# taz.de -- KI remythologisiert Geschichte: Weil die Bilder im Gewand des Dokuments auftreten
> Ein Klischee wiederholt ein vertrautes Muster; die KI verdichtet es. So
> sehr, dass uns irgendwann das Original zu banal vorkommt, um wahr zu
> sein.
IMG Bild: Ist das echt oder von der KI ersponnen?
Was waren das für glorreiche Zeiten, als das Internet versprach, uns
schneller zu den Quellen zu führen. Heute führt es uns zu Inhalten, die wie
Quellen aussehen. Die Vor-Internet-Zeit habe ich nicht erlebt, weiß aber
vom Hörensagen, dass man für die Recherchen zu einem historischen Ereignis
in die Bibliothek ging, in Lexika nach Titeln suchte, sie im Zettelkasten
bestellte und tagelang wartete – um schlimmstenfalls das falsche Buch zu
bekommen. Vielleicht recherchierte man damals, bevor man sich ein Bild
machte, und nicht erst, um das vorhandene zu bestätigen? Aber gut, lassen
wir das Spekulieren.
Ich arbeite gerade an einem Projekt, das ein Moodboard mit [1][Bildmaterial
aus den Achtzigern] verlangt. Ich bin vorgegangen wie immer: Bildarchive,
Blogs, Google-Bildersuche, Pinterest, auf der Suche nach stilechten
Aufnahmen des Jahrzehnts. Weil ich es genau nehme, wollte ich auch die
Originalquellen prüfen. Dabei fiel mir auf, dass vieles zwar nach den
Achtzigern aussah, aber letztlich KI-generiert war. Die Originale gingen
unter den Bildern, die dokumentarisch anmuteten, aber keine Dokumente
waren, regelrecht unter. Nachdem ich mehrfach darauf hereingefallen war,
begann ich, jedes Bild über die Rückwärtssuche in seinen Originalkontext
zurückzuverfolgen. Mit mäßigem Erfolg.
Die KI-Bilder waren keine schlechten Fälschungen. Im Gegenteil! Sie sahen
oft überzeugender nach den Achtzigern aus als echte Fotos. Mehr Neon, mehr
Schulterpolster und Dauerwelle, mehr Wohnzimmerbraun, mehr VHS-Licht. Ein
Klischee wiederholt ein vertrautes Muster; die KI verdichtet es. Sie
beinhaltet bereits all die Retro-Moden der Achtziger und liefert so ein
Konzentrat, das noch typischer ist, als die Achtziger, ja als ihre Revivals
es je waren.
Lange war unser Bild der Vergangenheit von Mythen überlagert, die geduldig
durch Quellenarbeit abgetragen wurden. Jahrhundertelang etwa galten die
Tempel und Statuen der Antike als strahlend weiß. Tatsächlich war der
Marmor bunt bemalt, mit Hautfarben, gemusterten Gewändern und kräftigen
Ornamenten. Die korrigierende Quelle: mikroskopische Pigmentreste auf
demselben Marmor, sichtbar erst unter besonderem Licht. [2][Vinzenz
Brinkmanns Ausstellung „Bunte Götter“] hat diese Farbigkeit 2003 einem
größeren Publikum vor Augen geführt.
## Die Wahrnehmung von Geschichte? Immer schon Retromode
Nun ist die Wahrnehmung der Antike – wie die der Geschichte überhaupt –
immer schon durch Retromoden geprägt gewesen. Der Klassizismus hat die
Antike weißgewaschen, Winckelmann erhob die blasse Oberfläche zum Inbegriff
edler Einfalt und stiller Größe. Jede Epoche legt sich die Vergangenheit
nach ihrem Geschmack zurecht. Die Errungenschaft der Geschichtswissenschaft
lag darin, dieses Bild prüfen zu können, indem man die Quelle danebenhielt,
gerade wo Geschichte politisch instrumentalisiert wurde.
Digitale Infrastrukturen verschieben dieses Verhältnis. Die Quelle steht
nicht mehr neben dem Mythos, um ihn zu korrigieren, vielmehr konkurriert
sie mit Material, das wie Quelle aussieht und auch noch sofort
Plausibilität erzeugt. Das Problem ist nicht, dass [3][einzelne Bilder ein
falsches Bild der Geschichte] wiedergeben, sondern das Problem ist deren
ästhetische Evidenz. Ein KI-generiertes Achtziger-Bild sieht nicht
unbedingt deshalb überzeugend aus, weil es historisch genau wäre, sondern
weil es unsere Erwartungen an die Achtziger so gut bedient.
Dadurch geschieht zweierlei. Der Zugang zu echten Quellen wird unter der
Masse begraben; das Prüfen kostet, was die Recherche einst sparen sollte.
Und weil die Bilder im Gewand des Dokuments auftreten, remythologisieren
sie, was die Quellenarbeit zu entzaubern versucht. Da sie massenhaft
geteilt und wieder in Trainingsdaten eingespeist werden, schließt sich ein
Kreis. Die KI lernt aus unseren Vorstellungen, gibt uns Bilder zurück, die
sie bestätigen, und die prägen, was wir vom nächsten historischen Bild
erwarten. Irgendwann sieht das echte Foto zu unscharf, zu banal, zu wenig
achtzigerisch aus. Die Quelle wirkt dann nur noch wie die misslungene
Version ihrer Simulation.
10 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Fotografien-aus-BRD-und-DDR/!5841705
DIR [2] /Loewen-mit-gruenen-Maehnen/!297331
DIR [3] /Echte-rechte-Bildaesthetiken/!6095310
## AUTOREN
DIR Annekathrin Kohout
## TAGS
DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
DIR Fotografie
DIR Geschichtswissenschaft
DIR Mythos
DIR Kolumne Feed Interrupted
DIR Kulturkolumnen
DIR Social Media
DIR Jeffrey Epstein
DIR Kolumne Feed Interrupted
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Neue Online-Arbeitsteilung: Echtheitsfilter Mensch
Das Playback, früher Eingeständnis fehlender Echtheit, könnte zur wichtigen
Kulturtechnik werden. Die KI produziert Content, und wir liefern die
Glaubwürdigkeit.
DIR Veröffentlichung der Epstein-Files: Wir werden zu Wölfen gemacht
Daten als Rohmaterial für die Reaktionsmaschinerie der sozialen Medien: Die
Epstein Files lösen die Grenze zwischen Aufklärung und Ragebait auf.
DIR Folk-Fiction durch KI: Kevin allein im Prompt
Künstliche Intelligenz erfindet Geschichten, die täuschend echt wirken.
Jüngstes Beispiel ist ein Video vom Filmset von „Kevin allein in New York“.