# taz.de -- Leben auf Kuba immer prekärer: Selbst die knappe Grundversorgung ist nicht mehr garantiert
> Extreme Armut, fehlende Medikamente, nur noch stundenweise Strom – auf
> der Karibikinsel hat das doppelte US-Embargo die Probleme potenziert.
IMG Bild: Freizeitradler? Von wegen. Das Fahrrad ist auf Kuba aktuell oft das einzige Transportmittel, weil Treibstoffe und Energie fehlen
Das Elektro-Mobil ist derzeit das wichtigste Fahrzeug des Christlichen
Zentrums für Reflexion und Dialog, kurz CCRD. Die etwa 140 Kilometer
östlich von Havanna in Cárdenas ansässige Organisation ist derzeit wohl die
wichtigste soziale Einrichtung der Hafenstadt. Jeden Tag werden in der
Großküche der Einrichtung rund 250 Essen zubereitet. „Wir versorgen 120
Senioren und seit ein paar Wochen noch 70 Kinder mit einer warmen Mahlzeit
pro Tag – und gut 60 Mitarbeiter, Frauen wie Männer“, erklärt Rita García.
Ohne den über eine geräumige Ladefläche verfügenden Kleintransporter, der
zum Aufladen an die Steckdose gehängt wird, würde der Transport der
Lebensmittel von der Bio-Farm des CCRD in das am Rande der Innenstadt
liegende Zentrum nicht funktionieren.
Und auch das geht nur, weil das CCRD seit Januar 2025 eine [1][Solaranlage
auf dem Dach] hat, die ausreichend Strom für den fünfteiligen
Gebäudekomplex produziert – die Stromversorgung des Landes ist vom Öl
abhängig, das die USA aber unter ein Embargo gestellt haben. „Spenden aus
Belgien, Deutschland und anderen Ländern haben uns die Anlage ermöglicht“,
sagt García. „Daher sind wir im Gegensatz zu anderen Organisationen
arbeitsfähig.“
In Cárdenas gibt es seit Wochen täglich nur 30 bis 60 Minuten Strom. Das
langt kaum, um Mobiltelefone, Powerbanks und anderes aufzuladen sowie Essen
zu kochen. Die Situation ist prekär, noch prekärer als ohnehin schon.
[2][Stromabschaltungen von rund 20 Stunden täglich seien in Cárdenas seit
mehr als einem Jahr normal gewesen], berichtet Krankenschwester Maribel
Domínguez. Sie ist jeden Tag per Fahrrad in der heruntergekommenen
Hafenstadt unterwegs, um alleinstehende ältere Frauen und Männer zu
versorgen. Gemeinsam mit Sozialarbeiterin Yamilé Casal betreut sie sie,
sorgt für frische Kleidung, Hygiene, den Haarschnitt – und wenn irgend
möglich für Medikamente.
## Fragilste Gesundheitsversorgung
Doch Medikamente gibt es nur, wenn wieder mal ein Container im Hafen von
Mariel freigeben wird und es dann auch noch Treibstoff gibt, um ihn ans
CCRD zu liefern. „Die Preise für Treibstoff, Diesel, Benzin und Kerosin
sind explodiert. Der Transport ist zu einem zusätzlichen Kostenfaktor
geworden“, sagt Rita García.
5.000 Peso cubano kostet ein Liter Benzin in Cárdenas, in Havanna sind es
schon 6.000 bis 7.000 Peso cubano. Der kubanische Durchschnittslohn liegt
bei 6.600 Peso, nach dem für die Kubanerinnen und Kubaner entscheidenden
Schwarzmarktkurs sind das umgerechnet knapp 12 Euro – im Monat. Die Renten
betragen selten mehr als 4.000 Peso und die Preise für Lebensmittel sind
seit dem 3. Januar in die Höhe geschossen, als die USA de facto das
Öl-Embargo über die Insel verhängt hatten.
## Ein Zehntel der Rente für 1 Pfund Kartoffeln
Ein Pfund Kartoffeln kostet in Matanzas 400 Peso, also etwa 70 Cent, ein
Pfund Reis je nach Qualität zwischen 180 und 280 Peso, ein Kohlkopf 350
Peso und ein Pfund Bohnen um die 300 Peso. „Das kann sich eine Familie, die
nicht von Angehörigen aus dem Ausland unterstützt wird, kaum leisten“,
erklärt die Historikerin Alina Bárbara López.
Die [3][regierungskritische Professorin, die von der politischen Polizei
mit einem Verfahren bedroht wird], unterstützt Nachbarn, die nicht genug
haben. „In Kuba wird gehungert, denn längst nicht alle haben Verwandte im
Ausland wie ich“, sagt die 60-Jährige. Die Verhältnisse haben sich in den
letzten Monaten massiv verschärft, denn die sogenannte libreta – das kleine
Rationierungsheft, das in Kuba seit Jahrzehnten die Grundversorgung
garantiert – funktioniert inselweit nur noch partiell. In Santiago wurden
vor drei Tagen erstmals seit Wochen wieder eine Monatsration von 2,5
Kilogramm Reis und 1 Pfund Linsen ausgegeben. In Matanzas müssen die
Menschen weiter warten. Auch in Cárdenas ist laut Rita García nur noch
punktuell etwas angekommen.
Das ist ein Drama für die arme Bevölkerung, die laut der Soziologin Mayra
Espina 45 Prozent der Kubanerinnen und Kubaner ausmacht. Davon lebt ein
steigender Anteil in extremer Armut. Sie sind auf die libreta, aber auch
auf staatliche Unterstützung angewiesen.
## Sozialsystem am Abgrund
Doch das staatliche Sozialsystem funktioniert nur noch partiell, Reserven
sind kaum vorhanden, und in den Hospitälern ist die Situation dramatisch,
so Espina. „Es fehlt an allem. Tausende von Operationen werden wegen
fehlenden Stroms, wegen fehlender Medikamente, Naht- und Narkosematerial
aufgeschoben. Hier sterben Menschen“, sagt die Analystin zur Lage in
Havanna.
In Cárdenas ist die Situation im Krankenhaus etwas besser. Allerdings nur,
weil Rita García vor zwei, drei Wochen einen Container mit Spenden an das
Krankenhaus übergeben konnte. „Das Nötigste ist nun da, aber wie lange wird
es reichen?“, fragt sich die CCRD-Direktorin. Für sie ist klar, dass es
Verhandlungen mit den USA braucht. Auch der [4][Öltanker, der vor ein paar
Tagen im Hafen von Matanzas festmachte], sorgt nur zwei, drei Wochen für
eine Atempause. „Doch hier können die Menschen nicht mehr. Wir brauchen
eine Lösung“, so García. Wie die aussehen soll, lässt sie allerdings offen.
7 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Knut Henkel
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