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       # taz.de -- Kyjiw-Biennale in Berlin: Kunst im Angesicht der Katastrophe
       
       > Die Kyjiw-Biennale macht Station im KW Institute for Contemporary Art
       > Berlin. In welcher Form kann die Kunst nach mehr als vier Jahren Krieg
       > sprechen?
       
   IMG Bild: Eine Kuh, die träumt, im Film „Grey Earth“ von Dana Kavelina, 2025
       
       Im Juni 1941 fiel die deutsche Wehrmacht in der Ukraine ein. Unter dem
       Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ sollte dieser Überfall sich als
       zermürbender Abnutzungskrieg bis zum 8. Mai 1945 ziehen. Putins
       „Spezialoperation“ in der Ukraine hingegen dauere jetzt schon länger als
       der deutsch-sowjetische Krieg, stellt Vasyl Cherepanyn, Mitgründer der
       Kyjiw-Biennale, bei der Eröffnung seiner Ausstellung am 10. Juni im
       Berliner KW – Institute for Contemporary Art fest. Über vier zähe,
       verheerende Jahre ist die gesamte Ukraine nun im Kriegszustand.
       
       Welche Form kann die Kunst da überhaupt noch finden angesichts dieser
       „Katastrophe, die alles andere ausblendet“, wie die aus Donezk kommende
       [1][Kuratorin Alona Karavai] mal sagte? In Venedig zeigt gerade der
       ukrainische Mäzen Viktor Pinchuk in einer Ausstellung, dass die
       Gegenwartskunst dafür ganz nah an die Realität heranrücken kann. Wenn dort
       etwa Zhanna Kadyrova die tatsächlichen, trotz Zerstörung und Tod
       gedeihenden Zimmerpflanzen aus ausgebombten Wohnungen aufstellt. Oder das
       Duo [2][Khimei & Malashchuk] in einem Video einen Roboterhund laut über
       Scherben und Schutt durch ein kriegszerstörtes Schulgebäude laufen lässt.
       
       Nun, auf der Berliner Station der durch Europa wandernden Kyjiw-Biennale
       mit dem Titel „A Bird That Cannot Land“, ist die Kunst auf eine Metaebene
       gerückt. Ist der Ukrainekrieg – oder vielmehr Krieg und Zerstörung im
       Allgemeinen – ein Grundzustand geworden, aus dem sich die Ästhetik schält?
       In den Amiga-Computervideos von Samia Halaby treten abstrakte Formen in
       einen territorialen Wettstreit. In einer mit rotem Veloursstoff
       ausgestatteten Kammer macht Gulnur Mukhazanova das schwer hängende Material
       zum Träger verdrängter Erinnerung.
       
       Hinter dem schmalen Eingang im Erdgeschoss des Kunsthauses KW scheint die
       Zeitrechnung zwischen einem Himmel voller Satelliten, Bomben und
       Datennetzen und der Zerstörung auf dem Boden eine andere, blickt man auf
       die meterhohe Videoprojektion von Lesia Vasylchenko. Sie ist wie eine
       dunkle Halluzination. Glutrot hinter dichten quellenden Wolken geht die
       Sonne auf. Ein romantisches Motiv, wirkte es nicht wie eine nukleare
       Explosion. Darunter verwebt Vasylchenko Filmmaterial von 1918 bis 2025 zu
       einer zusammenhängenden Zeitspanne. Alles koexistiert in einer Nacht:
       Stromausfälle, Beschüsse, Menschenmengen.
       
       ## Die surrealistischen Augen
       
       Von einer Rückwand aus verfolgen die Augen der Grande Dame der rumänischen
       Avantgarde, Geta Brătescu, auf einem surrealistischen Holzhocker das
       Geschehen. Brătescu, die unter Ceaușescus repressiven Regime lebte, zog
       sich in die utopische Welt der Fantasie zurück. Wie auch die Figuren in
       Dana Kavelinas wunderbar skurrilem Stop-Motion-Film „Grey Earth“ kurz der
       Realität entfliehen können. Eine Kuh, Opfer der industriellen Landschaft,
       und ein Soldat, Opfer der ebenso industriellen Kriegsmaschinerie, verlieren
       sich in Erinnerung und Traum.
       
       Man kann hier in dieser konzentrierten Ausstellung eine Idee davon kriegen,
       wie [3][Vasyl Cherepanyn als künstlerischer Leiter] vielleicht auch die
       kommende Berlin Biennale kuratieren wird: politisch, nachdenklich, einen
       düsteren, technoiden Weltzustand anmahnend, aber ohne Wahrheitsanspruch,
       der einer politischen Kunst gerne anhaftet. Hier ist vieles rätselhaft, die
       Gegenwart wird aus einer ungläubigen Perspektive erfasst.
       
       Selbst der in der politischen Kunst ideologisch umkämpfte Nahostkonflikt
       taucht als uneindeutige Erzählung auf. In Assaf Grubers zweiteiliger
       Videoprojektion „Miraculous Accident“ überlagern sich Erinnerungen und
       Weltbilder. Gruber verfolgt in diesem traumhaft zwischen Gegenwart,
       Vergangenheit und Briefwechseln changierenden Filmen die romantische
       Beziehung zwischen Edyta, einer jüdischen Schnitt-Dozentin an der
       Filmhochschule in Łódź, und dem marrokanischen Filmstudenten Nadir. Edyta
       muss infolge des Sechstagekriegs 1968 das kommunistische Polen verlassen
       und zieht nach Haifa, Nadir kehrt ins krisengeplagte Marokko zurück.
       Entwurzelung und der Druck der politischen Geschichte verunmöglichen ihre
       Beziehung.
       
       ## Wo die Vögel nicht landen können
       
       Künstlerinnen aus Osteuropa, Zentralasien und dem Mittelmeerraum sind in
       dieser Ausstellung versammelt. Regionen, die von Krieg, Repressionen und –
       [4][seit dem Zusammenbruch der UdSSR – von gesellschaftlichen Umwälzungen]
       geprägt sind. Dort, wo Vögel nicht so recht landen können, um einmal die
       Metapher des Ausstellungstitels zu bedienen.
       
       Humorvoll ist Aykan Safoğlus unvollendetes Puzzle auf dem Boden. Es zeigt
       den medienbekannten Wal Tichka, der um 1991 im Schwarzen Meer
       herumstreunte, die gerade zerfallenden politischen Grenzen entlang des
       Gewässers freiheitlich überquerte. Ein androgyner Jüngling reitet auf dem
       Wal, läuft auch quer gegen jede Aneignung. Was sagt uns das, gegen Ende
       eines Parcours dieser abstrakten politischen Ausstellung? Dass sich
       zumindest die Bilder und die Fantasie dem politischen Druck entziehen
       können.
       
       11 Jun 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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