# taz.de -- Jörn Kabisch, der Wirt: Wenn Gäste Sterne sprechen lassen
> Wird die Dienstleistung des Wirts im Netz mit zu wenigen Sternen
> bewertet, melden sich die digitalen Sterneputzer zuhauf.
IMG Bild: Die wahren Sterne stehen am Himmel und nicht bei Google
Die Gästin blieb nur eine Nacht bei uns, gemeinsam mit ihrer jungen Hündin,
einem recht kurzatmigen Golden Retriever. Der Mailwechsel war vor ihrer
Ankunft jedoch schon auf zwei Dutzend Schreiben angewachsen. Für die paar
Stunden, die sie bei uns war, gab es einiges zu wissen, nicht nur, [1][was
den Hund anging] (hitzeempfindlich, schlecht im Treppesteigen), aber auch
die Halterin, die unbedingt das Menü bei uns essen wollte und dafür in
mehreren Mails Allergene und Unverträglichkeiten auflistete.
Sie hätte sich das alles sparen können. Am Morgen ihres Anreisetags sagte
sie das Essen ab („Das Dinner gestern war schon so üppig“) und [2][traf
dann so spät ein], dass wir ihr den Zimmerschlüssel – mitten im Service
eines für sie sehr verträglichen Menüs – nur mit einem umständehalber
kurzangebundenen Lächeln aushändigen und der Hündin für ihren
Treppenanstieg ein paar aufmunternde Worte zurufen konnten. Am nächsten
Morgen frühstückte die Frau, lobte das Buffet, zahlte, packte, fuhr ab und
schrieb zwei Wochen später auf Google eine Bewertung, in der sie die
Gastfreundlichkeit in unserem Haus bemängelte – bzw. mein homöopathisches
Lächeln: 2 Sterne, bäng.
So was passiert. Ich bin ein Mensch und mit einem großen, aber eben auch
begrenzten Reservoir von Aufmerksamkeit ausgestattet. Von Servilität halte
ich nichts. Dass es für diese Einstellung auch mal schlechte Noten im Netz
gibt, sehe ich ein.
Was die zwei Sterne uns aber vor allem bescherten: Sie schoben das Gasthaus
in den Fokus des Reputationsmanagements. Dieser Berufsstand hat sich darauf
spezialisiert, den [3][Google-Score von Unternehmen] zu optimieren. Man
könne schlechte Bewertungen löschen lassen, wenn sie auf unhaltbaren und
völlig faktenfreien Darstellungen beruhen, heißt es in den Mails.
Mindestens. Und die fluten seit Sommer meinen Spam-Ordner. Außerdem meldet
sich die soziale Putztruppe auch noch ständig am Telefon: „Wir bekommen Sie
auf 5 Sterne. Honorar zahlen Sie nur im Erfolgsfall“, bettelte neulich
jemand.
Ich betrachte inzwischen das Bewertungssystem im Netz mit wachsender
Skepsis, und bei 5 Sternen klingelt bei mir gleich der Manipulationsalarm.
Denn mal ehrlich: Wie viele Sterne würden Sie gerade an die Welt verteilen?
Alles was darüber hinausgeht, ist doch toll. Ich jedenfalls finde unsere
4,5 mega.
Ich kann mir nur einen Fall vorstellen, eine solche Dienstleistung zu
buchen: Wenn unser Gasthaus in den Fokus eines digitalen Mobs gerät, der
über die Bewertungen einen Massenangriff startet. Ist Kollegen schon
passiert. Die haben sich hoffentlich gleich an einen Anwalt gewandt.
29 Dec 2025
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Jörn Kabisch
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