# taz.de -- Offene Grenzen: Mission impossible?
> Die Abschaffung von Sklaverei und Apartheid hatte niemand für möglich
> gehalten, passiert ist es trotzdem. Warum nicht auch auf offene Grenzen
> hoffen?
IMG Bild: Das (Un-)Recht abschaffen? Polizist:innen bewachen die EU-Außengrenze von Griechenland zur Türkei
Über die Abschaffung von Grenzen nachzudenken, ist gerade nicht opportun.
Die Wende der Migrationspolitik soll Grenzen „sichern“. Grenzen abschaffen?
Hilfe, nein, dann überrennen uns doch die Massen, und die extreme Rechte
wird noch stärker, Chaos überall – so denken vermutlich viele. Aber haben
wir das nicht längst? Dagegen werden die immer gleichen Mittel gefordert:
Einschränkung des Asylrechts, Abschiebungen in großem Stil, Sicherung der
EU-Außengrenzen. Die Rezepte haben bislang nicht funktioniert, und es ist
fraglich, ob sie das in Zukunft tun werden.
Bedeutete die Abschaffung der Grenzen nicht die Abschaffung des Rechts? Ja,
es hieße, [1][zu bestimmen, wer in einem Land leben darf] und wer nicht.
Einreisen ohne erforderliche Papiere sind „illegal“, Menschen ohne
Aufenthaltsrecht müssen abgeschoben werden – so verlangt es das Recht. Man
tut so, als sei Aufenthaltsrecht etwas Naturgegebenes und unterschlägt,
dass dieses Recht gemacht wurde, damit Menschen abgeschoben werden können.
Damit beißt sich die Katze in den Schwanz: Menschen müssen abgeschoben
werden, weil sie abgeschoben werden müssen. Ende der Diskussion.
Diese scheinbare Selbstverständlichkeit des Rechts müssen wir hinterfragen.
Das Grundgesetz sagt: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Aber das
stimmt nicht: Die Gleichheit vor dem Gesetz gilt nicht für alle Menschen,
sondern nur für die, die ein volles Aufenthaltsrecht haben und letztlich
nur für Staatsbürger*innen. Die Rechte jener, die nur geduldet werden,
werden eingeschränkt: Grundrechte, Recht auf Arbeit, Recht auf
Freizügigkeit. Das Aufenthaltsrecht steht über dem Gleichheitsgrundsatz des
Grundgesetzes. Wie Hannah Arendt schrieb: Das Recht, Rechte zu haben, gilt
nicht für Flüchtlinge.
Recht schränkt Rechte ein, es kann ungerecht sein. Und Recht ist, obwohl es
als so „normal“ erscheint, nicht naturgegeben, es kann und muss immer
wieder geändert werden. Auch das Aufenthaltsrecht. Das Recht diente oft
dazu, Menschen ihre Rechte vorzuenthalten. Die Apartheid in Südafrika war
ein Rechtssystem. Auch [2][Sklaverei war lange rechtmäßi]g. Apartheid und
Sklaverei sollen hier nicht mit dem gegenwärtigen Grenzrecht gleichgesetzt
werden, sondern auf eine grundlegende Gemeinsamkeit hinweisen: Alle diese
Rechtssysteme dien(t)en dazu, Menschen auszugrenzen und ihre Rechten zu
beschneiden – ganz rechtskonform. Sie trennten Privilegierte von rechtlosen
Anderen. Und alle üb(t)en massive, oft tödliche Gewalt aus.
Sklaverei und Apartheid wurden irgendwann als Unrecht erkannt und
abgeschafft. Das Unmögliche wurde gedacht, am Ende hat sich die Einsicht
durchgesetzt, dass beide Systeme zutiefst menschenverachtend waren. Es ist
also möglich, (Un-)Recht abzuschaffen. Das ist nicht einfach und hat lange
gedauert. Stellen wir uns vor, zur Zeit der Sklaverei hätte es Talkshows
gegeben. Bei einer solchen Talkshow wäre über Sklaverei diskutiert worden,
dazu wären ein Plantagenbesitzer, ein Sklavenhändler, ein hoher Beamter
einer Kolonialverwaltung sowie der Besitzer eines Handelshauses eingeladen
gewesen. Und, als Exot, ein Abolitionist, der die Sklaverei abschaffen
wollte. Der Abolitionist wurde von den anderen ausgelacht. Total verrückt,
die Sklaverei abschaffen? Wie soll das denn gehen? Die Sklaven gehören den
Plantagenbesitzern, sie sind ihr Eigentum! Das Recht schützt das Eigentum!
Sklaven sind gar nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Würde man
sie freilassen, wären Chaos und Kriminalität die Folge. Wer sonst soll die
Arbeit auf den Plantagen machen? Ohne Sklaverei schießt der Zuckerpreis
durch die Decke, die Folge wären Inflation und Rohstoffmangel! Eine globale
Wirtschaftskrise würde drohen, da sind sich alle bis auf den Abolitionisten
einig. Und wieso überhaupt über die Abschaffung der Sklaverei reden? Es gab
sie immer schon, so sind das Recht und die Ordnung der Welt.
Sklaverei war mit dem europäischen Kolonialismus verknüpft. Es gab
Sklaverei auch schon früher, aber durch den Kolonialismus erhielt sie eine
neue systematische und ökonomische Dimension. Ohne die systematische und
gewaltsame Ausbeutung der kolonisierten Menschen wäre der Aufstieg der
europäischen Kolonialmächte nicht möglich gewesen. Hin und wieder gab es
Zweifel, ob die massive Entrechtung der Sklaven richtig war. Es gab
Reformen. Der französische König Ludwig XIV. erließ den Code Noir, der die
Sklaverei regulierte und den Sklav*innen einen gewissen Schutz
zubilligte. So durften Sklav*innen zwar in Ketten gelegt, aber nicht
gefoltert werden. Sklavenbesitzer, die Sklav*innen töteten, wurden
bestraft. Sie mussten sich um kranke Sklav*innen kümmern. Vor allem aber
schrieb der Code Noir die Sklaverei fest und bestimmte zum Beispiel, dass
die Kinder von Sklav*innen auch Sklav*innen waren. Beim Tod eines
Sklavenhalters wurden seine Sklav*innen vererbt, wie anderes Eigentum
auch.
Während aus heutiger Perspektive solches „Recht“ verbrecherisch ist, schien
damals völlig undenkbar, dass es jemals abgeschafft werden würde. Dennoch
schrieben französische Aufklärer gegen die Sklaverei an. Mit der
Französischen Revolution schienen sich die Aussichten auf Abschaffung der
Sklaverei zu bessern. 1792 wurde eine Kommission mit 6.000 Soldaten in die
Karibik geschickt, um den Aufstand der Sklav*innen niederzuschlagen, aus
dem Haiti als unabhängiger Staat hervorging. Statt jedoch den Aufstand zu
bekämpfen, erklärten die Kommissionäre 1793 dort alle Sklav*innen für
frei.
In England entstand die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei gegen Ende
des 18. Jahrhunderts. 1807 wurde der Sklavenhandel in den Kolonien
verboten, die Sklaverei selbst erst 1833 abgeschafft. Dennoch blieben die
ehemaligen Sklav*innen von ihren ehemaligen Besitzern abhängig, ihre
vollständige Befreiung kam erst 1843. 1833 wurden die Sklavenhalter für
ihren „Verlust“ entschädigt. Für die ehemaligen Sklav*innen gab es keine
Entschädigung. In den USA wurde die Sklaverei 1865 abgeschafft. Das letzte
Land, in dem die Sklaverei verboten wurde, war Brasilien im Jahr 1888.
## Abschaffung der Sklaverei dauerte lange
Bemühungen um die Abschaffung der Sklaverei dauerten weit über hundert
Jahre. Sie gingen von einigen wenigen Menschen aus und es gab immer wieder
Rückschläge. Mit dem Ende der Sklaverei waren keineswegs alle Menschen
gleich und frei. Die ausbeuterischen Verhältnisse änderten sich zunächst
kaum. In der Karibik wurden Sklaven durch Vertragsarbeiter aus Südasien
ersetzt, deren Lebensbedingungen kaum besser waren. Sklavenähnliche
Ausbeutungsverhältnisse gibt es vielerorts auch heute noch, und auch der
Rassismus, der die Sklaverei legitimierte, ist nicht am Ende. Bemühungen um
die Abschaffung der Sklaverei und ihrer Folgen müssen auch heute
fortgesetzt werden. Es braucht also einen sehr langen Atem.
Dennoch: Nehmen wir die langwierige Abschaffung des Rechts auf Sklaverei
mit allen Rückschlägen als eine Parabel für die [3][Abschaffung des
Grenzrechts]. Es gab nicht nur ethische Gründe gegen Sklaverei. Adam Smith,
der schottische Vordenker des Liberalismus, brachte ökonomische Argumente
vor. Er hielt die Arbeit freier Menschen für effizienter als Sklavenarbeit.
Sklavenarbeit ist am Ende die teuerste Arbeit, schrieb er 1776. Heute
könnte man mit den ungeheuren Kosten des Grenzschutzes argumentieren und
fragen, ob diese vielen Milliarden Euro nicht sinnvoller eingesetzt werden
könnten. Heute würde Adam Smith vermutlich schreiben, dass es ökonomisch
sinnvoller wäre, angesichts des Arbeitskräftemangels Flüchtlinge arbeiten
zu lassen, anstatt sie oft zu jahrelanger Untätigkeit zu verdammen. Smith
wäre wohl verblüfft angesichts der Absurdität, dass Minister*innen
durch die Welt jetten, um weit entfernt Pflegekräfte abzuwerben, während
Migrant*innen ohne Aufenthaltsrecht, die in Deutschland eine
entsprechende Ausbildung machen, abgeschoben werden.
Diese Absurditäten sind heute völlig normal, weil Grenzen so normal sind.
Wir müssen versuchen, das Unmögliche zu denken. Vielleicht fragt man sich
in hundert Jahren, wie man es einmal für rechtmäßig halten konnte, Grenzen
zu „schützen“ und dabei Menschen massenhaft sterben zu lassen. Adam Smith
hielt übrigens die Abschaffung der Sklaverei für ziemlich unwahrscheinlich.
Die Geschichte hat seine Skepsis widerlegt.
30 Dec 2025
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## AUTOREN
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