# taz.de -- Die größte WM aller Zeiten: Liebe die Kleinen wie dich selbst
> Das Schönste an der anstehenden WM ist die große Teilnehmerzahl. Wer sich
> nicht auf Kap Verde, Curaçao oder Jordanien freut, hat ein Herz aus
> Stein.
IMG Bild: So große Gefühle bei den Kleinen des Weltfußballs: Kap Verde feiert seine WM-Teilnahme
Es gibt bekanntlich viele gute Gründe, eine WM mit Fifa-Boss Gianni
Infantino und seinem Kumpel Donald Trump als Gastgeber abzulehnen. Die
willkürliche US-Einreisesperre für einen bislang unbescholtenen
Schiedsrichter aus Somalia hat vielen Fans des fairen Fußballsports schon
vor dem Eröffnungsspiel den Rest gegeben. Doch wer deshalb bereits einen
persönlichen Boykott des gigantomanischen Kommerzwahnsinns beschlossen hat,
sollte bitte ganz kurz die Stichworte „Torreense“, „Stopira“ und „Video“
googeln. [1][Da kommt dann doch Vorfreude auf.] Und wie.
Dicht gedrängt sitzen und stehen Spieler, Trainer und Betreuer des
portugiesischen Zweitligisten SC União Torreense in einer überfüllten
Umkleidekabine. Wie gebannt lauschen sie einer Durchsage, die per
Lautsprecher übertragen wird. Es geht um die wichtigste Aufstellung des
Jahres, nein, aller Zeiten. Ein Name nach dem anderen wird genannt. Die
Spannung steigt. Als der Sprecher „Stopira“ sagt, gibt es kein Halten mehr.
Alle springen auf, jubeln, schreien und umarmen sich.
Denn nun ist klar: Torreenses Linksverteidiger Ianique dos Santos Tavares,
genannt Stopira, ist nominiert – als erster WM-Teilnehmer in der
Vereinsgeschichte. Der 38-Jährige [2][darf in den USA für den afrikanischen
Inselstaat Kap Verde], der sich zum ersten Mal für eine WM qualifiziert
hat, gegen Spanien, Saudi-Arabien und Uruguay antreten. Das macht ganz
Torreense stolz.
Stopiras portugiesische Vereinskollegen erdrücken ihren Mitspieler fast vor
Freude und werfen ihn am Ende mit vereinten Kräften in die Luft. Wer sich
da nicht mitfreut, hat ein Herz aus Stein oder ist Rassist, was aufs Selbe
hinausläuft. Doch der Jubel ist zum Glück ansteckend, der Clip aus der
Kabine von Torreense geht schnell weltweit viral und wird fast so oft
geteilt wie die Freudentränen des Multimillionärs Neymar bei der
Nominierung für Brasilien.
## Böse Motive, gutes Ergebnis
Diese herzergreifend schönen Bilder mit einem gefeierten Spieler aus Kap
Verde hätte es höchstwahrscheinlich nie gegeben, wenn sich all die Kritiker
durchgesetzt hätten, die gegen die „Aufblähung“ der WM protestierten. Die
vehement dagegen waren, dass statt 32 Länder wie 2022 in Katar diesmal
sogar 48 Länder mitspielen dürfen. Damit werde das wichtigste
Fußballturnier entwertet, hieß es. Und natürlich stimmt es, dass
[3][Fifa-Chef Infantino] die WM nicht aus Nächstenliebe für die Schwächeren
vergrößert hat, sondern aus Geldgier und Machtkalkül.
So kann der Weltfußballherrscher noch mehr Einnahmen kreieren und scheinbar
großzügig verteilen, um sich noch mehr Stimmen bei der nächsten Wahl zu
sichern. Infantinos Scheinheiligkeit ist unerträglich und muss weiter
angeprangert werden. Aber auch aus bösen Motiven kann manchmal Gutes
entstehen.
Wenn an dieser in vieler Hinsicht kaputten WM noch irgendetwas schön ist,
dann die Teilnehmerzahl. Wie eurozentristisch, ignorant und egoistisch muss
man sein, um den zusätzlich qualifizierten Ländern ihre Freude nicht zu
gönnen? Das geht nur, wenn man so arrogant ist wie Paul Breitner. „Die
beste Weltmeisterschaft wäre eine Europameisterschaft plus Argentinien und
Brasilien“, erklärte der einstige Mao-Fan und heutige Grüßonkel aller
Leistungsfetischisten, der sich seit 1974 auf seinen WM-Lorbeeren ausruht,
in der Zeit. „Alles andere bräuchte man für eine Weltmeisterschaft nicht.“
Dann hätte es aber leider nie so schöne WM-Highlights wie die zauberhaften
Sprünge des kolumbianischen Wuschelkopf-Torwarts René Higuita oder den
1:0-Sieg für Kamerun mit Roger Milla gegen Weltmeister Argentinien im
Eröffnungsspiel 1990 gegeben.
Für Paul Breitner und seine Gesinnungsgenossen, die sich nur für die immer
gleichen Finalrunden mit den reichsten und stärksten Nationen
interessieren, hier noch ein wichtiger Servicehinweis: Niemand, wirklich
niemand ist dazu verpflichtet, sämtliche 104 Spiele der WM anzuschauen. Und
Breitner darf ruhig weiter nörgeln. Alle anderen können sich auf das erste
Spiel von Kap Verde gegen Europameister Spanien am 15. Juni in Atlanta
freuen.
11 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.tiktok.com/@20min.sport/video/7641575534241090838
DIR [2] /Fussball-Wunder-in-Afrika/!6116928
DIR [3] /Fussball-WM-2026/!6178485
## AUTOREN
DIR Lukas Wallraff
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