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       # taz.de -- Europa-Gipfel in Armenien: Ein Durchbruch scheint in greifbarer Nähe
       
       > Die seit 1993 geschlossene Grenze zwischen der Türkei und Armenien könnte
       > bald geöffnet werden. Dafür ist Jerewan zu bedeutenden Konzessionen
       > bereit.
       
   IMG Bild: Cevdet Yılmaz am 4. Mai 2026 in Jerewan
       
       Es war ein wichtiger symbolischer Akt, als am Montag der türkische
       Vizepräsident Cevdet Yılmaz [1][zum Europa-Gipfel nach Jerewan] reiste.
       Erstmals seit knapp 20 Jahren war wieder ein hochrangiger türkischer
       Repräsentant in Armenien.
       
       Der Besuch zeigte, dass in den Jahrzehntelang blockierten Beziehungen
       zwischen beiden Ländern ein Durchbruch bevorsteht. Schon in wenigen Wochen,
       Anfang Juni, so berichten türkische Medien, könnte die seit 1993 zwischen
       der Türkei und Armenien geschlossene Grenze geöffnet und die Isolation
       Armeniens beendet werden.
       
       Seit dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 hat es
       zwischen Armeniern und Türken keine Versöhnung gegeben. Das liegt
       hauptsächlich daran, dass die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen
       Reiches eine Anerkennung des Völkermordes bis heute ablehnt.
       
       Doch die Grenzschließung zwischen der Türkei und der gerade erst aus der
       Konkursmasse der Sowjetunion neu entstandenen Armenischen Republik 1993
       hatte einen anderen Grund. Armenien und sein ebenfalls neu entstandener
       Nachbar Aserbaidschan kämpften erbittert um Berg Karabach, eine überwiegend
       von Armeniern bewohnte Enklave auf dem Territorium Aserbaidschans.
       
       ## Solidarität mit Baku
       
       Die Kämpfe reichten bis in die Spätphase der UdSSR zurück und wurden mit
       großer Erbitterung geführt. Aus Solidarität mit dem verbündeten
       Aserbaidschan, das damals den Armeniern militärisch unterlag, schloss die
       Türkei die Grenze.
       
       Ein erster Anlauf zur Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen
       zwischen der Türkei und Armenien scheiterte 2008/2009. Zum einen, weil die
       Türkei sich nach wie vor weigerte, den Völkermord anzuerkennen, was viele
       Armenier zur Vorbedingung für eine Normalisierung machten.
       
       Zum anderen, weil Aserbaidschan den Türken mit dem Stopp ihrer Öl- und
       Gaslieferungen drohte, wenn Armenien vor einer Grenzöffnung zur Türkei
       nicht wenigstens einen Teil des besetzten aserbaidschanischen Gebietes
       zurückgeben würde. Weder die Türkei noch Armenien waren bereit, diese
       Bedingungen zu erfüllen. So scheiterte die Annäherung 2009.
       
       Jetzt haben sich die Bedingungen dramatisch zuungunsten Armeniens
       verändert. Im Herbst 2023 eroberte die aserbaidschanische Armee mit
       Unterstützung der Türkei Bergkarabach komplett, die armenische Bevölkerung
       floh nach Armenien.
       
       ## Zwei Konsequenzen
       
       Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan zog zwei Konsequenzen aus
       dieser Niederlage: Er suchte Unterstützung im Westen, weil Russland
       entgegen seinen Verpflichtungen Armenien im Krieg gegen die Aseris nicht
       unterstützt hatte. [2][Und er ist trotz heftiger innenpolitischer
       Anfeindungen bereit, einen Diktatfrieden mit Aserbaidschan zu akzeptieren,
       um mindestens das armenische Kernland zu sichern].
       
       Ein noch nicht gänzlich umgesetzter Friedensvertrag, den Paschinjan und der
       aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew im August in Washington nach
       Vermittlung von US-Präsident Donald Trump unterzeichnet hatten, ist jetzt
       die Grundlage auch für die Gespräche mit der Türkei.
       
       Der Europa-Gipfel am Montag in Jerewan und das Treffen der EU-Spitze am
       Dienstag mit der armenischen Regierung dienen nun als Bestätigung, dass
       Armenien im westlichen Orbit angekommen ist und auf dieser Grundlage nun
       eine Verständigung mit der Türkei herstellen kann.
       
       ## Großer Gefallen
       
       Das kleine, vom Krieg gebeutelte Armenien ist dringend auf die Grenzöffnung
       zur Türkei angewiesen, um überhaupt eine direkte Verbindung zur EU
       herstellen zu können. Von einer Anerkennung des Völkermordes als
       Voraussetzung der Grenzöffnung ist keine Rede mehr. Der türkische Präsident
       Recep Tayyip Erdoğan verbessert dagegen mit diesem Schritt sein Standing
       gegenüber Trump und der EU.
       
       Zumal Trump ihm auch einen großen Gefallen getan hat. Unter amerikanischer
       Aufsicht soll nun eine von Aserbaidschan und der Türkei seit Langem
       geforderte exterritoriale Straße durch Armenien in die aserbaidschanische
       Enklave Nachitschewan und von da weiter in die Türkei gebaut werden.
       
       Erdoğan bekäme dann die seit Langem geforderte direkte Landverbindung nach
       Aserbaidschan und weiter in die Turk-Republiken in Zentralasien. Ein lang
       gehegter türkischer Traum wahr.
       
       5 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Jürgen Gottschlich
       
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