# taz.de -- „Niemand da“ von Ingvar Ambjørnsen: Unter der kranken Sonne
> Ingvar Ambjørnsen begegnete Freaks, Hausbesetzern, Süchtigen mit
> Empathie. Nun gibt es suggestive Erzählungen aus dem Nachlass.
IMG Bild: Verlassene Hütten und Häuser, noch dazu umgeben von unwirtlicher Natur, sind ein Leitmotiv in diesen Erzählungen
Ein gefeierter Schriftsteller war [1][Ingvar Ambjørnsen in seinem
Heimatland Norwegen schon in den Achtzigern, hierzulande kannte man eher
„Elling“], den schrulligen Antihelden seiner erfolgreichen Romanreihe, als
den Autor selbst. Ambjørnsen beginnt in den späten Siebzigern zu schreiben.
Realistische, lakonische, aber alles andere als kunstlose Kurzgeschichten
und Romane über Hausbesetzer, Freaks, Kleinkriminelle, Dealer und
Süchtlinge, denen er mit großer Ernsthaftigkeit und Empathie begegnet,
nicht nur weil er selbst diesem Milieu entstammt.
Seit Mitte der Achtziger lebt er in Hamburg mit seiner Frau und
Übersetzerin Gabriele Haefs. Jetzt erscheinen seine Bücher auch auf Deutsch
und werden vor allem in linksalternativen Kreisen rezipiert.
Als Szeneautor ist er dem bürgerlichen Literaturbetrieb und damit auch dem
großen Lesepublikum eher verdächtig, zumal er nicht die kurrenten
literarischen Moden bedient. Mit den formalen Spielereien der Postmoderne
kann er ebenso wenig anfangen wie mit dem literarischen Ennui der Kinder
aus gutem Haus, der eine Weile als Popliteratur missverstanden wird.
## Außenseiter und Unangepasste
Er bleibt bei den Außenseitern und Unangepassten, die in der von
marktwirtschaftlichen Prinzipien zugerichteten Gesellschaft keinen Platz
haben, und somit weiterhin eine Art Geheimtipp. Sogar noch dann, als seine
„Elling“-Romane um die Jahrtausendwende zu Bestsellern und sogar verfilmt
werden.
Im Sommer 2025 stirbt Ambjørnsen an COPD. Wie die meisten seiner
Protagonisten war er zeit seines Lebens ein starker Raucher. Sein letzter
Storyband, den er immerhin noch zum Druck befördert hat, erscheint nun in
einer mit Erzählungen aus dem Nachlass erweiterten deutschen Übersetzung.
In „Niemand da“ begegnen wir noch einmal, vorerst zum letzten Mal, dieser
suggestiven Erzählstimme, die Anteilnahme und Verständnis aufbringt für die
Marginalisierten, Misanthropen und Randständigen, sie aber eben auch nicht
romantisiert, und die ihnen vor allem sprachlich jederzeit gewachsen ist.
So zeigen diese Geschichten stilistisch durchaus eine gewisse Bandbreite.
In der Stimmungs- und Milieuskizze „Ganz unten (Hoheluft)“ etwa beschreibt
er die Einsamkeit und Tristesse einer verranzten Einzelsäuferdestille, und
plötzlich changiert seine Prosa ins Surreale und macht aus diesem
hyperrealistischen Kneipenszenario eine trübe Unterwasserwelt.
## Gefangene Zeit
„Wenn der Mann hinter dem Tresen gähnt und sich mit den Fingern durch den
Grünbewuchs auf seinem Kopf fährt, können alle, die das wollen, den Aal
sehen, der sich dort niedergelassen hat, wo einmal die Zunge dieses Mannes
saß … Von meiner Armbanduhr steigen winzig kleine Blasen an die Oberfläche,
sie lagern sich in Trauben in der Bakterienhaut unter der kranken Sonne ab.
Wie gefangene Zeit.“
Mehrere dieser Storys lesen sich beinahe wie Träume, in denen kalkulierte
Leerstellen und Ungereimtheiten die Handlung allmählich in ein bedrohliches
Zwielicht tauchen. Dort lauern dann die Katastrophen.
In der Geschichte „Colour Magic“ illuminiert Ambjørnsen polyperspektivisch
und mit erzählerischen Schnitten ein sich offenbar anbahnendes Fährunglück.
In „Die Nachtwache“ bricht der Ich-Erzähler in ein verlassenes Hotel ein
und erinnert sich in Rückblenden an ein traumatisches Kindheitserlebnis,
als sein Vater ihn und seine kleine Schwester hier einfach zurückgelassen
hat, um sie am folgenden Tag doch wieder einzusammeln.
Die schwebende, fast schon schlafwandlerische Erzählweise dieses typischen
Einzelgängers wirkt, als sei er selbst nicht mehr so sicher, ob er seinen
Erinnerungen trauen könne.
## Verlassene Szenen sind das Leitmotiv
Verlassene Hütten und Häuser, noch dazu umgeben von unwirtlicher Natur,
sind ein Leitmotiv in diesen Erzählungen. Ambjørnsens stets männliche
Protagonisten verschaffen sich hier widerrechtlich Zutritt, nehmen sie in
Beschlag oder inspizieren sie auch nur.
In der Auftakterzählung „Verwüstung“ entdecken zwei Jugendliche ein offen
stehendes, aber bewohntes Strandhaus und steigern sich, befeuert vom
Alkohol, in einen Rausch der Zerstörung. Einer der beiden entdeckt
schließlich die Besitzer, sie liegen tot im Watt. Futter für die Möwen. Die
Scham verfolgt die beiden Freunde nun ein Leben lang.
Die vielen usurpierten Domizile in diesen Geschichten sind mehr als nur
Chiffren für die seelische Unbehaustheit seiner Charaktere. Sie sind
zugleich Großmetaphern für die Arbeit des Schriftstellers. Auch der richtet
sich im Leben der anderen häuslich ein, bedient sich ihrer Geschichte, um
sie mit der eigenen zu überschreiben – und schließlich weiterzuziehen.
Etwas Scham ist womöglich auch im Spiel.
11 Jun 2026
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DIR Frank Schäfer
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