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       # taz.de -- Ausstellung über New Yorker Kunst: Der Tod ist nah
       
       > Der Gropius Bau in Berlin stellt die sezierenden Aufnahmen Peter Hujars
       > der minimalen Kunst Liz Deschenes gegenüber. Das Konzept geht auf.
       
   IMG Bild: Peter Hujar, Candy Darling on Her Deathbed, 1973
       
       Die Augen sind schon lange aus dem Schädel verschwunden, der, das Kinn auf
       die Brust gekippt, mit Rosen gekrönt und Spitze bedeckt, durch die Scheibe
       eines gläsernen Sargs zu erkennen ist. Seit Jahrhunderten gebettet auf
       weißem Chiffon, leuchten die Gebeine der unbekannten Toten als heller
       Bildmittelpunkt in dem dunklen Abzug, aufgenommen von Peter Hujar, 1963 in
       der Kapuzinergruft Palermos, die er gemeinsam mit seinem damaligen Partner,
       dem Künstler Paul Thek, auf einer Italienreise besuchte.
       
       Der katholisch aufgewachsene Hujar machte viele Aufnahmen der aufgebahrten
       Skelette. Später kann man über den Fotografen lesen, dort hätte seine
       Faszination für den Tod begonnen, die in vielen seiner Bilder als stille
       Antizipation spürbar ist: So werden wir alle enden. In der aktuellen
       Ausstellung „Persistence of Vision“ im [1][Berliner Gropius Bau] von Peter
       Hujar und Liz Deschenes kann man dies in bedrückender Deutlichkeit
       betrachten.
       
       Dort leuchtet auch „Candy Darling on Her Death Bed“ von 1973 mit weißer
       Haut auf weißen Laken inmitten des dunklen Krankenhausraums, bewacht von
       gefüllten Chrysanthemen. Die Haut spannt sich über die mageren Glieder, der
       Kopf ist gesenkt, die glamourös geschminkten Augen blicken direkt aus dem
       Bild heraus. Gerade mal 29 Jahre alt ist die Schauspielerin und Muse Andy
       Warhols auf den Fotos. Darling stirbt an einem Lymphom. Hujar hält sie fest
       mit trotzigem Blick und sinnlicher Pose: Es ist das Mädchen selbst, das
       hier den Tod verführt.
       
       1934 als Sohn ukrainischer Einwanderer in New Jersey geboren, wächst Hujar
       bei seinen Großeltern auf. Als die Großmutter stirbt, zieht er als
       Zwölfjähriger zur Mutter und ihrem zweiten Ehemann nach Manhattan. Schon in
       jungen Jahren beginnt er zu fotografieren, seine Mutter, und auch Tiere,
       ein Sujet, das ihn zeitlebens begleiten wird. Anfang der 1950er Jahre
       besucht er eine Schule für Kunst und Design, arbeitet in einem Buchladen,
       bewegt sich immer mehr in der Bohème von East Village und Lower Manhattan.
       
       ## Der Junge, der nie blinzelt
       
       Zeitweise gehört Peter Hujar wie Candy Darling zur [2][Factory-Szene um
       Andy Warhol]. „The boy who never blinks“ tauft der Pop-Künstler den jungen
       Fotografen. Warhols vierminütiger „Screentest“ Hujars, der die Schau
       eröffnet, erbringt den Beweis: Der junge Hujar blickt darauf direkt in die
       Kamera, fast unbewegt in der verlangsamten Filmaufnahme, nur selten
       schließen sich die Augen zum Blinzeln. Hypnotisiert starrt man in das
       Gesicht des jungen Mannes, bis sich die Schatten auf dem Schädel in
       abstrakte Rorschach-Tests verwandeln.
       
       Und als hätte man in dieser kleinen Übung des konzentrierten Schauens
       seinen Blick für die Zusammenhänge des Visuellen geschärft, fügen sich die
       abstrakt gestreiften Fotogramme der New Yorkerin Liz Deschenes, auf die man
       hinter der Projektion trifft, absurd glatt in den Raum ein. Dichte, schmale
       Streifen voll tief bewegtem Braungrau reihen sich an den Wänden des
       Ausstellungsraums, in ihrer uneindeutigen Materialität und Farbe seltsam
       harmonierend mit den semitransparenten Rollos vor den Fenstern und den
       Negativräumen der Heizkörperverkleidung.
       
       Auch die knapp dreißig Jahre jüngere Deschenes lebt in New York. Die von
       Eva Respini kuratierte Gegenüberstellung Deschenes zeitgenössischer
       post-konzeptioneller Fotografien und minimalen Skulpturen mit Hujars
       Portraits, seinen Tieren, Landschaften und Architekturen, bekommt den
       historischen Aufnahmen. Deschenes Werke unterstreichen die totale
       Abwesenheit des Kitschs.
       
       Besonders deutlich wird das in ihren Werken aus Claude-Glass, einem
       polierten schwarzen Stein, der im 17. Jahrhundert zur farbentsättigten
       Spiegelung der Natur von Landschaftsmalern verwendet wurde. Im Gropius Bau
       spiegelt sich der minimale Raum mit den Betrachtenden darin im kühl
       glänzenden Stein, dessen begehrenswerte Textur die Dichte des Materials an
       sich betont. Wie Hujar zeigt auch Deschenes schlicht, was ist.
       
       ## Viele haben nicht überlebt
       
       Hujars Material sind seine Motive. Während die Zeitgenossin Diane Arbus,
       deren Bilder zuvor in den gleichen Räumen in einer
       kompliziert-irritierenden Installation ausgestellt waren, mit zärtlichem
       Blick Unbekannte und Außenseiter einfing, ist Hujars Bildsprache von hoher
       technischer Präzision und sezierendem Blick geprägt. Deutlich wird dies
       beispielsweise an seinen exakt inszenierten Selbstportrait „Im Sprung“ von
       1974: Einmal mit und einmal ohne Hemd, in akkurater Pose. Hujar blickt mit
       Ernsthaftigkeit in die Kamera, die Hand zum ironischen Gruß an die Stirn
       gelegt.
       
       Lange kann man vor diesen beiden Bildern stehen bleiben, das Brusthaar
       betrachten, die Jeans, die Clogs, das um Schatten verschwimmende New Yorker
       Apartment im Hintergrund. Seine radikale Neugier richtet Hujar auch auf
       sich selbst. Die darin deutlich werdende Kompromisslosigkeit seiner Kunst,
       die er in einer Meisterklasse Richard Avedons gelernt haben soll, bringt
       ihm geringen Erfolg zu Lebzeiten, dafür große Bewunderung, auch bei
       jüngeren Künstler:innen wie Nan Goldin und [3][David Wojnarowicz, mit
       dem Hujar] eine kurze Liebesbeziehung und eine lebenslange Freundschaft
       verband.
       
       So wie Portraits seines zeitweiligen Lebensgefährten Paul Theks finden sich
       auch anrührende Aufnahmen Wojnarowicz' in der Ausstellung. Da sind Fotos
       der Autorinnen Susan Sontag und Fran Lebowitz, William S. Burroughs und
       Sheryl Suttons, Bill Elliotts und Charles Ludlams und viele andere. Fast
       alle sind mittlerweile verstorben. Viele von ihnen, so wie Hujar selbst, an
       den Folgen von AIDS. Und so liegt in der retrospektiven Betrachtung der
       geduldigen Bilder Hujars auch immer das gesellschaftliche Versagen im
       Angesicht der Epidemie offen. Wie in einem gläsernen Sarg.
       
       27 Apr 2026
       
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