# taz.de -- Senat stimmt für Amnestiegesetz: Triumph für Brasiliens Rechte
> Der brasilianische Senat stimmt für kürzere Strafen für die Putschisten
> von 2023. Ex-Präsident Bolsonaro könnte so nach zwei Jahren
> Hafterleichterung bekommen.
IMG Bild: Mildere Strafen für die Putschisten: Putschversuch nach der verlorenen Wahl von Bolsonaro im Januar 2023
In der Nacht auf Donnerstag hat der brasilianische Senat sich der
Entscheidung der Abgeordnetenkammer angeschlossen und für den
Gesetzesentwurf der sogenannten Dosimetria gestimmt. Mit diesem Gesetz
würde das Strafmaß aller am Putschversuch vom Januar 2023 Beteiligten
deutlich verringert. [1][Ex-Präsident Jair Bolsonaro], der nach geltendem
Gesetz mindestens 7 der insgesamt 27 Jahre und drei Monate seiner
Haftstrafe im geschlossenen Vollzug verbringen müsste, könnte danach
womöglich bereits nach zwei Jahren Hafterleichterungen beantragen.
Das Bestreben, den „Messias“, so Bolsonaros Zweitname, und seine
Kampfgenossen vor hohen Strafen zu bewahren, verfolgen dessen Anhänger
[2][seit dem Putschversuch.] Zunächst sah es so aus, als hätten sie
schlechte Chancen. Ein erster Vorstoß, der eine komplette Amnestie, also
die Möglichkeit der Straffreiheit, vorsah, wurde ersetzt durch die jetzt
vorgelegte „Dosimetria“, bei der die Strafen der Putschisten um bis zu zwei
Drittel gekürzt werden können.
Mehrere Strafen für verschiedene Verbrechen würden zudem nicht addiert,
sondern es würde ausschließlich das jeweils höhere Strafmaß angewendet.
Anfang der vergangenen Woche hatte die vom rechten Lager dominierte
Abgeordnetenkammer den Gesetzestext befürwortet, die Abstimmung im meist
liberal entscheidenden Senat sollte auf nächstes Jahr vertagt werden.
Nun hat sich die Lage überraschend geändert. Verwickelt in diese
Veränderung ist ausgerechnet Jaques Wagner von der linken Arbeiterpartei
(PT) von [3][Brasiliens Präsident Lula da Silva]. Der Senator aus dem
traditionell linken Bundesstaat Bahia hat nach eigener Aussage mit der
Opposition eine Vereinbarung getroffen, bei der die Regierung die
Abstimmung über die „Dosimetria“ nicht behindert, wenn die Opposition im
Gegenzug ein Gesetz durchwinkt, das Steuererleichterungen abschafft und
höhere Steuersätze unter anderem für Finanztechnologie einführt.
## Mehrheit gegen Verkürzung
Dadurch sollen der Regierung Mehreinnahmen in der Höhe von 20 Milliarden
Reais ermöglicht und Etatkürzungen verhindert werden. Wagner beantragte,
anstatt der innerhalb der Regierung vereinbarten fünf Tage Pause, nur vier
Stunden Unterbrechung, sodass die Entscheidung in der letzten Arbeitswoche
des Kongresses mitten in der vergangenen Nacht fiel.
Nachdem seine Aktion hinter den Kulissen bekannt geworden und von
Lula-Anhängern wie Ministerin Gleisi Hoffmann heftig angegriffen worden
war, beeilte sich Wagner, zu betonen, er habe die Abmachung auf eigene
Initiative und ohne Abstimmung mit der Regierung getroffen. Gleichzeitig
vertritt er seine Haltung vehement: Da die „Dosimetria“ ohnehin nicht mehr
zu verhindern gewesen sei, habe er das Richtige getan.
Laut einer aktuellen Umfrage von Genial/Quaest sind 47 Prozent der
Bevölkerung gegen eine Reduzierung der Strafen, während 43 Prozent sich
dafür aussprechen. Nachdem es bereits im September landesweite
Demonstrationen gegen die Amnestie gegeben hatte, gingen am vergangenen
Sonntag erneut in allen brasilianischen Großstädten Menschen gegen das
Gesetz auf die Straße.
## Trotz präsidentiellen Vetos nicht vom Tisch
Zur Verabschiedung muss Präsident Lula den Text innerhalb einer 14-tägigen
Frist bestätigen. Tatsächlich hat der brasilianische Präsident aber bereits
sein Veto angekündigt. Gleisi Hoffmann betonte in den sozialen Medien: „Die
Regierung war von Anfang an gegen dieses Gesetz.“
Mit dem präsidentiellen Veto ist die „Dosimetria“ allerdings nicht aus der
Welt: Das Gesetz wird dann 2026 erneut dem Kongress vorgelegt, der das Veto
mit 257 von 513 Stimmen der Abgeordneten und 41 von insgesamt 81
Senatorenstimmen kippen kann.
Dann kann nur noch ein parlamentarischer Antrag zur Prüfung der
Verfassungskonformität des Gesetzes durch den Obersten Gerichtshof das
Gesetz stoppen: Sollte dieser entscheiden, dass der Text nicht der
Verfassung entspricht, würde das Gesetz auch nach seiner Verabschiedung
noch annulliert.
18 Dec 2025
## LINKS
DIR [1] /Brasiliens-Expraesident-in-Haft/!6132732
DIR [2] /Nach-Putschversuch-in-Brasilien/!6113490
DIR [3] /Brasiliens-linker-Staatschef/!6123660
## AUTOREN
DIR Christine Wollowski
## TAGS
DIR Brasilien
DIR Luiz Inácio Lula da Silva
DIR Jair Bolsonaro
DIR Haftstrafe
DIR Putschversuch
DIR Brasilien
DIR Jair Bolsonaro
DIR Weltklimakonferenz
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Präsidentschaftswahl 2026 in Brasilien: Soll Sohn Nummer eins wirklich an die Spitze?
Flávio Bolsonaro kandidiert in Brasilien für das Präsidentenamt. Er ist der
älteste Sohn des verurteilten Ex-Staats- und Regierungschefs Jair
Bolsonaro.
DIR Verurteilter Ex-Präsident Brasiliens: Bolsonaro ernennt Thronfolger
Der Senator Flávio Bolsonaro will sich Ende 2026 um das Amt des
Staatspräsidenten bewerben. Sein Vater, Häftling Jair Bolsonaro, habe ihn
zu seinem politischen Erben erkoren.
DIR Brasiliens linker Staatschef: Der Tintenfisch
Brasiliens Präsident Lula da Silva streckt seine Arme in alle Richtungen
aus. Ideale Voraussetzung für den Gastgeber der Weltklimakonferenz, oder?