https://www.washingtonpost.com/national-security/at-least-four-national-security-officials-raised-alarms-about-ukraine-policy-before-and-after-trump-call-with-ukrainian-president/2019/10/10/ffe0c88a-eb6d-11e9-9c6d-436a0df4f31d_story.html
## AUTOREN
DIR Aaron Maté
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