# taz.de -- Satirische Jahresvorschau für Berlin: „Yo so freshes Ganja, checkt ihr?“
> Kai Wegner verliert trotz öffentlichen Kiffens die Wahl, Polizisten
> besetzen ein Haus, und im sozialistischen Berlin sprudeln Bierbrunnen an
> jeder Ecke.
IMG Bild: Wie wird 2026? Die taz hat mal tief in die Glaskugel geschaut
Januar
Silvester läuft wie gewohnt aus dem Ruder: Kreuzberg brennt, bei der
Neujahrsparty am Brandenburger Tor gibt es sexistische Übergriffe und
Mustafas Gemüse Kebap wird von halbstarken Teenies im Suff geplündert. Nius
twittert bereits um 0.30 Uhr aus seinem Bunker in der Kreuzberger
Ritterstaße und weiß, wer nicht schuld ist: Maximilian und Alexander. Auf
die obligatorische rassistische [1][Neujahrshetze gegen die „Pashas“]
springt die CDU wie immer auf, gefordert wird die altbewährte
„Vornamen-Liste“. Die AfD hat derweil andere Probleme: Gleich mehrere
Vorstandsmitglieder haben sich mit der Blauzungenkrankheit infiziert, als
erste menschliche Wesen überhaupt. In Zoo und Tiergarten werden massenhaft
Tiere gekeult, die sich mit dem Virus angesteckt haben. In der Partei geht
die Angst um.
Februar
Beim BSW-Landesparteitag lässt sich Sahra Wagenknecht ohne Gegenkandidatur
und durch Akklamation per 43-minütigen Applaus der Delegierten zur
Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl wählen. Als Hauptgegnerinnen
macht sie Elif Eralp (Linke) und Kristin Brinker (AfD) aus. Fortan wird der
Kampf ums Rote Rathaus einer der drei Frauen. Die Spitzenkandidaten von
CDU, SPD und Grünen (m, m, m) veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung,
dass sie sich der feministischen Wende nicht länger in den Weg stellen und
auf einen aktiven Wahlkampf verzichten werden. Doch bis zum
Regierungswechsel werden Fakten geschaffen: [2][Der Senat verbietet das
Gendern], streicht den Frauenhäusern die Hälfte ihres Etats und druckt
schon mal neues Briefpapier mit der Kopfzeile „Der Regierende
Bürgermeisterin“.
März
Die Alexanderstraße landet auf Platz 1 der „coolsten Straßen der Welt“ im
Ranking der Time Out, das damit seinen satirischen Tiefpunkt erreicht.
Nachdem die Oranienstraße und das Maybachufer in den Vorjahren bereits
unter den Top 10 landeten, lobt das britische Magazin nun die gemütliche
Flaniermeile an der vierspurigen Kreuzung am Alex. Ihre „popkulturelle
Avantgarde“, die sich vor allem im Alexa und im Labubu-Shop manifestiert,
sei einmalig. Im Plüschtier-Shop herrschen seit dem Auftritt Zahides in der
Uber Eats (Fahrer hungern)-Arena Anfang Januar bürgerkriegsähnliche
Zustände. Kurz zuvor hatte die 15-jährige Kreuzberger Newcomer-Rapperin
ihren Track „Labubu Freestyle“ gedropped. Während die Briten Berlin feiern,
tun die Berliner es nicht. Die Hauptstadt schneidet [3][beim ersten der 132
jährlichen Städteranking]s gewohnt miserabel ab, auf Platz eins landet das
schwäbische Meckenbeuren. Der Vorteil: Die Schwaben packen schon mal ihre
Umzugskartons.
April
Es ist Four/Twenty (20. 4.) und die Hauptstadt ist am Blazen. Am
Brandenburger Tor wird gefeiert, Kai Wegner zieht an einem zwei Meter
langen Joint, einer Mischung aus Lemon Haze und OG Kush. In einem letzten
kläglichen Versuch, nicht abgewählt zu werden, wirft er unbeholfen mit
Jugendwörtern um sich: „Yo so freshes Ganja, checkt ihr?“, ruft er in die
Menge. Unter Buhrufen torkelt Wegner von der Bühne. „Mies crossfaded“,
murmelt er noch mit geröteten Augen. Es folgt ein Shitstorm über
verweichlichte Männlichkeit: Wegner habe geweint nicht gekifft, deshalb sei
er kein echter Mann, so Reichelt & Co. Der Held der Manosphere besucht
derweil Berlin. Donald Trump trifft auf seiner Europa-Tour im Kanzleramt
ein, um Friedrich Merz zu demütigen und danach einen Friedensplan
vorzulegen. Berlins AfD-Chefin Brinker rüttelt draußen am Tor, um eine
Wahlempfehlung des US-Präsidenten zu bekommen und wird von
Sicherheitskräften abgeführt.
Mai
Trumps Besuch lässt den 1. Mai das erste Mal seit 1987 völlig eskalieren.
Ein woker Mob legt die Friedrichstraße in Schutt und Asche und lässt
Dutzende ausgebrannte Autos zurück. In einer Pressemitteilung der Grünen
Friedrichshain-Kreuzberg wird die [4][„autofreie Friedrichstraße als
„Erfolg der Zivilgesellschaft“] gefeiert. Kurz vor dem ultimativem Erfolg,
dem Wiederaufstieg in die Bundesliga, geht Hertha BSC die Luft aus: In den
letzten 3 Spielen holen die Hauptstadtkicker keinen einzigen Punkt. Am Ende
reicht es nur zu Platz 4. Für die kommende Saison erwägt man einen Umzug
ins Sportforum Hohenschönhausen.
Juni
Der neue Mietspiegel wird veröffentlicht und weist Durchschnittsmieten von
mehr als 10 Euro pro Quadratmeter aus. In den kommenden Wochen nutzen
private und städtische Vermieter dies für hunderttausende weitere
Mieterhöhungen. SPD-Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler sieht Berlin
dennoch auf einem „guten Weg“, denn durch vermehrten Wegzug gäbe es so
viele freie Wohnungen wie lange nicht mehr. In der Weserstraße besetzen
wohnungslose Polizisten, Krankenschwestern und Busfahrer ein Haus mit
freistehenden Wohnungen, die zu Quadratmeterpreisen von 43 Euro angeboten
werden. Der Polizei-Einsatzleiter weigert sich, seinen Partner zu räumen.
Die taz titelt: „Danke Polizei!“
Juli
Ein Polizeieinsatz gegen den CSD aufgrund des Zeigens der im Zuge des
Gender-Verbots ebenfalls untersagten Regenbogenfahne lässt die Liebe
schnell wieder abflauen. Applaus für den am Nollendorfplatz auffahrenden
Wasserwerfer kommt aus einer Gruppe Jungmänner, die sich – bis dato getarnt
als Fetisch-Boys – als Neonazis herausstellen. Nach dem Kommando „Wasser,
marsch“ mischen sich einige von ihnen nackt in die Menge. Die Temperaturen
erreichen im Berliner Hitzesommer erstmals die 50 Grad. Um die erhitzten
Gemüter zu beruhigen, ordnet die CDU die Öffnung aller Privat-Pools für die
Allgemeinheit an. Janz Berlin fährt wochenends in den Grunewald.
August
Die feministischen Vorreiterinnen Wagenknecht, Eralp und Brinker setzen
sich allesamt für die Entkriminalisierung von Sexarbeit, gegen das
nordische Modell und ein Sexkaufverbot ein. Alice Schwarzer gefällt das gar
nicht. Unter dem Motto „BSW: Bitches Sex Verweigern“ startet sie eine
Kampagne gegen Wagenknechts Bündnis, das sich inzwischen zu „Berliner in
Sicherheit Wiegen“ umbenannt hat. Die Venus, Europas größte Erotikmesse,
handelt längst. 2026 findet die Messe mit vertauschten Rollen statt: Männer
bieten an, Frauen konsumieren. Die Frauenscharen stehen mit
überdimensionalen Objektiven sabbernd vor verunsicherten Mackern, die, vom
Scheinwerferlicht geblendet, mit einer Hand vor den Augen masturbieren.
[5][Jahrelang als Empowerment verteidigt,] fühlt sich die
Kommerzialisierung von Sexualität für die Männer plötzlich ungewohnt
asymmetrisch an.
September
Weil tausende Wahlbriefe verloren gehen, findet die Abgeordnetenhauswahl
per Fax statt. Wagenknecht scheitert und kündigt eine Klage an. Am Ergebnis
ändert das nichts: Wegner wird abgewählt, Elif Mamdani Eralp siegt. Wegners
Gattin Katharina Günther-Wünsch macht sich aus dem Staub und brennt mit
Philipp Amthor durch. Heartbroken Wegner emigriert ins 17. Bundesland
Mallorca. Als Bezirksbürgermeister von Llucmajor (Heimat der
Schinkenstraße) kämpft er dort für bessere Vermieterrechte und ein Verbot
veganer Ersatzprodukte. Unter Eralp sprießen in Berlin die
All-you-can-eat-Kiezkantinen wie Pilze aus dem Boden,
Long-Island-Ice-Tea-Flatrate bei Sausalitos inklusive. Enteignet wird im
sozialistischen Berlin als erstes die Betreiberfirma des Berliner Fensters,
um den Tagesspiegel aus dem U-Bahn-TV werfen, dann kommt LAP Coffee unter
die Räder. Ihre Bitcoin-Vorträge müssen die Matcha-schlürfenden
Aktientrader von nun an im Soho-House halten. Die Forderung der
Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD): „Freibier für alle“ wird
endlich Realität; Bierbrunnen sprudeln an jeder Ecke. Auf Druck des kleinen
Koalitionspartners SPD wird eine Expertenkommission eingesetzt, die die
Expertenkommission zur Vergesellschaftung von Deutsche Wohnen und Co.
überprüfen soll.
Oktober
Während in Israel und Palästina dauerhafter Frieden eingekehrt ist und
Verhandlungen über eine demokratische Zwei-Staaten-Lösung kurz vor dem
Durchbruch stehen, gehen am 7. Oktober in Berlin Pali-Aktivist*innen wieder
auf die Straße. In diesem Jahr nicht unter dem Motto „Glory to the
resistance“ und mit Paraglidern auf den Flyern, sondern unter dem Motto:
„Frieden ist erst, wenn wir es sagen!“ Demonstriert wird vor der JVA Tegel,
wo inzwischen die meisten der Aktivist:innen sitzen. Die Kufiya hat als
modisches Assecoire allerdings ausgedient, stattdessen ist der
Echtfellschal wieder en vogue. Angesichts des eisigen Ostwinds, der nun in
der Stadt weht, ist das mehr Notwendigkeit als Backlash.
November
Das Gender-Verbot ist mit der feministischen Wende unter Eralp gleich
wieder gefallen. Doch das ist erst der Anfang: [6][Ordnungsamtsmitarbeiter
kleben die Mile-Milfs-Autos wieder zu „Miles“ um], die Graffiti-Gang PMS
Ultras bekommt eine Residenz im Haus der Kulturen der Welt, und im
Stadtschloss eröffnet ein neues Frauenhaus. Dafür wird Sidos Weihnachtsshow
gecancelt, nachdem der Opa-Rapper bei seinem Auftritt im Bierkönig „Zeig
mir mal die Möpse“ gegrölt hatte.
Dezember
Das Berghain wird 22 Jahre alt. Die Schnapszahl ist für den
Friedrichshainer Bunker allerdings keineswegs eine Glückszahl. Seit dem
[7][Banger der spanischen Popsängerin Rosalia „Berghain“] schwächelt der
Club: zu Mainstream, zu wenig Underground. Der Besuch von Harry Styles Ende
Dezember gab den ehemaligen Hain-Ultras den letzten Rest. Die echten Cool
Kids chillen inzwischen im „neuen Berghain“, wie die New York Times das
Café La Maison am Paul-Lincke-Ufer nannte. Aufgrund des Weiterbaus der A
100 – ein letzter Liebesgruß der CDU – wurden das About Blank, die Else und
das Oxi dem Erdboden gleichgemacht. Das juckt die Szene aber kaum, die
echten OGs raven eh nur noch im „(X-) Hamster“, Elon Musks Technoclub im
Tesla-Werk Grünheide. Der hat inzwischen 17 Floors. Der Autobau ist seit
dem Erfolg des Volksentscheids „Berlin autofrei“ eingebrochen.
1 Jan 2026
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