# taz.de -- Vorschlag für eine neue Praxisgebühr: Lieber über die Honorare der Ärzteschaft diskutieren
> Das Gesundheitssystem braucht strukturelle Reformen statt provokativer
> Vorschläge. Doch Schwarz-Rot tut wenig dafür, echte Veränderungen
> anzuschieben.
IMG Bild: Kontaktgebühr für Patienten: Damit könnten sich die Wartezimmer leeren, vor allem ärmere Menschen würde nicht mehr kommen
Das Gesundheitssystem ist in schlechter Verfassung. Da sind die maroden
Kranken- und Pflegekassen mit Milliardenlöchern, die weiterhin insolventen
Kliniken ebenso wie der Fachkräftemangel und die zu teuren Arzneimittel.
Reformen wurden viele versprochen, passiert ist unter der aktuellen
Bundesregierung bisher wenig.
Erst im März soll die nächste Kommission zur Reformierung der gesetzlichen
Krankenversicherung ihre Ergebnisse präsentieren. Bis dahin versuchen
Interessengruppen und Verbände, den Diskurs in ihre Richtung zu drehen.
Doch provokative Vorschläge wie letzthin die „Kontaktgebühr“ dürfen nicht
von der Notwendigkeit echter Reformen ablenken.
Die Kontaktgebühr ist ein Paradebeispiel der Agendasetzung. Anfang der
Woche brachte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV),
Andreas Gassen, sie ins Spiel. Patient:innen sollen jedes Mal 3 bis 4
Euro zahlen, wenn sie eine Arztpraxis aufsuchen. Das solle die
Milliardenlöcher der Krankenkassen stopfen.
Finanziell belastet würden die gesetzlich Versicherten, die bereits [1][mit
weiter steigenden Krankenkassenbeiträgen] zu kämpfen haben. Besonders für
chronisch Kranke und armutsbetroffene Menschen hätte dies drastische
Folgen. Die würden im schlimmsten Fall gar nicht zum Arzt gehen, einfach,
weil sie es sich nicht leisten können.
## Es bedarf mutiger Politik
Widerspruch auf den Vorschlag folgte zwar prompt. Sozialverbände
kritisierten ihn als unsolidarisch und ungerecht. Verwiesen wurde auch auf
die 2012 abgeschaffte Praxisgebühr, die zeigte, dass pauschale
Extragebühren kaum die gewünschten Effekte haben. Der Verwaltungsaufwand
wäre erheblich, eine sinnvolle Steuerungswirkung hätte das Instrument
ebenso wenig.
Doch trotz der allgemeinen Ablehnung waren die Kassenärzte mit ihrer
Forderung kommunikativ erfolgreich. Denn während über die Praxisgebühr 2.0
diskutiert wurde, sprach kaum jemand über andere Reformen im
Gesundheitswesen: Budget- und Honorarkürzungen bei der Ärzteschaft etwa.
Wenn im neuen Jahr nun die Reformdiskussion über das ächzende
Gesundheitssystem weitergeht, darf sich nicht mit einfachen Antworten wie
der einer Kontaktgebühr zufriedengegeben werden. Das teure und doch
vergleichsweise ineffektive Gesundheitssystem braucht strukturelle
Veränderungen. Dafür bedarf es mutiger Politik. Einer, die sich mit der
Pharmaindustrie anlegt und die stark gestiegenen Arzneimittelpreise
reguliert. Einer, die die Interessen der Ärzt:innen nicht über jene der
Patient:innen stellt. Und einer Politik, die [2][die Reform der
Krankenhauslandschaft] vorantreibt, anstatt sie auf Druck von
Klinikverbänden und einzelner Länder zu verzögern.
Und ja, auch Patient:innen müssen sich umstellen: Doppel- und
Dreifachbehandlungen müssen vermieden werden, in der Versorgung braucht es
schnellere Prozesse und bessere Patientenaufklärung. Doch Patient:innen
können nicht weiter die einfache Antwort auf strukturelle Probleme sein.
2 Jan 2026
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## AUTOREN
DIR Amelie Sittenauer
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