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       # taz.de -- Internationaler Comicsalon in Erlangen: Von bunten und von grauen Hunden
       
       > Graphic Novels vom Metzger deines Vertrauens: In Erlangen präsentierte
       > sich die Comickunst in all ihren Facetten – von Walter Moers bis Ligne
       > Claire.
       
   IMG Bild: Panel aus Katharina Kulenkampffs Buch „Wie ich ein grauer Hund wurde“, zu sehen in der Ausstellung des Verlags Rotopol
       
       Ein gelbes Pferd scheint vor dem Betrachter davonzuspringen. Erst beim
       näheren Hinsehen erkennt man, dass sich dessen gewaltiges Hinterteil aus
       zwei fotografierten Bananen zusammensetzt. Die hat der Zeichner mithilfe
       von gelber Tusche zum ganzen Pferd erweitert.
       
       Wenn Christoph Niemann den Pinsel schwingt, sollte man also auf der Hut
       sein. In „Sunday Sketches“ wie diesen greift er auf Alltagsgegenstände
       zurück und brüskiert Sehgewohnheiten. Niemann ist ein weltweit gefragter
       Illustrator. Obwohl im strengen Sinne kein Comiczeichner, ist die ihm
       gewidmete Ausstellung eines der Highlights des diesjährigen Internationalen
       Comic-Salons in Erlangen.
       
       Die mittelfränkische Stadt mit ihren 116.000 Einwohnern richtet alle zwei
       Jahre das größte Comicfestival Deutschlands aus – diesmal trotz
       angespannter Haushaltslage, wie die Bürgermeisterin Eva Linhart während der
       Preisverleihung im Markgrafentheater bemerkte.
       
       Richtige Entscheidung! Vier Tage lang ist Erlangen dieses Jahr zum 22. Mal
       zum Comicmekka geworden. Über 35.000 Besucher*innen wurden gezählt –
       ein neuer Rekord! Rund um das Stadtschloss und den Schlossgarten waren
       mehrere Messehallen in Zelten aufgebaut worden, in denen Verlage ihre
       Stände aufbauen und Besucher*innen deren reichhaltiges Angebot
       studieren konnten.
       
       ## Panels, Talks, Diskussionen
       
       Auf einer Bühne gaben Mangaka ihre Techniken preis und animierten Kinder
       zum Mitzeichnen. In der Orangerie und in Hörsälen der benachbarten
       Universität wurde auf zahlreichen Panels, Talks und Diskussionsrunden über
       Comics philosophiert – etwa zu „#iceoutcomics“, einer Initiative dreier
       Zeichner in Minneapolis, die mit dem Stift gegen Trumps brutale
       Abschiebepolitik kämpfen.
       
       Überschattet wurde der Salon von zwei Todesfällen: Paul Derouet, Förderer
       junger Zeichentalente und Initiator des Internationalen Comic-Seminars
       Erlangen, verstarb am 22. Mai mit 79 Jahren. Am Tag der Eröffnung dann die
       Nachricht vom [1][Tod der iranisch-französischen Zeichnerin Marjane
       Satrapi]. Ihr früherer Atelierkollege Lewis Trondheim sagte im
       taz-Gespräch, dass sie die Künstlergruppe „L´ Association“ mitgeprägt und
       den gleichnamigen Verlag mit dem weltweiten Erfolg ihres Buches
       „Persepolis“ einst vor dem Bankrott gerettet hatte.
       
       Beeindruckend die thematische Bandbreite in Erlangen, wie sich nationale
       und internationale Tendenzen der Comickunst verfolgen ließen. Während eine
       betagte Legende des modernen Comics wie der Argentinier José Muñoz („Alack
       Sinner“) in einer Talkrunde eindringlich von seiner Flucht nach Europa in
       den 70ern berichtete, stellte die junge Zeichnerin Katharina Kulenkampff
       ihr erstes Comicbuch „Wie ich ein grauer Hund wurde“ (Rotopol Verlag) in
       einer liebevoll gestalteten kleinen Ausstellung vor.
       
       Auf skurril-komische Weise fabuliert die Leipzigerin von inneren Zweifeln
       und einer in zwei Dackel-Menschen aufgeteilten Persönlichkeit. Der zweite
       Hund fungiert dabei mit seinen bissigen Kommentaren als innerer Teufel. Die
       Dialoge sind spitz wie Messerstiche, die Zeichnungen schräg und originell.
       
       ## Anarcho-Ikone mit dem Kleinen Arschloch
       
       Ein allseits Bekannter ist der Comic- und Romanautor Walter Moers, der mit
       einer umfangreichen Schau im Stadtmuseum geehrt wird. Zunächst hatte der
       1957 geborene Künstler mit satirischen Comics und dem schrulligen „Käpt'n
       Blaubär“ im Fernsehen Erfolg. Mit seinen rotzig-obszönen „Kleines
       Arschloch“-Comics (ab 1986) wurde er zur Anarcho-Ikone. Handwerklich
       gekonnt sind seine Verballhornungen bekannter Kunstwerke, die auf
       irrwitzige Weise mit Moers bekannter Figur konfrontiert werden. Henri
       Matisses Gemälde „La danse II“ wird zum Ringelpiez kleiner Arschlöcher und
       umbetitelt in „Nach dem Absinthgenuss“.
       
       Etwas platt wirken hingegen [2][manche seiner „Adolf, die Nazi-Sau“- Comics
       (1998) und Filme heute – für Moers] waren sie Satiren gegen heutigen
       Starkult. Das „Zamonien“-Universum zeigt eine ganz andere Seite des
       vielseitigen Künstlers: Bisher 12 Fantasy-Romane drehen sich um Moers´Alter
       Ego, den Lindwurm Hildegund von Mythenmetz. Ein unendliches Netz
       literarischer Verweise hat Moers hier eingeflochten, das mit den
       dazugehörigen, vor Details überquellenden Illustrationen von seiner
       zügellosen Fantasie zeugt.
       
       Besonders gelungen sind auch die beiden Ausstellungen im Kunstmuseum. Die
       eine, „Der Stift ist mein sechster Finger“, ist dem umfangreichen Werk der
       1967 geborenen Comiczeichnerin und Illustratorin Isabel Kreitz gewidmet.
       Seit den Neunzigern wählt sie in ihren zahlreichen Graphic Novels und
       Erich-Kästner-Adaptionen gerne das Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts
       („Haarmann“, „Die letzte Einstellung“) und die Nachkriegszeit als
       Hintergrund. Kreitz lässt sich auch von den unvergesslichen Illustrationen
       des Kästner-Zeichners Walter Trier inspirieren, von den virtuosen Comics
       des Amerikaners Will Eisner wie auch von den expressiven Szenenbildern
       deutscher Stummfilme.
       
       Schöne Idee: Der Dachboden ihres Großvaters wird nachgestellt, auf dem sie
       als Kind alte Comics und Cartoons des [3][Addams-Family-Schöpfers] Chas
       Addams finden konnte. Ihre eigene aufwändige Zeichentechnik wird anhand von
       Skizzen, Vorzeichnungen und fertigen Seiten veranschaulicht. Seltene
       Arbeiten sind zu bewundern, und ihre erste Arbeit als Herausgeberin wird
       vorgestellt: Mit „Die Unheimlichen“ kuratierte sie von 2018 bis 2021 für
       den Carlsen Verlag eine originelle Buchreihe, für die ausgesuchte
       Kolleginnen und Kollegen klassische und moderne Genrestücke (Poe, Shelley,
       Jelinek) adaptieren und interpretieren durften.
       
       ## Weibliches Begehren
       
       Gleich nebenan befindet sich die Ausstellung „Silent Comics“, die ganz den
       Möglichkeiten der Kunstform Comic gewidmet ist. Hier sind sieben Beispiele
       zu sehen, die komplett auf Text verzichten und ihre Geschichten ganz über
       Bilder erzählen. In der in feinen Tuschelinien gezeichneten Geschichte
       „Comtesse“ (2010) zitiert die Französin Aude Picault die [4][erotischen
       Fantasien in Rokoko]novellen und erzählt zugleich explizit von weiblichem
       Begehren. Ihr Landsmann François Avril wiederum verzaubert mit ähnlicher
       Leichtigkeit (Szenario von Philippe Petit-Roulet) in „Soirs de Paris“ das
       fröhliche Treffen zweier Paare an einem trubeligen Pariser Abend, der
       ernüchternd endet.
       
       Der zeitlose Ligne-Claire-Stil Avrils harmoniert perfekt mit der poppigen
       Farbgebung. Avantgardistisch ist Hendrik Dorgathens Herangehensweise, der
       in „Space Dog“ (1993) die tragikomische Odyssee eines Straßenköters ins All
       erzählt und dabei bis an die Grenzen der Abstraktion geht.
       
       Gesellschaftlicher Höhepunkt des Salons war die
       Max-und-Moritz-Preisverleihung. Der prestigeträchtige Sonderpreis für ein
       Lebenswerk ging dieses Jahr an die Grande Dame des britischen Comics, Posy
       Simmonds (*1945). Die Cartoonistin wurde mit Strips für „The Guardian“
       bekannt und später mit literarisch grundierten Graphic Novels wie „Gemma
       Bovery“ (Reprodukt Verlag) auch international erfolgreich.
       
       Als bester deutschsprachiger Künstler wurde der Österreicher Franz Suess
       für seine eigenwilligen Graphic Novels („Jakob Neyder“, avant-verlag)
       prämiert, bester Comic wurde Mikael Ross´ „Der verkehrte Himmel“ (avant),
       bester internationaler Comic „In den trüben Gewässern Istambuls“ von Özge
       Samancı (Helvetiq), das beste Debüt stammt vom jungen Schweizer Metzger
       Martin Oesch, der sein Handwerk in der Graphic Novel „Fleischeslust“
       (Edition Moderne) zum Thema macht. Eine in eine Metzgerei verwandelte
       Galerie stellte sein Buch über einen gealterten Metzger in der Sinnkrise
       vor. Doppeltalent Oesch produzierte, dazu passend, einige Meter Wurst.
       
       Nach dem Besuch des 22. Comic-Salon hat nun niemand mehr Zweifel, dass der
       Comic mit all seinen Spielarten fortlebt und weiterhin begeisterte
       Leserinnen und Leser finden wird.
       
       9 Jun 2026
       
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