# taz.de -- Leyla-Yenirce-Ausstellung in Oldenburg: Auf den Schultern von Riesinnen
> Deutschland hat die Künstlerin Leyla Yenirce im niedersächsischen
> Oldenburg kennengelernt. Dort stellt sie nun aus und würdigt Frauen, die
> sie prägten.
IMG Bild: Leyla Yenirce: „Grün“, 2025, Öl und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 240 x 200 cm
Wer hereinkommt, sieht Leyla Yenirce springen. Auf Kaffeebechern verteilt,
160 sollen es sein, sind ebenso viele Videostandbilder gedruckt. „Ein
Daumenkino“, sagt die Künstlerin. Nicht ganz dreimal springt sie da in
grau-grüner Landschaft. Und wer daran entlanggeht – im richtigen, aber auch
erst herauszufindenden Tempo –, kriegt im Augenwinkel so etwas geliefert
wie das Ausgangsbewegtbild.
Andererseits sagt Yenirce: Wer die Reihung in anderem Sinne richtig
betrachtet, sieht die springende Person fast gar nicht, dafür den
eigentlich nebensächlichen Hintergrund; ist halt keine flache Leinwand, so
ein Keramikbecher. Entstanden ist das Video da, [1][wo Leyla Yenirce]
geboren wurde, Qubînê im Südosten der Türkei. Die Videokulisse musste
längst einem Staudamm weichen.
Die Kaffeebecher sind eine gute Wahl für eine Ausstellung in Oldenburg.
Denn ein für die Branche nicht unbedeutender Dienstleister, der Fotos auf
Objekte überträgt, hat seinen Sitz hier. Zum Sponsoring der Schau im
Landesmuseum konnte man sich zwar nicht durchringen, aber es war genau
dieser Betrieb, in dem Yenirces Mutter einst arbeitete, nachdem die
kurdisch-jesidische Familie nach Deutschland gekommen war, in den
1990er-Jahren. „Das gehört zu Oldenburg“, sagte Yenirce jetzt, „die
migrantischen Reinigungskräfte“, die den Laden am Laufen hielten.
## Biografie und Brüche
Biografisches, die Stellung der Frau, der gesellschaftliche Umgang mit ihr,
ihre Sichtbarkeit, ihr Handeln oder gerade dessen Verweigerung;
Perspektivwechsel und Wiederholung, Brüche und Neukontextualisierung:
Thematisch wie auch formal lässt sich schon an der Reihe auf den ersten
Blick gleich aussehender Kaffeebecher einiges ablesen über Yenirces
Arbeitsweise.
Den ersten Ausstellungsraum teilen sich die Becher mit der Arbeit „Ranke“.
Die Installation besteht zum einen aus einem Bild, das schon zu Yenirces
Schulzeit hier im Landesmuseum hing: [2][Ernst-Ludwig Kirchners
„Wanderzirkus“], entstanden vor etwas über 100 Jahren. Das rahmt sie nun
mit so ganz anderen eigenen Zeichnungen. Hier Kirchners starke Farben und
kühne Perspektive, die eines waghalsig hoch oben im Zirkuszelt schwingenden
Trapezartisten. Dort Yenirces Ranken in zartem Grafitstrich und ein großes
menschliches Auge. Oder sind’s doch Blitze? Risse in irgendeinem Mauerwerk?
Es sind alte Zeichnungen, die Yenirce da aufgreift, eventuell waren es ihre
ersten künstlerischen Betätigungen abseits des Leistungskurses in der
Schule, sagt sie.
Ist ihre eigene Hinwendung zum Malen da zum Teil ein Zurück – zurück zu
einem Kanon, den erst angeleitete Museumsbesuche der Tochter nicht
einschlägig vorgebildeter Einwanderereltern erst vermittelten? Angefangen
hat sie ganz woanders, auch künstlerisch: Zunächst studierte Yenirce
Kulturanthropologie, dank eines Stipendiums konnte sie an die
Kunsthochschule Hamburg gehen, Bachelor 2020 bei Simon Denny, Master 2022
bei Jutta Koether und Bettina Uppenkamp.
Yenirce erzählt, dass sowas in ihrer Familie unbekannt gewesen sei, und
einen Moment lang ist gar nicht eindeutig: Meint sie das Stipendium? Oder
die Möglichkeit, auf so etwas wie Kunst eine Existenz zu gründen? Dass auch
eine an sich kostenlose Künstler:innenschmiede ihre ganz eigenen
Hürden um sich errichtet, ist eine banale Aussage. Aber nicht deshalb hören
und lesen wir sie nur selten. Da hüllt doch vielmehr die Institution ihre
Bedingungen in wohligen Nebel.
Sie sei froh, erzählte Yenirce, dass sie nicht nebenan ausstelle, [3][im
Kunstverein]. Sondern eben hier, im Augusteum, 1867 fertiggestellt im
Florentiner Palaststil. Das war keine Attacke gegen die moderneren Nachbarn
mit dem White Cube, sondern Begeisterung für die alten pompösen Räume.
## Große Formate
Platz und hohe Decken brauchen die nun für „Werdegang“ entstandenen
Gemälde: „Orange“, „Grün“ und „Blau“ hat Yenirce drei Arbeiten in Öl und
Siebdruckfarbe genannt, die Kanten ihrer Leinwände zwei Meter und länger.
Noch größer geraten sind vier weitere. Selbe Bildtechnik, andere
Namenslogik. Es sind vier Daten, die sich nicht ohne Weiteres erklären:
zweimal Januar 2026, Oktober 2004, November 1991.
Auf allen sieben dieser Bilder – zusammen überschrieben mit „Chor der
Frauen“ – kombiniert Yenirce reproduzierte Porträtfotos mit einer
dynamischen Malerei. Die Farben scheinen teils unter beträchtlichem
Körpereinsatz auf die Leinwand gelangt zu sein. Die Porträtierten sind
Frauen, die sie geprägt haben, sagt Yenirce. Es sind kurdische
Politikerinnen darunter, zuweilen sogenannte Terroristinnen; die Autorin
Natalia Gunzburg und die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon;
aber auch jene Gymnasiallehrerin für Deutsch und Politik, die Yenirce einst
ermutigte, sich das mit der Kunst zuzutrauen. Ganz unterschiedliche
Riesinnen also, auf deren Schultern Leyla Yenirce heute arbeitet.
Dass eine lebende Künstlerin in der ehemaligen Alte-Meister-Galerie
ausstellt, es wird eingeflossen sein, als Museumsdirektorin Anna Heinze
sagte, man bezeichne solche Projekte als „etwas ganz Besonderes“ – diesmal
aber „stimmt es“. Die Bestände des Museums enden in der klassischen
Moderne, nur vereinzelt ist später noch angekauft worden. Andererseits
werden hier auch regelmäßig die Gewinner:innen und Nominierte eines
Kunstpreises der Kulturstiftung Öffentliche Oldenburg ausgestellt.
Zweimal hatte Yenirce sich um so einen Preis bemüht und beide Male war sie
knapp Zweite geworden. Das erzählte jetzt der Vorstandsvorsitzende der
hinter der Stiftung stehenden Versicherung, Jürgen Müllender. Es hat
natürlich etwas herrlich Ironisches, wenn Yenirce am Vortag eine Stunde bei
den Oldenburger Rotariern Rede und Antwort zu stehen hatte – als bekennende
„Sozialistin im Herzen“. Müllender jedenfalls sagte dazu sachte kokett, er
sei froh, „zufällig“ in seinen Posten gelangt zu sein, sodass er nun „sowas
unterstützen kann“.
Könnten Bilder kurdischer Freiheitskämpferinnen zukünftig unter
Extremismusverdacht stehen, wenn es mit der deutschen Kulturpolitik so
weitergeht, ist die letzte gezeigte Arbeit ungefährlich: Ihren Bruder,
begeisterter Läufer, hat Yenirce durchs nächtliche Oldenburg laufen lassen,
mit Stirnkamera und -lampe: Wer die knapp 20 Minuten angesehen hat, hat
einiges auch von der Stadt gesehen, ohne es so recht wiederzuerkennen.
24 Apr 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Alexander Diehl
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