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       # taz.de -- Semsrott über Zivilgesellschaft: „Wir müssen in die produktiven Konflikte gehen“
       
       > Wie wieder in die Offensive kommen angesichts der autoritären Wende? Arne
       > Semsrott hat in seinem Buch „Gegenmacht“ Lifehacks für das schöne Leben
       > aufgeschrieben.
       
   IMG Bild: Will den Status quo durchlöchern und damit in die Offensive kommen: Journalist Arne Semsrott
       
       taz: Herr Semsrott, angesichts der Umfragewerte der AfD macht sich
       Fatalismus breit. Einige planen gar ihre Flucht. Wie umgehen mit diesen
       Ohnmachtsgefühlen? 
       
       Semsrott: Es fängt damit an, sich zu vergegenwärtigen, dass die Erzählung
       von der Ohnmacht und der gleichzeitigen Stärke der extremen Rechten zuerst
       von denen selbst kommt – es ist eine Kampagne, die der AfD in die Hände
       spielt. Deswegen sind [1][Recherchen wie die kürzlich von der taz] so
       wichtig, die zeigen, dass die AfD trotz ihrer hohen Umfragewerte
       reihenweise Kommunalwahlen verliert. Natürlich ist es kein Grund zur
       Freude, wenn die AfD nur 40 und nicht 60 Prozent bekommt. Aber es rückt die
       Perspektive gerade: Überall gibt es Widerstand und Initiativen für die
       offene Gesellschaft, die sich engagieren, oft gehen diese nur medial unter.
       
       taz: In Sachsen-Anhalt reichen unter Umständen 43 Prozent + X für eine
       absolute Mehrheit. Haben da nicht auch Fluchtreflexe ihre Berechtigung –
       vor allem, wenn man direkt von der AfD bedroht wird? 
       
       Semsrott: Auch ich habe dieses Partyspiel schon gespielt, wohin man im
       Ernstfall auswandern würde und ich fühle mich zeitweise ohnmächtig und
       verzweifelt. Das wegzudrücken, wäre falsch. Aber was ist denn mit denen,
       die aus rechtlichen, finanziellen und praktischen Gründen nicht einfach so
       wegkönnen? Menschen im Stich zu lassen, ist keine Option. Außerdem ist
       nichts entschieden – es gibt keinen Automatismus in eine Richtung. Die
       Geschichte zeigt, dass die extreme Rechte gewinnt, wenn andere nachgeben.
       
       taz: Was also tun? 
       
       Semsrott: Umso wichtiger ist das Engagement – und das Schöne dabei ist: In
       dem Moment, wo man gemeinsam etwas tut, wird die Ohnmacht durch Hoffnung
       ersetzt.
       
       taz: Ist der Titel Ihres Buchs [2][„Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft
       schlägt zurück“] eine Antwort auf die Ohnmacht? 
       
       Semsrott: Es war auch ein bisschen Selbsttherapie, weil sich natürlich die
       Frage stellt, wie man wieder in die Offensive kommt. Ganz viel Engagement
       fließt derzeit in die Verteidigung des Status quo, in einen Abwehrkampf
       gegen die AfD. Es ist wichtig, ein Bewusstsein für die autoritäre Bedrohung
       zu schaffen und natürlich ist Antifaschismus essenziell, aber wir kommen in
       eine Abwärtsspirale, wenn die AfD der einzige Referenzpunkt der
       gesellschaftlichen Auseinandersetzungen bleibt. Der Schlüssel dagegen sind
       eigene Themen, um wieder in die Offensive zu kommen. Nicht nur gegen die,
       sondern für etwas.
       
       taz: Auf der Suche nach diesen Themen haben Sie mit über 60 Menschen aus
       zahlreichen Graswurzelinitiativen gesprochen. Wofür setzen diese sich ein? 
       
       Semsrott: Eigentlich die naheliegenden Themen: Das sind die
       Krankenhausbewegung und die Streiks im Pflegebereich, die alle für ein
       besseres Leben kämpfen. Es sind direktdemokratische Verfahren wie Deutsche
       Wohnen Enteignen in Berlin oder der Zukunftsentscheid in Hamburg. Es gibt
       Initiativen, die Wirtschaft demokratisieren wollen, einfach kleine
       Nachbarschaftsinitiativen und natürlich Sorgearbeit, die nicht sichtbar,
       aber ebenso politisch ist. Diese Themen gehören in den Mittelpunkt, dann
       merkt man auch, wie facettenreich und mächtig die Zivilgesellschaft in
       Deutschland ist.
       
       taz: Warum gelingt es nicht, diese gesellschaftlichen Reservoire
       einzubinden und abzubilden? 
       
       Semrott: Die Demokratieproteste von 2024 haben gezeigt, dass große
       politische Parteien in Deutschland nicht in der Lage oder willens sind,
       Impulse aus der Zivilgesellschaft aufzunehmen. Wir hatten die größten
       Proteste in der Geschichte der BRD auf der Straße und dann gibt es keine
       einzige Regierungsinitiative, die darauf aufbaut. Das ist ein krasses
       Missverhältnis und weist darauf hin, dass es den großen Parteien – teils
       mit Ausnahme der Linken – nicht gelingt, Innovation aus sich selbst heraus
       oder gesellschaftlichen Impulsen zu entwickeln. In Mecklenburg-Vorpommern
       hat die langjährige Regierungspartei SPD deutlich weniger Mitglieder als
       der Landesanglerverband, die breite gesellschaftliche Rückbindung fehlt.
       
       taz: Welche Schlüsse sollte man daraus ziehen? 
       
       Semsrott: Nicht darauf warten, dass Politik etwas umsetzt, sondern selbst
       das gute Leben Schritt für Schritt angehen. Initiativen wie Sanktionsfrei
       fordern nicht nur ein menschenwürdiges Sozialsystem, sondern helfen selbst
       konkret mit Spenden Leuten, die Probleme mit Jobcentern haben. Auch mit dem
       Freiheitsfonds haben wir Leute auf Spendenbasis aus dem Gefängnis befreit,
       die Ersatzfreiheitsstrafen fürs Fahren ohne Ticket absitzen mussten. Man
       muss sich einen Hebel suchen, um positive Veränderung voranzutreiben.
       
       taz: Was ist die zentrale Lehre, die Sie aus Gesprächen mit Engagierten
       mitgenommen haben? 
       
       Semsrott: Es lohnt sich besonders in produktive Konflikte zu gehen. Für die
       Gewerkschaften etwa sind das kämpferische Streiks: Sie können viel
       gewinnen, wenn sie sich nicht von Anfang an den Verhandlungstisch setzen,
       sondern den Streit suchen, an dem sich konkret die Konfliktlinien von unten
       nach oben zeigen. Verdi hat in den letzten Jahren erfolgreiche
       Arbeitskämpfe organisiert, bei denen zunächst nur einzelne gewerkschaftlich
       Organisierte in den Streik getreten sind. Über die Konflikte danach haben
       sie viele andere für die Gewerkschaft mobilisiert.
       
       taz: Wie unterschied sich das in ritualisierten Arbeitskämpfen? 
       
       Semsrott: Am Anfang stand nicht die Frage, wo sind gerade Mehrheiten und
       viele Mitglieder und was können wir mit denen machen, sondern wo ist ein
       produktiver Konflikt, in den wir reingehen können? Die Botschaft war nicht,
       wir sitzen alle im selben Boot, sondern: Es gibt ein paar Bonzen, denen das
       Boot gehört. Das ist für viele gesellschaftliche Konflikte eine sinnvolle
       Ausgangslage.
       
       taz: Was bedeutet für Sie Zivilgesellschaft? 
       
       Semsrott: Zivilgesellschaft ist der Raum, wo abseits der Parteipolitik
       politische Auseinandersetzung stattfindet. Wenn wir uns das letzte
       Jahrzehnt anschauen, ist in Deutschland die Zivilgesellschaft so aktiv wie
       nie gewesen: Wir hatten mit dem Sommer der Migration 2015 eine riesige
       Bürgerrechtsbewegung, wir hatten Unteilbar, Fridays for Future,
       antirassistische Proteste und 2024 die größten Proteste überhaupt, auch die
       vielen CSDs zähle ich dazu. Aber natürlich sind auch Teile der
       Zivilgesellschaft von rechts mobilisiert und ebenso gibt es Versuche von
       Rechtsextremen, in den vorpolitischen Raum vorzudringen. Das alles sind
       Kämpfe um Öffentlichkeit und physische Räume. Und hier gibt es auch
       Angriffe von extrem Rechten und radikalisierten Konservativen.
       
       taz: Auch eine Buchlesung von Ihnen in der Stadtbibliothek Magdeburg wurde
       wegen des Drucks aus der AfD gecancelt. War das einer dieser Kämpfe? 
       
       Semsrott: Ja, aber zugleich war es ein wunderbares Beispiel für einen
       produktiven Konflikt. Solange es Aufmerksamkeit gibt, sind Räume nicht
       verloren. Lokale und überregionale Akteure haben die Ausladung der Stadt
       deutlich kritisiert. In Folge gab es ein Treffen mit der
       Oberbürgermeisterin und das Ergebnis ist: Ich darf nun doch einen Tag
       später in der Stadtbibliothek lesen. Das ist ein Lehrstück: Ich habe in
       Gesprächen von vielen Seiten gehört, dass ich das Thema besser nicht so
       hochkochen soll, weil das der AfD die Möglichkeit zur Kampagne gibt. Ich
       verstehe, wo das herkommt, aber diese defensive Haltung ist schon ein
       Gewinn für die AfD. Dass ich nun doch in der Stadtbibliothek lesen darf,
       beweist allerdings, dass die Gegenmacht funktioniert, wenn man sich
       gemeinsam einsetzt. Und die AfD hatte in dieser Auseinandersetzung gar
       nichts zu melden: Das war demokratischer Streit unter den Parteien in
       Magdeburg.
       
       taz: Was kann die Politik von der Zivilgesellschaft lernen? 
       
       Semsrott: Den großen Parteien im Bundestag fehlt das positive Leitbild, das
       verspricht, dass es meinen Kindern mal besser gehen könnte als mir. Dabei
       gibt es laut Umfragen Mehrheiten für eine demokratische Wende in vielen
       Bereichen: Eine gerechtere Steuerpolitik hat hohe Zustimmungsraten. Ebenso
       befürworten die meisten Bürgerrechte wie die Legalisierung von
       Schwangerschaftsabbrüchen, eine soziale Klimapolitik oder auch ein
       Tempolimit. Aber diese Haltungen spiegeln sich nicht in der großen Politik
       wider.
       
       taz: Wie kann Zivilgesellschaft da in die Offensive kommen? 
       
       Semsrott: Wir brauchen einzelne Maßnahmen, die den Status quo durchlöchern.
       Die zeigen: Veränderung ist möglich. Die Forderung nach dem besseren Leben
       darf nicht nur eine Wahlkampffloskel sein, sondern muss möglich erscheinen.
       
       taz: Wie hilft da angesichts der Klimakrise das Tempolimit? 
       
       Semsrott: Natürlich ist das Tempolimit nicht die eine große Lösung für den
       Klimaschutz. Aber als Zeichen wäre es wahnsinnig wichtig. Ein Tempolimit
       würde zeigen, dass man sich in Deutschland gegen die Autolobby und fossile
       Interessen durchsetzen kann. Und genau das in verschiedenen Bereichen
       hinzubekommen, ist die Kraft der Zivilgesellschaft. Und hier sind wir
       wieder bei direkter Demokratie. Wenn es tatsächlich gelingt, eine
       Vergesellschaftung von großen Immobilienkonzernen durchzusetzen, dann ist
       natürlich der nächste Schritt sich zu fragen: Wow, wenn das geht, was ist
       dann noch alles möglich?
       
       taz: 59,1 Prozent der Berliner*innen haben für Enteignungen gestimmt,
       warten aber noch auf die Umsetzung. 
       
       Semsrott: Ja, eine Million Menschen haben für Vergesellschaftungen gestimmt
       – für die SPD und die Union gerade einmal 700.000. Eine Minderheit
       blockiert hier den demokratischen Willen. Das ist wirklich ein Skandal und
       ich bin mir sicher, dass beide Parteien bei der Abgeordnetenhauswahl im
       September dafür einen Denkzettel bekommen.
       
       9 Jun 2026
       
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