# taz.de -- Start der Fußball-WM 2026: Zeit für große Gefühle
> Am Donnerstagabend beginnt die Fußball-WM 2026. Worauf wir uns bei dieser
> Weltmeisterschaft so richtig freuen können – und worauf wir sehr gern
> verzichten würden.
IMG Bild: Singt auch mal faschistische Lieder mit – wie 2020 in Kroatien: Manuel Neuer hier beim Training in Frankfurt
## Welch Aura, Aua!
Wegen seiner Aura [1][ist Manuel Neuer] also dabei bei dieser WM. So hat
Bundestrainer Julian Nagelsmann begründet, warum er den 40-jährigen
Altweltmeister als Torwart Nummer eins mitnimmt. An den Leistungen in
dieser Saison kann es ja auch schlecht gelegen haben, dass Neuer den braven
Oliver Baumann auf die Ersatzbank verbannt hat. Klar, da waren schon gute
Spiele dabei, aber Neuer hat eben auch etliche Fehler gemacht. Wenn er
überhaupt gespielt hat. Einem Leistungssportler in seinem Alter tut eben
oft auch mal was weh. Zurzeit ist es die Wade. Oh weh!
Davor hat ihn seine Aura offensichtlich nicht bewahrt. Überhaupt – was soll
das sein, diese Aura? Schießt da einer daneben, weil er sich denkt, es
stehe ihm unwürdigen Wicht nicht zu, gegen den großen Manuel Neuer ein Tor
zu erzielen? Und warum hat eigentlich diese Aura nicht gewirkt, als die
Deutschen aus den vergangenen beiden WM-Turnieren schon nach drei Spielen
rausgeschossen worden sind. Aber vielleicht hatte Manuel Neuer da ja noch
keine Aura. Bloß wie war das dann 2014, als Neuer die Deutschen zum
WM-Titel gehalten hat? Hatte er da bereits die Aura, die er dann
zwischenzeitlich verloren hat, bevor sie ihn nun wieder aufs Neue umgibt?
Und wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, Neuer zu bewegen, vom
Rücktritt, den dieser ja selbst verkündet hat, zurückzutreten. War es der
Bundestrainer? Oder ist die Bild schuld daran, dass Deutschland nun bei der
WM nach jedem Gegentor eine Torwartdebatte führen muss? Manuel Neuer hat,
wie es heißt, ein stattliches Anwesen mit Blick auf den malerischen
Tegernsee im bayerischen Voralpenland. Einen Fernseher wird er auch haben.
Vor dem wäre er wirklich gut aufgehoben gewesen in den nächsten Wochen.
Stattdessen. Nun ja. Andreas Rüttenauer
## Sehnsucht nach Südafrika
Eröffnungsspiele sind meist öde, taktisch geprägt, torarm und nach wenigen
Tagen wieder vergessen. Die Angst vor einem Fehlstart ist größer als der
Mut zum Risiko, weshalb der WM-Auftakt selten zu einem Fußballfest wird.
Doch in diesem Jahr ist etwas anders. Gut, ein Spektakel zwischen Mexiko
und Südafrika kann niemand versprechen. Aber wenn die Teams am 11. Juni im
Aztekenstadion aufeinandertreffen, weckt das schöne Erinnerungen und ein
warmes Gefühl der Nostalgie. Denn die südafrikanische Nationalmannschaft
kehrt zurück auf die größte Fußballbühne.
Die „Bafana Bafana“ – übersetzt „die Jungs, die Jungs“, wie das Team
genannt wird – ist erstmals seit 2010 wieder bei einer Endrunde dabei. Und
schon wieder trifft Südafrika im Eröffnungsspiel auf Mexiko. Damals, als
man selbst Gastgeber war, war die Partie der Startschuss für die erste
Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. Die Erinnerung an jenen Tag ist
bis heute präsent. Und wenn Siphiwe Tshabalalas Traumtor im ausverkauften
Stadion von Johannesburg vor dem inneren Auge auftaucht, erklingt auch
sofort „Waka Waka“ von Shakira und „Wavin’ Flag“ von K’naan, begleitet vom
monotonen Dröhnen der Vuvuzelas.
[2][Ein Comeback der Plastiktröten] in den WM-Stadien Nordamerikas ist
jedoch ausgeschlossen. Die Fifa hat ihnen an allen Spielorten ein
Stadionverbot erteilt. Dennoch ist die Rückkehr der Mannschaft vom Kap der
Guten Hoffnung, die sich in der Qualifikation überraschend gegen Nigeria
durchgesetzt hat, eine wunderbare Geschichte, die vor allem schöne
Erinnerungen hervorruft. Erinnerungen an ein Turnier, bei dem der „Lärm“
der Vuvuzelas noch als größte Ärgernis einer Weltmeisterschaft galt. Rico
Setz
## Schöner spanischer Spaß
Spätestens seit Marc Cucurella 2024 durch sein vermeintliches (!) Handspiel
[3][die EM-Träume der Deutschen zerstörte], sind sich hierzulande alle
einig: Eigentlich ist es doch egal, wer bei der kommenden WM gewinnt,
Hauptsache nicht die arroganten Spanier. Die mit ihrem ewig-nervigen
Tiki-Taka-Gekicke. Und ihrem peinlichen königlichen Wappen auf der Brust.
Ja, der Lamine Yamal, der ist vielleicht noch ganz süß, aber bald wird auch
er in Barça-Hochnäsigkeit verfallen. Also diesem „Selbstbewusstsein“, das
mit Freude am Spiel einhergeht. Jeder anständige deutsche Kulturprotestant
weiß schließlich: Nur wer – wie die DFB-Elf – hart und verbissen an etwas
arbeitet, hat einen Titel verdient. Nicht, wer beim Kicken Spaß hat.
Finde ich nicht. Und deswegen beschloss ich bereits bei der WM 2010: Mein
Herz schlägt für die Tiki-Taka-Spanier. Die „Selección“, das war für mich
als spanisch-deutscher Teenager endlich die Möglichkeit, mich von diesem
schrecklich Schlandgehabe abzugrenzen. Und zufällig habe ich damals genau
die besten Zeiten der „Furia Roja“ erwischt. Als man sich beim Zuschauen
vor lauter Ballbesitz manchmal fragte, ob die legendäre Elf von Vicente del
Bosque überhaupt vorhat, mal aufs Tor zu schießen.
Wenn man sich nun das Zusammenspiel zwischen Nico Williams und Lamine Yamal
anschaut, weiß man, diese Mannschaft kann 2010 noch toppen. Das Spiel ist
flexibler und vertikaler geworden. Der spanische Fußball leistet
unglaublich gute Nachwuchsarbeit, [4][übrigens auch bei den Frauen]. Und
das trägt Früchte. Es gibt sicherlich viel zu kritisieren in diesem
durchkommerzialisierten System. Aber: Es gibt auch geilen Fußball zu sehen.
2010 bin ich übrigens nach dem gewonnenen Finale mit meiner rot-gelb-roten
Flagge über den Schultern in die Schule gegangen. Politisch gesehen sehr
bedenklich. Aber da war ich auch noch 15. Fußballerisch betrachtet lag ich
ohnehin richtig. Ruth Lang Fuentes
## Die Feierwütigsten
Als das Team Bosnien-Herzegowina im Play-off-Spiel Italien besiegte,
feierte das Land die größte Party seit seiner Gründung. Die ganze Nacht
wurde auf Straßen, Plätzen und Balkonen über alle ethnischen, religiösen,
mafiösen und andere Gartenzäune hinweg die Qualifikation zur WM 2026 so
bejubelt, als hätten sie selbige gerade gewonnen. „I am from Bosnia, take
me to America“, schallte es im ganzen Land, ein Song [5][der Hip-Hop-Band
Dubioza Kolektiv]. In dieser Nacht wurde er umgedichtet: „I am from Bosnia,
coming to America“.
Einen Monat später kündigte Christian Schmidt, der derzeitige Hohe
Repräsentant der UN und damit höchster Amtsträger des Staats,
[6][überraschend seinen Rücktritt an]. Der wirtschaftspolitische Druck der
US-Regierung und die gleichzeitige europäische Vernachlässigung des Landes
gab er als Gründe an. Hohe Repräsentanten kommen und gehen in
Bosnien-Herzegowina wie internationale NGOs und Unternehmen, Scheichs und
Kriegstouristen, daran ist man hier gewöhnt. Eine WM-Teilnahme aber gab es
bisher nur einmal, 2014 in Brasilien. Damals waren die Hoffnungen groß: Der
Vertrag von Dayton hatte die Spaltung des Landes nur verstärkt, eine
erfolgreiche WM-Teilnahme könnte die Bewohner einen. Leider schaffte das
Team es nicht über die Vorrunde, und so wurde nichts aus der Einheit.
Egal wie sich Bosnien-Herzegowina nun schlagen wird, eine größere
kollektive Freudenstimmung als in der Nacht des 1. April 2026 ist kaum
vorstellbar. In Dubioza Kolektivs Song, der über Bosnien hinaus zum
Internethit wurde, heißt es: „One day, when you reach the end / One day,
you will understand / One day, back to roots my friend / No place like a
motherland“ Selbst eine Heimkehr ohne irgendeinen Erfolg dürfte also
ausgiebig gefeiert werden. Doris Akrap
## Antikolonialer Kick
Was an Katar gut war, an dieser letzten Scheiß-WM? Fußballerisch nur
Marokko, das ins Halbfinale kam. Fußballgeschichte wiederholt sich nicht.
Aber dass sich Kräfte verschieben und bestimmte Weltregionen stärker
dastehen als noch ein paar Jahrzehnte zuvor, das stimmt ja.
In der Gruppe J zeigt sich das auf schönste Weise. Argentinien läuft zwar
da als Titelverteidiger auf und Europa wird von Österreich vertreten. Aber
in dieser Gruppe J spielen auch Algerien und Jordanien – zwei arabische
Teams.
Jordanien tritt dabei mit einem Kader an, in dem nur zwei Spieler in Europa
kicken. Das Gros ihrer Kollegen steht bei Klubs in der Jordan Pro League
unter Vertrag. Auslandserfahrung heißt bei den Spielern allermeist Irak.
Dennoch hat sich Jordaniens Fußball bemerkenswert hochgearbeitet.
Noch überzeugender ist Algerien. Nicht nur, dass hier die Häufung von
Profis aus europäischen Topligen höher ist: drei in der französischen,
einer in der englischen, vier in der Bundesliga. Nein, in Algerien hat der
Fußball auch eine unglaublich große antikoloniale Geschichte. Dass das Land
1962 unabhängig wurde, liegt zu einem nicht kleinen Teil an der
Fußballnationalmannschaft, die 1958 gegründet wurde, und als Botschafterin
der Nationalen Befreiungsfront FLN für außenpolitische Unterstützung
sorgte.
Erinnern wir uns an Katar, und was diese ansonsten vermaledeite
Weltmeisterschaft letztlich doch noch schön machte. Marokko hatte eine
frühere Kolonialmacht nach der anderen aus dem Turnier gekickt: Belgien,
Spanien, Portugal – und scheiterte erst an Frankreich. Algeriens Fußball
ist noch klarer antikolonial geprägt als der Marokkos. Und es gibt eben
noch Jordanien in der Gruppe J. Das wird großer Fußball. Martin Krauss
## Ende der Ergebniskunst
Schon wieder [7][eine WM ohne Italien.] Bin ich, als italophiler Mensch,
traurig darüber? Nach dem deutschen Sieg im Elfmeterschießen gegen Italien
im Viertelfinale der Euro 2016 habe ich es spontan krachen lassen. Da
musste offensichtlich was raus, selbst bei mir, wenigstens eine
übriggebliebene Silvesterrakete eben – und es war nicht die einzige in
meiner Gegend. Nach den Niederlagen in den Halbfinals der WM 2006 und der
EM 2012 war das für mich das Ende eines Zyklus. Seitdem bin ich ein
ruhigerer Mensch, wahrscheinlich auch ein langweiligerer.
Ähnlich geht es mir als Bayern-Fan seit dem Sieg gegen Dortmund im
Champions-League-Finale 2013. Weitere Erfolge brauche ich – um den
scheußlichen Ausdruck mal zu verwenden – nicht wirklich. Ich bin satt,
befriedigt – auch in Hinblick auf zukünftige deutsch-italienische Duelle.
Die ohnehin an Spannung verloren haben, seit die Serie A zur Rentnerliga
abgestiegen ist, und die Azzurri ihren Biss verloren haben. Diese
Fähigkeit, den Gegner dauerzublocken und dann eiskalt zu kontern, ihre
machiavellische Kühle eben, die weiß, dass es im Fußball um Ergebnisse
geht, dass es um das schockartige Zuschlagen geht wie einst 2012 durch
Mario Balotelli.
Oder ging? Möglicherweise ist ja die allgemein verringerte
Aufmerksamkeitsspanne schuld, dass der italienische Fußball nichts mehr
reißt, nicht mehr mitreißt. Italien soll plötzlich unterhalten, wo es doch
nur immer gewinnen wollte. Und das ja zumindest gegen Deutschland auch
meistens getan hat. Aber wenn ich mir die italienische Aufstellung im
entscheidenden letzten Qualifikationsspiel gegen Bosnien-Herzegowina noch
mal anschaue, dann vermisse ich für die WM in den USA als Typ da niemanden
außer vielleicht Gianluigi Donnarumma, den Torhüter. Ein neuer Zyklus der
Azzurri hat zumindest für mich noch nicht begonnen. Was nicht bedeutet,
dass er sich nicht gerade anbahnt, irgendwo auf einen staubigen Bolzplatz
zwischen Bozen und Palermo. Ambros Waibel
## Hoffnung und Schmarrn
Die Euphorie ist groß in Österreich über die erste WM-Teilnahme des Landes
seit 1998 (Toni Polster! Andi Herzog!). Und wird doch gleich mehrfach
getrübt, nämlich von den sogenannten Umständen. Da wäre zum einen das
Getuschel um die Zukunft von Teamchef Ralf Rangnick, des Exildeutschen, den
95 Prozent aller fußballbegeisterten Österreicher so gern noch weiter
behalten würden. Aber: Das böse Geschäft, das böse Geschäft! So wurde RR
dabei gesehen, wie er sich in Wien mit zwielichtigen Italienern vom AC
Milan getroffen hat. Ist nach der WM alles vorbei?
Und dann wäre da noch die Fifa. Die hat die Spiele der Rot-Weiß-Roten
nämlich mehrheitlich zu Schlafenszeiten terminiert. Bars und Cafés in Wien
versuchen, die Leute mit Gewinnspielen zum Auftaktmatch gegen Jordanien am
17. Juni zu locken – Anpfiff ist um 6 Uhr MESZ. 6 Uhr morgens, wohlgemerkt.
All-you-can-eat-Brunch am Donauturm, während Alaba und Co gegen die
Debütanten aus Nahost kicken. Das Spiel gegen Argentinien wird ein
Highlight, es wird sogar zu einer gesellschaftsfähigen Uhrzeit angepfiffen,
nämlich um 19 Uhr. Den Abschluss der Vorrunde gegen Algerien wird die
arbeitende Bevölkerung beim Morgenkaffee mitbekommen, wenn das Team
wiederum gegen 5.50 Uhr österreichischer Zeit in den Feierabend geht.
Anstoß war bereits um 4 Uhr.
Unmöglich ist ein Weiterkommen nicht. Es könnte sogar sein, dass man weiter
kommt als Deutschland – das im Achtelfinale schon auf Frankreich treffen
könnte. Das würde allein schon reichen, um narrisch zu werden, wie damals
1978. Daran erinnern sich hier alle, sogar Millennials und die Gen Z.
Feschere Dressen – also hübschere Trikots – als die Deutschen hat man
schließlich auch, mit Ausnahme vielleicht der Away-Dressen. Die sind schon
ein Schmarrn. René Hamann
## Der Tribünenrebell
Die Kameras werden ganz sicher auf ihn gerichtet sein, dabei steht er gar
nicht auf dem Rasen: Michel Nkuka Mboladinga, Edelfan der Demokratischen
Kongo. Einen Anzug in den Nationalfarben wird Nkuka tragen und 90 Minuten
reglos auf der Tribüne verharren. Dabei wird er mit seinem erhobenen
rechten Arm und mit verblüffend ähnlichen Gesichtszügen [8][den
kongolesischen Freiheitshelden und ersten Ministerpräsidenten Patrice
Lumumba] imitieren, der 1961 unter Beteiligung Belgiens und der USA
ermordet wurde.
In Afrika ist Michel Nkuka spätestens seit dem letzten Afrika-Cup eine
Ikone. Nun wird er vor die Augen der ganzen Welt treten. Gewiss sind
Kultfans nichts Ungewöhnliches bei Weltmeisterschaften, man denke an den
spanischen Trommler Manolo. Weil Kollektive wie Ultras fehlen, wird
Leidenschaft an karnevalesk gekleideten Einzelpersonen erzählt. Und doch
ist die Figur Michel Nkuka eine besondere. Der Kongolese trägt ein Stück
Widerstandsgeschichte in die durchorchestrierte WM – und er entzündet
politischen Diskurs. Beim Afrika-Cup imitierte der algerische Spieler
Mohamed Amoura nach seinem Siegtreffer gegen die DR Kongo die
Lumumba-Statue und mimte ihren Sturz. Anschließend entschuldigten sich der
Spieler und der algerische Verband. Nach dem Vorfall schnellten die
Online-Sucheinträge nach Patrice Lumumba in die Höhe. Politische Bildung,
ausgelöst durch einen Fan.
Für die kriegsgebeutelte DR Kongo ist Michel Nkuka Mboladinga ein seltenes
Hoffnungssymbol. Er selbst hätte sich die teure Reise in die USA mit hohen
Visahürden wohl nicht leisten können – aber die kongolesischen
Nationalspieler setzten sich für ihn ein. So reist Nkuka auf Staatskosten
mit.
Was für eine Geschichte! Und Patrice Lumumba bekommt Sichtbarkeit in den
USA, jenem Land, das an seiner Ermordung beteiligt war. Auch das kann eine
WM mit vielen Teilnehmern leisten. Dass Lumumba auch vom Kapitalismus
inkorporiert werden wird als scheinbar harmloses Turnierkostüm? Nun, das
ist eine andere Geschichte. Alina Schwermer
## Schon wieder die beiden!
Es reicht! Basta! Wie oft schon haben wir uns dieses Geschrei anhören
müssen, vor der vielleicht letzten Weltmeisterschaft von [9][Lionel Messi]
und [10][Cristiano Ronaldo]? Wie oft die Frage, wie das denn gehen solle,
eine WM ohne die beiden außerirdischen Dauerhelden des Weltfußballs? Die
Wehmut des nahenden Abschieds lastet zentnerschwer und vor allem gefühlt
schon ewig auf uns. Vor der WM 2018 fing das bereits an. Ach was, noch
früher ging es los, als Lionel Messi 2016 melodramatisch nach einem
verlorenen Finale der Copa América erklärte: „Für mich ist die
Nationalmannschaft Geschichte.“
Natürlich folgte der Rücktritt vom Rücktritt. Die entscheidende Frage
schien zu sein, ob sich einer der beiden nicht doch noch irgendwann mit
einem WM-Titel selbst das größte Denkmal setzen könnte. Dass Argentinien
mithilfe der Genialität des Standfußballers Messi dann 2022 Weltmeister
werden könnte, damit war eigentlich nicht mehr zu rechnen gewesen. Und
vorbei ist der Spuk damit noch immer nicht.
Messi ist erneut vom Rücktritt zurückgetreten, und der 41-jährige Ronaldo
schnürt wieder seine Schuhe – beide bei ihrer vielleicht letzten
Weltmeisterschaft. Messi und Ronaldo sind bis heute die größten Anhänger
von der These ihrer eigenen Unersetzlichkeit. So werden das argentinische
und das portugiesische Team auch bei dieser WM wieder eifrig um die beiden
zirkulieren wie um heilige Museumsstücke. Es wird sich wieder alles um die
weltweit prominentesten Aktivrentner drehen und deren große Vergangenheit.
Die Mitspieler werden pflichtschuldig ihren Dienst als Altenbetreuer
antreten. Absehbar wird es wieder darum gehen, ab welcher Minute eine Aus-
oder gar nur Einwechslung als unverzeihliche Majestätsbeleidigung zu gelten
hat.
Wie kommen wir nur aus dieser Zeitschleife heraus? Johannes Kopp
11 Jun 2026
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