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       # taz.de -- Zum Tod Walter Kempowskis: Ein Chronist deutscher Geschichte
       
       > Bis zuletzt ließ der schwer kranke Walter Kempowski sich nicht
       > unterkriegen, hielt Lesungen und schrieb weiter an seinem Tagebuch. Jetzt
       > hat ihn der Krebs doch besiegt.
       
   IMG Bild: Walter Kempowski beim Festakt anlässlich seines 75. Geburtstags vor drei Jahren. Die Öffentlichkeit erfuhr erst 2006 von seinem Darmkrebsleiden.
       
       In "Tadellöser & Wolff", dem Roman, der Walter Kempowski 1971 berühmt
       gemacht hat, erinnert sich der Erzähler an seinen Spielzeugfuhrpark: "Ich
       war Spediteur. Drei Märklin-Fernlaster mit weißer Rautenleiste an der
       Ladefläche und aufsetzbarer Leinenplane. Sie rückwärts in den Hof zu lotsen
       und auf den Millimeter genau nebeneinanderstellen. Reifenspuren
       hinterlassen ..." Der junge Walter hätte, wie der alte Walter schrieb, gern
       "fünf von den Dingern haben mögen oder zehn. Den Kopf auf die Tischplatte
       legen, dran entlangkucken, Kühler an Kühler." Mit dieser liebevollen
       Millimetergenauigkeit hat Kempowski Abertausende solcher Nahaufnahmen aus
       dem Menschenleben zusammengetragen, sortiert und in Kapiteln collagiert,
       bis aus den Kapiteln Romane erwuchsen und aus den Romanen ein Zyklus
       entstand, die "Deutsche Chronik" einer bürgerlichen Familie, von der
       Kaiserzeit - "Seid verwöhnt! Raucht Welp-Zigarren!" - bis zur Ära Adenauer:
       "Wandsbek, Bärenstraße 7a: Eine Baracke mit Pappwänden, drei Zimmer, Küche,
       Klo."
       
       Als Kempowski 1956 in der Bundesrepublik eintraf, hatte er acht Haftjahre
       in Bautzen abgesessen, verknackt wegen "Spionage", weil er als
       Achtzehnjähriger amerikanischen Geheimdienstleuten Dokumente über die
       Demontage der Sowjetzone zugespielt hatte: "Eigentlich hatte ich nichts
       gegen die Ausplünderung, das taten die Amerikaner ja in ihrer Zone auch,
       das war irgendwie ihr gutes Recht. Aber das mußte doch aufgeschrieben
       werden, damit die Reparationszahlungen nach dem Friedensvertrag nicht
       wieder von vorne losgingen. Daß überhaupt kein Friedensvertrag kam, wußten
       wir ja damals nicht." Die erhoffte Anerkennung als politischer Gefangener
       wurde ihm in der Bundesrepublik versagt. Er bekam sogar zu hören, daß er
       nichts weiter sei als ein gewöhnlicher Krimineller, und er konnte zusehen,
       wo er blieb. Den Neuaufbau einer bürgerlichen Existenz mußte er aus dem
       Nichts heraus beginnen, so wie Millionen andere Kriegsheimkehrer,
       Flüchtlinge, Vertriebene, ausgebombte Obdachlose, "Umsiedler" und displaced
       persons in der Wüstenei, die das ebenso mörderische wie selbstmörderische
       Regime der Nationalsozialisten den Überlebenden des Zweiten Weltkriegs
       hinterlassen hatte.
       
       In der Untergangszeit des "Dritten Reichs" hatte sich der langhaarige,
       jazzmusikverliebte "Swingboy" Kempowski dem Dienst in der Hitlerjugend und
       den Pflichten als Flakhelfer so weit wie möglich zu entziehen versucht, und
       nach der vorzeitigen Haftentlassung - 1948 war er zu 25 Jahren Knast
       verurteilt worden - schwankte er zwischen der Versuchung, sich an das
       Gefühl des Weltekels zu verlieren, und der Aussicht, es allen noch einmal
       zu zeigen und sich aus eigener Kraft zu rehabilitieren.
       
       Dieses Ziel hat Kempowski erreicht, obwohl er unterwegs die aberwitzigsten
       Hürden bemeistern und bittere Enttäuschungen erdulden mußte. Sein
       Haftbericht "Im Block", der 1969 im Rowohlt Verlag erschien, nach Jahren
       der Recherche, des Umschreibens und des sicherlich für beide Seiten
       strapaziösen Tauziehens zwischen dem Autor und seinem bei Rowohlt
       angestellten Mentor und Entdecker Fritz J. Raddatz, war ein Flop. Bis Ende
       1970 wurden nur knapp zweitausend Exemplare verkauft. Eine weitere herbe
       Zwischenbilanz hat im Jahre 2004 Kempowskis aktenkundiger Biograph Dirk
       Hempel gezogen: "Im zweiten Halbjahr 1970 waren von 72 ausgelieferten
       Exemplaren 68 remittiert worden, Reinverkauf 4 Bücher, Bruttohonorar 6,01
       DM."
       
       Zu diesem Zeitpunkt hatte Kempowski sich zwar als Grundschullehrer
       etabliert, und er war nicht finanziell notleidend, aber man stelle sich
       einmal den Mittag vor, an dem Kempowski den Honorarbescheid aus Reinbek
       erhielt, aus dem hervorging, daß sich von Juli bis Dezember 1970 nur vier
       Menschen dazu bereitgefunden hätten, dieses in so vielen Jahren der Arbeit
       unter unendlichen Geburtsbeschwerden produzierte und von acht Jahren der
       Drangsal handelnde Buch zu kaufen. Und über alledem lastete das Gefühl der
       Schuld für die Jahre der Gefängnishaft, in die Kempowski seine Mutter mit
       der unseligen Frachtbriefgeschichte unfreiwillig hineinmanövriert hatte.
       
       1969 hatten die meisten Westdeutschen etwas anderes vor, als sich mit dem
       Bericht eines Häftlings aus Bautzen zu befassen. Der Durchbruch zum großen
       Publikum glückte Kempowski erst 1971 mit dem Familienroman "Tadellöser &
       Wolff", und Eberhard Fechners TV-Verfilmung der Romane machten Kempowskis
       Namen einem nach Millionen zählenden Leserkreis bekannt. Nun war er zwar
       ein Bestseller-Autor, der beim Volk gut ankam, doch im Unterschied zu Böll
       und Grass und Lenz zog er alsbald den Groll vieler Neider und Deppen auf
       sich, die in ihm einen Reaktionär und Kalten Krieger erblickten, der die
       Nazizeit verharmlose. Daß Kempowski in seinen Romanen und Befragungsbüchern
       - "Haben Sie davon gewußt?" - den Erinnerungsbildern, Traumblasen und allem
       abgesunkenen Strund der Nazizeit auf den Grund ging, wie ein
       Tiefseeforscher, ist von seinen Verächtern nicht einmal wahrgenommen
       worden.
       
       Aus Zuneigung zu den Menschen, denen das Rad der Geschichte über den Nacken
       gewälzt worden war, entschloß Kempowski sich dazu, in seinem Haus ein
       Archiv unpublizierter Autobiographien einzurichten. Aus diesem Archiv ist
       das zehnbändige "Echolot" hervorgegangen, mit Zeitzeugnissen und Auszügen
       aus Tagebüchern und Briefen, die ohne Kempowskis Engagement für alle Zeiten
       verloren gewesen wären. Eine weitere Säule in Kempowskis Lebenswerk bilden
       die Tagebücher, in denen er noch jeden "Kenner" seines Werks immer wieder
       überrascht und übertölpelt hat: "Ich bin der Sonnyboy der deutschen
       Gegenwartsliteratur", schrieb er 1983. "Ein hingeschissenes Fragezeichen."
       
       Kennengelernt habe ich Kempowski 1984, als jugendlicher,
       vorurteilsbefrachteter und auch sonst recht dusseliger Teilnehmer eines
       Literaturseminars im "Haus Kreienhoop" in Nartum. Da gab er sich, zu meiner
       Überraschung, als kundiger Leser von Arno Schmidt zu erkennen, rühmte auch
       das von mir damals favorisierte, ja: geliebte Haßbuch "Rom, Blicke" aus dem
       Nachlaß von Rolf Dieter Brinkmann und lud mich dazu ein, im nächsten Sommer
       einige Zeit in seinem Haus zu verbringen, gemeinsam mit anderen jungen
       Leuten, die bei ihm wohnen dürften, solange seine Frau im Urlaub sei: Er
       selber könne sich fürs Urlaubmachen nicht erwärmen; da umgebe er sich
       lieber mit Jugend, die ihn dann freilich zu bekochen habe. Und es dürften
       nicht nur Spiegeleier gebraten werden!
       
       Am letzten Abend des Seminars war Schwof angesagt. Zu später Stunde setzte
       sich Kempowski an den Flügel und spielte, in einer getragenen Version, das
       Deutschlandlied. Ich kriegte eine Gänsehäut. Das sei geschmacklos gewesen,
       sagte ich zu ihm, und da wandte er sich wortlos ab (was mich schmerzlich
       berührte). Seine Antwort erhielt ich erst einige Wochen später schriftlich:
       "Es tut mir leid Ihnen sagen zu müssen, daß zu unserer Sommergemeinschaft
       wortloses Verstehen gehört. Vor der Frage steht das Nachdenken, und zum
       Nachdenken gehört Sympathie - und sie eben ist nötig, wenn wir hier wie
       eine Familie drei oder vier Wochen gemeinsam verbringen wollen. Aus diesem
       Grunde muß ich meine Einladung an Sie leider rückgängig machen." Das war
       kurz nach Nikolaus. Unmittelbar vor Weihnachten revidierte Kempowski seine
       Entscheidung: "Also, meine Mädchen vom Sommerklub haben mir sehr
       eingeheizt, sowas könnt' ich doch nicht machen, und das gefällt ihnen gar
       nicht, daß ich den Gerhard wieder auslade. Dies hab ich mir inzwischen auch
       überlegt und vielleicht sollte ich mich sogar entschuldigen für meine
       abrupte Reaktion. Es würde mich freuen, wenn ich den Brief ungeschehen
       machen könnte, und ich erneuere die Einladung zum Sommerklub hiermit,
       allerdings unter einer Bedingung: Daß mir vaterländische Diskussionen unter
       der norddeutschen Sonne erspart bleiben."
       
       Und so kam es, daß ich bei ihm doch noch ein- und ausgehen durfte,
       bespöttelt als "zigarrerauchender Vaterlandsfeind". Das offene Haus, das
       Kempowski bewohnt hat, darf man sich, nach einer buchtitelstiftenden
       Formulierung von Dirk Hempel, als "Kempowskis zehnten Roman" vorstellen:
       Für unzählige Kempowskianer ist es Museum, Kloster, Aula, Bahnhofscafé,
       Internat und Audimax in einem gewesen; so eine Art Summerhill für
       freigeistige Literaturliebhaber. In einem der sorgfältig geführten
       Gästebücher findet sich der launig anmutende Eintrag des Literaturkritikers
       Hanjo Kesting: "Et ego in Kempowskia."
       
       Das trifft es. Kempowski hat jedermann an sich herangelassen und den
       Kontakt zu seinen Lesern gesucht, anders als der von ihm verehrte Arno
       Schmidt, der sich in seinem "furchtbaren Heidebunker" (Jörg Schröder)
       verkriechen mußte, um in Ruhe arbeiten zu können. Kempowski hingegen führte
       mitunter ganze Busladungen neugieriger Rentner und Touristen durch sein
       Haus, lauter Volk, das ihm dann auch noch Erstausgaben der Bücher von Arno
       Schmidt klaute und so gut wie nie das Versprechen hielt, zum Dank Abzüge
       der beim Rundgang geschossenen Fotos zu schicken. Profitiert hat Kempowski
       dennoch von seiner in Maßen kultivierten Leutseligkeit. Der isolierte, zu
       dauerhaften Freundschaften unbegabte Tüftler Schmidt, der sich in seinem
       Leben nur einer einzigen öffentlichen Lesung ausgesetzt hatte, verbohrte
       sich zuletzt immer tiefer in den Hieroglyphen seines Spätwerks, weil ihn
       die Leser, wenn sie nicht Jean Paul oder Ludwig Tieck hießen, eben nicht
       interessierten. Kempowski hielt es dagegen mit Hitchcock, der den
       allergrößten Wert auf Suspense gelegt hatte: Wie fesselt man das Publikum?
       
       Und wie sind Erstklässler zu bändigen? Zugute gekommen sind Kempowski beim
       Schreiben auch seine Erfahrungen als Grundschullehrer, der jahrelang jeden
       Morgen einen Haufen ungebärdiger Lümmel und Gören zur Konzentration
       verhelfen mußte. In fast jedem Satz der "Chronik" schimmern Sound und
       Struktur uralter Schultafeltexte durch: "Zuweilen wurde auch die Sicherheit
       des Kellers erörtert. Die Waschküche mit dem Abflußsiel lag höher als der
       Luftschutzkeller. Das sei eine Mausefalle. Bei Wasserrohrbuch, gute Nacht."
       Im Mosaik solcher Details haben viele Deutsche ihre Vergangenheit
       wiedererkannt und Kempowski einen unerhörten Erfolg beschert. Seither gilt
       Kempowski als "Volksschriftsteller", obwohl er sich vor dem Wort geradezu
       geekelt hat: Das habe etwas "Nazistisches", das ihm zuwider sei, hat er
       gesagt.
       
       Mit dem Ex-Bautzen-Häftling Kempowski haben die linksliberalen
       Kulturjournalisten in der Bundesrepublik viele Jahre lang nichts zu tun
       haben wollen. Ein Dämelklaas hat Kempowski 1990 im Stern als Plagiator
       bloßzustellen versucht, und es fehlte auch sonst nicht an übler Nachrede.
       Manche häßlichen Äußerungen, die in der Welt sind, mag Kempowski durch sein
       ungestümes Wesen selbst provoziert haben, aber ich habe mich immer gefreut,
       wenn ich ihn beim Zappen in einer Talk-Show vorfand: Da brachte er oftmals
       mit frechen Bemerkungen alle gegen sich auf und ließ die Sturzbäche der
       Schimpftiraden souverän an sich abperlen.
       
       Wer sich mit der Geschichte des deutschen Bürgertums vom Wilhelminismus bis
       zur Adenauerzeit vertraut machen möchte, der ist gut beraten, wenn er die
       Romane von Kempowski liest. Im "Echolot" gibt es darüber hinaus die
       entsetzlichsten Beschreibungen des Elends im belagerten Leningrad zu lesen:
       Tischlerleim hatten die Russen damals gefressen in ihrer Not. Das alles
       steht verzeichnet in den Büchern von Walter Kempowski, der sich trotz
       alledem so oft dem Vorwurf ausgesetzt gesehen hat, daß er die Vergangenheit
       verniedliche. Noch 1999 hat ein Germanist in einem Buch mit dem Obertitel
       "Abiturwissen Deutsch" die Werke von Walter Kempowski der
       "Unterhaltungsliteratur" zugeordnet, zwischen denen von Hera Lind und
       Johannes Mario Simmel (Claus J. Gigl heißt dieser Heini, der in seinem Buch
       zu allem Überfluß auch noch den Vornamen von Walter Kempowski falsch
       buchstabiert hat.)
       
       Von den Kritikern sind Kempowskis Werke oft gelobt, aber oft auch
       oberflächlich abgekanzelt worden. Bei aller Liebe zu Robert Gernhardt, der
       1984 im Spiegel Kempowskis Roman "Herzlich willkommen" verriß, bleibt
       festzustellen, daß der Roman sich besser gehalten hat als der Verriß, der
       Kempowski nicht aus der Bahn geworfen, aber irritiert hat: Das sei doch,
       soll er gesagt haben, eigentlich ein ganz ordentlicher Mann, dieser Herr
       Gernhardt?
       
       Kempowskis Hunger nach Kompensation und Anerkennung war enorm. Als
       ehemaliger Knastbruder hat er sein Leben lang nach Auszeichnungen, Orden
       und anderen Beweisen der Tatsache gelechzt, daß er aus der Einzelhaft
       zurück in der Mitte der Gesellschaft angelangt sei. Viele Ehrungen, die er
       angestrebt hat, sind ihm, auf seine alten Tage, zuteil geworden, und er hat
       mehrmals erklärt, daß er sich nun am Ziel befinde und seine Erfüllung
       gefunden habe. Aber jeder, der das Glück gehabt hat, ihn etwas näher
       kennenzulernen, weiß, welche Preise er nun doch noch gern mit hinab ins
       Grab genommen hätte (und wer sich nun schämen sollte).
       
       Uns bleiben Kempowskis Bücher, Rücken an Rücken: Im kollektiven Gedächtnis
       haben sie Tieferes hinterlassen als die Reifenspuren im Sandkasten des
       Prinzen Walther von Aquitanien.
       
       Aus dem Leben ist Kempowski, nach eigener Vorhersage, friedlich geschieden.
       Es reiche ihm nun allmählich, hat er mir bei meinem letzten Besuch in
       Nartum gesagt, in einer an Jean Paul erinnernden Gemütsverfassung: "Oh! Wie
       schön ist das Sterben in der vollen leuchtenden Schöpfung und das Leben!' -
       Und ich dankte dem Schöpfer für das Leben auf der Erde und für das künftige
       ohne sie."
       
       5 Oct 2007
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gerhard Henschel
       
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   DIR Kommentar Kempowski: Eine Sprache für sich
       
       Walter Kempowski hat dem deutschen Bürgertum stets aufs Maul geschaut. Das
       machte ihn bei den Linken verdächtig, die in ihm einen Volksschriftsteller
       sahen.