# taz.de -- Demonstrationen in Berlin: Im Nahost-Konflikt verfangen
> 2025 gab es im Schnitt 2,5 Demos mit Nahost-Bezug pro Tag in Berlin. Das
> zeigt, welches Potenzial die Stadt hätte, konstruktiv am Thema zu
> arbeiten.
IMG Bild: Berlin könnte viel mehr bieten als nur eine Bühne für Protest: Palästinaflagge vor dem Fernsehturm
Das Demogeschehen in Berlin hat sich im Nahostkonflikt verhakt. Denn
während die Anzahl der angemeldeten Demonstrationen im nun fast vergangenen
Jahr insgesamt zurückgegangen ist, haben Kundgebungen und Demos mit „Bezug
zu Nahost“ zugenommen. Insgesamt zählte die Polizei zwischen dem 1. Januar
und dem 1. Dezember 2025 in der Hauptstadt rund 6.501 Demonstrationen und
Versammlungen. Im Vorjahr, also 2024, waren es insgesamt 7.212 und damit
noch rund 700 Versammlungen mehr.
Von den Demonstrationen 2025 hatten 865 Demos einen sogenannten
Nahostbezug, laut Polizei sind das 100 mehr als im Vorjahr. Das sind rund
2,5 angemeldete Versammlungen pro Tag. Zwei Drittel (570) ordnet die
Polizei als propalästinensisch ein und ein knappes Viertel (193) als
proisraelisch. 102 der Versammlungen mit Nahostbezug waren laut Polizei
nicht eindeutig zuzuordnen.
Damit überlagert die Debatte über den Nahostkonflikt inzwischen viele
andere politische Themen in Berlin, wie etwa die Kritik an Mietenpolitik.
Für die oben genannte Zählung [1][beruft sich die Polizei nämlich nur auf
das von den Anmelder*innen] angegebene Anliegen. Doch tatsächlich ist
das Thema auf der Straße noch präsenter: Denn die Nahostdebatte bestimmt
inzwischen auch vermehrt Demos, die eigentlich unter einem ganz anderen
Thema angemeldet worden sind.
Zusätzlich zu den von der Polizei gezählten Versammlungen dominierten
Parolen und Banner mit Palästinabezug auch Demos etwa zum Tag gegen Gewalt
gegen Frauen Ende November oder gegen Polizeigewalt Mitte Dezember.
Angeblich propalästinensisch agierende Gruppen kapern damit regelrecht
Demonstrationen, die eigentlich unter anderem Anliegen laufen. Und selbst
bei Versammlungen wie etwa dem Schulstreik gegen Wehrpflicht ist das Thema
präsent.
## Meinungsäußerung trifft auf Widerspruch
Diese Zahlen widerlegen die Behauptung, dass die palästinasolidarische
Bewegung in Berlin zum Schweigen gebracht und unterdrückt wird. Es handelt
sich wohl eher um das alte Missverständnis, dass die eigene Äußerung nur
dann frei geäußert werden könne, wenn sie unwidersprochen bleibt, und dass
auch Hass und Hetze unter die Meinungsfreiheit fallen müssen.
Klar, [2][wo Protestierende auf Polizeigewalt treffen], muss das untersucht
werden. Doch Demonstrant*innen tragen ein breites Spektrum an
Meinungsäußerungen auf die Straße. Und wer will, kann im Prinzip jede Woche
an Vorträgen, Erfahrungsaustausch, Diskussionen und Workshops teilnehmen,
die den Konflikt besprechbar machen wollen. Die Debatte über den Konflikt
äußert sich nicht zuletzt auch [3][an Häuserwänden, an denen wie in einem
Wettbewerb Aussagen zum Konflikt gesprayt, übermalt, abgeändert und
kommentiert] werden.
Die Graffiti offenbaren aber auch, dass die Debatte mit Nahostbezug sich
nicht nur im Demokalender festgesetzt hat, sondern auch in eigenen
Befindlichkeiten gefangen bleibt. Denn in diesem Jahr tauchte vermehrt
statt „Free Palestine“ auch der Spruch auf: „Palestine will set us free“
(Palestina wird uns befreien). Hier kippt ein politisches Anliegen in eine
quasireligiöse Erlösungssehnsucht.
Das Problem liegt also zunehmend darin, dass viele, die sich vermeintlich
für die palästinensische Sache einsetzen, das auf eine destruktive und
selbstbezogene Art tun, die jede Selbstkritik schon im Vorfeld verweigert.
Dabei hätten gerade Berliner*innen vor dem Hintergrund der Geschichte
dieser Stadt, den hier lebenden Communitys und der Menge an Veranstaltungen
das Potenzial, sehr konstruktiv in die Debatte einzusteigen.
30 Dec 2025
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Uta Schleiermacher
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