URI:
       # taz.de -- Die Wahrheit: Kerosin im Blut, Energie auf Kurs
       
       > Alle lieben Flugbenzin. Besonders wenn es billig ist. Denn es schmeckt
       > nach Waldmeister und lässt uns weit in die Welt reisen.
       
       Das Kerosin ist sicher!“, blubberte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
       unlängst vollmundig bei einem Krisentreffen mit Vertretern der Luftfahrt-
       und Mineralölindustrie. „Der Flugbetrieb muss auch weiterhin stabil
       laufen“, ergänzte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder.
       
       Der weithin unbekannte Politiker durfte immerhin virtuell am Treffen der
       petroligen Luftfahrer teilnehmen, nachdem eine Verwechslung mit dem
       ebenfalls weithin unbekannten Bundesumweltminister Schneider ausgeschlossen
       werden konnte.
       
       „Was sollen wir denn sonst machen? Etwa mit der Eisenbahn fahren?“,
       witzelte der ansonsten eher wortkarge Trittbrettfahrer der Verkehrswende
       rückwärts. Das Protokoll vermerkte daraufhin Heiterkeit unter den
       Anwesenden sowie die verblüffte Rückfrage „Was ist eine Eisenbahn?“ von
       einem Luftfahrtfunktionär.
       
       ## Pechblende für die Zukunft
       
       Zuvor hatte die Ministerin Reiche vor Pressevertretern ein Kännchen vom
       grünen Kerosin verköstigt, der den schwefelgelben Flugzeugtreibstoff in
       unbestimmter Zukunft ablösen soll.
       
       „Es ist grün und schmeckt nach Waldmeister“, erklärte die leicht
       entflammbare Brennstoffexpertin den Unterschied zum herkömmlichen Kerosin.
       Ursprünglich sollte der grüne Energieträger total aufwendig aus
       regenerativem Wasserstoff hergestellt werden, doch dann fanden externe
       Berater der Ministerin heraus, dass es sehr viel unkomplizierter ist, „die
       Suppe einfach einzufärben, interessiert doch eh keine Sau“.
       
       Langfristig will die ministerielle Energiebrumme einen neuartigen
       Atomkraftstoff aus Thüringer Pechblende für sämtliche Küchen- und
       Passagiermaschinen entwickeln lassen, der neben Ewigkeitslasten auch noch
       „richtig geil CO2 in die Atmosphäre ballert“, wie Reiche ihrem Fahrtenbuch
       (nur Verbrenner) kürzlich anvertraute. Doch bis diese technische Innovation
       „made in Germany“ den Weltmarkt erobern kann, müssen die Fluggesellschaften
       tanken, was die Schiffchen der Mineralölkonzerne aus dem Nahen Osten
       herantuckern. Und das ist nicht eben viel, seit die Straßensperrung von
       Hormus den Tankerverkehr lahmgelegt hat.
       
       ## Beliebte Inlandsverbindungen entfallen
       
       Die Folgen für den deutschen Luftverkehr sind erheblich. Nachdem die
       Lufthansa ihre defizitäre Tochtergesellschaft Cityline Airlines
       dichtgemacht hat, entfallen wichtige Inlandsverbindungen wie der beliebte
       Rosinenbomber von Schmör- nach Korschenbroich oder der tägliche Parabelflug
       von Pirmasens nach Kaiserslautern. Der Kleinstflughafen
       Dortmund/Unna/Holzwickede wird mit dem wesentlich größeren
       Modellfliegerhorst gleich daneben zusammengelegt, und die holländische
       Fluggesellschaft KLM will von Frankfurt statt der niederländischen Antillen
       nur noch niederländische Destillen anfliegen.
       
       Pöbelspediteur Ryanair kündigte wiederum an, auf Kurzstrecken künftig
       Nahverkehrskatapulte einzusetzen, die gänzlich ohne Treibstoff auskommen.
       „Städtereisende schleudern wir wie früher über die Mauern der belagerten
       Bettenburgen“, erläuterte ein Unternehmenssprecher das neue
       Fremdenverkehrskonzept für überlaufene Topdestinationen wie Barcelona oder
       Prag. Die Billigheimer von Eurowings wollen nur noch abheben, wenn die
       Fluggäste eigenes Kerosin im Henkelmann mitbringen.
       
       ## Ministerin im Bonusmeilenprogramm
       
       Doch noch ficht die unermüdliche Lobbyistin an der Spitze des
       Wirtschaftsministeriums der Rückbau in heimischem Luftraum nicht an. Reiche
       gibt sich in der Kerosinkrise eisern zwangsoptimistisch. „Die Versorgung
       ist gesichert, alles tipptopp, es bestehen keine Engpässe, da gebe ich
       ihnen mein Ehrenwort“, versicherte die Vielfliegerin, für die immer ein
       Platz in den Firmenjets der Ölkonzerne freigehalten wird. Schließlich nimmt
       die Ministerin seit Beginn ihrer Amtszeit an einem Bonusmeilenprogramm
       teil, bei der sie klimaschädliche Gesetzesvorhaben direkt in Freiflüge
       umwandeln kann.
       
       ## Kerosin im Einmachglas
       
       Auch ihr Chef, Freizeitpilot und Hobbykanzler Friedrich Merz, hat privat
       vorgesorgt. Unter den Ranunkelrabatten von Gattin Charlotte im Sauerländer
       Anwesen leckt ein korrodierter Öltank, in dem der Bundeskanzler Kerosin
       bunkert, das ausländische Gäste im Einmachglas mitbringen müssen, wenn sie
       zum Staatsbesuch antanzen.
       
       „Fluglinien können allenfalls eine Basisabsicherung bieten“, funkte Merz,
       stolzer Besitzer einer Diamond DA62, jüngst ungefragt in den Äther und rief
       besonders Bürgergeldempfänger zum Kauf von Privatflugzeugen auf. „Aber auch
       ein eigenes Flugzeug kann allenfalls eine Basisabsicherung bieten“,
       schränkte der Kanzler ein. „Besser sind natürlich zwei oder drei.“
       
       Im gesamten Arnsberger Stadtgebiet hat der passionierte Mopedfahrer zudem
       Benzinkanister in Gehölzen und Abtritten versteckt, so dass wenigstens
       seine geliebte Zündapp in Ernstfall einsatzbereit bleibt.
       
       „Notfalls verdufte ich aber auch mit dem Aufsitzmäher“, sieht Merz dem
       turbulenten Ende seiner Kanzlerschaft entgegen. Familien- oder gar
       Kabinettsmitglieder dürfen aber keinesfalls auf seine geheimen
       Zweitaktreserven zurückgreifen, da versteht der Flugzeugführer mit der
       Kennung „Foxtrot Mike“ wie auch sonst überhaupt keinen Spaß.
       
       ## Kapazitäten heimischer Raffinerien werden erhöht
       
       Damit auch Millionen von erholungsbedürftigen Otto Normalfliegern und
       Ottilie Normalfliegerovas ihren grundgesetzlich verankerten Billigflug in
       diesem Sommer durchführen können, will Katherina Reiche zunächst die
       Produktionskapazitäten heimischer Raffinerien erhöhen, die notfalls mit
       fossilen Fundstücken aus der näheren Umgebung befüllt werden sollen.
       
       „Dabei können wir auf ganz tolle Lifehacks von unserer Oma ihrem Führer
       zurückgreifen“, empfiehlt die konsequent rückwärtsgewandte Ministerin ein
       bewährtes Notrezept aus dem letzten Weltkrieg. Als dessen ungünstiger
       Verlauf Deutschlands Ölimporte schon einmal einschränkte, entstanden im
       Reich der Tüftler und Kriegsverbrecher überall innovative Fabriken, in
       denen alternative Flugzeugkraftstoffe aus Braunkohle, Schiefer, alten
       Schuhen und Bucheckern synthetisiert wurden.
       
       „Diesen Erfindergeist wünsche ich mir – neben einem fanatischen Bekenntnis
       zur fossilen Energie – für unser Land zurück“, vertraute die sonst so kühle
       Rechnerin Reiche unlängst ihrem Fahrtenbuch (nur Verbrenner) an.
       
       In der antiquarisch erhältlichen Broschüre „Kraftstoff durch Freude“
       (Franz-Eher-Verlag, München 1944) kann der geneigte Endverbraucher diese
       Kerosinrezepte nach Herrenmenschenart schon einmal studieren und
       nachkochen: „Geben Sie ein Pfund besten Ölschiefer in den Fleischwolf und
       kurbeln Sie die Masse anschließend bis zum Endsieg durch. Großdeutschen
       Appetit und Prost Mahlzeit!“
       
       8 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Christian Bartel
       
       ## TAGS
       
   DIR Luftfahrt
   DIR Kerosin
   DIR Wirtschaftsministerium
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Kolumne Die Wahrheit
   DIR Geheimdienst
   DIR Satire
   DIR Satire
   DIR Kolumne Die Wahrheit
   DIR Schwerpunkt Leipziger Buchmesse
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Die Wahrheit: Monster im Privatjetstream
       
       Das Weltklima radikalisiert sich. Die Wahrheit blickt auf die wichtigsten
       Entwicklungen der Großwetterlage.
       
   DIR Die Wahrheit: Kirschen im Krähengarten
       
       Wenn Singvögel lieblich singen, handelt es sich meist um Nachtigallen. Aber
       auch Krähen können musikalisch klingen. Oder etwa nicht?
       
   DIR Die Wahrheit: Blutige Saboteure im Zwielicht
       
       Wie wird man eigentlich Wegwerfagent? Zu Besuch bei einer Agentur, die
       Billigspione mit der Lizenz zum Versagen vermittelt.
       
   DIR Die Wahrheit: Endlich wieder Schießbefehl
       
       Der MDR hat kein Geld mehr für „Polizeiruf“ und „Tatort“. Nun besetzen
       Alternativmedien die TV-Nische.
       
   DIR Die Wahrheit: Auf zu Doktor Al-Saadi nach Aleppo​!
       
       Die 80-prozentige Rückführungsquote des Kanzlers für Syrien-Flüchtlinge hat
       schon jetzt enorme Auswirkungen​.
       
   DIR Die Wahrheit: Kommando Mumpitz
       
       Bevor man als Neu-Prepper teure Survival-Kits erwirbt, sollten erst einmal
       die Ramsch- und Kitsch-Reserven in den Haushalten verbraucht werden.
       
   DIR Die Wahrheit: Gar Gargarnisierendes und mehr
       
       Bei der diesjährigen 400.001. Sitzung des Wahrheitklubs ging es zu Ehren
       der Donau gar feucht in Leipzig zu.