# taz.de -- Die Wahrheit: Monster im Privatjetstream
> Das Weltklima radikalisiert sich. Die Wahrheit blickt auf die wichtigsten
> Entwicklungen der Großwetterlage.
IMG Bild: Nicht einmal Rio de Janeiros berühmte Strände sind den gierigen Wellen heilig
Mit Sorge betrachtet die Welt derzeit das Wetterphänomen „El Niño“, das
sich im äquatornahen Pazifik zusammenbraut. Lässt der kleine Quälgeist
seine Passatwinde nicht bald über den erhitzten Ozean fahren, fällt das
fein austarierte Strömungskartell der Weltmeere auseinander. Gedopt mit
reichlich Karbonemissionen hat sich „El Niño“ im Anthropozän zu einem
hyperaktiven Problemkind entwickelt, das sogar überzeugte Meeresbewohner
zurück ans Land treibt. Doch El Niño ist nicht die einzige
Klimaverrücktheit, auf die sich die Menschheit einstellen muss.
## Der Privatjetstream
Jahrtausendelang sorgte der Jetstream in der oberen Troposphäre für gute
Belüftung. Doch nun hat Donald Trump die US-Anteile an dem weltumspannenden
Starkwindfeld an Investoren aus seinem familiären Umfeld verkauft. Jetzt
soll der bislang öffentlich zugängliche Jetstream in den Privatjetstream
„Donald J. Trump“ umgewandelt und dann vergoldet werden. Die Zugbahnen von
Tiefdruckgebieten, die der Jetstream bislang gratis und nach Gutdünken
festgelegt hatte, müssen von Nutzern künftig per Bitcoinzahlung als
Streamingdienst freigeschaltet werden, wobei Geringverdiener und Demokraten
im Regen stehen gelassen werden. Wochentags verkehrt der Privatjetstream
nur zwischen Mar-a-Lago und Washington, am Wochenende können solvente
Jetsetter mit dem Windband nach Moskau düsen. Natürlich soll der
Privatjetstream „Donald J. Trump“ nicht mehr mit Windkraft, sondern mit der
vom US-Overlord geliebten „beautiful coal“ betrieben werden, bis die ganze
Welt in kohlrabenschwarzer Dunkelheit versinkt.
## Der Faxe-Effekt
In den sauerstofflosen Todeszonen der Ostsee verenden üblicherweise bloß
doofe Dorsche, weswegen das langweilige Meer von Medien weiträumig
umschifft wird, wenn gerade kein Buckelwal strandet. Doch nun wurde
bekannt, dass der Alkoholgehalt der Ostsee im Juni auf zehn Prozent
ansteigen könnte. Wird dieser Sättigungsgrad erreicht, darf die Plörre nach
Hanserecht auf Dosen gezogen und in Dänemark als Starkbier verkauft werden.
Auch der Faxe-Effekt ist ein menschengemachtes Umweltphänomen: Beim
skandinavischen Mittsommerfest geht halb Nordeuropa betrunken baden, sodass
massenhaft beschwipste Schweden, behumste Balten und lattenstramme Finnen
in den Wellen treiben und die Ostsee mit Fusel anreichern. Kämpften
nordische Regierungen bislang mit hohen Alkoholpreisen gegen die Vermostung
des Binnenmeeres, soll der Ethanolanteil der Ostsee künftig bloß noch
gedeckelt werden, damit wenigstens die Küstengewässer als bekömmliche
Schlammbowle für Kinder erhalten bleiben.
## Der schwerölige Golfstrom
Deutschlands Wohlstand gründet auf dem ständigen Zufluss von Öl, das der
schwerölige Golfstrom einst verlässlich in fetten schwarzen Klumpen an die
Nordseestrände spülte. Dort wurde das klebrige Zeug von Seevögeln mit dem
Gefieder eingesammelt, anschließend wurden die Tiere entsaftet und
raffiniert. Der schwerölige Golfstrom entspringt als dünnes Rinnsal im
arabischen Nirgendwo und schwillt am saudischen Extraktionsfeld Ghawar zum
teuersten Fließgewässer der Welt an. Als das Barrel Öl noch für eine
Handvoll Glasperlen zu haben war, wurde die schwarze Suppe von
Mineralölkonzernen direkt in den Persischen Golf geleitet, wo sie in
schillernden Ölteppichen gen Norden trieb. Erst als Kostenrechnung und
Umweltschutz in Mode kamen, wurde Rohöl zum Transport auf Tanker verladen.
Da die Straße von Hormus nun für den Schiffsverkehr gesperrt ist, wollen
die Firmen wieder die guten alten Ölteppiche losschicken, die zur
Badesaison die Nordseestrände erreichen sollen.
## Die Monster-Amoc
Die gefährdete „Atlantic Meridional Overturning Circulation“, abgekürzt
Amoc, jene natürliche atlantische Wärmepumpe, die Tropenwasser in den
Norden und dann abgekühlt wieder zurückfließen lässt, ist nicht nur ein
Wortmonster, sondern nach neuesten Erkenntnissen der Klimawissenschaft
tatsächlich ein Monster. Galt die thermohaline Zirkulation bislang als
kompliziertes und viel zu abstraktes Strömungssystem, das dem Laien nur ein
gelangweiltes Gähnen abringt, wurde bei den gegenwärtigen
UN-Klimaverhandlungen in Bonn ein überarbeitetes Konzept vorgelegt, das die
Amoc als Meeresungeheuer mit scharfen Klauen und furchterregenden Zähnen
zeigt. „Das ist Amoc! Schaut, wie wütend sie ist! Sie wird uns alle in den
Arsch beißen“, versuchten Forscher ein Testpanel von Durchschnittsbürgern
zu Maßnahmen für den Klimaschutz zu bewegen. Bei der nächsten
Klimakonferenz COP31 in Antalya sollen zudem Handpuppen eingesetzt werden.
12 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Christian Bartel
## TAGS
DIR Schwerpunkt Klimawandel
DIR El Niño
DIR Meere
DIR Geheimdienst
DIR Satire
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