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       # taz.de -- Spielfilm „Meine Frau weint“: Bilder, die sich befreien
       
       > Zauber und Loslassen: In Angela Schanelecs Spielfilm „Meine Frau weint“
       > bleibt noch die Muttersprache etwas Fremdes, aber die Dunkelheit flirrt.
       
   IMG Bild: Wohin führt der Weg? Carla (Agathe Bonitzer) in „Meine Frau weint“
       
       Einmal gibt es den Blick von ganz oben, auf eine Baustelle, Brachland, kein
       Panorama [1][der Stadt, in der alles spielt]. Die Stadt ist Berlin. Wer
       hier blickt, wenn man diese Perspektive einer Person zurechnen will, was
       man nicht muss, denn man kann den Moment auch als Innehalten des Films
       nehmen, als Atemholen, die Erzählung selbst braucht diesen Augenblick
       jedenfalls nicht: Thomas, der Kranführer ist.
       
       Ganz klein unten im Bild, mit Fahrrad, ist Clara zu sehen, seine Frau.
       Etwas ist ihr passiert, damit beginnt der Film, Thomas versucht sie zu
       erreichen, sie geht nicht ran. Er spricht mit zwei Frauen im Büro über
       scheinbar belanglose Dinge. Dann ein Schnitt, er findet sie auf einer Bank.
       Seine Frau weint.
       
       Fünf Minuten ohne Schnitt dauert die Szene, in der Clara ihrem Mann
       erzählt, was passiert ist. Die beiden schieben ihre Fahrräder, es ist Tag
       und wird Nacht, an einer viel befahrenen Straße entlang. Sie erinnert ihn
       an einen Tanzkurs, den sie gemeinsam begannen, den sie dann allein
       fortgesetzt hat, weil er bei den Fortgeschrittenen nicht mehr mitmachen
       wollte. Da hat sie mit einem anderen Mann getanzt, mit ihm war sie nun tags
       zuvor im Auto unterwegs, es gab einen Unfall, sie blieb unverletzt. Der
       andere Mann ist nun tot.
       
       ## Wundersame Befremdung
       
       Die Französin Agathe Bonitzer spielt Clara. Ihren Mann Thomas spielt der
       Serbe Vladimir Vulević. Beide sprechen Deutsch mit starkem Akzent. Was sich
       in den langen Dialogen zwischen den beiden ereignet, ist eine wundersame
       und wunderbare Befremdung. Das Deutsche wird, in den langen Dialogen,
       obwohl grammatikalisch perfekt, zu einer unvertrauten, einer anderen
       Sprache: zu einer Sprache, in der sich die Rhythmen verschieben, in der die
       Laute weicher werden, als man sie kennt. Zu einer Sprache, die nicht nur
       mit den Individuen im Gespräch ist, die sich die fremden Laute und Rhythmen
       aneignen müssen. Sondern auch zu einer Sprache, in der die andere, die
       Muttersprache, das Französische, das Serbische zugleich anwesend ist.
       
       Schon immer spielt die Sprache bei [2][Angela Schanelec] eine besondere
       Rolle. Schanelec kommt vom Theater, war Schauspielerin, hat aber auch für
       Inszenierungen ihres Manns, des Theaterregisseurs [3][Jürgen Gosch],
       Shakespeare übersetzt. Die Dialoge in ihren Filmen sind immer spürbar
       geschriebener Text, poetisch, aber nicht als hochgestochener Unfug, sondern
       auf eine Weise einfach, die mehr als genau ist, und in ihrer Einfachheit
       und Genauheit verblüfft.
       
       In „Meine Frau weint“ gibt es eine Figur, Lászlo, Ben Carter, er ist
       Dichter, berühmt, ja nobelpreisverdächtig. Auch er sitzt, wie Clara und
       Thomas zu Beginn, auf einer Bank, auch er spricht ein von Fremdheit
       durchdrungenes, wie verzaubertes Deutsch. Und später noch eine Figur, von
       Thorbörn Björnsson gespielt, der aus Island kommt und schon öfter in
       Schanelec-Filmen auftrat: ein atemberaubender Monolog über das Verlieren
       der Lieben. Bei ihm ist die Fremdheit kaum mehr als ein Hauch.
       
       ## Fremd im Vertrauten
       
       Man kann verallgemeinern: Bei Schanelec sprechen die Darsteller*innen, in
       diesem Film auch die großartige [4][Birte Schnöink], stets so, als wäre
       ihnen im Vertrautesten des Sprechens immer auch etwas fremd. Die Sprache,
       auch der Körper, das Leben. So deutlich ausgesprochen wie in „Meine Frau
       weint“ wurde es selten, dass es genau darum geht: die Nähe, die die Sprache
       schafft, in der man zu Hause ist und auch nicht, die Nähe und Ferne zum
       eigenen Fühlen und Denken, zum Körper, beim Tanz, beim Handballspiel und
       beim Sex. Und weil man nicht allein ist auf der Welt auch die Nähe und
       Ferne zu den anderen, den Nächsten eher noch mehr als den Fernsten.
       
       Als sie mit dem anderen Mann im Auto saß, erzählt Clara Thomas, füllte die
       Sprache den Raum zwischen ihnen. Sie erzählt davon, denkt man, als einem
       besonderen zwischenmenschlichen Glück, einer Erfüllung. Am Ende dieser
       Szene, fünf Minuten Fahrradschieben und Sprechen, bleibt Thomas stehen,
       sagt nur drei Worte: „Mein Kopf platzt“, setzt sich an einen Baum am
       Fahrradweg, und dann sagt er erst einmal nichts mehr.
       
       Später, es liegt noch eine umwerfende Szene mit einem Orchester dazwischen,
       das sich im Regen aufzulösen beginnt, oder eine andere Szene, eine fast wie
       ein klassisches Gemälde anmutende Komposition mit Clara auf dem Sofa und
       den anderen um sie herum, später kommt in diesem Film der größte Moment.
       
       ## Schöne Tableaus
       
       Erst einmal ist das Bild leer, Blick auf eine Terrasse, Glas liegt
       dazwischen, die Kamera bewegt sich nicht, wie die Kamera (von [5][Marius
       Panduru]) sich in diesem Film ohnehin nur mit den ihrerseits bewegten
       Figuren bewegt. Sonst bleibt sie still, rahmt in ihrer Einfachheit und
       Genauigkeit schöne Tableaus, in denen nicht nur das Licht, sondern auch die
       Dunkelheit flirrt.
       
       Hier, in dieser Szene, beim Blick auf die zunächst leere Terrasse, beginnen
       nur die Figuren zu flirren. Erst tritt eine hinaus, Birte Schnöink, und
       beginnt zu tanzen, auf ganz unbeschreibliche Weise, sicher nicht virtuos.
       Dazu läuft, das einzige Mal in diesem Film, eine Soundtrack-Musik, „Lover
       Lover Lover“ von [6][Leonard Cohen]. Andere Personen erscheinen, tanzen
       auch, andere Bewegungen, mal in Bezug aufeinander, mal ganz für sich, die
       Moves der anderen aufgreifend oder auch nicht.
       
       Ein Spuk, ein Zauber, auf den ein Loslassen folgt. Bilder und Szenen, die
       sich von allem Zwang zum Zusammenhang nun befreien. Es wird Handball
       gespielt, ein Geburtstagslied gesungen, rabiat Geflügel verspeist,
       Schanelec entlässt ihren Film auf einen traumhaften Weg. In einen Abspann
       übrigens, der ein Kunstwerk für sich ist.
       
       10 Jun 2026
       
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