URI:
       # taz.de -- Öl für zehn Tage
       
       > Die Schäden der Förderung aber bleiben von Alberto Acosta
       
       Es ist ein revolutionärer Vorschlag: Rund 850 Millionen Barrel Erdöl sollen
       nicht gefördert werden. Sie lagern unter dem Yasuní-Nationalpark im Osten
       Ecuadors, einem der artenreichsten Naturreservate der Welt. Das Gebiet wird
       ITT genannt, nach den drei Ölquellen, die vor Jahren bei Probebohrungen
       angelegt wurden: Ishpingo, Tambococha, Tiputini. Die Ölmenge stellt etwa 20
       Prozent der gesamten bekannten Ölreserven Ecuadors dar und entspricht damit
       knapp dem Ölverbrauch der Menschheit in zehn Tagen. Würde es gefördert,
       könnte der ecuadorianische Staatshaushalt mit Einnahmen von rund 7,5
       Milliarden Dollar rechnen. Darauf zu verzichten, ist kaum akzeptabel, wenn
       man der Logik der traditionellen und bis heute vorherrschenden Einstellung
       folgt, dass der Reichtum des Landes an den Einkünften aus dem Erdöl hängt.
       Die Erdöllobby ist mit aller Macht gegen diesen Vorschlag vorgegangen.
       
       Die sogenannte ITT-Initiative geht vom Prinzip der geteilten, aber
       differenzierten Verantwortung aus, wie man es aus den internationalen
       Klimaverhandlungen kennt: Die internationale Gemeinschaft soll einen
       Beitrag von wenigstens der Hälfte der Einnahmen leisten, die durch die
       Förderung dieses Erdöls erzielt würden (ohne Berücksichtigung der dadurch
       entstehenden Schäden für Mensch und Umwelt, die als Negativposten zu Buche
       schlagen würden). Doch der Vorschlag geht viel weiter. Mit diesem ersten
       Schritt wollen wir, die Initiatoren, unter anderem den Weg hin zu einer
       Post-Erdöl-Gesellschaft in Ecuador und anderswo beschleunigen. Ziel ist es,
       die Welt zu „entkarbonisieren“. Und wir streben neue Formen von Beziehungen
       zwischen den Ländern an, mit dem Anspruch, Mensch und Natur wieder
       zusammenzubringen.
       
       Als der Autor dieser Zeilen Anfang 2007 als Energie- und Bergbauminister
       der neuen Regierung unter Rafael Correa die Idee zum ersten Mal öffentlich
       vorstellte, war bereits jahrelang an der Forderung nach einem Moratorium
       der Ölförderung im ecuadorianischen Amazonasgebiet gearbeitet worden.
       Ausgangspunkt war der Widerstand der indigenen Völker und betroffenen
       Siedler, die sich gegen die Aktivitäten des Texaco-Konzerns zur Wehr
       setzten.
       
       Die ITT-Initiative ist das Ergebnis dieser sozialen Prozesse wie auch der
       Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, vor allem mit Acción Ecológica.[1]Sie
       hat viele Väter und Mütter, und mittlerweile gibt es auf der ganzen Welt
       tausende von Paten und Patinnen. Auf internationalen Foren, unter
       Wissenschaftlern und in vielen Medien ist die Initiative auf ein großes
       Echo gestoßen. Die Debatte, die sie in Ecuador und weltweit angestoßen hat,
       ist bereits ein unbestreitbarer Erfolg. Vor allem der Gedanke der geteilten
       Verantwortung – immerhin haben die reichsten Gesellschaften der Erde die
       größte Zerstörung verursacht – hat vielfältige Aktivitäten überall auf dem
       Planten angestoßen.
       
       Das erste Land, das Ecuador in aller Form zu unterstützen versprach, war
       Deutschland. Im Bundestag sprachen sich im Juni 2008 Vertreter sämtlicher
       Fraktionen dafür aus. Ein Jahr später wurde sogar auf Regierungsebene in
       Aussicht gestellt, 13 Jahre lang je 50 Millionen Euro in einen
       internationalen Treuhandfonds einzuzahlen – so lange würde schätzungsweise
       die intensive Ausbeutung des Ölfelds ITT dauern. Über die finanziellen
       Seite hinaus war das Angebot aus Deutschland auch politisch von Bedeutung:
       Es half, die Initiative auch in den kritischsten Momenten in Ecuador
       aufrechtzuerhalten.
       
       Seit dem 23. März 1967, als im ecuadorianischen Amazonasgebiet erstmals das
       Rohöl sprudelte, genauer gesagt, seit August 1972, als das erste Erdöl für
       den Weltmarkt geliefert wurde, sind rund 4,5 Millionen Barrel gefördert
       worden. Der ecuadorianische Staat hat dafür nominell ungefähr 90 Milliarden
       Dollar eingenommen. Aber die Entwicklung ist nicht vorangekommen. Nicht nur
       das: Die Erdölförderung in Amazonien hat die Lebensgrundlagen der dortigen
       Bevölkerung direkt und indirekt beeinträchtigt. Die Waldzerstörung, die
       Erosion, die Verschmutzung der Böden, des Wassers und der Luft sind
       allgegenwärtig. Die ärmsten Provinzen von Ecuador liegen in Amazonien, und
       die ärmsten aller amazonischen Provinzen sind jene, in denen es Erdöl gibt.
       
       Es ist unmöglich, den Preis der Natur zu beziffern, denn das Leben kann man
       nicht in Geldwert messen. Doch wenn man die Öllecks, die Verseuchung der
       Sümpfe, das Abbrennen von Gas, die Entwaldung und den Verlust an
       Artenvielfalt berücksichtigt, kommt man auf Schäden in Milliardenhöhe.
       Hinzu kommen die Schäden durch die Versalzung der Flüsse, durch
       unterbezahlte Arbeit und Krankheiten – die Krebsrate liegt in den
       Erdölfördergebieten bei 31 Prozent, im landesweiten Durchschnitt hingegen
       bei 12,3 Prozent.
       
       Chevron/Texaco, Verursacher dieser menschlichen und ökologischen
       Katastrophe, ist seit 17 Jahren in juristische Auseinandersetzungen wegen
       Entschädigungszahlungen verwickelt. Am 14. Februar 2011 wurde der Konzern
       wegen der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Schäden vor einem
       ecuadorianischen Gericht zur Zahlung von 8 Milliarden Dollar
       verurteilt.[2]Schon mit der ersten Phase der Förderung hat der Ölmulti die
       Vernichtung zweier Völker auf dem Gewissen, der Tetetes und der
       Sansahauris. Auf deren Namen wurden zwei Ölquellen getauft, just dort, wo
       die beiden Völker zuvor lebten. Es war ein Zusammenstoß mit der „westlichen
       Kultur“ in einer ihrer schlimmsten Erscheinungsformen.
       
       All diese Faktoren, zusammen mit der Einsicht, dass die Erdölreserven bald
       erschöpft sind, bilden die Grundlage für die Forderung, das Öl im
       ITT-Gebiet nicht zu fördern und in der Mitte und im Süden des
       ecuadorianischen Amazonasgebiets die Förderung einzustellen.
       
       Natürlich führte dieser Vorschlag 2007 auch innerhalb der neuen
       Linksregierung zu Auseinandersetzungen. Für viele war es unfassbar, dass
       sich ausgerechnet der Ölminister dafür aussprach, das Rohöl nicht zu
       extrahieren. Die Staatsfirma Petroecuador wollte das Öl um jeden Preis
       fördern. Die Stimmung war gespannt, bis schließlich der Präsident selbst
       die Option unterstützte, das Erdöl im Boden zu lassen – vorausgesetzt, wir
       bekämen dafür eine Entschädigung. Damals sprachen wir noch von
       Entschädigung. So also begann sich die Idee auf Regierungsebene
       herauszukristallisieren, und am 5. Juni 2007 wurde sie offiziell
       präsentiert.
       
       Bis im August 2010 der Vertrag für den Treuhandfonds mit dem
       UN-Entwicklungsprogramm unterzeichnet wurde, fand ein komplizierter Prozess
       von Annäherungen und Distanzierungen statt, denn vonseiten der Regierung
       fehlte es an klaren Ansagen und Entscheidungen. Präsident Correa, der
       eingewilligt hatte, die Idee zur Regierungspolitik zu erklären, wurden
       wegen seiner Zweifel und Unstimmigkeiten zur größten Gefahr für die
       Yasuní-ITT-Initiative.
       
       Bis heute ist es der ecuadorianischen Regierung nicht gelungen, die einmal
       getroffene Entscheidung umzusetzen. Zwar hat der Präsident mitgeholfen, die
       Initiative international bekannt zu machen – bei der UNO, der Opec und in
       diversen internationalen Foren. Doch leider sagte er dabei immer wieder,
       bei einem Ausbleiben der internationalen Finanzierung werde das Öl doch
       gefördert – die Vorstellung einer Erpressung liegt da nicht fern. Und das
       schafft Ungewissheit.
       
       ## Ecuadors Umweltpolitik verliert die deutsche Unterstützung
       
       Ein weiteres Risiko für die Initiative besteht in den Versuchen, sie in die
       Marktlogik einzubinden. Es gibt ecuadorianische Regierungsmitglieder, die
       solche merkantilen Thesen propagieren. Denen schloss sich auch der deutsche
       Entwicklungsminister Dirk Niebel im September 2010 an und versetzte der
       Initiative einen schweren Schlag, als er ankündigte, dass Deutschland die
       Initiative nicht in der anfangs geplanten Weise mittragen würde.
       
       Durch die Rückendeckung aus Deutschland hatten sich viele Türen geöffnet,
       doch nun ist es schwieriger geworden, sie offen zu halten. In den
       Gesprächen mit einigen Ländern ging es zwar voran, doch die Ergebnisse
       reichen noch nicht aus. Behörden und Unternehmer haben ihre Unterstützung
       zugesagt. Große Stiftungen wurden angesprochen. Es gibt eher symbolische
       Beiträge von Chile oder von Regionalregierungen wie der von Wallonien. Das
       hoffnungsvollste Ergebnis ist bislang mit Italien zustandegekommen, das
       einen umstrittenen Tausch gegen Auslandsschulden vorschlägt. Doch in den
       meisten Fällen gibt es noch keine definitiven Zusagen.
       
       Einige von uns plädieren dafür, das Öl im Boden zu lassen, selbst wenn die
       internationalen Beiträge ausbleiben. Doch diese dritte Option würde viele
       der potenziellen Implikationen auf internationaler Ebene ins Leere laufen
       lassen. Mit dem Erfolg der Initiative könnte das Leben der nicht
       kontaktierten indigenen Völker, der Tagaeri, Taromenane und Oñamenane,
       geschützt werden. Allein dies müsste Grund genug sein, das Erdöl nicht zu
       fördern.
       
       Auch die große Artenvielfalt würde geschützt werden. Auf einem Hektar des
       Yasuní gibt es mehr Baumarten als in ganz Nordamerika. In einem einzigen
       Baum kann es mehr einheimische Käferarten geben als in ganz Europa. Das
       liegt daran, dass sich während der Gletscherbildung auf der Erde das Leben
       in jener Region konzentriert hat. Außerdem ist die Nichtförderung eine
       effektive Art und Weise, die Umwandlung des Amazonas-Regenwalds in eine
       Savanne zu verhindern. Wenn dies geschähe, würde sich die Wassermenge auf
       dem gesamten Kontinent erheblich verringern, mit schädlichen Auswirkungen
       für alle Länder, nicht nur für Ecuador. Die Förderung des ITT-Erdöls würde
       rund 410 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen verursachen. Da es sich um
       schweres, sehr schwefelhaltiges Öl handelt, wäre die Entkontaminierung sehr
       kostspielig.
       
       Die Yasuní-ITT-Initiative weist über die Vision und die Mechanismen des
       Kioto-Protokolls hinaus, die ja darauf ausgerichtet sind, Emissionen zu
       absorbieren: Hier sollen Emissionen verhindert werden. Das ist ein neuer
       Ansatz für die internationale Klima-Agenda. Er betont, wie wichtig es ist,
       die Artenvielfalt zu erhalten und die Rechte der indigenen Völker zu
       respektieren. Er öffnet das Tor zur Anerkennung der geteilten, aber
       differenzierten Verantwortung: Die Gesellschaften der reichen Länder sind
       für das Gros der Umweltzerstörung weltweit verantwortlich. Daher müssen sie
       auch den größten Teil der Aufgabe übernehmen, die in den letzten 500 Jahren
       entstandenen Schäden zu reparieren. Hier entfaltet die Idee der
       ökologischen Schuld ihre Sprengkraft: Unter dem Strich ist der Norden beim
       Süden verschuldet.
       
       Von dieser Initiative geht eine klare Botschaft aus: Wir müssen unsere
       Beziehungen zur Natur radikal ändern. Die einfachen Reden darüber, welche
       Auswirkungen der Klimawandel hat, reichen nicht mehr. Die Natur darf keine
       Ware mehr sein. Die Welt muss konkret handeln. Der Ansatz lässt sich zudem
       gut auf andere Weltregionen übertragen; er öffnet eine Tür, damit wir
       kreative, kühne, kurz: revolutionäre Antworten finden können.
       
       11 Mar 2011
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Alberto Acosta
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA