# taz.de -- Ein Gespräch über Israel und Palästina: „Menschenrechte sind unteilbar“
> Kaum ein Thema löst so starke Gefühle aus. Zwei taz-Redakteur:innen,
> Matthias Kalle und Pauline Jäckels, versuchen, einander zuzuhören.
IMG Bild: September 2025: Blick durch ein Fernrohr auf die vom israelischen Militär zerbombte Stadt Beit Hanoun im nördlichen Gazastreifen
taz: Matthias, du sagst: Wenn es um Israel und Palästina geht, verstehe ich
die jüngere Generation nicht mehr. Du bist 1975 geboren, was meinst du
damit?
Matthias: Ich arbeite mit vielen jüngeren Kolleg:innen zusammen, die ich
sehr schätze. Aber sobald es um Israel/Palästina geht, ist da plötzlich
diese Kluft. Ich hatte das Gefühl, wir sprechen aus völlig
unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Und das meine ich nicht als
Vorwurf, sondern als Beobachtung. Dieses Gespräch ist für mich der Versuch,
diese Differenzen besser zu verstehen.
taz: Pauline, was dachtest du, als du von der Idee gehört hast?
Pauline: Mein erster Impuls war: Warum haben wir das nicht vor zwei Jahren
gemacht? Wahrscheinlich lag es daran, dass wir die Positionen der jeweils
anderen so unsäglich fanden, dass wir nicht miteinander sprechen wollten.
Damit meine ich nicht dich, Matthias, aber ich kann bis heute jede Person
verstehen, die es aufgegeben hat, mit Menschen zu sprechen, die übelste
Kriegsverbrechen legitimiert haben – insbesondere, wenn man selbst
betroffen ist. Ich will dieses Gespräch jetzt aber führen, um besser zu
verstehen, wie wir zu unseren jeweiligen Haltungen gekommen sind.
taz: Dann lass uns bei dir einsteigen, Matthias. Deine politische
Sozialisierung liegt ja schon etwas zurück. Wie bist du zu deinen
Positionen in Bezug auf Israel und Palästina gekommen?
Matthias: Ich bin 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Die
zeitliche Nähe zu diesem Menschheitsverbrechen hat mich schon als
Jugendlicher bewegt. Nach und nach habe ich verstanden, dass der Wohlstand
der Bundesrepublik auch auf den Enteignungen der NS-Zeit beruht. Mit der
Wiedervereinigung entstand dann ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Ich
fand das irritierend, hörte darin völkische Untertöne. Daraus hat sich
meine Skepsis allem Nationalstaatlichen gegenüber entwickelt.
taz: Wie unterscheidet sich das von der Sozialisierung jüngerer Menschen?
Matthias: Viele Perspektiven sind erst später hinzugekommen. Diskursmäßig
fehlt mir einiges, was in der linken Theorie erst Ende der neunzigerr oder
in den nuller Jahren populärer wurde. Das ist eine Leerstelle, von der ich
weiß.
Pauline: Was meinst du damit? Postkolonialismus?
Matthias: Ja, genau. Viele theoretische Impulse, die heute
selbstverständlich sind – postkoloniale Perspektiven, strukturelle
Rassismusanalyse –, gab es in meiner Ausbildung kaum. Als ich Mitte der
neunziger Jahre in Leipzig studiert habe, habe ich mich stark über
Kritische Theorie politisiert – Adorno, Horkheimer, später Arbeiten zur
Struktur des Antisemitismus. Diese Texte haben mir gezeigt, dass
Antisemitismus nicht einfach ein Ressentiment ist, sondern eine Ideologie
mit enormer Gewaltgeschichte. Das hat meinen Blick auf Israel und jüdische
Sicherheit grundlegend geprägt. Aus diesen Traditionslinien heraus habe ich
gelernt: Nationalstaatlichkeit ist immer ambivalent, aber Judenfeindschaft
ist eine historisch kontinuierliche Realität.
taz: Und diese Perspektive vermisst du bei jüngeren Kolleg:innen?
Matthias: Was ich vermisse, ist das Bewusstsein dafür, wie hart die
deutsche Ablehnung von Antisemitismus erkämpft werden musste. Diese
Sensibilität prägt meine Art, Konflikte zu betrachten. Sie ist eine Art
moralischer Kompass, der sich nicht einfach ausblenden lässt, nur weil der
moralische Fokus sich verschiebt.
Pauline: Ich glaube nicht, dass wir Jüngeren die deutsche Geschichte
einfach vergessen haben. Meine eigene Politisierung hat mit dem Lernen über
die Verbrechen des Holocausts und der Nazigeschichte meiner Großväter
angefangen. Beide waren in der Wehrmacht. Mit 13 oder 14 habe ich mir jede
erdenkliche Doku über den Nationalsozialismus angeschaut, habe Bücher wie
Anne Franks Tagebuch gelesen.
taz: Welche Überzeugungen hast du daraus mitgenommen?
Pauline: Zum einen, ähnlich wie Matthias, ein Misstrauen gegenüber
Nationalismus. Prägend war für mich auch die Erkenntnis: Man darf nicht
Mitläuferin sein im Angesicht von Unrecht, wie es meine Großeltern waren.
Wenn Staaten Unrecht begehen, dann muss man sich dagegenstellen. Die
Menschen in meinem Umfeld, die das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza
anprangern, sagen nicht: Lass uns vergessen, was im Holocaust passiert ist.
Sie sagen: Wir ziehen aus dem Nationalsozialismus die Lehre, dass wir
Menschenrechtsverbrechen verurteilen und verhindern. Egal wen es betrifft
und egal, von wem sie ausgehen.
taz: Wir schauen gleich noch genauer auf die Gegenwart. Aber davor
interessiert mich: Wie bist du von Anne Frank und Holocaust-Dokus zu deinem
kritischen Blick auf Israel gekommen?
Pauline: Ich bin in Saarbrücken bürgerlich aufgewachsen, kannte nur meine
deutsche Perspektive auf Israel. Aber dann bin ich zum Studieren nach
Berlin. Es war 2017, ein großer Teil meines Jahrgangs waren Menschen, die
aus Syrien geflüchtet waren und ein Stipendium bekommen hatten. Auf einmal
hörte ich die andere Seite der Geschichte. Ein syrisch-palästinensischer
Freund hat mir von seinen Großeltern erzählt, die in der [1][Nakba]
vertrieben wurden und deshalb ihr ganzes Leben in Damaskus im
Flüchtlingslager gelebt haben. Eine palästinensische Freundin von ihrem
Aufwachsen in [2][Ramallah, unter israelischer Besatzung]. Davon, wie es
ist, mit Checkpoints und ständiger Gängelung durch die Armee zu leben. Ich
kam dort aber auch zum ersten Mal in meinem Leben mit Israelis in Kontakt,
die die Politik ihrer Regierung vehement ablehnten. Und ich habe mich
gefragt: Warum habe ich diese Geschichten vorher noch nie gehört?
taz: Matthias, welche Momente haben dich zu deinen politischen
Grundüberzeugen geführt?
Matthias: Als ich mit Mitte 20 nach Berlin gezogen bin und jüdische
Deutsche kennengelernt habe, habe ich verstanden, was Israel für sie
bedeutet. Nicht einfach nur ein politisches Projekt, sondern ein
existenzieller Schutzraum. Zusammen mit meiner historischen Prägung
entstand daraus für mich die Überzeugung, dass die Existenz dieses
Schutzraums nicht optional ist.
Pauline: Dass man aus der deutschen Vergangenheit ableitet: Wir haben eine
Verantwortung gegenüber jüdischen Menschen und ihrer Sicherheit, kann ich
nachvollziehen. Wo es für mich aber aufhört, ist, wenn diese Argumentation
genutzt wird, um staatliche Gewalt an einer anderen Gruppe zu legitimieren.
Das ist für mich die rote Linie. Wenn das Abmetzeln von Palästinensern die
Lehre aus der Vergangenheit sein soll, dann will ich damit nichts zu tun
haben. Noch mehr: Dann sehe ich mich in der Pflicht, dies immer und immer
wieder zu kritisieren.
taz: Matthias, in deinen Texten berufst du dich ja auch auf das Prinzip des
Universalismus – siehst dieses aber von der palästinasolidarischen Seite
verletzt. Mit [3][Eva Illouz] wirfst du ihr einen „virtuosen
Antisemitismus“ vor. Was meinst du damit?
Matthias: Eva Illouz meint damit die Überzeugung, moralisch zu handeln,
während man in Wahrheit jüdische Erfahrung und jüdische Verwundbarkeit aus
dem moralischen Horizont streicht. Aber wer Universalismus ernst nimmt,
muss ihn immer anwenden – nicht nur dort, wo er die eigene Position
bestätigt. Wenn wir uns auf universalistische Maßstäbe einigen könnten, die
für alle gelten, wären viele Missverständnisse ausgeräumt. Mein Problem
ist: Auf beiden Seiten gibt es Menschen, die universell argumentieren, aber
selektiv urteilen.
Pauline: Aber haben nicht alle, die die [4][Staatsräson, die Solidarität
mit Israel verteidigt haben], partikularistisch argumentiert? Auch in
unserer Zeitung wurde, als Menschen im Gazastreifen massenhaft bombardiert
wurden, argumentiert: Gut, das sind jetzt schwierige Bilder, aber die
müssen wir leider aushalten. Die Staatsräson wird doch seit zwei Jahren
herangezogen, um zu verteidigen, dass wir Israel weiter unterstützen,
obwohl es üble Verbrechen verübt. Das ist ganz und gar nicht
universalistisch.
Matthias: Da hast du völlig recht. Die Berufung auf Staatsräson war noch
nie meine Argumentationsbasis. Ich halte sie intellektuell für unpräzise
und politisch für bequem. Universalismus bedeutet ja gerade, dass
moralische Maßstäbe nicht national begrenzt werden dürfen. Wer sich auf
Staatsräson zurückzieht, macht es sich zu einfach.
taz: Und trotzdem schreibst du: „Israel ist der einzige Schutzraum des
jüdischen Volkes. In den vergangenen Jahren wurde das Land [5][zu einer
Projektionsfläche gemacht, die alles Negative verkörpert: Kolonialismus,
Kapitalismus, Rassismus“]. Du meinst, zu Unrecht, oder?
Matthias: Ja. Denn mir geht es nicht um Idealismus, sondern um eine
politische Grundidee: Zionismus war ursprünglich eine radikale
Emanzipationsbewegung. Die Idee lautete: Menschen, die über Jahrhunderte
verfolgt wurden, brauchen Selbstbestimmung, um überhaupt Rechte zu haben.
Dass diese Idee durch die aktuelle israelische Regierung pervertiert wird,
macht sie nicht falsch. Es zeigt nur, dass politische Ideen korrumpiert
werden können. Ich kritisiere die Verbrechen dieser Regierung klar. Aber
ich halte an der Idee eines jüdischen Schutzraums fest, weil sie historisch
notwendig und moralisch legitim ist.
Pauline: Ich finde es interessant, wie sehr du an diesem „Ideal Israel“
festhältst. Der Gedanke, dass Jüd:innen nach Jahrhunderten der Verfolgung,
nach dem Holocaust, einen Schutzraum brauchen, leuchtet mir ein. Aber
wichtiger finde ich, die Realität des Staates Israel zu sehen. Es ist ein
auf ethnonationalen Prinzipien basierter Staat und eine Besatzungsmacht,
die Palästinenser strukturell unterdrückt.
taz: Was meinst du damit genau?
Pauline: Ich war gerade in der Westbank oder dem, was noch von ihr übrig
ist. Dort habe ich absolute Rechtlosigkeit gesehen. Jedes Jahr kommen mehr
illegale israelische Siedlungen dazu. Diese Expansionspolitik hat nicht mit
Netanjahu angefangen. [6][Sie ist Staatspolitik seit vielen Jahren]. Ich
stand dort vor einem alten Ehepaar, das aus ihrem Dorf vertrieben wurde,
weil Israel den Ort zu einem historischen Pilgerort für Siedler deklariert
hat. Israel hat einfach gesagt, dieses Stück Land ist jetzt unseres. Jetzt
lebt das alte Ehepaar 200 Meter weiter in einem containerartigen Haus. Und
sie werden fast täglich von staatlich unterstützten, bewaffneten Siedlern
angegriffen. Würden sie sich wehren, würden sie im besten Fall festgenommen
– im schlimmsten Fall getötet. Das ist nur eine von tausenden Geschichten
dieser Art. Es gibt keine Legitimation dafür.
Matthias: Komplettes Verständnis.
taz: Gleichzeitig sind dir palästinasolidarische Proteste suspekt, du
schreibst von der „unerträglichen Bequemlichkeit der einseitigen
Solidarität“. Wie passt das für dich zusammen?
Matthias: Ich lese die Berichte aus Gaza und der Westbank sehr genau. Aber
mein Anspruch ist es, Leerstellen sichtbar zu machen. Und eine Leerstelle
war die [7][selektive Empathie in Teilen der Palästina-Solidarität,] die
israelisches Leid ausblendet und den Konflikt kulturell überhöht. Mein Ziel
war nie, Verbrechen zu relativieren, sondern das moralische Panorama zu
vervollständigen. Erst im Zusammenspiel deiner Texte, meiner Texte, Texte
von anderen, entsteht das ganze Bild.
Pauline: Aber ich sehe da bei den Meinungstexten bei uns im Haus schon eine
false balance. Es wird so dargestellt, als wären Texte, die
Kriegsverbrechen legitimieren, gleichwertig mit Texten, in denen auf die
Universalität der Menschenwürde und des Völkerrechts gepocht wird. Aus
meiner Sicht wurde für Israel eine Ausnahme von unseren üblichen
Völkerrechtsstandards gemacht. Aus ideologischen Gründen. Es hat dann
anderthalb Jahre gedauert, es mussten 60.000 Menschen sterben und
Hunderttausende hungern, [8][bis für die deutsche Öffentlichkeit eine rote
Linie erreicht war.]
taz: An welchen Stellen habt ihr in den letzten zwei Jahren auch Fehler
gemacht? Und was bräuchte es, damit wir in Zukunft besser über unsere
Positionen zu Israel und Palästina streiten können?
Pauline: Wenn ich zurückblicke, habe ich nach dem 7. Oktober zu wenig über
die Verbrechen dieses Tages gesprochen. Ich weiß, warum das passiert ist.
Aber es war nicht richtig. Ich habe damals so sehr antizipiert, dass die
Entmenschlichung und das Töten von Palästinensern jetzt auf die nächste
Stufe gehoben wird, dass ich mich darauf konzentriert habe, dem
entgegenzuwirken. Anzuerkennen, dass das Morden von Zivilisten an diesem
Tag nicht vertretbar war, muss ein selbstverständlicher Teil einer
universalistischen Position sein.
Matthias: Ich habe in den letzten zwei Jahren manchmal zu sehr aus der
Theorie heraus argumentiert – aus Begriffen wie Universalismus,
Antisemitismusforschung, historischer Verantwortung. Das sind wichtige
Koordinaten, aber sie können Gespräche auch hart machen. Ich habe
unterschätzt, wie sehr viele Kolleg:innen nicht nur politisch, sondern
existenziell betroffen waren. Mein Fehler war, dass ich zu oft geglaubt
habe, man könne diesen Konflikt primär analytisch lösen. Und dass ich zu
selten gefragt habe, wie sich die Realität für Menschen mit
palästinensischen Familiengeschichten oder Fluchterfahrungen anfühlt. Wenn
wir besser streiten wollen, muss ich – müssen wir alle – beides
zusammenbringen: Analyse und Empathie.
taz: Pauline, du wirkst nicht so glücklich mit diesem Fazit.
Pauline: Es kommt gerade viel Frust hoch, der sich über zwei Jahre
aufgestaut hat. Jeden Tag habe ich mir die Bilder der zermetzelten Kinder
in Gaza angeschaut und mich gefragt: Wie kann es sein, dass das weiter
legitimiert wird? Dass wir an unseren Schreibtischen in Berlin nicht zu
einer klaren Haltung gefunden haben, hatte ja Implikationen. Bei mir gibt
es eine tiefe Bitterkeit darüber, dass vor unseren Augen, auch mit
deutschen Waffen, [9][über 100.000 Menschen getötet] wurden. Dass es so
lange gedauert hat, bis eine kritische Masse laut geworden ist, auch
innerhalb des Journalismus. Aber ich bin noch hier, ich arbeite bei der
taz, ich will weiter für wirklich universalistische Werte streiten. Andere,
gerade aus der migrantischen Community, sind von der deutschen
Israel-Berichterstattung zurecht so enttäuscht, dass sie sagen: Schluss,
den deutschen Medien [10][vertraue ich nicht mehr]. Diese Menschen haben
wir als linke Medien im Stich gelassen. Wenn wir unsere Fehler in der
Berichterstattung der letzten zwei Jahre nicht anerkennen und transparent
aufarbeiten, wird sich daran auch nichts ändern.
taz: Matthias, wie fühlst du dich, wenn du das hörst?
Matthias: Vielleicht liegt es am Alter, aber ich habe mir einen gewissen
Zynismus-Schutzpanzer zugelegt. Trotzdem berühren mich Paulines Worte. Und
sie erinnern mich daran, wie notwendig diese Gespräche sind. Wie viele
andere ringe ich darum, wie man angesichts des Grauens in Gaza und einer
rechtsextremen israelischen Regierung seinen moralischen Grundüberzeugungen
treu bleiben kann: dass jüdisches Leben Schutz braucht und dass
Menschenrechte unteilbar sind.
Pauline: Ja, Menschenrechte sind unteilbar. Sie sollten palästinensisches
Leben genauso schützen wie jüdisches Leben. Wer daran glaubt, muss
antisemitische Anschläge wie den in Bondi Beach klar verurteilen. Und
gleichzeitig schonungslos die israelische Vertreibungspolitik in der
Westbank und die Kriegsverbrechen in Gaza kritisieren.
28 Dec 2025
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