# taz.de -- Geas-Reform: Die Menschenrechte werden abgeschafft
> An diesem Freitag tritt das neue Asylsystem der EU in Kraft. Es bedeutet
> die größte Asylrechtsverschärfung seit Jahrzehnten und betrifft am Ende
> alle.
IMG Bild: „Guten Tag, Polizei, einmal Ihre Menschenrechte bitte.“
Die Reform des [1][Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas)] besteht auf
europäischer Ebene aus zehn Rechtsakten und Tausenden Seiten Papier. Die
deutsche Umsetzung ist kleinteilig in verschiedenen Gesetzen geregelt, die
aufeinander und auf das europäische Recht verweisen. Viele Verweise führen
ins Leere. Denn handwerkliche Schwäche trifft hier auf den Versuch,
politisch Gewolltes unbedingt umzusetzen.
Für Betroffene ist es unmöglich, die Regelungen zu überblicken. Auch
juristisch tätige Personen sehen sich einem bürokratischen Monster
gegenüber: europäische Regelungen, [2][die deutsche Umsetzung] und darüber
hinaus Grund- und Menschenrechte auf deutscher, europäischer und
internationaler Ebene. Allein um die Rechtslage zu verstehen, müssen drei
Gesetzgebungsebenen, die sich häufig widersprechen, nebeneinandergehalten
und es muss ständig hin- und hergeblättert werden. Das ist ungewöhnlich und
wird zwangsläufig zu Fehlern führen.
Versprochen wurden die Neuregelungen als Vereinheitlichung des europäischen
Asylrechts. Geliefert wurde ein Flickenteppich, der die Rechtsunsicherheit
erheblich verschärft. Das Geas ist ein Musterbeispiel für die politische
Strategie, Recht so kompliziert wie möglich zu machen, damit es niemand
versteht.
Das steht im Widerspruch zum rechtsstaatlichen Gebot der Vorhersehbarkeit
der Rechtsanwendung. [3][Vorhersehbar ist am Tag der Anwendung wenig].
Zahlreiche Zuständigkeiten, etwa für das neu eingeführte „Screening“ oder
die Altersbestimmung, sind ungeklärt. Auch Projekte wie die
„Sekundärmigrationszentren“ sind unklar. Wo die neue Asylverfahrenshaft
stattfinden soll – die auch für Kinder und Familien möglich sein wird –,
weiß niemand. Die meisten Mitgliedstaaten haben nicht einmal ihr nationales
Recht angepasst. Es ist teilweise vollkommen unklar, was ab Freitag mit
Menschen passiert, die Schutz suchen.
## Viele Verschärfungen sind rechtswidrig
Klar ist, dass das neue Geas zahlreiche Verschärfungen mit sich bringen
wird. Eine Ausweitung von Grenzverfahren, Inhaftierungen und viele andere
Maßnahmen, die die Freiheit beschränken. Und: Schutzsuchenden werden
[4][zahllose Mitwirkungspflichten] auferlegt, die sie in einer fremden
Umgebung und einem unübersichtlichen System nicht kennen können.
Doch das neue Geas verzeiht nichts. Schon bei kleinsten Fehlern droht die
Einstellung des Verfahrens oder die Kürzung von Sozialleistungen. Dabei
wurde eine „Bett, Brot und Seife“-Politik erst jüngst vom Europäischen
Gerichtshof für rechtswidrig erklärt. Innenminister Alexander Dobrindt
(CSU) zeigte sich allerdings auch schon [5][gegenüber anderen
Gerichtsentscheidungen ziemlich gleichgültig].
Auch Persönlichkeitsrechte existieren nicht einmal mehr auf dem Papier.
Verschiedene Register, unregulierte Datensammlungen und KI-basierte
Abgleiche folgen einem Sicherheitsnarrativ, das Schutzsuchende zu Objekten
staatlicher Abschottungspolitiken macht.
Viele der Verschärfungen bleiben hinter menschenrechtlichen
Mindeststandards zurück, sind deshalb rechtswidrig und werden – eher später
als früher – von Gerichten gekippt werden. Denn natürlich, so der Tenor,
können Betroffene ihr [6][Recht weiterhin in rechtsstaatlichen Verfahren
durchsetzen]. Nur werden zum einen die rechtlichen Mittel abgebaut und zum
anderen stellt sich die Frage, wie Betroffene, die in
„Sekundärmigrationszentren“ inhaftiert sind, überhaupt rechtlichen Beistand
erlangen sollen.
Das Recht, Rechte zu haben, bedeutet aber, dass diese eben keine
Versprechen bleiben, sondern auch durchgesetzt werden können. Mit dem neuen
Geas wird dies erheblich erschwert, teilweise sogar unmöglich gemacht.
## Testlauf für Abbau von Rechtsstaatlichkeit
Doch Rechtsschutz sowie [7][Grund- und Menschenrechte schützen die
Demokratie], indem und weil sie Minderheiten schützen. Denn nur da, wo
Menschen, die nicht in der Mehrheit sind, ihre Stimme erheben können und
nicht um ihre Freiheit und Gesundheit fürchten müssen, kann
Meinungsvielfalt und Mitbestimmung entstehen. Damit Herrschende – auch wenn
für den Moment demokratisch legitimiert – Demokratie und Grundrechte
niemals abschaffen können, müssen Grund- und Menschenrechte für alle und
ohne Kompromisse gelten.
Zu prüfen, ob Grund- und Menschenrechte verletzt sind, ist Aufgabe des
Rechtsstaats. Es ist deshalb keine Überraschung, dass die [8][Abschaffung
von Rechtsstaatlichkeit, Grund- und Menschenrechten] und Demokratie nicht
bei einem selbst, sondern bei anderen beginnt. Vor allem bei jenen, die
keine Lobby haben, weil sie Projektionsflächen für Ängste sind und nicht
für sich selbst sprechen können, weil sie eingesperrt oder schon
zurückgewiesen sind.
Dies zeigt sich gerade eindrucksvoll in den USA, wo die
Einwanderungsbehörde [9][ICE Grundrechte von Migrant:innen – und
Unterstützenden – buchstäblich kurz und klein schießt.] Dies zeigt sich
aber auch, wenn Menschen in Europa an der Grenze zurückgewiesen, ohne
Verfahren abgeschoben und eingesperrt werden.
Werden Leistungen für Asylsuchende unter das gekürzt, was die Menschenwürde
gebietet, ist dies auch ein Testlauf für andere, die auf staatliche
Unterstützung angewiesen sind. Werden Daten unreguliert gesammelt und
abgeglichen, kann das auch andere betreffen. In den USA nutzt ICE Palantir
und Echtzeitdaten, um Migrant:innen zu jagen, in der EU kann Ähnliches
bevorstehen.
## Fehlende Solidarität hat Konsequenzen
Die Geas-Reform und der damit einhergehende Abbau von Grund- und
Menschenrechten kommt im aktuellen politischen Klima nicht allein. Auch die
zunehmende Bagatellisierung von Gerichtsentscheidungen als „Einzelfälle“,
die Einschüchterung der Zivilgesellschaft durch rechte Medien oder mit
Anfragen zur „politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“
und die [10][Kürzung bei Demokratieprojekten] reihen sich hier ein.
In dem berühmten Gedicht des Theologen und KZ-Häftlings Martin Niemöller
heißt es über die Gefahr des Schweigens und unterlassener Solidarität
während der NS-Zeit, dass er stets geschwiegen hat, solange andere
betroffen waren, bis er selbst betroffen war – doch dann war niemand mehr
da, um zu protestieren. Daran hat sich nichts geändert. Das neue Geas und
der Abbau von Grund- und Menschenrechten gehen uns alle etwas an.
12 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Gefluechtetenpolitik/!6158153
DIR [2] /GEAS-Asylreform-wird-umgesetzt/!6157920
DIR [3] /EU-Abschiebezentren-in-Drittstaaten/!6179964
DIR [4] /Identitaetsnachweis-fuer-Gefluechtete/!5570688
DIR [5] /Urteil-zu-Zurueckweisungen-an-den-Grenzen/!6092006
DIR [6] /Rechtsberatung-in-Abschiebehaft/!5324101
DIR [7] /Petition-zur-Verwirkung-von-Grundrechten/!5983032
DIR [8] /Essay-ueber-staatlichen-Autoritarismus/!6129942
DIR [9] /US-Einwanderungsbehoerde/!6145828
DIR [10] /Umbau-von-Demokratie-leben/!6172952
## AUTOREN
DIR Robert Nestler
## TAGS
DIR Reden wir darüber
DIR EU-Asylreform
DIR Asylpolitik
DIR EU-Grenzpolitik
DIR Geflüchtete
DIR Menschenrechte
DIR GNS
DIR Schwerpunkt Flucht
DIR Schwerpunkt Flucht
DIR EU-Asylreform
DIR EU-Asylreform
DIR EU-Asylreform
DIR Reden wir darüber
DIR Migration
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Neuen EU-Asylsystem Geas: In Deutschland drohen Schnellverfahren
Mit dem EU-Asylsystem Geas kann Deutschland nun Asylanträge auf andere
europäische Länder abwälzen. Brandenburg testet das schon seit einigen
Monaten.
DIR Flüchtlinge in Polen: Polen verweigert sich
Polens Zurückweisung von Asylsuchenden an der Grenze zu Belarus ist
rechtswidrig. Sie wird auch nicht durch die neue Regelung gedeckt.
DIR Flüchtlinge in der Türkei: Die Mutter aller Drittstaaten
Wenn in Zukunft Geflüchtete aus den Geas-Lagern abgeschoben werden, könnten
sie in ein türkisches „Removal Center“ kommen. Wie Menschen dort
eingesperrt werden.
DIR Dobrindts Asylpolitik: Um jeden Preis
Eigentlich sollten die deutschen Grenzkontrollen mit Inkrafttreten der
Geas-Reform enden. Die Union will aber weiter nach rechten Wählern fischen.
DIR EU-Abschiebezentren in Drittstaaten: Maximale Ungewissheit in schwarzen Löchern des Rechts
Die EU hat sich darauf geeinigt, Abschiebezentren in Drittstaaten zu
errichten – ohne klare Standards. Für die Betroffenen ist das katastrophal.
DIR Migrationspolitik der Bundesregierung: Von Spanien lernen
Ein repressiver Kurs in der Migrationspolitik ist nicht alternativlos. Die
Regierung Sánchez zeigt, dass pragmatische Maßnahmen möglich sind.