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       # taz.de -- Mord an Kindern in Uganda: Recht und Rache
       
       > Vier ermordete Kleinkinder, ein wütender Mob und ein Prozess unter freiem
       > Himmel: Der Fall Ggabba erschüttert Uganda.
       
   IMG Bild: Vier Kinder mit der Machete getötet: Christopher Okello (m.) bei einem Prozesstag am 13. April
       
       „Tatort“ steht auf dem Flatterband, mit welchem der Gartenzaun des
       Kindergartens abgespannt ist. Am Hoftor wurden Blumenkränze niedergelegt,
       ein Banner aufgehängt: „Lasst ihre Seelen im ewigen Frieden ruhen.“
       Darunter stehen vier ugandische Namen – die Namen der Kleinkinder, die in
       diesem Vorort von Ugandas Hauptstadt Kampala brutal ermordet wurden.
       
       Es war am 2. April 2026, Gründonnerstag vor Ostern, als gegen elf Uhr der
       38-jährige Ugander Christopher Okello den Kindergarten im Fischerdorf
       Ggabba am Ufer des Victoriasees betrat, um Gebühren zu bezahlen. Er war am
       Vortag bereits dort gewesen, um sich nach den Preisen zu erkundigen,
       berichtet die Kindergartenleiterin Annet Odong später vor Gericht. Sie
       bestätigt: Er habe in ihrem Büro per mobilem Geldtransfer 190.000
       Ugandische Shilling bezahlt, umgerechnet rund 63 Euro. Die Mutter, habe
       Okello gesagt, würde am nächsten Tag mit dem Kind vorbeikommen. Später wird
       sich vor Gericht herausstellen: Christopher Okello hat weder ein Kind, noch
       ist er verheiratet. Er hat die Gebühren nur beglichen, um sich Zutritt zum
       Spielplatz zu verschaffen.
       
       Die Kindergartenleiterin hatte sich gerade wieder über ihren Computer
       gebeugt, als sie aus dem Augenwinkel durch ihr Fenster sah, wie sich Okello
       im Hof über eines der Kinder beugte: „Ich dachte zunächst, er würde das
       Kind schlagen“, erinnert sie sich später vor Gericht. Sie sei rasch
       hinausgeeilt, habe geschrien, um ihn zu stoppen. Da sah sie ein
       blutüberströmtes Messer in seiner Hand.
       
       ## Im Sandkasten brutal ermordet
       
       Insgesamt vier Kleinkinder unter drei Jahren wurden in nur sieben Minuten
       im Sandkasten brutal ermordet: Alle durch tiefe Schnittwunden an der Kehle,
       manche 14 Zentimeter lang, wie es der Autopsiebericht später beschreibt.
       Ein Kind starb direkt vor Ort, die anderen drei verbluteten auf dem Weg zur
       Gesundheitsstation – eine grausame Tragödie, die bis heute das ganze Land
       in Aufruhr versetzt.
       
       Der Fall ist zum Politikum geworden. Von Staats-, Polizei- und
       Justizversagen ist die Rede. Präsident Yoweri Museveni hatte Mühe, die
       Gemüter zu beruhigen.
       
       „Wir haben ihn gepackt und auf ihn eingeschlagen“, erinnert sich Arnold
       Kasujja, der gewählte Dorfvorsteher von Ggabba. Er gehört der
       Oppositionspartei NUP (Nationale Einheitsplattform) an. Der Fischerort
       liegt rund zwölf Kilometer südlich der Hauptstadt Kampala, ein verarmter
       Vorstadtbezirk, in welchem die Arbeitslosenrate hoch ist, die
       Kriminalitätsrate ebenso. Drei Wochen nach dem Vorfall steht Kasujja vor
       dem Flatterband und zeigt auf den Spielplatz, wo Eimer, Schaufeln und
       Dreiräder kreuz und quer herumliegen. „Ich war in meinem Büro hier in der
       Nähe und habe die Schreie gehört“, berichtet er. Als er in den Hof gelaufen
       kam, „sah ich eine Erzieherin, wie sie ein Dreirad nach dem Täter warf, um
       ihn zu stoppen“.
       
       Das Child Development Center, wie der Kindergarten heißt, liegt in einer
       Seitengasse der Hauptstraße. Es ist eine Tagesstätte für Kleinkinder aus
       armen Verhältnissen. Die meisten sind unterernährt. Viele, wie die
       zweijährige Keisha, die an jenem Morgen im April verstarb, sind Kinder
       alleinerziehender Mütter. Die Versorgung von 48 der mehr als 60 Kinder wird
       von der Kirche bezahlt.
       
       Kirchenvorsteher ist der einflussreiche Pastor Peter Kasirivu, der die
       Erweckungsgemeinde in den 1990er Jahren gegründet hat. Mittlerweile hat sie
       über tausend Mitglieder und ist wohlhabend: Hinter dem kircheneigenen
       Kindergarten erhebt sich das vierstöckige Gebäude der Grund- und
       Sekundarschule für mehr als 600 Schüler sowie das Gebetshaus aus roten
       Backsteinen – einer der zahlreichen gigantischen Gebetstempel, in welche
       sich sonntags Abertausende hineindrängen.
       
       Die Kirche hat eine Sicherheitsfirma angeheuert, um das Gelände zu
       bewachen. „Die Wachmänner kamen angelaufen und halfen mir, sie schlugen auf
       ihn ein“, erinnert sich Kasujja. „Sie wollten ihn töten, so wie er die
       Kinder getötet hat.“
       
       ## Ein Mob junger Männer
       
       Noch am selben Tag kursierten in den sozialen Medien Videos eines Mobs
       junger Männer, der sich in kurzer Zeit rund um den Kindergarten
       zusammengerottet hatte. Nur wenige Meter entfernt liegt der Fischmarkt von
       Ggabba. Am Steg machen die Fischer ihre Boote fest. Tagsüber drängen sich
       hier Hunderte junge Männer, viele trinken.
       
       Unter den Fischern sind auch Väter, deren Kinder in diesen Kindergarten
       gehen. In Windeseile hatte sich der Vorfall herumgesprochen. Sie kamen in
       Panik angelaufen, es wurde geschrien, geweint. Sie wollten den Täter selbst
       fassen. „Um den Mörder davor zu bewahren, gelyncht zu werden, haben wir ihn
       in einen Schuppen eingesperrt“, so Kasujja. Er deutet auf einen Verschlag
       neben dem Eingangstor, wo sonst der Nachtwächter sitzt. „Wir haben den
       Leuten, die ihn töten wollten, klargemacht, dass wir ihn vor Gericht
       stellen müssen, um zu erfahren, warum er das getan hat.“
       
       Aus Angst, nun selbst vom wütenden Mob erschlagen zu werden, wählte Okello
       aus dem Verschlag heraus die Notrufnummer der Polizei – und bettelte um
       Hilfe. So geht es später vor Gericht aus den Ermittlungsakten hervor.
       
       ## Ggabba gilt als Krawallherd
       
       Rasch kamen daraufhin Polizisten und Soldaten angerückt. Unweit von Ggabba
       sind Armeeeinheiten stationiert, denn der Ort gilt als Oppositionshochburg
       und Krawallherd. Zwischen den Fischern und den Soldaten gibt es seit Jahren
       Konflikte: Da die Fischbestände sinken, kontrolliert die Armee die Boote,
       um zu verhindern, dass zu engmaschige Netze verwendet werden, die auch die
       jungen Fische aus dem See ziehen. Damit machen die Fischer weniger
       Einnahmen, der Frust ist groß.
       
       Um Polizei und Armee den Zugang zum Tatort zu verwehren, errichteten
       Fischer rund um das Kirchengelände Straßensperren aus Autoreifen und
       Holzlatten. Die Sicherheitskräfte antworteten mit scharfer Munition. Als
       sie die Barrikaden schließlich durchbrachen, glich Ggabba einem
       Schlachtfeld. „Sie zerrten Okello aus dem Verschlag heraus und hievten ihn
       auf einen Pick-up“, berichtet Kasujja. „Sie mussten sich den Weg
       freischießen, um mit ihm davonzufahren.“
       
       ## Ein Land in Schockstarre
       
       An jenem Osterwochenende befand sich das ganze Land in einer Schockstarre.
       Landesweit wurden Sicherheitsmaßnahmen der Kindergärten und Schulen
       aufgestockt. In den sozialen Medien wurde heiß diskutiert: Als „Monster“
       wurde der mutmaßliche Täter Okello bezeichnet. Schnell kursierten Gerüchte,
       er sei psychisch krank. „Ist er gar ein Terrorist?“, wurde spekuliert.
       
       Da der Name Okello aus dem Norden des Landes stammt, wo vor über zwei
       Jahrzehnten der berüchtigte Kriegsherr Joseph Kony Kinder aus Schulen
       entführt und zu Kämpfern ausgebildet hatte, wurde gar gemutmaßt, Okello sei
       womöglich ein traumatisierter Ex-Kindersoldat.
       
       Noch bevor die Polizei Ermittlungen einleiten konnte, wurde in den sozialen
       Medien die Todesstrafe für Okello gefordert – die schon seit den 1990ern
       nicht mehr angewandt wurde in Uganda. Als „Steuerverschwendung“
       bezichtigten viele Kommentatoren die Ankündigung der Justiz, dass der
       mutmaßliche Mörder direkt nach dem langen Osterwochenende den Richtern
       vorgeführt werden sollte.
       
       ## 2.500 Euro „Entschuldigung“ für die Familien
       
       Der für Kinder und Jugendliche zuständige Minister, Balaam Barugahara, trat
       bei einer Messe am Ostersonntag an die Kanzel und überbrachte
       Beileidsbekundungen von Präsident Museveni persönlich: Er versprach den
       betroffenen Familien je 10 Millionen Ugandische Schilling, umgerechnet rund
       2.500 Euro, als „Entschuldigung“. Doch das konnte die aufgebrachte Stimmung
       kaum beruhigen. „Die Strafe, die ihm gebührt, sollten dem entsprechen, was
       wir wünschen und nicht was ihr wollt!“, stellte Pastor Kasirivu die
       Zuständigkeit der Justiz infrage. Alle jubelten.
       
       Ugandas Justizsystem steckt seit Jahren in einer Krise. Hunderttausende
       Verfahren sind anhängig, viele Angeklagte warten jahrelang auf ihren
       Prozess. Die Gefängnisse sind überfüllt, das Vertrauen in die Gerichte
       schwindet. „Die Bürger fühlen sich vom formellen Justizsystem im Stich
       gelassen“, schrieb die ugandische Tageszeitung Daily Monitor am Tag darauf.
       Immer häufiger greifen Menschen deshalb zu Lynchjustiz oder anderen
       außergerichtlichen Formen der Bestrafung.
       
       Präsident Museveni, der seit fast 40 Jahren an der Macht ist, ernennt die
       obersten Richter des Landes. Die Justiz gehört zu den zentralen Säulen
       seiner Herrschaft – ihre Legitimität darf nicht infrage gestellt werden.
       
       Museveni reagierte schnell. Noch bevor die Ostermesse in Ggabba vorbei war,
       verkündete Ugandas Oberste Richterin Jane Abodo vor laufenden Kameras:
       Museveni habe entschieden, ein mobiles Gericht zu errichten, um schnell
       Gerechtigkeit walten zu lassen. Erst eine Woche zuvor war eine Verordnung
       erlassen worden, die mobile Gerichte bei Verfahren von „besonderem
       öffentlichen Interesse“ erlauben, um insbesondere den Menschen in
       abgelegenen Landesteilen Zugang zu ermöglichen. „Ich denke, dieser Fall
       erfüllt diese Bedingung“, so Richterin Abodo.
       
       ## Ggabba wird zum Präzedenzfall
       
       Der Mord von Ggabba sollte zum Präzedenzfall werden. Was in Ugandas
       Bürokratie sonst Jahre dauert, ging nun plötzlich schnell. Genau eine Woche
       nach der Ankündigung der Richterin raste am Montagmorgen eine Kolonne von
       Regierungslimousinen, eskortiert von Sicherheitskräften, die Straße zum
       Victoriasee hinab. Dahinter folgte ein Gefangenentransporter mit dem
       Angeklagten und ein Reisebus voller Gefängniswärter.
       
       Zehn Tage nach dem Mord tagte das Gericht erstmals. Nur rund hundert Meter
       vom Tatort entfernt wurden auf einer Wiese am Seeufer Zelte errichtet:
       Richterbank, Zeugenstand, ein geschützter Bereich für den Angeklagten.
       Hinter Absperrungen und bewacht von schwer bewaffneten Spezialeinheiten
       drängten sich Tausende Menschen. Ganz Ggabba war gekommen, um zu hören, was
       der Angeklagte zu sagen hatte. Kamerateams übertrugen alles live ins
       Fernsehen. Das ganze Land verfolgte das Verfahren.
       
       Als die Richterin Okello am ersten Verhandlungstag fragt, ob er sich für
       den Tod der vier Kinder schuldig bekenne, schüttelt dieser den Kopf. „Ich
       bekenne mich nicht schuldig“, stotterte er. Das Publikum steht auf.
       „Mörder! Mörder!“, rufen viele. Die oberste Richterin Alice Komuhangi mahnt
       zur Ruhe.
       
       ## Die Unschuldsvermutung gelte, betont die Richterin
       
       Die 14 Prozesstage in jenem Festzelt am Seeufer sind auch eine Lehrstunde
       der Justiz. Immer wieder betont Richterin Komuhangi, dass die
       Unschuldsvermutung gelte. „Sie müssen Ruhe bewahren“, donnert sie mehrfach
       ins Mikrofon.
       
       Im Beweisaufnahmeverfahren kommen grausame Details zutage. Indizien deuten
       darauf hin: Okello hat die Tat akribisch geplant. In seinem Haus unweit von
       Ggabba fand die Polizei sechs lange scharfe Messer. Die Suchmaschine seines
       Computers verriet, dass er zahlreiche Kindergärten im Umkreis
       ausgekundschaftet hatte. Die Ermittler fanden Suchbegriffe wie „ISIS
       Enthauptungen“.
       
       Sozialarbeiterin Jackline Kemigisha sitzt bei dem Prozess in der ersten
       Reihe und guckt entsetzt. Die ältere Frau im blauen Kleid arbeitet für die
       Erweckungskirche, kümmert sich um HIV-positive und alleinerziehende Mütter,
       die es in Ggabba viele gibt. Sie sorgt dafür, dass deren Kinder einen Platz
       in jener Tagesstätte erhielten, die nun zum Tatort wurde. „Besonders jetzt
       brauchen die Familien viel Unterstützung“, sagt sie. Mit der Mutter der
       kleinen ermordeten Keisha, einer Gemüseverkäuferin, sei sie befreundet.
       Diese sitzt direkt hinter ihr und ist kaum ansprechbar. Mehrfach muss
       Kemigisha die Sanitäter rufen, um die trauernde Mutter zu versorgen: „Es
       ist sehr hart für die ganze Gemeinde“, so Kemigisha. „Eine solche Tragödie
       hatten wir hier noch nie – alle sind zutiefst traumatisiert.“
       
       Zunächst steht bei dem Prozess die Frage im Raum, ob der Angeklagte
       zurechnungsfähig ist. Okellos Pflichtverteidiger Richard Kumbuga verweist
       auf psychologische Probleme seines Mandanten: Er sei sowohl in Uganda als
       auch in seiner Zeit in den USA von 2016 bis 2025 mehrfach in Behandlung
       gewesen. Eine entsprechende Krankenakte kann er jedoch nicht vorlegen.
       
       ## Ugandas einzige Psychiatrie ist überfüllt
       
       Ugandas einzige psychiatrische Einrichtung, die Butabika-Klinik, ist
       restlos überfüllt. Am Tag des Prozessbeginns erklärte Klinikleiterin Juliet
       Nakku im Parlament, dem Land fehle jede Form geschlossener forensischer
       Psychiatrie. „Wir alle haben von dem Mann gehört, der vier Kinder getötet
       hat“, sagte sie. „Wenn jemand wie er als nicht zurechnungsfähig gilt – wo
       sollen wir ihn unterbringen?“ Eine Antwort darauf hatte auch das Parlament
       nicht.
       
       Am fünften Verhandlungstag betritt Polizeipsychiater Emmanuel Nuwamanya den
       Zeugenstand. Der Arzt bestätigt Okellos Zurechnungsfähigkeit. „Er hat
       ebenso gestanden, 2016 seinen kleinen Bruder ermordet zu haben“, so
       Nuwamanya. Daraufhin habe er sich selbst in Butabika eingewiesen. Dort habe
       der Vater ihn abgeholt und in die USA ausgeflogen. Er hätte zu jener Zeit
       an Halluzinationen und schizophrenen Episoden gelitten, so der Psychiater:
       „Er hat mir gegenüber angegeben, dass er an Kindesopfer glaube, um reich zu
       werden.“
       
       ## Blutopfer sollen Wohlstand bescheren
       
       Der Glaube, dass das [1][Blutopfer von Kindern Wohlstand beschere], ist in
       Uganda verbreitet. In der Vergangenheit gab es einige Fälle von
       Kindesopfern. Gebeine wurden in Fundamenten von Einkaufszentren
       eingemauert, deren Fassaden mit Blut gesprenkelt. Traditionelle
       „Witchdoctors“ predigen bis heute diese Rituale. Im Jahr 2012 hatte die
       Polizei eine Sonderkommission eingerichtet, um diesen Praktiken
       nachzugehen. Geschehen ist seither nicht viel. 2021 wurde ein Gesetz
       verabschiedet, das auf Menschenopfer hohe Haftstrafen ausstellt. Doch nie
       wurde ein Witchdoctor verurteilt.
       
       Bereits im Jahr 2016 war im Parlament eine Verordnung eingebracht worden,
       die religiöse Gemeinschaften und vor allem traditionelle Heiler
       verpflichtet, sich zu registrieren. Doch viele einflussreiche
       Kirchenvertreter gingen dagegen vor, argumentierten mit Religionsfreiheit.
       Darunter auch Pastor Kasirivu in Ggabba. Letztlich hat die Regierung die
       Verordnung noch immer nicht in Kraft gesetzt. „Die Regierung hat darin
       versagt, diese Praktiken ein für alle Mal zu unterbinden“, so
       Sozialarbeiterin Kemigisha.
       
       Der Angeklagte Okello, stets in Jeans und Trainingsanzugjacke, verfolgt das
       Verfahren ohne viel Regungen. Einmal lacht er kurz, ein anderes Mal wischt
       er eine Träne weg. Sein Gesicht verbirgt er hinter einer Mundschutzmaske.
       Es ist ihm nicht anzusehen, was er denkt und fühlt.
       
       ## Von „mächtigen Freunden“ unter Druck gesetzt?
       
       In seiner Einlassung berichtet Okello stotternd, dass er von „mächtigen
       Freunden“ mit dem Tod bedroht worden sei. Sie wollten Geld erpressen. „Ich
       habe zunächst geplant, eine Bank auszurauben“, gibt er an, verhaspelt sich
       dabei ständig. Letztlich habe er sich an einen Witchdoctor gewandt, der ihm
       von der Idee des Kindesopfers berichtete. Okellos Verteidigungsanwalt gibt
       im Schlussplädoyer an, er habe keinerlei Zeugen finden können, die diese
       Angaben zu bestätigen.
       
       Nach gerade einmal 14 Verhandlungstagen verkündete die oberste Richterin am
       30. April das Urteil. Wieder kam ganz Ggabba im Zelt zusammen. Die
       Anspannung ist groß, die Sicherheitsmaßnahmen sind es ebenso.
       Sozialarbeiterin Kemigisha nimmt wieder in der ersten Reihe Platz: „Wir
       hoffen, dass das Urteil den Familien und der Gemeinde Heilung und
       Gerechtigkeit bringen wird“, sagt sie. Neben ihr schüttelt Dorfvorsteher
       Kasujja den Kopf: „Wenn er nicht mindestens hundert Jahre Haft bekommt,
       werden wir auf die Barrikaden gehen!“
       
       Die Richterin kommt in ihrer Urteilsbegründung zunächst zum Schluss, dass
       Okello zurechnungsfähig sei: „Er wird dieses Mal nicht davonkommen, indem
       er auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert“, versichert sie. Er habe seine
       „extrem grausame und blutrünstige Tat akribisch und kaltblütig geplant und
       ausgeführt“.
       
       Dann wendet sie sich an den Beschuldigten. „Wollen Sie dazu noch etwas
       sagen oder sich zumindest bei den Familien entschuldigen?“, fragt sie.
       Okello schüttelt den Kopf. Die Richterin verurteilt ihn zum Tode.
       
       ## „Wir wollen ihn sofort aufhängen!“
       
       Sozialarbeiterin Kemigisha springt von ihrem Stuhl auf. „Danke Gott, danke
       Präsident Museveni, dass sie uns Gerechtigkeit bringen!“, jubelt sie laut.
       Dorfvorsteher Kasujja neben ihr streckt die Faust zum Himmel. „Bringt ihn
       her, wir wollen ihn hier sofort aufhängen!“, ruft er. Die Gemeinde
       wiederholt dies im Sprechchor. Hastig führen die Sicherheitskräfte den
       Verurteilten ab, um ihn in Sicherheit zu bringen.
       
       Als Richterin Komuhangi kurz vor der Dämmerung vor der Kirche in Ggabba in
       ihre Limousine steigt und begleitet von Sicherheitskräften in Richtung
       Kampala davonfährt, jubeln ihr die Einwohner entlang der Hauptstraße zu.
       Ein Kinderchor stimmt ein Lobgesang auf Präsident Museveni an.
       
       Okellos Verfahren geht nun automatisch in Berufung – dies ist so üblich bei
       Todesstrafen. In Uganda wird zwar nach wie vor die Todesstrafe verhängt,
       doch seit Jahrzehnten nicht mehr ausgeführt. Meist sitzen die Verurteilten
       lebenslang.
       
       Doch letztlich verblieben nach dem Prozess nun mehr Fragen als Antworten,
       kritisiert Isaac Ssemakadde, Vorsitzender des ugandischen Anwaltsverbandes.
       Der Verteidigung sei kaum Raum und Zeit eingeräumt worden, eigene
       Ermittlungen anzustrengen, Entlastungszeugen zu finden. Dies sei reine
       „Mob-Justiz“ im Schnellverfahren, kritisiert er. Doch das Urteil kommt
       zumindest für den Präsidenten wie gerufen: [2][Museveni wird am heutigen
       Dienstag zu seiner nächsten Amtszeit eingeschworen]. Und zumindest für
       jetzt hat er die Menschen in Ggabba auf seiner Seite.
       
       13 May 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/menschenopfer-fuer-magie--wie-kinder-in-uganda-verstuemmelt-werden-7283774.html
   DIR [2] /Opposition-in-Uganda/!6162522
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Simone Schlindwein
       
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