# taz.de -- KI-Musiksendung auf ProSieben: Alles für die Quote
> Zynischer Moralspagat: Eine neue Sendung auf ProSieben lässt verstorbene
> Stars per KI wiederauferstehen und mit deutschen Musiker:innen
> performen.
IMG Bild: Der mithilfe von KI in seiner Totenruhe gestörte „Elvis“ singt mit den No Angels
„Du musst dir vorstellen, also stell dir vor, Sasha, toller deutscher
Sänger, sitzt auf einer Bühne mit Amy Winehouse. Und singt einen Song von
Amy Winehouse.“ Ja, das, was Fabian Tobias, der Managing Director der
Produktionsfirma EndemolShine im Marketing-Buddy-Laberpodcast von OMR
beschreibt, das muss man sich wirklich mit sehr viel Kraft vorstellen, so
abseitig und realitätsfern klingt es. Wirklich geschehen wird das auch
nicht. Für das neue „Fiebertraum“-Format, das es bald auf ProSieben zu
sehen geben wird, hat man zwar unter anderem den Musiker Sasha verpflichten
können, Amy Winehouse aber bleibt weiterhin tot.
Die Krücke, die die Produktionsfirma nutzt, um die britische Sängerin und
anderen zu ihrem unfreiwilligen Comeback und ihren wohl ebenfalls
unfreiwilligen Duetten zu verhelfen, heißt – wie könnte es anders sein
–[1][künstliche Intelligenz]. Wobei das Format an sich schon mit einer
guten Maskenbildnerin funktioniert hätte, aber das verkauft sich eben nicht
so gut und hört sich auch nicht besonders innovativ an.
Für die Umsetzung der fragwürdigen Idee des Privatsenders brauchte es
daher, neben Studio und Studiopublikum, zunächst ein Double der
verstorbenen Stars, eines, das am besten auch stimmlich einigermaßen an
diese herankommt. Vor dem Livepublikum im Studio traten diese Doubles dann
gemeinsam mit deutschen Musiker:innen auf. Das Studiopublikum sah auf
der Bühne die Doubles, die Projektion auf den Studioscreens zeigte aber
schon die mittels KI an die Stars angeglichenen Gesichter. Für die
Aufbereitung zur Fernsehshow wurde noch einmal nachgebessert.
Zusätzlich wurde die [2][KI] aber auch genutzt, um beim Gesang
nachzuhelfen. Im Vorfeld hatte eine Musikredaktion die performten Songs zum
Duett umgeschrieben. Eingesungen von den lebenden, deutschen Musiker:innen.
Für die Stimmen der verstorbenen Stars griff man wieder zunächst auf
Gesangsdoubles zurück, deren Stimmen im Anschluss per KI glattgebügelt
wurden.
## Elvis singt „Daylight in Your Eyes“
„Staying Alive – Stars singen mit Legenden“ lautet der mehr als zynische
Titel dieses Sendung gewordenen Moralspagats. Die erste Ausgabe ist am
Samstag, 25. April, zu sehen, die zweite – und erst einmal letzte – dann
eine Woche später. Neben Amy Winehouse konnten auch weder [3][Elvis],
Whitney Houston noch Freddie Mercury der Teilnahme am Format widersprechen,
ebenfalls weil tot. Und so kann ProSieben nun damit werben, dass sie nicht
nur Amy Winehouse und Sasha „gemeinsam“ auf die Bühne bringen, sondern auch
damit, dass Elvis mit den [4][No Angels] deren Hit „Daylight in Your Eyes“
performt, Alvaro Soler mit Whitney Houston auftritt und der im deutschen
Fernsehen ohnehin omnipräsente Sunrise-Avenue-Sänger Samu Haber einen Slot
mit Freddie Mercury bekommt.
„Dann gibt es eben auch den Moment, und vielmehr kann ich noch nicht
verraten, wo Amy Winehouse mit Sasha ‚I Feel Lonely‘ singt“, verkündet
Fabian Tobias im OMR-Podcast weiter. Ja, Sasha mag sich lonely fühlen, die
Autorin dieses Textes macht das Ganze zunehmend fassungslos. Nicht nur,
aber doch vor allem was den Auftritt von [5][Amy Winehouse] betrifft.
Vor ihrem Tod gab es immer wieder Konzerte, die Winehouse in sehr
schlechter Verfassung absolvierte, teils sogar abbrechen musste. Es wirkte
oft, als handle sie nicht freiwillig. Immer wieder wurde ihr Management im
Nachhinein kritisiert, zu viel Druck ausgeübt zu haben. Auch die Presse
ging alles andere als gnädig mit ihr um. Fotos und Videos, die sie stark
alkoholisiert und teils auch anderweitig berauscht zeigen, fanden ihren Weg
in die Medien. Jetzt mit einer Show den Anschein eines Auftritts erwecken
zu wollen, ohne dass Winehouse ihre Zustimmung hätte geben können, ist vor
allem eines: ekelhaft und falsch.
## Shitstorm einkalkuliert
Das dürfte der Produktionsfirma EndemolShine, die sich sonst mit
Qualitätsfernsehen wie „Promis unter Palmen“, „Daniela Katzenberger“ oder
auch „Big Brother“ einen Namen gemacht hat, allerdings herzlich egal sein.
Vielleicht ist ein kleiner Shitstorm ohnehin einkalkuliert, eventuell sogar
gewollt. Alles für die Quote.
Die hat der TV-Konzern ProSiebenSat.1 tatsächlich bitter nötig. Im
vergangenen Jahr wurde bekannt, dass gespart werden muss, und man entließ
über 400 Vollzeitmitarbeitende. „Staying Alive“ ist also nicht nur
Sendungstitel, sondern wohl auch das Motto der nächsten Jahre für
ProSieben. Ob das mit diesem, wie Fabian Tobias es nennt,
„Entertainment-Erlebnis“ funktioniert, bleibt abzuwarten. Staying im
unteren Quotenbereich, hoffe ich.
23 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /Hypnose-oder-Wettstreit-mit-dem-Bewusstsein-In-welchem-Verhaeltnis-stehen-Kunst-und-KI/!6164397
DIR [2] /Buch-ueber-Kuenstliche-Intelligenz/!6163075
DIR [3] /EPiC-Elvis-Presley-in-Concert-von-Baz-Luhrmann-Den-Koenig-huldigen/!6157204
DIR [4] /Comeback-der-Popband-No-Angels/!5772047
DIR [5] /Nachruf-auf-Amy-Winehouse/!5115691
## AUTOREN
DIR Johanna Schmidt
## TAGS
DIR Fernsehen
DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
DIR Elvis Presley
DIR Pro7
DIR Social-Auswahl
DIR Reden wir darüber
DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
DIR Hawaii
DIR Kulturkritik
DIR Spotify
DIR Kolumne Böse Musik
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR False-Flag-Vermarktung der Band Geese: Algorithm kills the Indiehype
Der kometenhafte Erfolg der New Yorker Band Geese wurde von einer
KI-Bot-Firma angezettelt. Chronologie eines Skandals.
DIR Künstliche Intelligenz gegen Lokalkultur: KI-Songs essen Seele auf
Am Flughafen von Honolulu auf Hawaii werden seit November 2025 KI-Songs
gespielt statt traditioneller hawaiianischer Musik. Nun formiert sich
dagegen Protest.
DIR Zustand der Pop-Kritik: Musik schreibt keine Zahlen
Musikkritik ist nicht tot, selbst wenn sie nach einem Shitstorm komisch
riecht. Warum der Diskurs über Pop wichtig ist, wo er lebt und wo nicht.
DIR KI-Musik auf Streamingplattformen: Aus Spotify wird Slopify
Menschen hören immer mehr KI-Musik. Ob sie es bewusst und gerne tun – da
sind Zweifel angebracht.
DIR Empörung über KI-generierte Popmusik: Epigonen schulen sich an dem, was es schon gibt
Tipp für 2026: Beauftragen Sie die KI, tausend Songs im Stil von aktuellem
Pop zu produzieren. Laden Sie den Krempel bei den Streaming-Anbietern hoch.