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       # taz.de -- Journalismus im Ukrainekrieg: 40 Kilometer von der Front entfernt
       
       > Im Saporischschja arbeiten Journalisten unter erschwerten Bedingungen
       > weiter. Auch die eigene Regierung will mehr Einfluss auf die Medien
       > nehmen.
       
   IMG Bild: Im Frontdorf Prymorske wird ein Ast zur Panzerfaust, Saporischschja, März 2024
       
       Saporischschja taz | Direkt im Zentrum der [1][südostukrainischen Stadt
       Saporischschja] auf dem Sobornij-Prospekt befindet sich das Büro des
       „Zentrums der journalistischen Solidarität“. Hier treffen sich einheimische
       Journalisten zu Veranstaltungen, Fortbildungen, Trainings und
       Erste-Hilfe-Kursen. „Gerade hier, 40 km von der Front entfernt, ist es
       wichtig, dass wir Journalisten uns gegenseitig unterstützen“, erklärt
       Valentina Manschura, Verantwortliche Sekretärin der ukrainischen
       Journalistengewerkschaft NSZU und damit neben Natalja Kusmenko eine von
       zwei Koordinatorinnen des Zentrums, der taz.
       
       „Wer sein Haus, seine Angehörigen verloren hat, seinen Mann vermisst, ist
       [2][schwer traumatisiert]. Und diesen Journalisten muss man helfen.
       Psychologisch aber auch fachlich. Das heißt, wir helfen ihnen, ihre Arbeit,
       die sie sehr ausfüllt, nicht zu verlieren.“ 800 Journalisten sind im Gebiet
       Saporischschja Mitglied in der landesweit tätigen Journalistengewerkschaft,
       unter deren Dach das Zentrum der journalistischen Solidarität arbeitet.
       
       Wer im Gebiet Saporischschja als Journalist arbeitet, braucht nicht nur
       Telefon, Kamera und Laptop. Er oder sie braucht auch Schutzwesten, Helme
       und ein Erste-Hilfe-Set. Bekommen können in- und ausländische Journalisten
       das alles im Zentrum der journalistischen Solidarität. Auch die
       Fortbildungsveranstaltungen richten sich an Journalisten, die im Krieg
       arbeiten müssen. So habe man Kurse zu verschiedenen diesbezüglichen Themen:
       wie Informationen sammeln an der Front, wie mit traumatisierten Personen
       sprechen, welche Vorschriften es zu beachten gilt.
       
       ## Schutzwesten, Helme, Erste-Hilfe-Sets
       
       Wer im Gebiet Saporischschja arbeitet, hat andere Bedingungen als es
       [3][Journalisten in Kyjiw] erleben. Denn hier haben alle Journalisten schon
       mehrfach in Helm und Schutzweste gearbeitet. Aber auch, wer mal gerade
       nicht an der Front ist, hat im Zentrum immer einen freien Arbeitsplatz, mit
       Internet, Scanner und Computer. Das Zentrum hat eigens eine
       Internet-Satellitenverbindung und ist somit 24 Stunden täglich online. Hier
       kann man immer einen Gesprächspartner finden, der kompetent Fragen
       beantwortet, mit dem man seine Erfahrungen austauschen, über seine Probleme
       sprechen kann.
       
       70 Prozent des Gebietes Saporischschja sind besetzt. Auch dort leben noch
       Journalisten. Viele haben es aber geschafft zu fliehen. Und für sie ist
       nach ihrer Flucht das Zentrum die erste Anlaufstelle. Hier hilft man ihnen,
       eine Unterkunft und Arbeit zu finden. Niemand soll gezwungen sein, den
       Journalistenberuf aus finanziellen Gründen aufzugeben, meint Manschura.
       Aber auch mit etwa 50 Journalisten, die in den besetzten Gebieten geblieben
       sind, habe man Kontakt. Für diese sei es wichtig zu sehen, dass sie nicht
       vergessen sind.
       
       Gleichzeitig könne man mit ihnen über konspirative Kanäle durchaus
       zusammenarbeiten. Und von ihnen, so Manschura, erhalte man Informationen
       aus erster Hand über das Leben vor Ort. Und das erleichtere das
       Recherchieren. 30 Journalisten, die aus den besetzten Gebieten geflohen
       sind, habe man helfen können. Einige Dutzend Journalistinnen haben das
       Gebiet Saporischschja verlassen, leben nun in verschiedenen Ländern
       Europas. „Und deswegen“, so Manschura, „haben wir in allen europäischen
       Ländern Korrespondenten.“
       
       Und noch in einer weiteren Hinsicht hat der Verlust von siebzig Prozent der
       Gebiete Auswirkungen auf die journalistische Arbeit. In diesen Gebieten
       waren Leser, zahlende Leser. Und so habe man nicht nur diese, sondern auch
       viele Anzeigenkunden verloren. In der Folge konnten nur noch zwei
       Printmedien im Gebiet Saporischschja überleben. „Das ist besonders tragisch
       in Gebieten, in denen es keinen Strom, also auch kein Internet gibt“, so
       Manschura. Und dabei seien gerade dort die Menschen begierig auf Zeitungen,
       auch auf alte Zeitungen.
       
       ## 70 Prozent besetzt
       
       Die Journalisten des Zentrums journalistischer Solidarität verstehen sich
       als zuverlässige Patrioten der Ukraine. Gleichwohl gibt es Situationen, in
       denen sie die Regierung oder auch die lokalen Machthaber vor Ort kritisch
       sehen. So zum Beispiel kritisierten sie, genauso wie die nationale
       Journalistengewerkschaft, das am 31. März 2023 in Kraft getretene
       Mediengesetz, das die Tätigkeit der Medien neu reguliert.
       
       Auf seiner Facebook-Seite warf der Vorsitzende der
       Journalistengewerkschaft, Sergiy Tomilenko, dem Gesetzentwurf „Instrumente
       von Zensur“ und eine [4][Bedrohung der Informationsfreiheit] vor. Es
       begrenzt zwar den Einfluss der Oligarchen auf die Medien. Gleichzeitig
       räumt es Präsident Selenskyj viel Macht über die Medien ein, ist es doch
       sein Umfeld, dass über die Zusammensetzung der Medienaufsichtsbehörde – des
       Nationalen Rates für Fernsehen und Rundfunk, entscheidet. So kann der
       Präsident vier von acht Mitgliedern dieses Rates ernennen. Vier weitere
       bestimmt das Parlament. In diesem verfügt die Präsidentenpartei Diener des
       Volkes über die Mehrheit.
       
       Manschura ist jedoch zuversichtlich: „Wir haben gegen die Unfreiheit unter
       dem früheren Präsidenten Viktor Janukowitsch gekämpft. Und genau deswegen
       sind wir auch nicht damit einverstanden, dass die aktuellen Machthaber die
       Freiheit des Wortes einschränken.“ Gleichwohl habe man gute Kontakte zu
       Abgeordneten, die für die Mediengesetzgebung verantwortlich seien. Und so
       hoffe man, über diese Kontakte eine Verbesserung des aktuellen
       Mediengesetzes erreichen zu können.
       
       ## Bedrohung der Informationsfreiheit
       
       Einfach sei die Solidaritätsarbeit nicht, so Manschura. Und man sei auch
       auf Hilfe und Zusammenarbeit von außen angewiesen. So sei man Kollegen aus
       Norwegen und der Unesco sehr dankbar für ihre Kooperation in den letzten
       Jahren. Auch die Zusammenarbeit mit der journalistischen Fakultät der
       Universität von Saporischschja habe sich als sehr effektiv erwiesen. Viele
       Dozenten von der Universität führen Fortbildungskurse im Zentrum der
       journalistischen Solidarität durch. Und das sei ein gegenseitiges Geben und
       Nehmen. Auch die Dozenten erfahren bei diesen Kursen vieles von der
       praktischen Arbeit der im Krieg arbeitenden Journalisten.
       
       „Wir brauchen den Kontakt und die Zusammenarbeit mit Journalisten anderer
       Länder. Zum einen, weil wir nicht wollen, dass wir und der Krieg in der
       Ukraine so langsam in Vergessenheit geraten. Wir wollen in dieser
       Zusammenarbeit mehr auf unsere Situation aufmerksam machen. Und
       gleichzeitig hoffen wir auf Unterstützung beim Ausbau unserer technischen
       Möglichkeiten. Wir brauchen mehr Technik, mehr Schutzausrüstung wie Helme
       und Schutzwesten, Unterstützung auch bei den laufenden Kosten wie Miete und
       den kommunalen Gebühren. Aber auch Medikamente, Kleidung und andere
       überlebenswichtige Dinge für unsere Kollegen. Vom Staat bekommen wir
       jedenfalls keine wirkliche Unterstützung“, so die Vertreterin der
       Journalisten von Saporischschja.
       
       1 Apr 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Bernhard Clasen
       
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