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       # taz.de -- Schulmusikevent in Niedersachsen: Richter- und Ärztinnenkinder spielen Klavier unter sich
       
       > Unser Autor war bei einem Schulmusikkonzert in Oldenburg für
       > Schüler*innen aus „ganz Niedersachsen“. Ganz Niedersachsen – oder nur
       > die vom Gymnasium?
       
   IMG Bild: Alle Kinder machen Musik, nur nicht Ben, dessen Eltern können’s nicht stemm’n
       
       Jetzt nicht die Stimmung vermiesen, es ist ja wirklich ein schöner Abend.
       Schüler*innen machen Musik im Großen Haus des Oldenburgischen
       Staatstheaters. Das ist eine prächtige Kulisse, Neobarock, für Abbas
       Dancing Queen, den ersten Satz aus Schuberts Unvollendeter und die Kinder,
       die auf Eimern trommeln – wirklich goldig.
       
       Es ist das Eröffnungskonzert der 21. Niedersächsischen Landesbegegnung
       Schulen musizieren. Alle zwei Jahre kommen Schulmusikensembles aus ganz
       Niedersachsen in einer Stadt zusammen, drei Tage Konzerte in Aulen, auf
       Pausenhöfen, in Theatern. Gute Sache, denkt man, zwar spielen Noten eine
       Rolle, aber benotet wird hier nichts, wie ja sonst im Schulsystem alles
       bewertet wird, was die Kinder und Jugendlichen machen.
       
       Hier aber: singen, zupfen, blasen, streichen, manchmal ist das ganz schön
       schief, aber es ist alles handgemacht, es ist auf eine Weise echt und mit
       viel Leidenschaft, die jede Menge Applaus verdient.
       
       Etwas jedoch schwebt durch den Raum, dumpf und ein wenig düster wie das
       Gebrumm der Tuba in einem der Blasorchester. Denn es ist hier an diesem
       Abend gar nicht „ganz Niedersachsen“ vertreten, sondern es sind nur ganz
       bestimmte Schulformen und andere nicht.
       
       ## Letztlich sind die Gymnasien unter sich
       
       Unter den teilnehmenden Schulen sind 16 Gymnasien, zwei Gesamtschulen, eine
       Grundschule, deren Chor gemeinsam mit dem Grundschulzweig einer
       Privatschule auftritt.
       
       Das sind die goldigen Kinder mit den Eimern, als die Lehrerin jedoch sagt,
       25 der Kinder spielten sehr gut Klavier, aber es wäre schwierig gewesen, 25
       Klaviere auf die Bühne zu stellen, da müssen alle lachen und hören die
       Botschaft dahinter nicht: alles Kinder, die auch ein richtiges Instrument
       lernen – was man sich leisten können muss. Die zwei Gesamtschulen, die
       teilnehmen, wirken wie Feigenblätter, letztlich sind hier Gymnasien unter
       sich.
       
       Es gibt Festreden – zu viele – und alle sagen das Gleiche: Wie toll es ist,
       gemeinsam Musik zu machen, weil es den Zusammenhalt stärkt und hilft,
       aufeinander zu achten, Verantwortung zu übernehmen und so weiter.
       
       Verräterisch einer der Redner, der betonen möchte, wie man auch fürs
       Berufsleben vom Musikmachen im Ensemble profitiere: Ein OLG-Richter spreche
       vielleicht besser Recht, wenn er durch Musik gelernt habe, auf andere zu
       achten, und eine Ärztin – vielleicht hat er sogar „Chefärztin“ gesagt –
       operiere besser, wenn sie ihre Fingerfertigkeit am Klavier geschult habe.
       
       ## Eine Dokumentation des Scheiterns unseres Schulsystems
       
       Alle klatschen. OLG-Richter. Ärztin. Und nicht: Krankenpfleger,
       Fahrradmechanikerin. Also Berufe, für die man nicht unbedingt auf dem
       Gymnasium gewesen sein muss, sondern auf Schulen, die hier bei der
       Landesbegegnung aber gar keinen Auftritt haben. Keine Förderschule ist
       dabei, keine Oberschule, keine Berufsschule. Niemand hier scheint Ensembles
       anderer Schulformen zu vermissen.
       
       Beim Verband Deutscher Schulmusiker Niedersachsen, der genauso heißt, sagen
       sie, es hätte sich jede Schule bewerben können, man habe niemanden
       ausgeschlossen. Sie sagen aber auch, dass nur noch Gymnasien „einigermaßen
       vollständig ihre Schulmusikerstellen besetzen können“. Der Verband und das
       Kultusministerium entwickelten gemeinsam Ideen, um diesen Mangel an
       Fachkräften zu beheben.
       
       Es ist also, wie man es vermutet hat: Der Abend ist eine einzige
       Dokumentation des Scheiterns unseres zergliederten Schulsystems: Die, die –
       auch vom Elternhaus aus – eh schon die besten Startbedingungen haben,
       kriegen den Zucker noch obendrauf. In Form von Musikunterricht und
       Ensembles, die ihnen mehr vermitteln als etwas rein Fachliches. Und
       insofern ist diese Landesbegegnung auch ein Appell an alle Beteiligten,
       gerade dort für Möglichkeiten durch Musik zu sorgen, wo es strukturell und
       kulturell bislang nicht gelingt.
       
       10 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Felix Zimmermann
       
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