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       # taz.de -- taz Talk im „Problemkiez“: Wenn das Dach überm Kopf wackelt
       
       > Was stimmt nicht mit diesem Kiez? Beim taz Talk auf dem Mehringplatz
       > fehlen ausgerechnet diejenigen, die das am besten beantworten könnten.
       
   IMG Bild: Diskutieren im urbanen Raum: der taz-Talk auf dem Mehringplatz
       
       Was, wenn nicht „urban“, ist dieser Platz? Die Nachmittagssonne scheint auf
       die klassizistische Säule mit ihrer Siegesgöttin, Tauben flattern herum, am
       Eingang zur U6 herrscht Kommen und Gehen. Im Hintergrund wird Straßenschach
       gespielt, und die Kreuzberger Jugend chillt mit ihren Vapes am Rande des
       Mittelrondells, auf dem es üppig sprießt – Spontanvegetation, die
       heutzutage aber auch locker als klimafreundlich durchgeht.
       
       Dabei sind die Themen, die auf der kleinen Bühne neben dem U-Bahn-Eingang
       durchdekliniert werden, alles andere als idyllisch. „Quo vadis,
       Mehringplatz?“ heißt der taz Talk im Rahmen des [1][„Kultursommers am
       Mehringplatz“], der hier am Donnerstag stattfindet. Von „Brennpunkt“, von
       Armut, Müll und Gewalt ist in der Ankündigung die Rede. Eine
       PolitikerInnenrunde soll klären, ob es sich hier um einen „failed Kiez“
       handelt, und, wenn ja, was dagegen unternommen werden kann.
       
       Mit auf dem von den Redakteuren Uwe Rada und Rainer Rutz moderierten Podium
       sitzt auch der Stichwortgeber: der Anwohner und Schriftsteller Markus
       Liske. Mit seiner Ko-Autorin Manja Präkels hat er vor zweieinhalb Jahren
       für die taz [2][einen wütenden Text über die Missstände in der
       Großwohnsiedlung aus den 1970ern] geschrieben, die – aus heutiger Sicht
       etwas überraschend – am unteren Ende der Friedrichstraße aufragt.
       
       „Viktoria? Für’n Arsch“ hieß jener Text, der Titel nimmt Bezug auf die
       Statue, die mit gespreizten Flügeln über dem Elend trohnt. Hat sich seitdem
       etwas geändert? In Bezug auf die Gewalt ja, sagt Liske – aber nur, weil die
       Mitglieder der Jugendbande, die jahrelang die AnwohnerInnen terrorisiert
       habe, aus dieser Phase herausgewachsen seien. Die säßen jetzt im Knast oder
       widmeten sich einer professionellen Drogenkarriere, vermutet Liske. „Bis
       das nachwächst, haben wir hier gewissermaßen Pause.“
       
       ## Der Gegner ist nicht erschienen
       
       Und so steht das Gewaltthema auch nicht im Mittelpunkt des Gesprächs, an
       dem sich die Kreuzberger Abgeordneten Katrin Schmidberger (Grüne) und Sevim
       Aydin (SPD), Linken Ko-Chefin Kerstin Wolter und CDU-Bezirksstadtrat Max
       Kindler beteiligen. Die eigentlichen Gegner, auch aus Sicht vieler der rund
       50 ZuhörerInnen, sind andere – und trotz Einladung nicht erschienen: die
       beiden Wohnungsbaugesellschaften Howoge und Gewobag, die für die Missstände
       in den Gebäuden und den Anlagen dazwischen verantwortlich zeichnen.
       
       Von massivem Sanierungsstau und fehlenden Ansprechpartnern ist die Rede,
       von stillstehenden Fahrstühlen, dunklen Ecken und einer Rattenfamilie, die
       einen Müllraum erfolgreich gegen dessen eigentliche NutzerInnen verteidigt.
       „Das Grundproblem bei den kommunalen Gesellschaften ist, dass es keine
       festen Hausmeister gibt und alles an Dienstleister ausgelagert wird“,
       kritisiert Markus Liske. „Die beauftragten dann wiederum andere
       Dienstleister, und am Ende tut niemand etwas.“
       
       Sevim Aydin hat vollstes Verständnis für diese Kritik: Ja, die stark
       gewachsenen Wohnungsbaugesellschaften müssten sich deutlich mehr um den
       Bestand kümmern, sagt sie, und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
       und Wohnen müsse das stärker kontrollieren. Das habe der Senator – ihr
       Genosse Christian Gaebler – schon verstanden. Sie selbst versuche, aus dem
       Abgeordnetenhaus heraus auf die Aufsichtsräte einzuwirken.
       
       ## „Brauchen wieder feste Hausmeister“
       
       Katrin Schmidberger räumt selbstkritisch ein, dass die Bestandspflege schon
       unter Rot-Rot-Grün und Rot-Grün-Rot zu kurz gekommen sei: „[3][Wenn man
       immer nur ‚Bauen, Bauen, Bauen‘ sagt], kommt so was dabei raus.“ Mehr Geld
       für Sanierung müsse her und die parlamentarische Kontrolle ausgebaut
       werden. „Aktuell erscheinen die Gesellschaften einmal im Jahr im Ausschuss
       für Beteiligungsmanagement, das war’s.“
       
       Kerstin Wolter erzählt von einem Wien-Besuch, bei dem sie gerade erlebt
       habe, wie es viel besser gehe – mit festen Büros und Ansprechpartnern für
       die städtischen Wohnanlagen. „Es müssen auch hier wieder Hausmeister
       angestellt werden“, fordert sie. Was ja schon geschehe, wirft Sevim Aydin
       ein, gerade die Gewobag baue aktuell wieder ein eigenes Team zur Versorgung
       der Wohnungsbestände auf.
       
       Max Kindler wiederum wünscht sich eine „bessere Durchmischung“ des Kiezes.
       Ob er damit Projekte wie den geplanten Hochhausbau mit Luxusapartments an
       der Franz-Klühs-Straße um die Ecke meine, will Moderator Rutz wissen.
       Kindler wiegelt ab: Es reiche doch schon, wenn nicht mehr alle Wohnungen
       ausschließlich an Haushalte mit einem Wohnberechtigungsschein (WBS)
       vergeben würden.
       
       Am Ende geht es dann auch noch um den Müll, der an diesem Tag zumindest auf
       den Außenanlagen rund um den Platz weitgehend unsichtbar bleibt. Es müsse
       endlich wieder wohnungsnahe Sperrmüllabholungen geben, fordert
       Linken-Chefin Wolter, schließlich hätten viele Menschen weder Auto noch
       Führerschein, um einen Recyclinghof der BSR anzusteuern. Stadtrat Kindler
       verweist auf den neuen Bußgeldkatalog, nach dem eine achtlos weggeworfene
       Kippe mit 250 Euro geahndet wird. Der müsse noch bekannter werden. „Als ob
       das irgendwer kontrolliert“, murmelt eine Zuhörerin.
       
       Ein kleines bisschen Situationskomik gibt es irgendwann auch noch: Als die
       Sonne hinter den Rundbauten verschwindet und der Wind auffrischt, kommt das
       Zelt um das Podium ins Straucheln. „Fällt uns jetzt das Dach auf den
       Kopf?“, fragt einer der Moderatoren. „Das fragen wir uns hier jeden Tag“,
       ruft jemand in den hinteren Reihen, und es wird gelacht.
       
       12 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Claudius Prößer
       
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       Unsere Autoren leben am Mehringplatz in Berlin. In jüngerer Zeit geht es
       mit dem Kiez bergab. Und das hat am wenigsten mit den Anwohnern selbst zu
       tun.