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       # taz.de -- Puppenspielerin übers Strippenziehen: „Eine Hierarchie der Manipulation“
       
       > Sara Angius will mit ihrem Puppentheaterstück „Sabotage“ in Braunschweig
       > Abhängigkeiten offen legen. Dahinter steht die Frage nach dem freien
       > Willen.
       
   IMG Bild: Nur scheinbar frei: PerformerInnen allesamt durch Fäden verbunden
       
       taz: Frau Angius, entscheidet der Mensch frei? 
       
       Sara Angius: Ich glaube nicht. Wir sind alle Teil eines Systems. Und selbst
       wenn wir denken, wir wären frei: Es gibt immer jemanden, der die Fäden
       zieht. Nehmen wir zum Beispiel das Internet: Wenn wir irgendwo ein „Like“
       gesetzt haben, bekommen wir immer weitere Information oder Werbung, die wir
       angeblich gleichfalls mögen. Und von denen wir irgendwann glauben, dass wir
       sie wirklich mögen. Das ist ein riesiges Manipulationsspiel. Auch das
       Erkennen von [1][Fake News] in Social Media wird so immer schwerer.
       
       taz: Und wer zieht in der physischen Welt die Fäden? 
       
       Angius: Das kann in allen Lebensbereichen passieren. Ein Kind, das sich auf
       den Boden wirft, um ein Eis zu bekommen, manipuliert seine Mutter, indem es
       sie öffentlich bloßstellt. Auch in Partnerschaften kann es solche
       [2][Machtspiele] geben. Echte Interaktion dagegen wäre eine Beziehung auf
       Augenhöhe. Aus vielen Gesprächen habe ich allerdings den Eindruck gewonnen,
       dass sich die manipulierte Person oft recht wohlfühlt in ihrer Rolle. Das
       von mir und Johanna Ehlert konzipierte Stück „Sabotage“ versucht, diese
       Haltung bewusst zu machen.
       
       taz: Was genau hat Sie zu Ihrem Stück inspiriert? 
       
       Angius: Das „[3][Höhlengleichnis]“ des antiken griechischen Philosophen
       Platon. Darin sitzen Leute mit dem Gesicht zur Wand in einer Höhle und
       sehen von den draußen Vorübergehenden nur die Schatten im Feuerschein. Als
       einer von ihnen rausgeht und bei der Rückkehr sagt „Das sind nur die
       Schatten, ihr verpasst die Realität“: Da wollen sie es nicht hören, nicht
       sehen, sondern lieber in der gewohnten Höhle bleiben. In meinen Augen ist
       das „Höhlengleichnis“ eine Metapher dafür, dass Menschen gern manipuliert
       werden. Diese Mechanismen wollen wir mit unserem Stück offenlegen.
       
       taz: Wie setzen Sie das um? 
       
       Angius: Wir präsentieren eine sehr komplexe Struktur aus Fäden und Zügen.
       Sie umspannen Objekte, die PerformerInnen und eine Puppe. Zu Beginn
       manipulieren wir Objekte, dann die Puppe und schließlich auch einander,
       indem wir Fäden ziehen. Im zweiten Teil erklärt dann ein weiterer
       Performer, dass alle Aktionen des ersten Teils durch ihn manipuliert waren.
       Aber auch er hängt an Fäden, die jemand hinter ihm zieht. So schichtet sich
       Ebene für Ebene hintereinander.
       
       taz: Das klingt nach einer antisemitischen Verschwörungserzählung, nach dem
       großen, unbekannten Strippenzieher. 
       
       Angius: So meine ich es nicht. Es gibt nicht den einen Gott oder eine graue
       Eminenz, die alle manipuliert. Aber ich sage, dass es immer jemanden oben
       drüber gibt, der manipuliert.
       
       taz: Gibt es keinen Ausweg? 
       
       Angius: Doch. Am Ende werfen wir eine – natürlich nicht scharfe – Schere
       ins Publikum, um zu zeigen: Auch ihr seid Teil des Spiels. Wenn ihr wollt,
       versucht die Fäden zu durchtrennen. Das ist natürlich nur eine Idee, ein
       kurzes Aufblitzen in den letzten Spielminuten. Aber es regt die Reflexion
       an.
       
       taz: Ihre Performance ist Teil der Baustellenbespielung des einstigen
       Braunschweiger LOT-Theaters. Was bedeutet Ihnen der Spielort? 
       
       Angius: Wir spielen im Rahmen des „Hammer!“-Festivals, bevor das
       insolvente, inzwischen von einer Stiftung betriebene Theater saniert wird.
       Ich bin sehr dankbar für diese Auftrittsmöglichkeit. Es gibt ja eine ganze
       Szene freier KünstlerInnen, die früher im LOT gespielt haben. Dieser Ort
       ist existenziell wichtig für uns, und das nicht nur aus künstlerischen
       Gründen. Denn auch Zuschüsse der Stadt bekommen wir nur, wenn wir sowohl
       einen Proben- als auch einen Auftrittsort haben. Wenn eins dieser Elemente
       fehlt, bricht die ganze Kette.
       
       12 Jun 2026
       
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