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       # taz.de -- Unterbringung von Geflüchteten: „Die Quittung werden wir bekommen“
       
       > Großunterkünfte und Hostels für Geflüchtete sind teuer und unmenschlich,
       > sagt der Unterkunftsleiter Peter Hermanns. Der Senat folge dem
       > ablehnenden Zeitgeist.
       
   IMG Bild: Container im ehemaligen Flughafen Tempelhof
       
       taz: Herr Hermanns, [1][das erste Containerdorf Deutschlands in Köpenick],
       das der Internationale Bund sechs Jahre geleitet hat, wurde gerade nach
       zehn Jahren geschlossen. Wie sehen Sie diese Einrichtung im Nachhinein? 
       
       Peter Hermanns: Es gab damals von allen Seiten Kritik. Einmal an dieser
       neuen Art der Unterbringung, zum anderen von der rechten Seite, die
       überhaupt gegen ein Heim war und dagegen demonstrierte. Zu Ersterem: Auch
       ich bin damals davon ausgegangen, dass Container nur eine vorübergehende
       Unterbringungsmöglichkeit sein können. Inzwischen sind sie aber eine
       normale Form der Flüchtlingsunterbringung – immerhin ist ihre Qualität
       besser geworden. Andererseits: Im Vergleich mit Großunterkünften wie Tegel
       und Tempelhof sind die Container in der Alfred-Randt-Straße fast besser
       gewesen.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Hermanns: In den Containern der Notunterkunft in Tempelhof haben die
       Bewohner viel weniger Platz: 4 Menschen müssen in einem
       12-Quadratmeter-Container leben. In Tegel in den Großzelten, die gerade
       abgebaut wurden, war es noch enger. In Köpenick beziehungsweise in anderen
       Containerdörfern, die reguläre Unterkünfte sind, sind es
       15-Quadratmeter-Container für je 2 Menschen. Ich will das Containerdorf in
       Köpenick nicht schönreden. Ich glaube aber, dass man, wenn man eine gute
       und engagierte Arbeit macht – und diese Rückmeldung haben wir von ganz
       vielen Bewohnenden bekommen –, dann kann sich auch bei so einer prekären
       Unterkunft ein Gefühl von Sich-angenommen-Fühlen, von Wohlfühlen
       entwickeln.
       
       taz: Warum sind Containerdörfer inzwischen normal? Liegt das nur an der
       Wohnungsnot – oder sind das politische Entscheidungen? 
       
       Hermanns: Inzwischen denke ich, das ist eine politische Entscheidung. Kurz
       nach der Eröffnung der Alfred-Randt-Straße haben wir begonnen, mit der
       Wohnungsbaugesellschaft Degewo ein Neubauprojekt in Altglienicke zu
       entwickeln, wo 50 Prozent Menschen mit und 50 Prozent ohne
       Fluchthintergrund zusammen leben. Bis heute bieten wir dort Beratungs- und
       Nachbarschaftsarbeit an – und das funktioniert. Wieso ist niemand sonst auf
       die Idee gekommen, so etwas anzuschieben? Wir brauchen ja händeringend mehr
       Wohnraum – für Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete. Ich habe den Verdacht,
       dass es gar nicht mehr gewollt ist, dass Geflüchtete in Berlin wirklich
       dauerhaft ankommen. Die allgemeine Stimmung ist ja eher auf Abschieben
       raus.
       
       taz: Und der Senat hat kürzlich [2][das Ziel einer dezentralen
       Unterbringung beerdigt] und setzt nun allein auf Großunterkünfte und
       Hostels. 
       
       Hermanns: Dabei ist das ja viel teurer! Und vor allem geht es in den
       Hostels nicht um die Unterstützung der Menschen, da geht es nur um die
       Unterbringung. Ich frage: Was machen wir da eigentlich? Wir geben
       wahnsinnig viel Geld aus für eine Unterbringung in sehr prekären
       Verhältnissen. Und wir leisten keine Unterstützung mehr oder nur noch
       rudimentär. Die Quittung werden wir bekommen.
       
       taz: Was meinen Sie damit? 
       
       Hermanns: Ich glaube, wenn Menschen so prekär untergebracht sind, wenn sie
       keine Unterstützung bekommen, die sie gerade am Anfang dringend brauchen,
       dann entwickeln sich natürlich Frust und Perspektivlosigkeit. Mit allen
       Folgen, die man sich ausmalen kann. Und dann wird die Diskussion noch mal
       verstärkt über diese angeblich so „problematischen“ Menschen, die nach
       Deutschland kommen. Ich glaube, die Politik versäumt es in weiten Teilen,
       dieser Erzählung von den Gefahren durch Geflüchtete etwas entgegenzusetzen.
       Obwohl man weiß, was Bedingungen sein könnten, um die Dinge erfolgreicher
       zu gestalten. Das haben wir mit der Alfred-Randt-Straße auch ein bisschen
       vorgemacht.
       
       taz: Und wie läuft es in „Ihrer“ [3][Notunterkunft in Tempelhof], die Sie
       zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt betreiben? 
       
       Hermanns: Ja, die ist sehr groß geworden inzwischen. Es gibt wie gesagt
       diese kleineren Container in den Hangars 1 bis 3 und weitere auf dem
       Parkplatz vor dem Gebäude. Insgesamt leben dort rund 1.400 Menschen – und
       es sollen ja nächstes Jahr noch mehr Container dazukommen. Das war auch mal
       als Kurzunterbringung geplant, aber viele Menschen leben da sehr lange,
       manche über ein Jahr.
       
       taz: Wie kann man unter diesen Bedingungen als Betreiber gute Arbeit
       leisten? 
       
       Hermanns: Wenn man gut strukturiert und engagiert arbeitet und ein Konzept
       dahinter steckt und wenn man eine Zugewandtheit den Menschen gegenüber hat,
       kann man in allen Einrichtungen gut arbeiten. Aber je schwieriger die
       räumlichen Bedingungen sind, umso schwerer ist es eben auch.
       
       taz: Was sind die größten Probleme? 
       
       Hermanns: Das fängt damit an, dass sich im Grunde genommen alle über das
       Essen beschweren. Das ist normal, weil: Für so viele Menschen Essen zu
       kochen, das allen schmeckt, das geht ja gar nicht. Das ist in allen
       Einrichtungen so. Dazu kommt die fehlende Privatsphäre. Wenn man mit drei
       fremden Leuten in einem Container schläft, dann hat man nie Ruhe. Das macht
       die Menschen kaputt.
       
       taz: Und warum ist das so teuer? 
       
       Hermanns: Tempelhof ist im Betrieb gar nicht so teuer, kein Vergleich mit
       Tegel oder den Hostels. Aber natürlich war die Einrichtung der Hangars mit
       den Containern am Anfang ein dicker Batzen.
       
       taz: Es war ja seit der Zeit von Elke Breitenbach als linke
       Integrationssenatorin Politik des Senats, bei Ausschreibungen für
       Flüchtlingsunterkünfte nicht nach dem günstigsten Preis zu gehen, sondern
       Betreiber zu berücksichtigen, die sozial- und integrationspolitische
       Konzepte vorlegen. Gilt das noch? 
       
       Hermanns: Nein, schon seit etwa zwei Jahren nicht mehr. Nur noch der
       günstigste Preis entscheidet, wer den Zuschlag bekommt. Das ist ja das
       Problem, dass gute Betreiber – und ich zähle uns jetzt einfach mal dazu –
       kaum noch eine Chance haben. Weil wir unsere Mitarbeitenden gut bezahlen
       nach Tarifvertrag, weil wir gute Arbeitsbedingungen schaffen wollen, weil
       wir seriös arbeiten. Wir verlieren Unterkünfte in Ausschreibungen und es
       kommen auch keine neuen dazu. Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten
       (LAF), das darüber entscheidet, möchte ich aber in Schutz nehmen. Das sind
       Vorgaben aus der Politik.
       
       taz: Aber wie passt das zusammen? Das LAF soll immer die günstigsten
       Betreiber auswählen, gleichzeitig setzt der Senat mit Großunterkünften und
       Hostels auf die teuerste Art der Unterbringung. 
       
       Hermanns: Ich glaube, Letzteres liegt daran, dass es in den Kiezen keine
       Akzeptanz mehr für eine dezentrale Unterbringung gibt. Und jetzt kommt der
       Wahlkampf auf uns zu, da will sich niemand die Finger verbrennen. Auf
       wenige, zentrale Großunterkünfte zu setzen, ist halt die einfachste Lösung
       – egal wie viel Geld es kostet. Das hat auch damit zu tun, dass die Politik
       in Teilen den rechten Erzählungen nichts entgegensetzt, sondern ihnen im
       Grunde genommen hinterherläuft – in der Hoffnung, so die AfD klein zu
       kriegen. Das wird aber nicht passieren.
       
       taz: Alles keine guten Aussichten, auch nicht für den IB, oder? 
       
       Hermanns: Wir sind ein sozialer Träger, der Menschen in Notsituationen
       hilft, nicht nur Geflüchteten, sondern auch Wohnungslosen, Jugendlichen,
       Menschen mit Beeinträchtigung etc. Es gibt immer genügend zu tun, und als
       Betreiber werden wir uns vielleicht anderen Bereichen mehr zuwenden. Aber
       was in der Flüchtlingspolitik passiert, ist, dass den Menschen offenbar
       nicht mehr die Unterstützung zuteilwerden soll, die sie brauchen. Was ich
       als Bürger nicht gut finde. Wir müssen endlich mal wieder dahin kommen, die
       ganz vielen positiven Beispiele nach vorne zu stellen von Menschen, die
       sich hier eine Existenz aufgebaut haben, die Steuern bezahlen, all das.
       Denn die haben jetzt Angst, dass sie hier trotz aller Bemühungen keine
       Zukunft haben sollen.
       
       22 Dec 2025
       
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