# taz.de -- Die Wahrheit: Kirschen im Krähengarten
> Wenn Singvögel lieblich singen, handelt es sich meist um Nachtigallen.
> Aber auch Krähen können musikalisch klingen. Oder etwa nicht?
IMG Bild: Ich aß noch mehr Kirschen. Es dauerte nicht lange und mir wurde schlecht
Abends hört man von unserem Gästeklo die Krähen. Ihr Gekrächze dringt durch
das kleine Kippfenster, das zum Innenhof rausgeht, und verstärkt sich
zwischen den gekachelten Wänden. Es verdoppelt, vervierfacht sich, bis es
so laut und deutlich ist, als säße man mitten unter den Krähen in ihrer
Kolonie auf einem Baum.
Schön wäre es, mal wieder auf einem Baum zu sitzen. Die harte Rinde als
Sitz, ein Astloch als Ablagemöglichkeit für alle möglichen Dinge. Das
letzte Mal, dass ich in einem Baum saß, war auf einer Mittelmeerinsel in
einem Kirschbaum, der reife Früchte trug. Sie hingen überall um mich herum
von den Ästen, die sich unter ihrem Gewicht bückten.
Ich aß und aß und spuckte die Kirschkerne in ein Astloch. Ein paar
Kirschen, die vor mir hängen, esse ich noch, dachte ich. Dann drehte ich
mich einen Zentimeter zur Seite, und wieder war mein Blickfeld voll mit
Kirschen. Die esse ich auch noch, dachte ich. Und immer so weiter.
Irgendwann stellte ich fest, dass mich die Leute nicht bemerkten, obwohl
der Kirschbaum in einem kleinen Dorf am Straßenrand stand. Sie gingen unter
dem Baum entlang und sahen mich nicht. Ich konnte sie unbemerkt beobachten.
## Kreisrund
Einer, der vorbeikam, hatte kreisrunden Haarausfall, und in seiner vom
Haarkranz umrahmten Glatze spiegelte sich der Himmel. Eine Frau trug einen
so großen Sonnenhut aus Stroh, dass ich nur ihre Füße unter der Krempe
hervorragen sah, wenn sie große Schritte machte. Sie trug Sandalen aus
Schlangenlederimitat.
Ich aß noch mehr Kirschen. Es dauerte nicht lange, und mir wurde schlecht.
Ich rief: „Mir ist schwummrig vor lauter Kirschen! Kann mir jemand
herunterhelfen?“ Die Passanten hörten meine Stimme, aber sie entdeckten
mich nicht. Manche blickten sich irritiert um. „Hier oben!“, schrie ich.
Niemand schaute hoch.
In dem Moment, als die Frau mit dem großen Strohhut ein zweites Mal unter
meinem Baum entlangging, verlor ich den Halt und fiel, von Kirschen schwer,
auf die Krempe. Die Frau merkte es nicht, so groß und federnd war ihr Hut.
Ich machte es mir im Stroh bequem. Unten klimperten ihre Ohrringe. Es
duftete nach ihrem Haarspray. Ich döste ein.
Als ich vom Läuten einer Türglocke wieder aufwachte, lag ich noch immer auf
der Krempe. Die Frau, auf deren Hut ich reiste, hatte ein Modeatelier
betreten. „Ich hätte gern noch mal so einen Hut!“, sagte sie auf Englisch
zu der Verkäuferin. Da blickte die Verkäuferin nach oben und entdeckte mich
auf der Krempe. „Oh“, sagte sie.
Ich legte meine Hand auf die Lippen und bedeutete ihr, zu schweigen. „Oh,
solche Hüte haben wir leider nicht!“, sagte sie. Kurz darauf verließ die
Frau den Laden und nahm auf einer Parkbank Platz. Ich nutzte die
Gelegenheit, um abzusteigen. Ich ging einmal um die Bank herum, trat an die
Frau heran und schenkte ihr zum Dank eine Kirsche.
11 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Paul Amsel
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