# taz.de -- Wirtschaftliche Erholung gefährdet: Sozialstaatsdebatte bremst Wachstum
> Die Regierung konterkariert ihre Impulse für einen Aufschwung, sagt der
> Ökonom Sebastian Dullien. Sie verunsichere die Bürger und hemme die
> Nachfrage.
IMG Bild: Shopping in Düsseldorf, November 2024: Dämpfen ständige Forderungen nach Einschnitten in den Sozialstaat den privaten Konsum?
Die Regierung reißt mit dem Hintern ein, was sie mit den Händen aufbaut.
Das ist die etwas zugespitzte Quintessenz einer aktuellen Analyse des
gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung
(IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach schafft die Regierung einerseits
mit staatlichen Investitionen die Grundlage für einen Aufschwung. Statt
Aufbruchstimmung zu erzeugen, dämpft sie aber mit ständigen Forderungen
nach Einschnitten in den Sozialstaat den privaten Konsum. „Es besteht die
Gefahr, dass die Debatte um den Sozialstaatsabbau den Aufschwung
gefährdet“, sagte [1][IMK-Direktor Sebastian Dullien] bei der Vorstellung
des IMK-Jahresausblicks für 2026 am Mittwoch.
Der IMK-Prognose zufolge wächst [2][das Bruttoinlandsprodukt] 2026 um 1,2
Prozent – nachdem es drei Jahre schrumpfte oder stagnierte. Das Plus führen
die Ökonom:innen auf Impulse durch Investitionen im Zuge des 500
Milliarden Euro schweren kreditfinanzierten Sondervermögens Infrastruktur,
durch steigende Rüstungsausgaben sowie Entlastungen für Unternehmen zurück.
Doch aufgrund der geopolitischen Verschiebungen sind die Aussichten auch
düster: Die deutsche Industrie leidet unter der Handelspolitik der USA und
Chinas. Die beiden Großmächte setzen ihre wirtschaftliche Stärke
strategisch ein und wollen in wichtigen technologischen Bereichen
Vorherrschaft erlangen, so die Ökonom:innen. Deutschland und Europa drohen
abgehängt zu werden. „In einer Welt, in der China und die USA nach eigenen
Regeln spielen, muss die EU einseitige Abhängigkeiten reduzieren, und zwar
in jeglicher Hinsicht: wirtschaftlich, technologisch, militärisch und bei
der Energieversorgung“, heißt es in dem Report.
Vor diesem Hintergrund ist nicht zu erwarten, dass die Erholung der
deutschen Wirtschaft durch den Export vorangetrieben wird. „Der Aufschwung
muss im Inland angelegt sein“, sagte Dullien. Die staatlichen Investitionen
sind nach seiner Auffassung das richtige Instrument dafür – auch wenn viele
Ausgaben im Zuge des Sondervermögens nicht zusätzlich erfolgen, sondern
ohnehin vorgesehen waren. Auch die Lohnentwicklung begünstige eine Zunahme
der Nachfrage.
## Verunsicherung durch Rentendebatte
Aber all das wirke nicht, weil die Regierung selbst diese Impulse mit der
Sozialstaatsdebatte konterkariert, so die Ökonom:innen. Sie kritisieren,
dass die Bundesregierung die Bürger:innen durch „[3][eine völlig
überflüssige Rentendebatte“] verunsichert hat. Das Rentensystem sei stabil
und generationengerecht. Die Ausgaben für den Sozialstaat seien in
Deutschland weder besonders hoch noch auffällig gestiegen. „Nicht der
Sozialstaat ist das Problem“, betonte Dullien. Der wahre Grund für die
wirtschaftliche Stagnation bleibe unterbelichtet: dass die Wirtschaft an
einer zu geringen Nachfrage leidet. „Wichtig ist, dass wir in Deutschland
die Debatte wieder vom Kopf auf die Füße stellen“, fordert er.
Auch muss nach Auffassung der Wissenschaftler:innen die
sozial-ökologische Transformation weiter vorangetrieben werden. Darunter
wird der sozialverträgliche Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaftsweise
verstanden. Die Ökonomen:innen gehen davon aus, dass es ohne
staatliche Unterstützung kaum möglich sein wird, gleichzeitig Fortschritte
beim Klimaschutz und bezahlbare Energiepreise zu erreichen.
Dass Klimaziele infrage gestellt werden, wie es etwa
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) getan hat, halten die
Forscher:innen für völlig falsch. „Es wäre ein Fehler, das Tempo der
wirtschaftlichen Transformation zur Klimaneutralität zu verlangsamen, und
zwar nicht nur mit Blick auf die Erderwärmung, sondern auch auf die
Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen“, schreiben sie. Die Regierung
müsse den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter fördern. Dabei könne es
günstiger sein, dass der Staat selbst aktiv wird, statt private Investoren
mit Renditeerwartungen zu fördern. Das gelte etwa für Investitionen in den
Ausbau von Stromnetzen.
7 Jan 2026
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## AUTOREN
DIR Anja Krüger
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