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       # taz.de -- Expertentrat für künftige Entwicklungen: Der dritte Blick in die Zukunft
       
       > Der vom Forschungsministerium eingesetzte Zukunftsrat soll die Politik in
       > Zukunftsfragen unterstützen. Es geht vor allem um langfristige Trends.
       
   IMG Bild: In Science-Fiction-Filmen ist die Zukunft schon zu sehen. Nachbau von Fritz Langs Roboter von 1927
       
       Berlin taz | Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
       bezeichnet sich gern als das „Zukunftsministerium“ der deutschen
       Bundesregierung. Was bedeutet, in der Forschungsadministration länger als
       nur eine Legislaturperiode vorauszudenken und zu planen. In diesem Monat
       hat das BMBF einen neuen Zukunftsbeirat eingesetzt, in dem externe Experten
       nach den großen Langfristtrends Ausschau halten sollen. Es ist der dritte
       „Foresight“-Zyklus, den das Ministerium gestartet hat, mit einigen
       Neuerungen, darunter die Eindeutschung der Aktion: Anstelle des
       internationalen Fachbegriffs „Foresight“ wird nun von „Vorausschau“
       gesprochen, sogar mit eigener Webseite: [1][www.vorausschau.de]
       
       Der semantische Kniff soll auch die Öffnung zur Gesellschaft signalisieren,
       die dem Vorsitzenden des neuen „Zukunftskreises“, Armin Grunwald, sehr
       wichtig ist. Der Physiker und Philosoph leitet hauptamtlich das Institut
       für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut for
       Technoloy (KIT) sowie das [2][Büro für Technikfolgenabschätzung beim
       Deutschen Bundestag (TAB)]. „Wir dürfen die Zukunft nicht einzelnen
       Disziplinen überlassen“, sagt Grunwald. „Weil die Zukunft eine
       Gestaltungsaufgabe ist, brauchen wir unterschiedliche Perspektiven, damit
       wir nicht einseitig in eine Richtung marschieren, sondern die Gesellschaft
       als Ganzes abbilden.“
       
       Die 17 Mitglieder des Zukunftskreises um Grunwald und der Co-Vorsitzenden
       Cornelia Daheim – Akteure aus Wirtschaft, Forschung, Kultur und
       Zivilgesellschaft – sollen in den nächsten drei Jahren den
       Vorausschauprozess als zentrales Beratungs- und Inspirationsgremium des
       BMBF in Zukunftsfragen unterstützen. Sie sollen zukünftige Entwicklungen
       bis zum Ende der 2030er Jahre nicht nur beschreiben, sondern auch ihre
       möglichen Konsequenzen sichtbar machen.
       
       Zu den Expertinnen und Experten gehören unter anderem die Leiterin des
       Fraunhofer Centers for Responsible Research, Martina Schraudner, Björn
       Theis als Leiter der „Foresight“-Abteilung beim Chemie-Konzern Evonik bis
       hin zum [3][Inhaber der größten Science-Fiction-Bibliothek Europas mit Sitz
       in Wetzlar, Thomas Le Blanc.] Erstmals ist mit ihm auch ein Vertreter der
       „narrativen Zukunft“ in den Kreis der Futuristen aufgenommen worden – wohl
       auch deshalb, weil auf dem Wege der Science Fiction in Buch und Film, in
       Erzählungen von Jules Verne bis zur „Star Wars“-Saga und dem der deutschen
       Raumpatrouille „Orion“, eingängige Zukunftsbilder die meisten Menschen
       erreichen.
       
       Neu ist die Einrichtung eines „Zukunftsbüros“ durch einen externen
       Dienstleister. Nach der Ausschreibung des BMBF vom 12. März 2019 soll das
       Zukunftsbüro den Zukunftskreis der Experten unterstützen und „als
       Impulsgeber sowie Foresight-Akteur fungieren“. Die genauere
       Aufgabenbeschreibung lautet: „Das Zukunftsbüro identifiziert und entwickelt
       in einem Themen-Scanning zukünftig relevante Themen und führt ausgewählte,
       vertiefende Foresight-Aktivitäten durch“. Dabei gehe es um technologische
       und gesellschaftliche Themenfelder.
       
       ## Die großen „Megatrends“
       
       Auf der Webseite vorausschau.de werden zwar keine Angaben über das
       Zukunftsbüro gemacht, dafür aber die großen „Megatrends“ genannt, auf die
       der Blick gerichtet wird: von den anthropogenen Umweltbelastungen,
       demographischer Wandel, Urbanisierung, digitaler Transformation und
       veränderten Arbeitswelten bis hin zu Business-Ökosysteme mit neuen
       Geschäftsfeldern sowie ausdifferenzierte Lebenswelten.
       
       „Das Zukunftsbüro ist in die Netzwerke der strategischen Vorausschau sowie
       den wissenschaftlichen Diskurs eingebunden und hat gemeinsam mit dem vom
       BMBF für die Unterstützung bei strategischen Aufgaben in den Bereichen
       Strategie, Innovationspolitik, Strategische Vorausschau sowie Daten- und
       Analysegrundlagen für Bildung und Forschung beauftragten Projektträger die
       notwendige Infrastruktur sicherzustellen“, wird der Auftrag des neuen
       Akteurs vom Ministerium weiter beschrieben. Der aktuelle Prozess der
       „Strategischen Vorausschau“ des BMBF läuft von 2019 bis 2022 und ist mit
       insgesamt 6,5 Millionen Euro ausgestattet.
       
       Als erstes großes Zukunftsthema werden sich Zukunftskreis und Zukunftsbüro
       mit der Frage befassen: Wie werden sich die Wertvorstellungen der Menschen
       in Deutschland entwickeln? Das Zukunftsbüro, das nach Aussage von
       Bundesforschungsministerin Anja Karliczek „halbjährlich eine Trendliste
       erarbeitet“, ist auch mit der Ausarbeitung einer „Werte-Studie“ befasst.
       Erste Ergebnisse werden für Anfang 2020 erwartet. Die Umfrage zur
       Datenerhebung wurde vom Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag des
       BMBF an zwei Tagen Ende August 2019 im Kontakt mit 2.500 Befragten
       durchgeführt.
       
       „Wir möchten wissen, ob und wie sich der innere Kompass der Menschen
       verändert und was das für unsere zukünftige Gesellschaft und unser
       Zusammenleben bedeutet“, formulierte die Ministerin das Erkenntnisinteresse
       der Studie. „Was wird die heute junge Generation ihren Kindern mitgeben?“
       Ihrem Ministerium sei es „wichtig, einen offenen Diskurs über die
       Herausforderungen, Chancen und Risiken, die sich aus den großen
       Zukunftsfragen ergeben, anzuregen und zu fördern“, so Karliczek. Dazu auch
       sei das in diesem Monat eröffnete Futurium, das Haus der Zukünfte, in
       Berlin eingerichtet worden.
       
       Die Zukunft hat auch eine Vergangenheit, etwa in Gestalt der vorherigen
       Foresight-Programme des BMBF. Der Ingenieur und Zukunftsforscher Axel Zweck
       vom VDI Technologiezentrum in Düsseldorf war maßgeblich am letzten Zyklus
       der strategischen Zukunftsschau beteiligt, der 2015 endete. Was wurde mit
       dem Blick in die ferne Zukunft für die Verbesserung der aktuellen
       Forschungspolitik bewirkt? Zweck sieht Wirkungen in drei Bereichen. So habe
       sich die Vorhersage, dass die Digitalisierung nicht nur einige Branchen
       betreffen, sondern alle wirtschaftlichen und später auch gesellschaftlichen
       Bereiche durchdringen werde, sehr schnell in Realität umgesetzt.
       
       Auch die „autonomen Systeme“ – Anfang des Jahrzehnts wollten die
       Zukunftsforscher noch nicht von „Künstlicher Intelligenz“ sprechen – seien
       dabei, ihre vorhergesagte Relevanz faktisch einzulösen. Dies werde in
       Deutschland von einer verstärkten ethischen Debatte über die
       gesellschaftlichen Folgen begleitet.
       
       Zum dritten sei auch das Petitum seiner Foresight-Gruppe, dass es weniger
       um die Vorbereitung technischer als vielmehr soziotechnischer Innovationen
       gehen müsse, im Ministerium aufgegriffen worden. Zweck: „Wir hatten
       versucht, deutlich zu machen, dass bei der Entwicklung von Technik auch
       immer die sozialen Effekte mitbedacht werden müssen“.
       
       Kritischer sieht dagegen der Berliner Zukunftsexperte Klaus Burmeister,
       Mitautor der Studie „Deutschland D2030“, die innerministerielle Wirkung.
       Die ersten beiden Foresight-Zyklen seit 2007 seien „hinter ihren
       Möglichkeiten und Erwartungen zurückgeblieben“, ist seine Meinung. Bereits
       ihre organisatorische Konstruktion weise Defizite aus, da die
       Foresight-Vorschläge nur „als add-ons und nicht als integrierter
       Bestandteil der strategischen Ausrichtung des BMBF“einbezogen werde,
       urteilte Burmeister gegenüber der taz. „Zukunftsforschung hat auch nach
       zwei Zyklen keinen geachteten oder anerkannte Stellung in der Wahrnehmung
       des BMBF“.
       
       Wirklich ernst genommen werden dagegen die Big Player der Forschung wie die
       Fraunhofer Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft oder die Akademie der
       Wissenschaften acatech.
       
       Foresight brauche „Mut und Unabhängigkeit“, postuliert Burmeister, „Ob das
       in einem Ministerium realisiert werden kann, muss bezweifelt werden“, setzt
       er hinzu. Foresight, die Vorausschau in die Zukunft, müsse Diskurse führen
       und Themen besetzen. Burmeister: „Hierzu braucht es eine
       Wissenschaftskommunikation auf der Höhe der Zeit“.
       
       28 Sep 2019
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://www.vorausschau.de/
   DIR [2] https://www.tab-beim-bundestag.de/de/
   DIR [3] https://www.phantastik.eu/138-vita/218-thomas-le-blanc
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Manfred Ronzheimer
       
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       Zukunft.