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       # taz.de -- Kurden in Syrien: Kein Platz für Kurden
       
       > Der syrische Kanton Afrin ist für Kurden kein sicheres Zuhause mehr. Sie
       > werden diskriminiert, verfolgt und dürfen die eigene Sprache nicht
       > sprechen.
       
   IMG Bild: Kämpfer der türkisch ausgebildeten Syrischen Nationalarmee (SNA) in Afrin im November 2022
       
       Mit der türkischen Militärinvasion 2018 in Nordsyrien verfolgt Ankara eine
       systematische demografische Veränderung der Region. Besonders die Region
       Afrin, die einst mehrheitlich von syrischen Kurdinnen und Kurden bewohnt
       war, ist davon betroffen. Der Anteil der kurdischen Bevölkerung von Afrin
       sank laut der [1][Gesellschaft für bedrohte Völker] (GfbV) von über 90
       Prozent vor der Invasion auf 15 bis 22 Prozent im Jahr 2023.
       
       Afrin ist inzwischen im Chaos versunken. Mehrere oppositionelle Milizen,
       insbesondere die der „Syrischen Nationalarmee“ (SNA) teilen sich unter
       türkischer Aufsicht die Herrschaft über die Region. Kämpfe untereinander
       und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung sind keine Seltenheit. Das größte
       Verbrechen wird allerdings gegen die kurdische Bevölkerung Afrins verübt,
       die zu verschwinden droht.
       
       Tausende vertriebene kurdische Familien aus Afrin wurden enteignet.
       Schutzgeldzahlungen oder Lösegeld für entführte Menschen sind ein beliebtes
       Mittel bei den Milizen, um sich zu bereichern. Das lukrativste Geschäft
       bietet sich allerdings im Verkauf von den Jahrhunderten alten Olivenbäumen,
       die das Wahrzeichen der Region sind. Ganze Waldflächen sind durch den Raub
       der Bäume verschwunden, was in dieser vom Klimawandel ebenfalls betroffenen
       Region katastrophale Folgen hat.
       
       Auch die kurdische Muttersprache unterliegt Restriktionen. In den Schulen
       ist sie fast gänzlich verschwunden, und auch im Alltag bereitet die
       Verwendung der Sprache immer mehr Probleme. Die Diskriminierung der Kurden
       verstärkte sich mit dem verheerenden Erdbeben vom 6. Februar 2023. Diverse
       Aufnahmen bestätigten, wie die Kurden [2][bei den Rettungs- oder
       Hilfsaktionen diskriminiert] wurden.
       
       ## Massaker in Jinderis
       
       Internationale NGOs machten auf diesen Umstand aufmerksam. Dabei
       präsentierte dies nur einen Bruchteil dessen, was dort wirklich geschieht.
       Zum kurdischen Neujahrsfest Newroz richteten bewaffnete Milizen ein
       Massaker in der Kleinstadt Jinderis an. Vier Kurden aus einer Familie
       mussten sterben, als sie ihr Fest begehen wollten.
       
       Auch gegen syrische Kurden, die nach Afrin zurückzukehren versuchen, geht
       Ankara vor. Unter dem Vorwand der „Kooperation mit der Selbstverwaltung“
       werden die Rückkehrer in Gefängnisse geworfen. Bis 2018 war Afrin Teil der
       Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (AANES). Laut der hohen
       Kommissarin der UN für Menschenrechte Michelle Bachelet werden sie
       teilweise sogar in die Türkei verschleppt, wo sie ohne jegliche
       Verteidigung ins Gefängnis kommen.
       
       Gleichzeitig siedelt Ankara gezielt Familien von radikalen Gruppierungen in
       Afrin an. Ob Mitglieder des Islamischen Staates (IS), der [3][Hay'at Tahrir
       ash-Sham (HTS)] oder anderer islamistischer Gruppierungen, alle sind in
       Afrin präsent. Unter der offiziellen Bezeichnung „Freiwillige Rückkehr“
       schiebt die Türkei Hunderttausende syrische Flüchtlinge nach Syrien ab.
       
       Dabei werden in den besetzten Gebieten Nordsyriens, die die Türkei als
       „Sicherheitszonen“ deklariert hat, gezielt Flüchtlinge angesiedelt, die
       keine Kurden sind, um die dauerhafte demografische Veränderung in der
       Region zu erreichen. In Afrin existieren mehrere, dokumentierte illegale
       Siedlungen, die mit kuwaitischer, katarischer, palästinensischer und auch
       saudischer Hilfe gebaut werden.
       
       Syrische NGOs wie die STJ oder SOHR haben mehrere dieser Siedlungen
       nachgewiesen, die zum Teil in Abmachung mit den oppositionellen Milizen
       gebaut werden. Obwohl der Bau dieser Siedlungen gegen mehrere
       internationale Regularien verstößt, gibt es gegenüber dieser Praxis eine
       internationale ohrenbetäubende Stille.
       
       23 Oct 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.gfbv.de/de/news/tuerkischer-terror-in-afrin-11091/
   DIR [2] https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/syrien-hilfslieferungen-fuer-erdbebenopfer-werden-blockiert-oder-umgeleitet
   DIR [3] /Kurdischer-Kanton-Afrin-in-Nordsyrien/!5888260
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ibrahim Murad
       
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