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       # taz.de -- Russland und Israel auf der Biennale: „Das geht nicht!“
       
       > Im russischen Pavillon herrscht vor der Eröffnung der Biennale in Venedig
       > Totentanz – während der israelische still boykottiert wird.
       
   IMG Bild: Eindeutige Botschaft: Pussy Riot bei ihrer Protestaktion vor dem russischen Pavillon
       
       Aus dem russischen Pavillon dröhnt am Dienstagnachmittag dystopischer
       Techno. An den Mixtables steht, in seine Landesfahne gehüllt, ein
       ghanaischer DJ, vor ihm zehn betrunkene Hipster in Balenciaga-Mad-Max-Look.
       Mit gesenkten Köpfen und Campari-roten Wangen schaukeln sie zur Musik, um
       sie herum stehen verstörte Zaungäste, die das makabre Spektakel mit dem
       Handy filmen.
       
       Russland feiert. Trotz des Tötens in der Ukraine und trotz des Widerstands
       gegen die Eröffnung seines Pavillons, der zwar formell nie geschlossen,
       seit 2022 aber nicht mehr von russischen Künstlern bespielt worden war. Der
       Kreml dürfte seine Ziele damit erreicht haben. Seit Wochen dominiert
       [1][der russische Eklat-Pavillon] die Schlagzeilen, die Leitung der
       Biennale hat sich zum nützlichen Idioten des russischen Interesses an
       kulturpolitischer Normalisierung gemacht. Und steckt deshalb im
       Riesenstreit mit EU-Geldgebern, der italienischen Regierung und Teilen der
       Kunstwelt.
       
       Warum die Biennale aber all den Stress auf sich nimmt, ist unklar. Glaubt
       man dem Chef, Pietrangelo Buttafuoco, dann war und ist die venezianische
       Kunstschau eine Festung der Neutralität, ein kulturdiplomatischer Raum ohne
       Ausschluss – auch wenn sie sich in Vergangenheit mit der eigenen
       postkolonialen Politisierung oder etwa dem Boykott von [2][Südafrika] unter
       dem Apartheidregime geschmückt hatte.
       
       ## Die meisten gehen vorbei
       
       Diesen Raum will Buttafuoco verteidigen, ausgerechnet gegen Kritik an
       Russland. Wie das in den Giardini, dem zentralen Ausstellungsort ankommt?
       Gemischt. Die Ukrainer, die schräg gegenüber vom [3][Imperialbau des
       russischen Pavillons] ihren provisorischen Lkw-Pavillon installiert haben,
       halten Russlands Rückkehr für ein fatales Zeichen der Annäherung. Die
       meisten anderen Biennale-Besucher aber, an diesem Dienstag sind es fast nur
       Kunstprofessionelle, scheinen eher politikmüde zu sein. Am russischen
       Pavillon gehen sie schnell vorbei oder winken, mal schamhaft, mal
       überheblich lachend ab, sobald man mit ihnen über die absurde
       Tanzveranstaltung drinnen sprechen will.
       
       Anders, wenn es um den zweiten Polit-Elefanten im Raum geht, den
       israelischen Pavillon des Installationskünstlers Belu-Simion Fainaru. Der
       stellt nicht in den Giardini aus, wie gewohnt, sondern im Arsenale. Der
       israelische Pavillon befindet sich zurzeit im Umbau, so die offizielle
       Begründung. Womöglich wollte man aber auch verhindern, dass es wieder zu
       eskalierenden Protesten kommt.
       
       Auf den ersten Blick ist diese Strategie aufgegangen: Vor dem israelischen
       Pavillon stehen zwar Carabinieri, aber kein nach einer Intifada rufender
       Protestzug. Erst beim Lunch im Bistro nebenan zeigt sich die
       Biennale-typische Doppelmoral im Umgang mit Israel. Eine französische
       Künstlerin spekuliert mit Aperol-Spritz in der Hand über ihren Besuch im
       russischen Pavillon und zuckt dann nervös zusammen, als man ihr vom eigenen
       Besuch im israelischen erzählt: „Wie? Du warst bei den Israelis? Das geht
       nicht!“
       
       Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch der israelische Pavillonkünstler
       Fainaru. Die Mitarbeiter der hauptsächlich arabischen Nachbarpavillons
       hätten ihn mit Ignoranz gestraft, die Biennale-Kuration habe verhindert,
       dass hebräische Schriftzeichen nach außen hin sichtbar sind. „Ich habe
       lange nicht daran geglaubt, dass es diesen Antisemitismus in der Kunst
       gibt“, sagt Fainaru, „ich rede ja mit allen, aber jetzt trifft es mich
       persönlich. Nicht mal die Jury will mehr mit mir reden.“
       
       ## Bei den Israelis feiert keiner
       
       Zurückgetreten ist die Biennale-Jury letzte Woche eben nicht nur wegen
       Russland, sondern vor allem wegen Israel. Belu-Simion Fainaru stand schon
       vorher in der Kritik, er repräsentiere mit seiner Pavillonausstellung die
       verbrecherische Netanjahu-Regierung. Seine langjährige Berliner Galerie
       Plan B ließ Fainaru deshalb sogar fallen.
       
       Nur ist Israel nicht Russland. Den Unterschied sieht man im israelischen
       Pavillon. Anders als im russischen wird hier nicht gefeiert. Auf dem
       Pressecounter liegen Schmerztabletten. Daneben sitzt, in Schwarz gehüllt,
       Fainaru, er wirkt erschöpft und gibt ein Interview nach dem nächsten. Er
       wolle beweisen, sagt er, dass es ihm „nicht um Propaganda, sondern um meine
       künstlerischen Ideen“ ginge.
       
       Melancholisch und verrätselt gestalten die sich. Eine rückwärts laufende
       Uhr an der Wand, ein beschriftetes Ei im Wasserglas, eine schwarze Rose,
       eingefroren in einer offenen Tiefkühltruhe. Im Hauptraum zwischen rohen
       Ziegelwänden ein Wasserbecken, in das es immer wieder Tropfen aus einer
       Sprinkleranlage regnet – eine unheimliche Reminiszenz an die Gaskammern von
       Auschwitz. „Rose of Nothingness“ heißt die Ausstellung, die hinter dem
       stillen Boykott, aber auch unter ihrer eigenen symbolischen Schwere
       verschwindet.
       
       Eine Serie von Arbeiten, erzählt Fainaru, habe er extra für Venedig
       angefertigt: mehrere, überdimensionierte Mesusot, jüdisch-spirituelle
       Hausschützer, die an den Raumübergängen hängen. Die ganz große Bedrohung
       haben sie bisher abgewehrt. Nur die Journalisten, israelfeindliche wie
       -freundliche, kämen und fragten, ob er Angst vor Angriffen habe. Die
       Skandalwochen vor der Biennale haben anscheinend die Erwartung geschürt, es
       könnte richtig knallen.
       
       Am Mittwochmorgen geht es erst mal um Russland. Die feministische Gruppe
       Pussy Riot protestiert mit pinken Hasskappen, E-Gitarren und ukrainischen
       Fahnen lautstark vor dem russischen Pavillon: „Blood is Russia’s Art“.
       Dazwischen klingen vereinzelt die dumpfen Glockenschläge von Florentina
       Holzingers österreichischem Pavillon oder das Schreien der
       Babypuppen-Armada aus dem japanischen.
       
       Hört man auf die Zwischentöne, die antiisraelischen Plakate und Graffiti in
       den feuchten Gassen, die alten Männer mit den Jassir-Arafat-Schildern am
       Tor zur Biennale oder die abstrakt zerlegte Palästinaflagge in der Vitrine
       daneben, wird klar: In Venedig gilt Russland als das kleinere Problem.
       
       6 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Jonathan Guggenberger
       
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