URI:
       # taz.de -- Liebe als politische Kraft: „Wir brauchen Inseln der Liebe“
       
       > Daniel Schreiber ist davon überzeugt, dass Liebe gegen politische
       > Polarisierung hilft. Ein Gespräch über Härte, Feindbilder und
       > Schreibworkshops.
       
   IMG Bild: Kulturkampf oder liebende Mitgestaltung der Welt? Rotes Herz am Technoklub About Blank in Berlin
       
       taz: Herr Schreiber, Sie rufen in Ihrem neuen Buch zur Liebe auf. Warum? 
       
       Daniel Schreiber: Lange habe ich eine große Lähmung gespürt, eine Ohnmacht
       angesichts der politischen Lage, der Vielzahl der bedrohlichen
       Entwicklungen und vor allem angesichts dieser Kultur des Hasses, die uns
       seit einiger Zeit entgegenschlägt. Beim Nachdenken darüber, [1][wie ich aus
       der Lähmung rauskomme,] ist mir immer wieder der Begriff der Liebe
       eingefallen. Ich glaube, wir brauchen sie gerade jetzt.
       
       taz: Der Welt sei jede Form von Liebe abhandengekommen, schreiben Sie.
       Woran machen Sie das fest? 
       
       Schreiber: Zum einen an der Entgrenzung unserer medialen und politischen
       Diskurse. Ich finde es erschreckend, dass auch im demokratischen
       Parteienspektrum immer häufiger aus politischen Gegnerinnen und Gegnern
       Feinde gemacht werden. Dass das, was Hannah Arendt die langwierigen und
       langweiligen Prozesse des Überzeugens, Überredens, Verhandelns und
       Kompromisseschließens genannt hat, offensichtlich nicht mehr funktioniert.
       Das hat damit zu tun, dass wir einer größer werdenden Gruppe von Menschen
       eine Rhetorik des Hasses erlaubt haben. Die Auswirkungen spüren wir derzeit
       überall.
       
       taz: Sie fühlen sich retraumatisiert durch den politischen Aufstieg der
       AfD. Was haben Sie erlebt? 
       
       Schreiber: Ich bin im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen, in
       jener Zeit, die man heute als Baseballschlägerjahre bezeichnet. Es war eine
       grundlegende Erfahrung für mich, vor Neonazibanden in Springerstiefeln
       wegzulaufen. Zu wissen, dass man, auch als schwuler Mann, an bestimmte Orte
       nicht gehen kann. Wenn man sich den Anstieg rechtsextremer Angriffe
       anschaut, auf Menschen, die anders denken oder aussehen, auf die
       Wahlkampfbüros demokratischer Parteien, dann muss man feststellen: Die
       Baseballschlägerjahre sind zurück.
       
       taz: Fühlen Sie sich bedroht? 
       
       Schreiber: Die Statistiken zeigen: Die Bedrohung ist real. Im vergangenen
       Jahr sind rechtsextreme Straftaten um 47 Prozent gestiegen – und das sind
       nur die, die bekannt wurden. Für mich persönlich waren außerdem die Wahlen
       in Amerika ein Wendepunkt. Ich hatte das Gefühl: Hier geht gerade eine Zeit
       zu Ende, in der sich viele Minderheiten und traditionell benachteiligte
       Gruppen gesellschaftlich frei bewegen und sich äußern konnten, nicht alle,
       natürlich, aber mehr als je zuvor. Der rechte Backlash hat das in
       erschreckend kurzer Zeit zunichtegemacht.
       
       taz: Die politische Lage ist deprimierend. Was kann Liebe da ausrichten? 
       
       Schreiber: Der Begriff ruft zunächst Skepsis hervor. Oder Abwehr, mit der
       Frage: Sollen wir jetzt auch noch die Rechtsextremen lieben, Menschen, die
       uns Böses wollen? Es wird Naivität unterstellt, Sentimentalität. Aber all
       das ist Liebe nicht. Seit der Antike leuchten Liebeskonzeptionen
       Dimensionen von Gemeinschaftlichkeit aus, die uns als Gesellschaft
       abhandengekommen sind: einen Fokus auf Gemeinwohl und Gemeinsinn etwa. Die
       Verantwortung für nachfolgende Generationen in einer Gesellschaft, die
       Solidarität, Menschlichkeit und Fürsorge mit Schwächeren praktiziert und
       wertschätzt. Wir haben in den letzten Jahrzehnten mit der schrittweisen
       Abkehr von einer sozialen Marktwirtschaft, mit der Dominanzergreifung
       neoliberaler Diskurse erlebt, wie von all diesen Dingen Abstand genommen
       wurde. Als wären sie ein Luxus. Die Wahrheit aber ist, dass demokratische
       Gesellschaften nicht ohne diese Dinge existieren können.
       
       taz: Trotzdem: Hat nicht [2][Hannah Arendt] recht, die fand, Liebe habe in
       der Politik nichts zu suchen? 
       
       Schreiber: Hannah Arendt lehnte Liebe als politisches Ziel ab, da sie das
       Missbrauchspotenzial erkannte. Aber sie beschrieb sie eben auch als die
       unabdingbare Grundlage für politische Mitgestaltung. Zeit ihres Lebens
       stellte sie sich die Frage: Warum ist es so schwer, die Welt zu lieben?
       Warum ist es schwer, unsere Welt und unsere Gesellschaft politisch zu
       gestalten? Ich stelle mir diese Fragen heute auch. Warum haben wir davon
       Abstand genommen, die Gesellschaft für alle besser machen zu wollen? Warum
       haben wir die genannten Dimensionen der Liebe aus unserem, auch unserem
       politischen Vokabular verbannt? Warum geht es nur noch um Härte, um
       Machtfragen, um Deals und Feindbilder?
       
       taz: Sie schreiben über eine von radikaler Liebe getriebene Politik, etwa
       bei Martin Luther King oder Gandhi. Zu deren Zeiten waren die Fronten
       klarer. Heute ist die Lage unübersichtlicher, auch innerhalb des
       progressiven Spektrums. 
       
       Schreiber: Der progressive Teil der Bevölkerung war noch nie eine
       einheitliche Bewegung. Aber ich finde es erschreckend, wie sehr auch hier
       in den letzten Jahren eine Rhetorik der Feindschaft Einzug gehalten hat –
       statt zu fragen, bei welchen Grundsätzen man übereinstimmt, für welche
       Ziele man kämpft. Dahin müssen wir aber wieder kommen, um der
       rechtsextremen Bewegung etwas entgegenzusetzen.
       
       taz: Den Rechten mit Liebe begegnen – heißt das, mit Rechten reden? 
       
       Schreiber: Ich persönlich glaube, dass es nicht möglich ist, mit
       rechtsextremen Politikmachenden zu sprechen. Sie sind nicht an einem Dialog
       interessiert. Ich glaube aber, dass man mit rechtsextrem Wählenden reden
       muss. Die gehören nicht selten zu der Gruppe von Menschen, die politisch de
       facto nicht mehr repräsentiert wird, für die unsere Gesellschaft nicht mehr
       funktioniert. Wichtig ist, dass wir [3][den rechtsextremen Kulturkämpfen]
       nicht folgen, weil sie uns von den eigentlichen Problemen ablenken und uns
       weiter spalten. Wir sollten diese Scheindebatten ignorieren. Das heißt auch
       für die Medien, zu erkennen, das ist ein geplanter Kulturkampf, der nichts
       mit unserer Lebensrealität zu tun hat.
       
       taz: Dann kommt aber schnell der Vorwurf, Medien würden bestimmte Themen
       unterschlagen. 
       
       Schreiber: Ja, und wenn man auf diese Argumentation hereinfällt, bestätigt
       man unfreiwillig, dass es nur diese beiden Seiten gibt, die der
       Rechtsextremen und die des Rests. Es gibt eben so viel mehr als zwei
       Seiten. Um die Logik der Polarisierung zu durchbrechen, müssen wir
       entschieden für eigene Ziele eintreten und neue politische Pole bilden –
       und dabei in einer parteiübergreifenden Allianz arbeiten und trotz der
       parteipolitischen Unterschiede aufs Gemeinsame schauen. Probleme, die es
       politisch zu lösen gilt, haben wir wirklich genug.
       
       taz: Sie zitieren Erich Fromm mit einem bemerkenswert pessimistischen
       Gedanken: Menschen fühlten sich stärker von der Zerstörung angezogen als
       von der Liebe zum Leben. Glaubte nicht mal der Hohepriester der freien
       Liebe an die Liebe? 
       
       Schreiber: Diese Befürchtung hat Fromm in einem Brief an eine britische
       Journalistin geäußert. Das war seine persönliche Angst, eine Gefahr, die er
       sah. Unter anderem, weil viele Menschen angesichts gesellschaftlicher
       Verwerfungen und politischer Verbrechen zwar häufig dagegen sind, aber
       nichts tun.
       
       taz: Geradezu prophetisch, wenn man an das kollektive Verhalten anlässlich
       der Klimakrise denkt. 
       
       Schreiber: Ja, aber man muss auch sehen, dass Fromm dieser Angst ein
       breites Verständnis von Liebe entgegenstellte: nicht als Gefühl, sondern
       als Tätigkeit. Liebe und Liebe zum Leben gehören ihm zufolge grundsätzlich
       zum Menschsein. Das widerspricht dem neoliberalen Dogma, dass uns allein
       Dinge wie Konkurrenz und Wettbewerb antreiben. Fromm erwiderte auf das
       Argument, es sei naiv, über Liebe zu reden, dass es naiv sei, nicht über
       Liebe zu reden. Ohne die Lebenspraxis der Liebe können Gesellschaften
       schlicht nicht bestehen.
       
       taz: Sie kommen in Ihrem Buch immer wieder auf einen Schreibworkshop
       zurück, den Sie in einem Haus auf dem Land geben. Ist das für Sie eine Form
       von Liebe, kleine Inseln des Miteinanders zu schaffen? 
       
       Schreiber: Ja, und ich glaube, das ist eine der grundlegenden Sachen, die
       wir im Alltag tun können: Gemeinschaften zu bauen, in denen eine andere
       Form des Miteinanders möglich ist, uns unsere Geschichten zu erzählen und
       einander zuzuhören, ohne Verurteilung, ohne Beschämung. Das können alle
       möglichen Gemeinschaften sein, die Schreibworkshops sind nur ein Beispiel
       aus meinem Leben. Wir brauchen diese Keimzellen der Liebe. Wir brauchen
       diese Inseln des Trosts und des Widerstands.
       
       taz: Sie sagen, es sei gar nicht möglich, die Welt nicht zu lieben. Wie
       passt das zu der kollektiven Lähmung, die Sie eingangs beschrieben haben? 
       
       Schreiber: Ich sage, dass wir letztlich gar keine andere Wahl haben, als
       unsere Welt zu lieben. Wir können unserem Zynismus folgen, unserer
       Verzweiflung. Aber das wird nichts ändern oder dafür sorgen, dass wir uns
       besser fühlen. Es gibt keine Alternative zur liebenden Mitgestaltung der
       Welt. Sonst übernehmen das die Menschen, die die Welt und andere Menschen
       nicht lieben. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben: um Menschen aus
       ihrer Resignationsagonie, aus ihrer Verzweiflungsapathie zu holen, die ich
       selbst viel zu gut kenne. Um Kräfte zu wecken, ohne zu moralisieren. Um
       unsere ethische Muskulatur zu stärken und unseren Gemeinsinn
       wiederzuerwecken.
       
       taz: Also: Öfter miteinander reden im neuen Jahr? 
       
       Schreiber: Warum nicht? Das ist doch eigentlich etwas, was man sein ganzes
       Leben lang lernt: anderen Leuten zuzuhören, auch wenn man nicht einer
       Meinung ist. Und wenn man dabei darauf achtet, was einen trotz allem
       verbindet, kommt man vielleicht auf neue Art zusammen. Und findet so sogar
       die eigene politische Kraft wieder.
       
       31 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Essay-ueber-Moral-in-der-Politik/!6128463
   DIR [2] /Stueck-ueber-das-Leben-der-Philosophin/!6124709
   DIR [3] /In-ihrem-Buch-analysieren-zwei-Soziologen-die-psychischen-Affekte-des-Wutbuergertums/!6117046
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nina Apin
       
       ## TAGS
       
   DIR Politisches Buch
   DIR Essay
   DIR Rechtsruck
   DIR Krise der Demokratie
   DIR Liebe
   DIR Hannah Arendt
   DIR Buch
   DIR Einsamkeit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Politik-Professorin über Hannah Arendt: „Ein selbstständig denkender Mensch wird unbequem“
       
       In den Kinos läuft ein neuer Film über Hannah Arendt. Ihr Denken ist durch
       Rechtsruck und Social Media absolut aktuell, sagt Waltraud Meints-Stender.
       
   DIR Buch von Daniel Schreiber über Trauer: Die Furcht vor dem Schmerz
       
       Daniel Schreiber hat einen neuen Essay vorgelegt. Ausgehend von dem Tod des
       Vaters reflektiert er Trauer, Verlust und das Leben.
       
   DIR Buch über das Alleinsein: Depressiv in Wanderschuhen
       
       Daniel Schreibers Essay „Allein“ erkundet Einsamkeit in der Pandemie. Das
       Persönliche verwebt er geschickt mit dem Gesellschaftspolitischen.