# taz.de -- Landkonflikte in Brasilien: Die Rückeroberung
> Das Volk der Pataxó kämpft um die Rückgabe ihrer Gebiete. Auf Regierung
> und Justiz können sie sich nicht verlassen – also besetzen sie Farmland.
IMG Bild: Caticoco, einer der Anführer der Patoxó, mit seiner Tochter auf der Farm Barra do Cahy
In dem massiven Holzstuhl auf der weiten Veranda wirkt Caticoco fast
verloren. Der schmale Chief des Volkes der Pataxó blickt zum Horizont, wo
der Atlantik auf Land trifft. Bis 1500 war diese Weite indigenes Land:
Fischgründe, Wälder, Lebensraum. Caticocos Vorfahren haben hier Muscheln
gesammelt, Fische gefangen und den Göttern gedankt.
Vor 526 Jahren hat der portugiesische Seefahrer Pedro Alvares Cabral genau
an dieser Stelle zum ersten Mal brasilianischen Strand betreten, und
seitdem sind hier Besitzverhältnisse Grund für Konflikte. Im vergangenen
Februar haben die Pataxó den historischen Ort zurückgefordert. Dutzende
schwer bewaffnete Polizisten haben daraufhin Caticoco und seine Familie
angegriffen. „Als seien wir Verbrecher“, sagt seine Schwester Kandara, die
neben ihm auf einem ähnlichen Möbelstück Platz genommen hat. Doch trotz der
Polizeigewalt sitzen die beiden rund drei Monate später Mitte Mai vor der
Fensterfront eines luxuriösen Hauses, das Investoren aus Rio de Janeiro
hier in romantischer Alleinlage auf einer ausgedehnten Rasenfläche mit
Meerblick gebaut haben, in der Nähe des Küstenorts Cumuruxatiba.
Die brasilianische Verfassung von 1988 verpflichtet den Staat, alle
indigenen Gebiete des Landes zu demarkieren. Man hatte damals eine Frist
von fünf Jahren gesetzt. Fast 40 Jahre später ist der Prozess erst bei der
Hälfte der mehr als 800 Gebiete abgeschlossen. Wegen der Verzögerung der
Demarkierungsprozesse fordern die Pataxó ihr Land immer öfter in
sogenannten Retomadas („Rückeroberungen“) selbst zurück – wie auch im Fall
der Farm Barra do Cahy, auf dessen Veranda Caticoco und seine Schwester
sitzen.
Der Platz hoch über dem Meer ist Teil der 667 Hektar großen Farm, die auf
den Namen von Maria Isbela Lemos de Moraes registriert ist. Lemos de Moraes
gehört zu einer Familie der Superreichen in Brasilien: Ihr Großvater hat
sein Geld mit Vieh- und Gashandel gemacht, ihr Vater steht als Milliardär
auf der Liste von Forbes.
## Die Vermessungen sind seit 20 Jahren abgeschlossen
Am farmeigenen Strand betrieb Lemos de Moraes bisher einen hippen
Beachclub. Doch das Farmgelände liegt komplett innerhalb des indigenen
Gebietes TI Comexatibá. Die laut Gesetz im Demarkierungsprozess für
indigene Territorien vorgeschriebenen Vermessungen und anthropologischen
Untersuchungen dazu sind seit 20 Jahren abgeschlossen – doch bis das Gebiet
offiziell als Besitz der Pataxó eingetragen wird, fehlen weitere
bürokratische Schritte.
Ende 2025 sprachen die Indigenen deswegen den brasilianischen Präsidenten
Luiz Inácio Lula da Silva bei der Klimakonferenz COP30 in Belém persönlich
auf die Situation an – und der Präsident unterzeichnete den Erlass, der das
Gebiet der Pataxó in seiner kompletten Ausdehnung von mehr als 28.000
Hektar als indigenes Territorium anerkennt. Zum Abschluss fehlen nun noch
die Grenzmarkierungen und die „Desintrusion“, wie brasilianische Behörden
den letzten, oft konfliktreichsten Schritt nennen: die Ausweisung der
nichtindigenen Landbesetzer. Beim indigenen Gebiet TI Comexatibá hat die
Indigenenbehörde Funai 78 nichtindigene Landbesetzer erfasst, 50 davon
leben nicht vor Ort oder beanspruchen mehr als eine Immobilie innerhalb des
Gebietes. Zu diesen gehört Lemos de Moraes.
„Wo der Staat seine Rolle nicht erfüllt, entsteht Gewalt“, erklärt Rafael
Modesto, Rechtsanwalt bei Cimi, einer katholisch geprägten, heute vor allem
menschenrechtlich arbeitenden Organisation an der Seite indigener Völker.
Unter der Regierung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro, der von
2019 bis 2023 an der Macht war, stagnierte die Demarkierung; unter Lula
wurden bisher 20 neue Gebiete vermessen.
Doch der [1][Widerstand unter den Farmern bleibt groß]. Immer wieder setzt
sich die Agrarlobby für das sogenannte „Zeitmarkengesetz“ ein, eine
Stichtagsregelung: Demnach können Indigene nur die Gebiete beanspruchen,
auf denen sie tatsächlich zum Zeitpunkt der Verfassungsverkündung gelebt
haben.
## Entschädigungen für Grund und Besitz
Das Oberste Bundesgericht hat diesen Ansatz inzwischen zum zweiten Mal als
verfassungswidrig abgelehnt. Bestätigt ist aber, dass nichtindigene
Landbesetzer, sollten sie in Unwissenheit indigenes Land besetzt haben, so
lange bleiben können, bis sie vom Staat entschädigt werden. Die Regierungen
des jeweiligen Bundeslandes kompensieren dann den Bodenwert. Gebäude,
Zäune, Pflanzungen und andere Verbesserungen muss wiederum die
Bundesregierung entschädigen. Die Indigenenvertretung Apib schätzt, dass
allein für die zehn größten strittigen Gebiete Entschädigungssummen in Höhe
von nahezu einer Milliarde Reais fällig werden. Das sind momentan rund 170
Millionen Euro, der Wechselkurs schwankt.
„Wenn wir warten, bis der Staat entschädigt, haben die Landräuber oft schon
den Wald abgeholzt, die Natur zerstört, und wir können auf dem Land gar
nicht mehr auf unsere Art leben“, erklärt Caticoco. In den letzten Jahren
gab es mehr als 40 Retomadas im äußersten Süden des Bundesstaates Bahia.
Und gleichzeitig eine Welle der Gewalt gegen die indigenen Aktivisten.
Seit der Rückeroberung von Barra do Cahy im Februar sitzen auf der Terrasse
des Herrenhauses wechselnde Familien der Pataxó und sichern die Besetzung.
In einer Überseekiste lagern noch Fotos der Familie Lemos de Moraes, im
Regal stehen englischsprachige Bücher – ein Teil der Familie lebt in Los
Angeles. Doch an den Garderobenhaken hängen neuerdings indigene
Schmuckstücke und Baströcke für Zeremonien.
## Der Verwalter verließ die Farm ohne Protest
Die Übergabe sei zunächst friedlich verlaufen, sagen die Indigenen. „Im
Haupthaus wohnte niemand, das haben sie nur für Partys vermietet“, so
Caticoco. Der Verwalter habe Haus und Gelände ohne Proteste verlassen. Die
taz hat sich um eine Kontaktaufnahme mit der Familie Lemos de Moraes
bemüht, leider ohne Erfolg.
Wenige Stunden nach der zunächst friedlichen Übernahme der Farm sie jedoch
bewaffnete Polizei eingetroffen, erzählt Caticoco: Helikopter landeten auf
dem Rasen, Einsatzwagen rasten heran, Schüsse mit Gummiprojektilen und
Tränengas hätten das Haus und dessen Besetzer getroffen. Die indigenen
Männer seien in den Wald geflohen, die Frauen seien von den Polizisten
befragt worden.
Caticocos Frau erzählt: „Sie haben vor allem auf die Chiefs gezielt.“
Caticoco ist einer von mehreren Chiefs, die diese Retomada geleitet haben.
Sein Name ist Polizisten und Vertretern der Agrarlobby bekannt. Es sei auch
auf ihn geschossen worden, berichtet der 43-Jährige. Bisher hat er
überlebt.
## 30 Tote in fünf Jahren zählt die Organisation Cimi
„Die Exekutive erfüllt ihre Rolle weiterhin nicht“, urteilt Jurist Modesto
von der Organisation Cimi. „Dadurch entstehen Spannungen, die zu Gewalt bis
hin zu Mord an Kaziken und sogar an Minderjährigen führen. Im Süden des
Landes wurden 2022 und 2023 drei jugendliche Pataxó ermordet.“ Binnen fünf
Jahren starben nach Zählungen des Cimi 30 Menschen durch die Konflikte.
Organisationen wie Cimi berichten immer wieder von Polizeigewalt gegen
Indigene. Im Süden und Osten Bahias operiert seit einigen Jahren eine
Gruppe mit dem Namen „Invasão Zero“, ein Zusammenschluss aus
Großgrundbesitzern, Unternehmern, Polizisten und ultrarechten Politikern,
die Retomadas als Verbrechen klassifizieren und Falschmeldungen zur
Stimmungsmache gegen Indigene verbreiten.
Menschenrechtsorganisationen werfen ihnen Selbstjustiz vor.
UNO-Sonderberichterstatterin Mary Lawlor hatte bereits im April 2024 vor
der zunehmenden Kriminalisierung indigener Aktivisten und der steigenden
Gewalt gewarnt. Sie berichtete dabei auch über die Milizen-Gruppe „Invasão
Zero“. „‚Invasão Zero‘ strengt Gerichtsprozesse an oder richtet
Führungspersönlichkeiten einfach hin“, erklärt Maria José Pacheco vom
Conselho Pastoral dos Pescadores (CPP), einer Einrichtung der katholischen
Kirche in Brasilien, die indigene Gemeinschaften bei Landkonflikten
unterstützt.
Seit „Invasão Zero“ 2024 in den Verdacht geriet, am Tod der indigenen
Anführerin Nega Pataxó beteiligt zu sein, wird die Gruppe von der
Bundespolizei beobachtet und zeigt sich zumindest auf Social Media nicht
mehr offensiv gewaltbereit. Die Mitglieder kommunizieren über sensible
Themen nur noch in geschlossenen Whatsapp-Gruppen, stiften dort einander zu
Gewalttaten an und tauschen Tipps aus, wie sie am besten brutal gegen
Indigene vorgehen, ohne dabei strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu
müssen. Das [2][Nachrichtenportal Reporterbrasil hat entsprechende Berichte
recherchiert].
## Falschinformationen und Hetze
Falschinformationen und Hetze auf Instagram laufen indes weiter. Zu der
Retomada in der Barra do Cahy veröffentlichte „Invasão Zero“ Fotos, die
angeblich die durchschossenen Wände eines Herrenhauses zeigen sollen: Das
sei das Ergebnis eines Angriffs bewaffneter Indigener auf friedliche
Landbesitzer.
Indigene wiederum sagen, in diesem Haus seien ein halbes Dutzend Pataxó in
einem nächtlichen Überfall von Pistoleiros, wie in Brasilien angeheuerte
Bewaffnete genannt werden, stundenlang beschossen worden. „Sie haben
gewartet, bis Frauen, Kinder und junge Leute das Farmgelände abends
verlassen hatten, um dann auf die wenigen Männer loszugehen, die für die
Nacht geblieben waren“, erklärt Cristiane Pataxó. Ihr Bruder Ricardo sei
bei diesem Überfall von mehreren Kugeln getroffen worden. „Die Polizisten,
die den Tatort anschließend untersucht haben, sagten, es sei ein Wunder,
dass irgendjemand überlebt hat“, so Cristiane.
„Konfliktzonen wie die der Pataxó im äußersten Süden von Bahia müssen als
Priorität behandelt werden“, fordert Rafael Modesto. Und es müsse genau
untersucht werden, wer Anspruch auf Entschädigungszahlungen hat, weil er
das Land besetzt hat, ohne zu wissen, dass es indigenes Gebiet ist: „Wer
die Voraussetzungen nicht erfüllt, muss gehen.“
Die Realität sieht anders aus. Im Zusammenhang mit der Retomada der Baia do
Cahy wurden zwölf Indigene, darunter mehrere Minderjährige, verhaftet. Auf
der Polizeistation seien sie menschenunwürdiger Behandlung ausgesetzt
worden, heißt es in Stellungnahmen indigener Organisationen. Einer der
Kaziken wurde mit elektronischer Fußfessel entlassen, ein Minderjähriger
und zwei weitere Kaziken werden weiterhin festgehalten. Cimi berichtete im
März während der 61. ordentlichen Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf
über die Lage vor Ort; im Mai besuchte die brasilianische
Menschenrechtskommission die Region, um einen weiteren Bericht zu
erstellen.
Die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft verklagte 2025 den Bundesstaat
Bahia auf Zahlung von 6,8 Millionen Reais (rund 1,1 Millionen Euro)
Schmerzensgeld wegen Mordes an dem 14-jährigen Gustavo, der 2022 im Rahmen
einer weiteren Retomada in der Region von hinten erschossen wurde, sowie
wegen Mordversuchen an weiteren 13 Pataxo. Der Fall ist noch nicht
entschieden. „Der Staat stellt sich auf die Seite der Großen, vor allem die
Justiz hat wiederholt Prozesse zum Nachteil der traditionellen
Bevölkerungsgruppen entschieden“, kommentiert Maria José Pacheco von der
CPP.
## Räumungstitel für 60 Pataxó-Familien
Zuletzt entschied Anfang Juni ein Bundesrichter, dass 60 Pataxó-Familien
binnen 60 Tagen ein Gelände räumen müssen, welches sich auf einer von
Privatbesitzern beanspruchten Farm befindet. Die Ländereien liegen
innerhalb des indigenen Schutzgebietes TI Barra Velha. Der Richter beruft
sich auf die erst kürzlich vom Obersten Bundesgericht erneut als
verfassungswidrig abgelehnte Stichtagsregelung.
Der nordostbrasilianische Bundesstaat Bahia liegt im jährlich
herausgegebenen Atlas zu Landkonflikten der kirchlichen Hilfsorganisation
CPT auf dem dritten Platz. „Die traditionellen Gebiete sind begehrt: Sei es
für den Anbau von Monokulturen, Tourismusunternehmen, Bergbau oder
Infrastrukturprojekte wie Häfen“, erklärt Maria José Pacheco. Das Vorgehen
der Landbesetzer folge meist dem immer gleichen System: Zuerst würde die
Existenz der entsprechenden Volksgruppen geleugnet, nach dem Motto: Da sind
doch gar keine echten Indigenen. Dann würden die Anführer der
Gemeinschaften kriminalisiert. „Mich beschuldigen sie des Raubs, der
Zugehörigkeit zum organisierten Verbrechen und sogar des Mordes“, sagt
Caticoco.
Das friedliche Szenario auf der Veranda des Herrenhauses ist ein scharfer
Kontrast zu diesen brutalen Auseinandersetzungen. Die Wedel der Kokospalmen
rascheln leise im Wind, das Meer unterhalb der Klippen braust, Vögel ziehen
kreischend vorbei. „Wir wollen nur pflanzen, fischen und in Frieden leben“,
sagt der Familienvater.
Maria Isbela Lemos de Moraes hat eine Klage gegen die Pataxó angestrengt
und verlangt sofortige Räumung des von ihr beanspruchten Besitzes. Ihre
Familie habe die Ländereien legal erworben und besitze das Land bereits
seit Jahrzehnten. Den Indigenen wirft die Dynastienachfolgerin in einem
Medienbericht Terror vor. Sie seien maskiert und bewaffnet aufgetreten,
hätten allein im Beachclub einen Schaden von mehr als 300.000 Reais, rund
50.000 Euro, verursacht. Je nach politischer Ausrichtung des berichtenden
Mediums ist von einer Retomada oder einem Überfall die Rede. Beide
Varianten stützen sich ausschließlich auf Zeugenaussagen der Beteiligten.
Inzwischen betreiben die Pataxó den Beachclub. Der Zugang zum Strand soll
wieder für alle frei sein, zum Fischen, zum Muschelsammeln, sagen sie.
Lemos de Moraes hatte Parkgebühren für Besucher eingeführt.
Als der Portugiese Pedro Álvares Cabral und sein Landvermesser Pedro Vaz de
Caminha 1500 in der Baia do Cahy landeten, berichtet er in einem
überlieferten Brief an den portugiesischen König von der „Entdeckung dieses
Eurer Länder“. Juristisch war Caminhas Brief kein Besitztitel. Politisch
bedeutete er viel: Es war der erste entscheidende Satz einer Neuordnung der
Welt, in der Portugal Land beschrieb, benannte und beanspruchte, das
anderen gehörte. Alle späteren Besitztitel basieren auf diesem ersten
Brief. Die ursprünglichen Bewohner können sich erst seit der demokratischen
Verfassung aus dem Jahr 1988 juristisch um das Recht auf ihr Gebiet
bemühen. Dabei zeugen indigene Ortsbezeichnungen wie Cumuruxatiba oder
Itamarajú unzweifelhaft davon, wer hier lebt und gelebt hat.
„Ich werde so lange nicht aufhören, mich zu Wort zu melden, bis wir die
Rechte auf unser Land für unsere Nachkommen gesichert haben“, sagt Caticoco
mit Nachdruck. Dann legen alle Familienmitglieder Federschmuck und
Perlenketten an, versammeln sich vor der Kapelle, die zur 500-Jahres-Feier
der „Entdeckung“ hier errichtet wurde, und erheben ihre Stimmen und ihre
Maraca-Rasseln zum gemeinsamen Gesang und Gebet.
12 Jun 2026
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DIR Christine Wollowski
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