# taz.de -- Weitere Proteste auf Venedig Biennale: Es wird geächzt
> Nachdem die Jury der diesjährigen Venedig Biennale zurückgetreten war,
> wurde kurzerhand ein Publikumspreis erfunden. Doch der wird nun ebenfalls
> boykottiert.
IMG Bild: Am Ende schadet der Protest der Kunst?
Die internationale [1][Kunstbiennale von Venedig] war schon lange vor ihrer
Eröffnung vor einem Monat übertönt worden von der Politik. Und noch immer
klingt das politische Rauschen um sie nicht ab. Derart, dass sich
mittlerweile eine gewisse Politik-Fatigue einstellt. Denn die Kunst selbst
nimmt man gar nicht mehr wahr.
Jetzt ist es wieder laut geworden in den Medien, seit am letzten Donnerstag
die Onlineplattform [2][e-flux einen offenen Brief der
Biennale-Künstler:innen] veröffentlicht hat. Er zählt mittlerweile gut 100
Unterschriften. Darin fordern die Künstler:innen, von der Bewertung für
einen Publikumspreis ausgenommen zu werden und drohen mit rechtlichen
Konsequenzen, wenn dies nicht geschieht.
Der Publikumspreis war ad hoc von der Biennale-Stiftung eingeführt worden,
nachdem die diesjährige Jury für den Goldenen Löwen, der einzelne
Kunstwerke und Länderpavillons als besonders herausragend prämiert,
[3][zurückgetreten war]. Die Jury hatte die Länderbeiträge Israels und
Russlands aus der Bewertung ausschließen wollen, da gegen die Regierungen
beider Staaten gerade ein Verfahren beim Internationalen Gerichtshof läuft.
Dass die Jury damit als politischer Akteur auftrat, lief der
Biennale-Stiftung zuwider. Die hatte nur unter dem Vorwand politisch
neutral zu sein überhaupt erst die Teilnahme Russlands – und, wenn man es
konsequent weiterdenkt, vieler anderer der 88 teilnehmenden Staaten –
legitimieren können. Die Unterzeichnenden des Briefes aber sehen die
Integrität und Entscheidungsfreiheit der Jury verletzt. Und wollen aus
„Solidarität“ nicht am Publikumspreis teilnehmen.
## Schade um den Goldenen Löwen
Dass es keinen Goldenen Löwen einer Jury gibt, die ein ästhetisches Urteil
fällt, ist ein wahrlicher Verlust für die Kunst. Das lenkt die
Aufmerksamkeit noch viel mehr auf die politische und zudem sehr selektive
Empörung. Schon zur Eröffnung waren viele Pavillons geschlossen, hatten
Künstler:innen ihre Arbeiten mit Protestplakaten und Palästinaflaggen
überhängt. Die italienischen Kulturarbeiter:innen – die häufig
unsichtbaren Kunstdienstleister:innen an Ticketschaltern und Aufsicht
– hatten sich mit der „Art Not Genocide Alliance“ zusammengetan, die einen
Boykott des israelischen Pavillons forderte. „Nein zum Genozid, zur
Remilitarisierung, zu Kulturkürzungen und zur Prekarisierung“ stand auf
einem der Protestplakate. Als ob die Probleme der Welt auf so einfache
Formeln zu reduzieren wären.
Dabei kann die Kunst auch differenziert zu einem sprechen, wenn sie denn
richtig angeschaut wird. Dann ließe sich auch die Politik hinter ihr
demaskieren: Wie stark der russische „We don't give a shit“-Pavillon die
Perfidie Putins weiterträgt und ganz gegensätzlich der Künstler Belu-Simion
Fainaru im israelischen Pavillon mit schwerer Symbolik auch einem
gespaltenen Verhältnis zu seinem Land Ausdruck verleiht. Und wie der aus
Gaza kommende Mohammed Joha in der Hauptausstellung derart viele kolorierte
Stoffbahnen zu abstrakten Gemälden aufeinanderschichtet, dass sie unter der
Schwere des Materials nur so ächzen.
Man könnte sich fragen, warum Taiwan mit Rücksicht auf das mächtige China
nur als Nebenbeitrag auftaucht, dafür aber mit der grotesken KI-Marionette
des Künstlers Li Yi-Fan sich ästhetisch ganz ungewöhnlich mit Identität und
Kultur in Zeiten des digitalen Klons auseinandersetzt. Und es könnte einem
auffallen, dass die angekündigte Installation der Künstlerin Äsel
Kadyrkhanova über den Stalin-Terror der 1930er Jahre in dem Pavillon
Kasachstans gar nicht mehr auftaucht.
Wenn man richtig und unvoreingenommen guckt, könnte sich einlösen, dass die
„Kunst stärker ist als der Streit“, wie auch Elke Buhr jetzt für die neue
Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol schrieb. Auch Buhr scheint da schon
vollkommen entnervt zu sein von dem politischen Getöse rund um die
Biennale.
7 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Kontroverse-Kunstbiennale-in-Venedig/!6173819
DIR [2] https://www.e-flux.com/notes/6783504/artists-call-out-venice-biennale-for-disregarding-their-repeated-requests-to-be-withdrawn-from-visitors-lions-awards
DIR [3] /Jury-der-Venedig-Biennale-tritt-zurueck/!6175440
## AUTOREN
DIR Sophie Jung
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