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       # taz.de -- Autoren über gekränkte Männer: „Für viele Frauen und Queers ist Männlichkeit die Krise“
       
       > Tobias Haberl und Ole Liebl haben beide Bücher über fragile Männlichkeit
       > geschrieben – mit unterschiedlichen Thesen. Ein Gespräch.
       
   IMG Bild: Sind sich doch in vielen Dingen einig: Ole Liebl (l.) und Tobias Haberl
       
       Tobias Haberl und Ole Liebl treffen kurz nacheinander im Hotel in Frankfurt
       am Main ein, in dem wir zum Gespräch verabredet sind. Beide haben sich als
       Autoren mit Männlichkeit beschäftigt. Während Haberl sich fragt, ob heute
       ein zu artiges, feminines Männerbild vorherrscht, kann Liebl in einer
       queeren, weichen, emotionalen Männlichkeit viel Positives sehen – gute
       Voraussetzungen für ein Streitgespräch also. Interviewer und Interviewte
       sind altersmäßig nicht so weit auseinander, deshalb sind alle sofort beim
       Du, als sie sich im Aufenthaltsraum des Hotels in die Sessel fallen lassen. 
       
       taz: Tobias Haberl, Ole Liebl, wenn wir auf die Fälle von sexualisierter
       Gewalt in jüngerer Zeit blicken – Weinstein, Pelicot, Fernandes und so
       weiter –, wie viel haben sie mit fragiler Männlichkeit und der Krise der
       Männlichkeit zu tun? 
       
       Tobias Haberl: Männlichkeit ist per se krisenanfällig, Mensch sein ist
       krisenanfällig. Ich glaube, wir befinden uns in einer permanenten Krise der
       Männlichkeit und vielleicht sogar der Weiblichkeit. Ich finde es
       undifferenziert, wenn jetzt von einer „neuen Krise der Männlichkeit“
       gesprochen wird. Ich habe vor vier Jahren ein Buch darüber geschrieben,
       Klaus Theweleit hat in den 1970er Jahren „Männerphantasien“ geschrieben.
       Die akute Krisenwahrnehmung ist meines Erachtens eher einer Medienlogik
       geschuldet. Gerade richten wir die Scheinwerfer voll auf dieses Thema, aber
       solche Fälle gab es immer, gibt es in dieser Sekunde, wird es nächste Woche
       geben. Neu ist: Im Moment haben wir eine gesellschaftspolitische Situation,
       in der fragile Männlichkeit politisch stark instrumentalisiert und
       manipuliert wird, vor allem von rechts außen.
       
       Ole Liebl: Die Krise der Männlichkeit als etwas Aktuelles zu bezeichnen,
       finde ich auch geschichtsvergessen. In den westlichen Gesellschaften
       kritisieren feministische Bewegungen bereits seit einem Jahrhundert relativ
       lautstark Männlichkeit. Pointiert gesprochen: Männlichkeit ist für viele
       Frauen und Queers nicht in der Krise, sondern ist die Krise selbst.
       Außerdem ist Männlichkeit in unserer Kultur sehr stark mit dem
       Leistungsprinzip verbunden. Wenn du aber erst etwas leisten musst, um ein
       richtiger Mann zu werden, ist Männlichkeit immer schon krisenhaft angelegt.
       Deshalb haben die diskutierten Fälle nichts mit einer neuartigen, fragilen
       Männlichkeit zu tun. Mich interessiert eher, warum solche Taten über Jahre
       hinweg verübt werden können und alle beteiligten Männer dichthalten.
       
       taz: Warum ist das so? 
       
       Ole Liebl: Für die [1][französische Philosophin Manon Garcia] besteht
       patriarchale Gewalt auch aus einem System des Schweigens. Das Beschweigen
       von Gewalt gegen Frauen erzeuge für sie einen doppelten Nutzen: Zum einen
       schaffe es ein männerbündlerisches Miteinander, weil man sich gegenseitig
       beschützt. Zum anderen verdecke das Schweigen die individuelle Scham der
       (Mit-)Täterschaft – sofern sie überhaupt existiert.
       
       taz: Gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Wie würdet ihr eure Prägung
       beschreiben, was Geschlechterverhältnisse und -rollen betrifft? 
       
       Tobias Haberl: Ich komme aus der bayerischen Provinz, bin behütet auf dem
       Land groß geworden. Meine Mutter war auf dem Musikkonservatorium, hat dann
       aber nicht gearbeitet, sondern am Nachmittag Tee gekocht und Gebäck
       serviert. Mein Vater war Arzt, 80 Wochenstunden waren die Regel.
       
       Für mich war das normal, ich kannte es nicht anders. In meiner Jugend habe
       ich Metal gehört, eine sehr männliche Musik, später Punk, dann Postpunk,
       dann Wagner. Ich war ein Träumer, habe viel gelesen und dann auch
       Literaturwissenschaften studiert.
       
       Die maßgeblichen Autoren waren zu 95 Prozent Männer: Goethe, Schiller,
       Kafka, Rilke, Benn. Ich bin tatsächlich fast nur von Männern geprägt
       worden: den Pop- und Filmstars, aber auch meinem Tennistrainer, meinem
       Fahrlehrer, meinem Klassenlehrer, meinem ersten Chefredakteur.
       
       taz: Warum sind die (pop)kulturellen feministischen Strömungen an dir
       vorbeigezogen? 
       
       Tobias Haberl: Da, wo ich herkomme, gab es keine feministischen Strömungen.
       Und selbst im Studium bin ich nicht darüber gestolpert. Mich hat die blaue
       Blume bei Novalis begeistert, nicht Judith Butler. Ich habe mich erst sehr
       spät politisiert, aber inzwischen alles nachgeholt.
       
       taz: Ole, wie bist du gendertechnisch sozialisiert? 
       
       Ole Liebl: Ich bin Kind einer Großfamilie, wo Heirat, Freundschaft und
       Adoption zu wilden Patchworkverhältnissen geführt haben. Stereotype
       Kleinfamilie gab es nicht. Das hat geprägt, wie ich heute auf
       freundschaftlich erweiterte, queere Familien, Regenbogenfamilien oder
       andere Konstellationen blicke: für mich Standard. Ich bin außerdem auf dem
       Dorf aufgewachsen; sich dort kulturell zu entfalten, war schwierig. Deshalb
       habe ich mich in Bücher versenkt, viel gelesen.
       
       So kam ich auch zur Philosophie, was ich dann neben der Informatik auch
       studiert habe. Mein Outing als nicht binärer Mann war ziemlich easy, mein
       Freundeskreis super supportive. Wir haben Metalbands wie Mayhem und Morbid
       Angel gehört und uns auf Konzerten Rotwein per Mund-zu-Mund-Küssen
       eingeflößt. Fragen rund um Geschlecht und Sexualität kamen aber erst später
       bei mir auf, was vielleicht auch an der Zeit lag. Ich hatte damals einfach
       kein Konzept von und keinen Begriff für so etwas wie ein nicht binäres
       Gender.
       
       taz: Tobias, deine These lautet: Eigentlich ist es super, dass sich Männer
       durch den Feminismus neu definieren müssen, aber der Wandel kommt zu
       schnell, viele Männer sind überfordert. 
       
       Tobias Haberl: Ich sage nur, dass es zu Schwierigkeiten führt, wenn Wandel
       auf Biegen oder Brechen und ohne Rücksicht auf Verluste herbeigeführt
       werden soll. Es gibt Prägungen, die sind so tief in Menschen verinnerlicht,
       dass es eine gewisse Zeit braucht, um sich von ihnen zu lösen. Deshalb
       finde ich den diffamierenden Ton gegenüber Männern im Diskurs oft
       unerträglich. Alte weiße Männer wurden und werden pauschal für alles
       Unglück der Welt verantwortlich gemacht – das ist Unsinn. Was wäre mit
       jemandem wie meinem Vater?
       
       Er ist ein konservativer Mensch, aber kein dominanter Patriarch, sondern
       ganz weich, liebevoll und verantwortungsbewusst. Natürlich hat er kaum im
       Haushalt geholfen – ich habe ihn tatsächlich noch nie mit einem Kochlöffel
       oder Bügeleisen gesehen –, aber meine Mutter wollte das gar nicht.
       Stattdessen hat er 35 Jahre lang Liebe und Fürsorge in die Welt gebracht,
       hat rund um die Uhr alles für seine Familie und seine Patienten getan. Ich
       finde, man sollte die Lebensleistung solcher Menschen anerkennen.
       
       Stattdessen werden sie durch die Bank abgewertet. Die taz hatte, nur ein
       Beispiel, früher eine Kolumne namens „Dumme weiße Männer“. Und [2][die
       Autorin Pauline Harmange] hat geschrieben, alle Männer seien „faul, feige,
       gewalttätig und egoistisch“. Das treibt verunsicherte Männer in die
       Reaktanz, und dann haben wir den Salat.
       
       Ole Liebl: Bei Pauline Harmange erhebe ich Einspruch. Als
       Literaturwissenschaftler solltest du eine politische Polemik nicht beim
       Wort nehmen, sondern sie auch als solche behandeln! Ich finde Harmanges
       Polemik sehr gelungen. Sie schafft es, Gefühle wie Wut, Hass und
       Verzweiflung politisch zu integrieren und fruchtbar zu machen.
       
       Tobias Haberl: Die Polemik ist genau der Punkt: Ich bin in der Lage, sie zu
       erkennen. Entscheidend ist aber, wie die meisten Männer diesen Satz lesen
       würden und wie er bei ihnen ankommt: degradierend und beleidigend.
       
       taz: Als du, Tobias, vor einigen Jahren ein umstrittenes und
       differenziertes Porträt über die Spiegel-Autorin Margarete Stokowski
       geschrieben hast, schien es mir so, dass du ihre Fähigkeit, scharf und
       pointiert zu schreiben, auch ein Stück weit bewundert hast. 
       
       Tobias Haberl: Ich bin Margarete Stokowski, Sophie Passmann und all den
       anderen Autorinnen auch dankbar, weil sie mich dazu gebracht haben, über
       Dinge nachzudenken, über die ich vorher 40 Jahre lang nicht nachgedacht
       habe. Ich kritisiere nur, dass man als Zivilisationsirrtum gilt, wenn man
       männlich, heterosexuell, weiß und jenseits der 40 ist. Noch ein Beispiel:
       Wenn Fridays for Future die Kohlearbeiter, die 40 Jahre unter Tage
       geschuftet haben, um ihre Familien zu ernähren, als „Kohle-Nazis“
       beschimpft, dann stimmt etwas nicht. Ich finde es eine Frechheit, wenn
       19-jährige Bürgerstöchter so reden, ohne anzuerkennen, dass auch sie davon
       profitieren, was frühere Generationen, übrigens Männer und Frauen,
       geleistet haben. Das Buch habe ich damals geschrieben, weil ich den Ton in
       der Debatte unsäglich fand. Aus einer berechtigten Kritik wurden
       Pauschalurteile und Hasspamphlete.
       
       Ole Liebl: Gefühlspolitisch finde ich das interessant. Denn nicht nur
       rechte Männer, sondern auch progressive Frauen oder sozialistische Queers
       empfinden Hass. Diese Gefühle in Anbetracht von Unterdrückung und
       Unfreiheit zu äußern und sie produktiv zu machen, halte ich für wichtig –
       auch um die Leute zu mobilisieren und sie auf die Straße zu bringen. Wenn
       der Hass auf Männer als Gruppe, die strukturell Gewalt ausübt, in einem
       Hass auf den Mann als Einzelwesen mündet, ist aber etwas schiefgelaufen.
       Dann ist es eine Mobilisierung, die sich gegen Individuen richtet, anstatt
       das Patriarchat anzugreifen. Einen harten Ton finde ich in Ordnung, wenn
       man ihn mit emanzipatorischen Anliegen verbindet. Es ist allerdings nicht
       der einzige Weg: Man kann Männer bestimmt auch anders mitnehmen und sollte
       nicht vergessen, dass diese Männer auch Menschen sind, die leben, leiden
       und lieben.
       
       taz: Tobias, du hast geschrieben, du würdest dir manchmal kantige Typen
       zurückwünschen wie zum Beispiel Klaus Kinski. Gerade der ist ja der
       Inbegriff des übergriffigen, größenwahnsinnigen Manns. 
       
       Tobias Haberl: Da muss ich etwas ausholen. Ich bin in einer Zeit groß
       geworden, die extrem sexistisch war. In der Werbung standen Männer für
       Autos und Abenteuer, Frauen für Gardinen und Putzmittel – wenn sie nicht
       gerade als Sexsymbole auftauchten. Die Kinohelden waren Arnold
       Schwarzenegger und Sylvester Stallone. Wie hätte ich ahnen sollen, dass
       diese Typen immer schon dekonstruierte Helden waren, Sinnbilder einer
       krisenhaften Männlichkeit? Und was Kinski betrifft: Natürlich faszinieren
       mich Gauner, Künstler, Boxer, Casanovas, [3][widersprüchliche oder
       abgründige Helden], die auf dem Gipfel stehen oder in der Gosse liegen,
       aber eher keine WC-Ente bei Rossmann kaufen. Trotzdem würde ich niemandem
       empfehlen, sie zu heiraten.
       
       taz: Würdest du sagen, dass die „gekränkten Männer“ aus dem Gefühl der
       Abwertung und Verunsicherung heraus nun eben scharenweise zu
       [4][Manfluencern wie Andrew Tate oder Jordan Peterson] überlaufen? 
       
       Tobias Haberl: Das ist wesentlich komplexer. Der Erfolg der Manfluencer hat
       auch damit zu tun, dass unsere Welt in den vergangenen Jahren
       unübersichtlicher und unsicherer geworden ist. Bei den jungen Menschen –
       Männern und Frauen – erlebe ich viel Angst, Unsicherheit,
       Perspektivlosigkeit. Bekomme ich einen Job? Kann ich mir die Wohnung in der
       Großstadt leisten? Gibt es in zwei Jahren Krieg? Dazu kommen dann die
       Teenagerängste, vielleicht haben diese jungen Männer noch keinen Sex
       gehabt, hätten aber gern welchen. Vielleicht würden sie gern besser
       ankommen beim anderen oder beim gleichen Geschlecht, und es gelingt ihnen
       nicht.
       
       Ihnen wird aber nicht dabei geholfen, charakterlich zu wachsen und souverän
       zu werden, sondern ihnen wird signalisiert: Ich mache dich groß, hart,
       unangreifbar. Durch bestimmte Übungen, Körperlichkeit, Ernährung. Das
       Gegenteil passiert: Diese Menschen bleiben unsicher, entwickeln sich nicht
       oder zu Scheinriesen. Es gibt ein Zitat von Simone de Beauvoir: „Niemand
       ist Frauen gegenüber aggressiver als ein Mann, der sich seiner Männlichkeit
       nicht ganz sicher ist.“ Die antifeministischen Influencer machen sich diese
       Unsicherheit zunutze.
       
       Ole Liebl: Ich finde Sex einen wichtigen Punkt. Der sexpositive Feminismus
       ist aktuell ziemlich tot. Angesichts der Fälle von Weinstein, Pelicot und
       anderen ist das zwar verständlich. Aber es gab ja schon eine Zeit, wo ein
       lustbetoner, sexpositiver Feminismus lauter und präsenter war, und das war
       inmitten von #MeToo. Ich wünsche mir, dass diese Form des Feminismus
       zurückkehrt, weil Sexualität nicht nur Gewalt, sondern auch Heilung
       bedeuten kann.
       
       taz: Aber das Vertrauen der Frauen ist dafür vielleicht nicht mehr
       vorhanden? 
       
       Ole Liebl: Ich sehe mich nicht in der Position, Frauen zu raten, wie sie
       sich zu verhalten haben. Aus einer queeren Perspektive heraus kann ich nur
       sagen: Das Sexuelle und die Erotik sind nicht nur Orte der Kritik und der
       Grenzen, sie sind auch Orte der Emanzipation und der Gemeinschaft. Ich
       empfehle heterosexuellen Menschen bei aller berechtigten Sorge, das nicht
       zu vergessen.
       
       taz: Ole, sind junge Männer auch deshalb so schwer verunsichert, weil die
       jungen Frauen und der Feminismus so selbstbewusst und erfolgreich
       daherkommen? 
       
       Ole Liebl: Wenn man sagt, der Feminismus in all seinen Erscheinungsformen
       sei schuld an der Verunsicherung von Männern, würde ich immer sagen: Ja
       klar! Hoffentlich! Er ist ja dazu da, Männer in ihrer Position zu
       verunsichern. Wenn man es aber dem Feminismus in die Schuhe schiebt, dass
       nun irgendwelche Maskulinisten misogyne und antisemitische Propaganda
       betreiben und damit Kohle machen, ist das eine bizarre Täter-Opfer-Umkehr.
       Der Feminismus ist vielleicht schuld am maskulinistischen Backlash, aber er
       trägt nicht die Verantwortung dafür.
       
       Tobias Haberl: Ein Faktor, der meines Erachtens total unterschätzt wird,
       ist die Erziehung. In erster Linie ist es die Aufgabe von Eltern, ihren
       Kindern Werte zu vermitteln, sie auf das Leben, wie es nun mal ist,
       vorzubereiten. Das hat aber natürlich auch mit Politik und Ökonomie zu tun.
       Wer stellt die Bedingungen her, unter denen Eltern ihre Kinder erziehen?
       Wer arbeitet, wer arbeitet nicht? Wie viel Zeit hat man für Kinder? Wie
       sind Kitas ausgestattet?
       
       Ole Liebl: Andererseits hat sich doch in der Erziehung total viel getan.
       Wenn ich sehe, wie heute Erziehungsratgeber und pädagogische Leitlinien in
       Kitas verfasst sind, dann stehen die für mich eindeutig für Fortschritt.
       Der Punkt bei den Influencern ist meines Erachtens eher, dass die Teenies
       dem elterlichen Einfluss auf Social Media so stark entzogen sind. Die
       Eltern kommen gar nicht an ihre Kinder ran.
       
       Tobias Haberl: Der Theologe Hans Jellouschek hat die These aufgestellt,
       dass der zu virile, aber auch der zu wenig virile Mann im „Ressentiment
       gegen die eigene Männlichkeit“ lebe. Ich frage vorsichtig: Könnte es sein,
       dass in Bildungsanstalten ein zu artiges, zu domestiziertes Ideal des
       Mannes vorherrscht? Dass zu wenig gelebte Männlichkeit zu extremen Formen
       des Machismo führt? Es gibt Psychologen, die diese These vertreten. Dass es
       problematisch, ja kontraproduktiv ist, wenn junge Männer eine gewisse Seite
       nicht ausleben dürfen, die sie ausleben sollten – Lust am Konflikt,
       Wettkampf, Rivalität. Und dass sie das sozusagen überkompensieren und
       „toxisch“ männlich werden.
       
       Ole Liebl: Da muss man wirklich vorsichtig sein mit solchen Argumenten.
       Hier ist man schnell bei der angeblichen „Verschwulung“ von Jungs durch
       weibliches Personal an Kitas und Schulen. Zumal männliche Tugenden in der
       beruflichen Realität nach wie vor zentral sind. Aber eigentlich will ich eh
       weg von der Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen
       Eigenschaften, männlichem und weiblichem Verhalten, wenn es um
       feministische Kritik geht.
       
       taz: Wie meinst du das? 
       
       Ole Liebl: Es gibt keine per se „toxischen“ Eigenschaften, egal ob sie
       männlich sind oder nicht – alle Eigenschaften können toxisch werden.
       [5][Sophia Fritz hat in „Toxische Weiblichkeit“ sehr gut beschrieben], wie
       weiblich und positiv konnotierte Eigenschaften wie Sanftmut, Zugewandtheit,
       Zärtlichkeit in übertriebene Fürsorge kippen können. Im Patriarchat werden
       bei Männern Eigenschaften wie Lautstärke, Aggressivität oder Stolz
       vorschnell als „toxisch“ abgestempelt. Aber es sind nicht
       Charaktereigenschaften, die per se toxisch sind, sondern eine patriarchale
       Machtausübung, die sich mit ihnen verbinden kann.
       
       taz: Wie viel hat die Veränderung der Arbeitswelt in der postindustriellen
       Gesellschaft dazu beigetragen, dass Männer zum Teil so wurden, wie sie
       sind?
       
       Tobias Haberl: Sowohl in den USA als auch in Deutschland oder Frankreich
       sieht man, welche Wählergruppen von linken Arbeiterparteien zur AfD
       gegangen sind. Viele Industriearbeiter haben Trump gewählt. Das
       Selbstverständnis und die eigene Identität dieser Menschen ist zerbröselt.
       Sie sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man 45 Jahre schuftet,
       danach hat man ein kleines Häuschen und noch 20 Jahre Rente. Das alles gilt
       nicht mehr. Linke Parteien wie die Grünen oder die SPD haben zu Recht über
       Minderheiten nachgedacht, aber zu wenig über andere Teile der Gesellschaft.
       Das Verhältnis muss stimmen. Wir haben ein Problem, wenn sich weite Teile
       der Arbeiterschaft ohnmächtig fühlen.
       
       Ole Liebl: Die Konstellation, dass Männer einen Lohn verdienen, der eine
       ganze Familie ernähren kann, ist eine historische Einmaligkeit in der Zeit
       der Vollindustrialisierung, also mit Unterbrechungen zwischen 1890 und
       1970, grob gesprochen. Selbst im Kaiserreich um die Jahrhundertwende waren
       viele Frauen erwerbstätig. Und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es kaum
       Männer. In der DDR haben Frauen mehrheitlich gearbeitet. Die Ideologie vom
       Familienernährer war eine kurzlebige Realität, doch bis heute gründen
       Männer ihre Identität darauf, als ob das seit der Steinzeit so wäre.
       
       taz: Wie groß ist das Problem der Einsamkeit bei Männern? Es war in letzter
       Zeit die Rede von einer regelrechten Einsamkeitsepidemie. 
       
       Ole Liebl: 2021 ist dazu eine aufsehenerregende Studie in den USA
       veröffentlicht worden. Darin wurde festgestellt, dass Männer seit den
       1990er Jahren weniger Freunde haben. Es gebe eine „male loneliness
       epidemic“. So eindeutig konnte das in anderen Studien nicht nachgewiesen
       werden. Die Anzahl der Freunde sagt ja auch noch nichts über die Qualität
       dieser Freundschaften aus. Vielleicht geht es in diesem Diskurs gar nicht
       primär um die Einsamkeit von Männern, sondern darum, dass sich die
       Ansprüche, die wir heute an Freundschaften stellen, insgesamt gewandelt
       haben. Und einsam kann man eben auch sein, wenn man viele Freundschaften
       hat, diese aber völlig oberflächlich sind.
       
       Tobias Haberl: Ich glaube, dass das ein Generationenthema ist. Die Männer,
       die jetzt alt sind, haben vieles einfach nicht gelernt im Umgang mit
       anderen – mit Frauen, mit Freunden, überhaupt mit anderen Menschen. Sie
       sind im Sozialen nicht so stark, können sich nicht so gut helfen. Die
       Männer, die heute 20 oder 30 sind, haben dieses Problem später vielleicht
       gar nicht mehr so stark.
       
       taz: Gibt es heute eigentlich gute Role-Models für männliches Altern? Wer
       fällt euch da ein? 
       
       Ole Liebl: Wie wäre es mit Omas? Ich halte alte Frauen für ein gutes
       Role-Model, auch für alte Männer.
       
       Tobias Haberl: Ich beobachte schon auch, dass Frauen irgendwie
       lebenstüchtiger sind als Männer.
       
       taz: Braucht es heute eine spezifische Männerpolitik? 
       
       Tobias Haberl: Wenn unsere Ministerien und demokratischen Institutionen
       einen guten Job machen, braucht es keine Jungs- oder Männerpolitik. Es gibt
       bei uns die Tendenz, dass immer neue Instanzen und Gesetze installiert
       werden, obwohl eigentlich alles da ist, was benötigt wird. Man muss die
       Dinge nur gut umsetzen.
       
       Ole Liebl: Historisch hat sich eine Frauenpolitik herausgebildet, die aus
       autonomen Bewegungen entstanden ist und die beispielsweise Frauenhäuser mit
       aufgebaut hat. Es ist gut, dass die inzwischen institutionalisiert ist,
       dadurch sind auch Finanzierungen dauerhaft gesichert. Die Frauenpolitik
       entstand aber aus einer marginalisierten Perspektive, das ist ein riesiger
       Unterschied. Ob man Männerpolitik also nach einem solchen Vorbild gestalten
       kann, weiß ich nicht.
       
       11 May 2026
       
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