# taz.de -- Deutschlands erster Gruppengegner: Der alte Trainer und die jungen Drittligisten
> Unter dem 78-jährigen Trainer Dick Advocaat nimmt der Inselstaat Curaçao
> erstmals an einer WM teil. Alle Spieler sind in den Niederlanden geboren.
IMG Bild: Dick Advocaat mit seiner Mannschaft, die von manchen auch „Holland II“ genannt wird
Der Kontrast ist hart an diesem europäischen Sommerfrischetag, der
irgendwie aus der Zeit gefallen ist und zugleich eine interessante
Vermischung verschiedener Kulturen darstellt. Der 78 Jahre alte [1][Dick
Advocaat], der älteste Chefcoach, der jemals bei einer WM-Endrunde für eine
Mannschaft verantwortlich war, passt gut in dieses altmodische Ambiente der
urlaubenden Rentner im Hotel Huis ter Duin an der Nordsee.
Es gibt sogar eine „Advocaat-Suite“, weil der Trainer hier schon einmal
eine WM-Vorbereitung mit einem Team bestritten hat: 1994 mit den
Niederlanden. Die Spieler wirken jedoch etwas fremd zwischen den mit
Eichenholz getäfelten Wänden und den Rollkoffern, die von ergrauten
Menschen über dunkle Marmorböden gezogen werden.
Das alte und auch etwas spießige Holland ist allgegenwärtig hier, ein Land,
das während der Kolonialzeit die kleine Insel Curaçao vor der Küste
Venezuelas vereinnahmte und erst 2010 zumindest teilweise in die
Unabhängigkeit entließ. Aber genau diese Verschränkung sehr verschiedener
Welten ist nun zum entscheidenden Faktor dieses süßen Fußballsommers für
das kleine Land geworden.
Es sind lauter in den Niederlanden geborene und aufgewachsene Spieler, die
[2][den Inselstaat mit seinen gerade einmal 158.000 Einwohnern zur WM
führten]. Einzig Tahith Chong von Sheffield Wednesday, der auch einmal bei
Werder Bremen unter Vertrag stand, ist auf Curaçao geboren.
## „Auch Amateurvereine können gewinnen“
Und doch inszenieren die Spieler dieses WM-Vorhaben unter wohlwollender
Begleitung ihres Trainers als karibisches Fußballfest. „Es stimmt, dass ich
heute Dinge zulasse, die ich früher nicht akzeptiert hätte“, sagt Advocaat,
der aufgrund seines autoritären Führungsstils einmal den Beinamen „kleiner
General“ erhalten hat.
Nun wippt er lässig mit, wenn getanzt, gesungen und getrommelt wird – im
Bus, im Flugzeug, im Hotel, auf dem Rasen und in der Kabine. „Wir haben
immer Musik um uns herum, sogar während der Spiele und nach Siegen
sowieso“, sagt der Stürmer Jürgen Locadia, der bei Miami FC in der zweiten
US-amerikanischen Liga angestellt ist.
Genau wie die meisten seiner Kollegen spielt Locadia, der auch schon in
Bochum und Hoffenheim unter Vertrag stand, weit unterhalb der glamourösen
Champions-League-Sphären. Die Mehrheit der Nationalspieler kickt irgendwo
bei kleinen Klubs in den Niederlanden.
„Wenn man unsere Spieler direkt mit denen der anderen drei Mannschaften in
unserer Gruppe vergleichen würde, sähen wir aus wie ein Amateurverein“,
sagt Advocaat. „Aber auch Amateurvereine können gegen alle Erwartungen
gewinnen.“
## Die Handschrift des altersmilden Chefcoaches
Curaçao hat sich in der klassischen Rolle des im WM-Umfeld exotisch
wirkenden Außenseiters eingerichtet, ähnlich wie ein Fünftligist, der im
DFB-Pokal auf einen Bundesligaverein trifft. Und Advocaat ist ein
geschickter Moderator zwischen altem Holland, karibischen Vibes,
Außenseitertum und Euphorie über einen ganz großen Moment.
Sogar über uralte Turniergepflogenheiten setzt er sich einfach hinweg: Die
Spieler leben nicht abgeschottet in einem Teamquartier, sie wohnen mit
ihren Freundinnen und Ehefrauen zusammen, sogar Kinder sind dabei.
Das ganze Projekt trägt zweifellos die Handschrift des altersmilde
gewordenen Chefcoaches, der eigentlich schon abgesagt hatte. Im Februar
trat er aufgrund einer Erkrankung seiner Tochter zurück, Fred Rutten
übernahm den Job. Als es der Tochter jedoch irgendwann besser ging und die
Mannschaft unter Rutten zwei Testspiele verloren hatte, entstand der
Wunsch, den Trainerwechsel rückgängig zu machen – in Teilen der Mannschaft,
bei Sponsoren und auch bei Advocaat selbst.
„Es war eine schwierige Zeit, weil so viel passiert ist, so etwas kommt im
Fußball eben vor“, antwortet der Trainer jetzt auf die Frage nach den
genauen Hintergründen. Aber es ist schon klar, dass es einen Verlierer der
Rochade gibt: Rutten, dessen WM-Träume vorerst unerfüllt bleiben.
## Möglichst lange ohne Gegentor bleiben
Diese kleine Verwerfung soll nach der Abreise aus den Niederlanden jedoch
keine Rolle mehr spielen. Ab sofort will der wahrscheinlich größte
Außenseiter der jüngeren WM-Geschichte guten Außenseiterfußball spielen.
„Wir müssen erstmal defensiv stehen“, sagt Locadia, nicht nur in der Partie
gegen Deutschland. Womöglich reicht ja ein einziger Sieg, um als Zweiter
oder Dritter der Gruppe irgendwie ins Sechzehntelfinale zu rutschen. „Je
länger wir in den Spielen ohne Gegentor bleiben, desto größer werden unsere
Chancen“, erklärt Locadia. „Wir sind der Underdog, aber selbstverständlich
ist unser Ziel, die Gruppenphase zu überstehen.“
Und wenn es gegen Deutschland nicht mit einem Punktgewinn klappt, dann
bleiben ja noch Chancen gegen Ecuador und die Elfenbeinküste. Irgendwer
wird sie schon unterschätzen, diese eigenwillige Mannschaft, die auch als
Holland II firmieren könnte: die Jungs unterhalb der Superprofis, die neben
dem ganzen WM-Ernst auch Spaß haben wollen. Die meisten Menschen in den
Niederlanden werden Curaçao jedenfalls viel Glück wünschen, ganz besonders
im Duell mit Deutschland.
11 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Daniel Theweleit
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