# taz.de -- Hamburger Ruderinnen in der NS-Zeit: „Eine hohe ideologische Nähe zum Nationalsozialismus“
> Zum 100. Vereinsjubiläum liegt erstmals eine Studie zur NS-Geschichte des
> Hamburger Ruderinnen-Clubs vor. Sie bezeugt eine frühe
> Selbstgleichschaltung.
IMG Bild: Mit Hitlergruß: Bootstaufe am Ferdinandstor im Jahr 1939
taz: Herr Bois, waren Sportvereine besonders anfällig für die Ideologie des
NS-Regimes?
Marcel Bois: Schwer zu sagen, aber zumindest waren sie nicht weniger
anfällig als der Rest der Gesellschaft. Beim „Hamburger Ruderinnen-Club von
1925“, mit dem ich mich befasst habe, lässt sich eine hohe ideologische
Nähe zum Nationalsozialismus feststellen. Ein Grund war sicherlich, dass
das Regime das Frauenrudern gefördert hat. Anders als noch in der Weimarer
Republik durften Frauen nun beispielsweise Wettkämpfe veranstalten.
taz: War der Hamburger Ruderinnen-Club regimetreuer als andere
Sportvereine?
Bois: Die Gunst des NS-Regimes hing weniger von der Sportart ab als von der
gesellschaftlichen Herkunft des Vereins. In der späten Weimarer Republik
gab es drei Arten von Sportclubs: den Arbeitersport, den bürgerlichen und
den [1][jüdischen Sport]. Der Arbeitersport wurde mit der Machtübergabe an
die Nationalsozialisten 1933 weitgehend verboten, im Zuge der
[2][Verfolgung der KPD, der SPD] und des Verbots der Gewerkschaften. Der
jüdische Sport durfte noch eine Zeitlang existieren, weil das Regime
fürchtete, dass die westlichen Staaten sonst die [3][Olympischen Spiele
1936] boykottieren würden.
taz: Wie standen bürgerliche Sportvereine wie der Ruderinnen-Club zum
NS-Regime?
Bois: So weit wir wissen, hat die Mehrzahl der bürgerlichen Sportvereine
den NS-Staat unterstützt. Genaueres muss die weitere Aufarbeitung zeigen,
die im Sport erst recht [4][spät begonnen] hat – beim Hamburger SV zum
Beispiel im Jahr 2000.
taz: Wie lief die Nazifizierung des Hamburger Ruderinnen-Clubs ab?
Bois: Zum einen gab es schnell eine ideologische Nähe zum Regime. So wurden
schon 1933 beim „Anrudern“ Nazi-Parolen skandiert und das rechtsnationale
Horst-Wessel-Lied gesungen. Zudem gab es nicht nur auf Verbandsebene – im
Reichsbund für Leibesübungen – einen personellen Austausch, sondern auch in
den Vereinen: Die erste Versammlung des Ruderinnen-Clubs nach der
Machtübergabe an die NSDAP brachte auch hier die Selbstgleichschaltung.
taz: Wie ging das vor sich?
Bois: Die bisherige Vorsitzende Sophie Barrelet wurde zur „Führerin“
bestimmt, die nicht abgewählt werden konnte. Zudem führte der Verein schon
1933 den gegen Juden gerichteten [5][„Arierparagrafen“] ein – was er zu
diesem Zeitpunkt noch nicht hätte tun müssen. Und ab 1935 stand in der
Satzung des Hamburger Ruderinnen-Clubs: „Der Verein bezweckt die leibliche
und seelische Erziehung seiner Mitglieder im Geiste des NS-Volksstaats.“
Zuständig für diese ideologischen Schulungen war ab 1936 die „Dietwartin“.
Auch lässt sich für mindestens sechs Vereinsmitglieder eine
NSDAP-Mitgliedschaft nachweisen, darunter zwei spätere Ehrenmitglieder.
taz: Was für ein Mensch war die „Führerein“ Sophie Barrelet?
Bois: Sie muss eine sehr charismatische Person gewesen sein, die vielen der
älteren Frauen in positiver Erinnerung geblieben ist. Nur einige wenige
haben sie als autoritär beschreiben. Politisch kam sie aus dem
Liberalismus, hat aber in der NS-Zeit Karriere gemacht. Und zwar sowohl im
Sport, wo sie es bis zur deutschlandweit höchsten Repräsentantin der
Ruderinnen brachte, als auch in ihrem Beruf als Pädagogin. 1940 wurde sie
zur Professorin ernannt und bekleidete hohe Ämter in der Schulverwaltung.
Das zeigt, dass sie tief im NS-Regime verankert war.
taz: Und wie wirkte sich der „Arierparagraf“ auf den Verein aus?
Bois: Das ist schwer zu sagen, weil die Quellen fehlen.
Mitgliederverzeichnisse des Vereins haben wir erst ab 1940, und da finden
sich keine Jüdinnen. Wir wissen aber aus anderen Sportvereinen, dass
jüdische Mitglieder meist bis 1935 ausgeschlossen wurden. Vermutlich war
das auch beim Ruderinnen-Club der Fall, der – nahe des jüdisch geprägten
Hamburger Grindelviertels gelegen – vor 1933 ganz sicher jüdische
Mitglieder hatte.
taz: Kooperierte der Verein auch konkret mit dem Regime?
Bois: Ja, es gab wenig Berührungsängste. Bei Bootstaufen waren oft
NS-Größen dabei. Auch sind die Ruderinnen bei Veranstaltungen des Regimes
wie dem „Deutschen Turn- und Sportfest“ in Breslau, dem heute polnischen
Wrocław, mit aufmarschiert. Und noch im Juli 1944, knapp ein Jahr vor
Kriegsende, konnten sie an der Kriegsmeisterschaft in Wien teilnehmen. Das
war kurz nach dem gescheiterten Hitler-Attentat der Gruppe um [6][Graf von
Stauffenberg] – also zu einer Zeit, wo nicht jeder frei reisen konnte. Man
muss sich das vorstellen: Hamburg liegt seit einem Jahr – der britischen
[7][Bombardierung vom Juli 1943] – in Schutt und Asche. Und die Ruderinnen
fahren zum Wettkampf nach Wien, als ob nichts wäre.
taz: Wurde Sophie Barrelet nach 1945 belangt?
Bois: Beruflich ja, sie durfte einige Jahre lang nicht als Lehrerin
arbeiten. Im Verein musste sie 1945 zwar aus dem Vorstand ausscheiden, weil
die britische Militärregierung keine NSDAP-Mitglieder im Vorstand der
Sportclubs wollte. Aber 1950 änderte sich das, da strich der Verein die
entsprechende Bestimmung wieder aus der Satzung. Barrelet wurde erneut
Vorsitzende und blieb es bis 1965. Bis zur ihrem Tod 1987 war sie im Verein
präsent.
taz: Wann begann die Aufarbeitung?
Bois: Das dauerte, wie bei allen anderen Sportclubs auch. 1995 gab es in
der taz einen kleinen Artikel, in dem zwei Vereinsmitglieder auf Fragen
nach der NS-Zeit ausweichend antworten. Im Jahr 2000, zur 75-Jahr-Feier des
Vereins, forderte Sophie Deuter als Vizepräsidentin der Bürgerschaft, dass
sich der Ruderinnen-Club seiner NS-Vergangenheit stellen solle. Der Club
reagierte empört und druckte die Rede nicht in der Jubiläums-Festschrift
ab. Dann passierte wieder lange nichts. Erst im April 2024 erschien eine
Studie des Deutschen Ruderverbands zu seiner NS-Geschichte, die auch
Barrelet als NS-Funktionärin benennt. Ende 2024 beschloss der [8][Hamburger
Ruderinnen-Club], die jetzt vorliegende Publikation zur NS-Vergangenheit in
Auftrag zu geben, zum 100-jährigen Bestehen.
taz: Wie hat der Club reagiert?
Bois: Meine Studie hat eine spannende Dynamik ausgelöst. Eine Gruppe von
Clubmitgliedern will sich intensiver mit den Ergebnissen befassen und
überlegen, wie sie ihre club-interne Erinnerung gestalten.
29 Dec 2025
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