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       # taz.de -- Sozialer Zusammenhalt: Die Kunst des Zuhörens
       
       > Die Welt wird lauter, die Tonlage schriller, die Stimmung
       > unversöhnlicher. Trotzdem: Der soziale Zusammenhalt lässt sich wieder
       > stärken.
       
   IMG Bild: Kevin Briggs (links) hat 2005 Kevin Berthia vor dem Sprung von der Golden Gate Bridge gerettet
       
       Seit ich das erste Mal dort war, fasziniert sie mich, die Golden Gate
       Bridge, diese Ikone architektonischer Schönheit. Immer wieder kehre ich zu
       ihr zurück. Mitunter bin ich schon früh vor Ort, kurz vor Sonnenaufgang,
       noch in der Dunkelheit. Und manchmal, in besonderen Momenten, wirkt der
       Himmel über der Brücke, kaum ist die Sonne dann da, als stünde er in
       Flammen. Und dann rasen Nebelschwaden, Wesen der Luft und des Himmels, über
       die Bucht von San Francisco, verhüllen für Momente das orangerote Leuchten
       der Brücke, umspielen die stählernen Träger und Trossen dieses
       Jahrhundertbauwerks, das sich mehr als zwei Kilometer lang über das Wasser
       spannt, ein eigentümlich filigran wirkendes Monument aus knapp 900.000
       Tonnen Stahl und Beton, das Menschen rund um den Globus in seinen Bann
       schlägt.
       
       Über zehn Millionen Besucherinnen und Besucher kommen Jahr für Jahr
       hierher, schauen den Kite-Surfern bei ihren tollkühnen Sprüngen zu oder
       beobachten die Wale, die hier manchmal ihre Bahnen ziehen. Und vielleicht
       ist die Schönheit der Golden Gate Bridge einer der Gründe, warum man so
       lange das Leid und das Sterben ignorierte, das sich hier abspielte, vor
       aller Augen und von Anfang an.
       
       Ein Jahr vor der Eröffnung der Brücke am 27. Mai des Jahres 1937 prahlt der
       Architekt Joseph Strauss, das Bauwerk sei praktisch selbstmordsicher. Das
       ist falsch, ist doch das Geländer nur 1,20 Meter hoch. [1][Zehn Wochen nach
       der feierlichen Eröffnung] – rund 200.000 Neugierige waren erschienen –
       springt hier Harold Wobber, Veteran des Ersten Weltkriegs, in den Tod.
       „Weiter gehe ich nicht“, lautet nach allem, was man weiß, sein letzter
       Satz, den er einem Fremden zuruft.
       
       Seit diesem Tag stürzten sich nach offiziellen Angaben rund 2.000 Menschen
       von der Brücke, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Viele sprangen in der
       Erwartung eines schnellen, sicheren Endes, manche gefangen in der Illusion,
       in das eiskalte Wasser wie in eine andere, bessere Welt einzutauchen, ein
       freundliches Jenseits.
       
       ## Über der Jahre entsand an der Brücke ein Suizidkult
       
       Die Fakten sprechen eine andere, brutalere Sprache. Wer in den knapp 70
       Meter tiefen Abgrund springt, dessen Körper schlägt nach drei bis vier
       Sekunden auf der Wasseroberfläche auf, die bei einer Geschwindigkeit von
       120 Kilometern pro Stunde hart ist wie Beton. Lunge und andere Organe
       werden von zersplitterten Rippen durchbohrt, man wird von der Strömung in
       die Tiefe gerissen, ertrinkt im eigenen Blut.
       
       Über die Jahre entsteht ein bizarrer Suizidkult rund um die Golden Gate
       Bridge, befeuert von grausamen Initiativen. Es gründet sich ein Wettklub,
       die „Golden Gate Leapers Association“, gruppiert um die Frage, an welchem
       Tag der Woche der nächste Mensch in den Tod springen wird. Ein lokaler DJ
       bietet an, den Angehörigen des tausendsten Todesspringers eine Kiste
       Apfelsaft zu spendieren – die Polizei beendet die Countdownaktion bei 997.
       
       Wieder und wieder muss jemand von dem Versuch abgehalten werden, über das
       Geländer zu klettern. Einmal hinterlässt einer der Verzweifelten, bevor er
       in die Tiefe stürzt, eine Abschiedsnotiz, die er nicht an seine Familie
       oder seine Freunde richtet, sondern an die Brücke selbst. „Warum“, so will
       er wissen, „machst du es so einfach?“
       
       Der 21. Juni 2021, früher Abend. Ich bin erneut auf der Golden Gate Bridge,
       dieses Mal ohne Blick für die monumentale Eleganz des Bauwerks, sondern mit
       einer Forschungsfrage und einem Buchplan im Kopf. Es ist eine Frage, die
       mich schon Jahre umtreibt. Sie lautet: Wie kann Zuhören das Leben
       verändern, in neue Bahnen lenken? Und was heißt es überhaupt, wirklich
       zuzuhören?
       
       Donnernder Verkehrslärm. Kalter Wind, bei immer noch tiefblauem Himmel.
       Hier stehe ich nun, fast in der Mitte der Brücke, nicht weit von jenem Ort
       entfernt, den sich die meisten Menschen für ihren Todessprung aussuchen;
       neben mir Kevin Briggs, ein eher kleiner, muskulöser Mann mit einem von der
       Sonne gegerbten Gesicht.
       
       Briggs hat in seinen knapp zwanzig Dienstjahren als Verkehrspolizist der
       California Highway Patrol [2][über zweihundert suizidgefährdeten Menschen
       geholfen], nicht von der Brücke zu springen – und den entscheidenden
       Schritt zurück zu tun. Nur zwei Menschen konnte er nicht davon abbringen.
       Als „Schutzengel von der Golden Gate“ ist er weit über die Region hinaus
       bekannt.
       
       ## Er möchte mit Fragen sein gegenüber ermächtigen
       
       Und ich bin hier, um seine Form der existenziellen Krisenkommunikation zu
       begreifen, die er sich selbst beigebracht hat, ohne ein Studium der
       Psychologie. Wie hat er, der Polizist in der beigefarbenen Uniform, sich
       den Menschen genähert, die da – verstört, verzweifelt, hoffnungslos – auf
       dem schmalen Vorsprung unterhalb des Geländers einen Schritt weit vom
       Abgrund entfernt standen? Wie hat er verhindert, dass die prekäre Situation
       plötzlich kippt, ein falsches Signal den letzten Faden zum Leben zerreißt?
       Und wie ist es ihm gelungen, eine Verbindung zu schaffen, Vertrauen
       aufzubauen, sodass die Menschen am Ende die ausgestreckte Hand ergriffen
       und zurück über das Geländer stiegen?
       
       Kevin Briggs, heute Berater für Suizidprävention, zeigt mir Schritt für
       Schritt und Wort für Wort wie er so viele Male vorgegangen ist. Er läuft
       jetzt ganz langsam auf einen imaginären Todesspringer zu, vorsichtig,
       konzentriert. Ich gehe neben ihm her, mache mir Notizen. Er würde sich
       jetzt die Jacke ausziehen, so sagt er, weil auch der andere, den wir uns
       vorstellen, nur ein T-Shirt trägt und im Wind zittert und friert und Briggs
       spüren will, was dieser andere spürt, soweit das eben geht.
       
       Dann erst einmal stehen bleiben, so sagt er, vielleicht ein stilles Gebet
       sprechen, die Hand heben. Die erste Frage stellen: „Hallo, ich bin Kevin;
       ist es okay, wenn ich ein Stück näher komme und mit dir spreche?“ Es ist
       eine Frage, die ermächtigen soll, gerade im Moment des erlebten
       Kontrollverlustes.
       
       Niemals die eigene Anspannung herausschreien, sagt Briggs. Niemals durch
       Kalendersprüche – „Morgen ist wieder ein neuer Tag!“ – die Gefühle des
       anderen kleinreden. Es gilt vielmehr, diese Gefühle zu bestätigen und zu
       normalisieren, zum Beispiel so: „Du hast viel durchgemacht, wirklich … das
       klingt echt hart.“ Nicht von sich erzählen.
       
       Die Polizistenrolle abstreifen. Vornamen verwenden; je persönlicher die
       Kommunikation, desto besser. Dann die Kollegen anmorsen, dass sie den
       Verkehr in beide Richtungen stoppen, die Schaulustigen zurückdrängen, die
       äußeren Ablenkungen reduzieren. Das Tempo rausnehmen. Zeit gewinnen. Im
       Zweifel ein paar Sekunden warten, bevor man selbst wieder etwas sagt.
       
       Und erneut: bloß nicht losmoralisieren! Niemals Vorwürfe machen! Irgendwann
       die Wahrnehmung durch ein paar knappe Zwischenfragen weiten, die dem
       anderen in seiner Not signalisieren, dass er wertvoll ist und Verantwortung
       trägt, für sich und für andere, die ihn vielleicht brauchen. Und dann vor
       allem zuhören.
       
       Erst durch das Zuhören, dieser untergründig wirksamen Supermacht der
       Kommunikation, so sagt Briggs, entsteht eine Verbindung, über die ein
       Mensch ins Leben zurückkehren kann. Einmal spricht er mit einem
       Obdachlosen, der ihm erzählt, dass er einen Goldfisch besitzt. Da ist er,
       der Ansatz, um die Aufmerksamkeit von den Todesgedanken wegzuziehen. Briggs
       fragt nach.
       
       ## "Je persönlicher die Kommunikation, desto besser."
       
       Er will wissen, wie der Goldfisch heißt. Er will wissen, wer ihn in der
       Notunterkunft füttern wird, wenn der Mann jetzt wirklich springt.
       Schließlich klettert der Obdachlose auf die Brücke zurück, um seinen
       Goldfisch zu retten, an den er in seiner Verzweiflung nicht gedacht hatte.
       Aber erneut: Worin besteht sie, die eigentümliche Macht des Zuhörens? Was
       ist hier eigentlich passiert?
       
       Es gibt, so mein Grundgedanke, eine Art egozentrische Aufmerksamkeit, ein
       Ich-Ohr, geleitet von der Frage, ob das, was der andere mir sagt, mit dem
       übereinstimmt, was ich selbst glaube. Hier sind die eigene Weltwahrnehmung
       und das System der eigenen Urteile und Vorurteile bestimmend. Man hört mit
       dem Ich-Ohr vor allem sich selbst, geprägt von eigenen Filtern,
       Sehnsüchten, Ängsten. Und es gibt ein Du-Ohr nicht egozentrischer
       Aufmerksamkeit, regiert von einer ganz anderen Frage. Sie lautet: In
       welcher Welt ist das, was der andere mir sagt, sinnvoll und wahr?
       
       Hier verlieren die eigenen Urteile und Vorurteile an Bedeutung; hier
       versucht man, in die Welt des anderen einzutauchen, ihn wahrzunehmen.
       Erkenne das andere als anderes – in seiner Fremdheit, seiner Schönheit,
       seinem Schrecken, so lässt sich der kategorische Imperativ des
       Du-Ohr-Zuhörens formulieren. Existenzielles, über das Selbst
       hinausweisendes Zuhören ist so betrachtet eine „Metapher für Offenheit“,
       für „innere Gastfreundschaft“ und für die „Bejahung des Anderen“, sagt die
       Sozialwissenschaftlerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr.
       
       ## Jeder Skandal beginnt mit fehlendem Zuhören im System einer
       Organisation.
       
       Der Polizist Kevin Briggs hat mit dem Du-Ohr zugehört, aber doch auch – im
       unbedingten Bemühen, den anderen von seinem Vorhaben abzubringen – ein
       klares Ziel vor Augen gehabt, stets auf der Suche nach Ansatzpunkten, um
       ihm zu helfen, beides gleichzeitig. Aber wie gelingt es, vom gängigen
       Ich-Ohr-Zuhören in den Du-Ohr-Modus zu wechseln? Wann enden Ignoranz und
       Egozentrik? Wie geht geistige Offenheit?
       
       Ich beginne, um diese Fragen zu beantworten, nach Beispielen zu suchen,
       recherchiere in ganz unterschiedliche Richtungen – und reise dafür um die
       halbe Welt. Ich suche Kontakt zu Whistleblowern, die oft über Jahre hinweg
       auf ein Fehlverhalten aufmerksam machen. Denn jeder Skandal, so zeigt sich,
       beginnt mit fehlendem Zuhören im System einer Organisation. Immer ist da
       jemand, der sich bemüht, mit einer Warnung durchzudringen, oft ohne Erfolg.
       
       Ich treffe mich mit Klimajournalisten der ersten Stunde und
       Umweltpolitikerinnen, um zu begreifen, wie sich, trotz der allgemein
       menschlichen Verdrängungsneigung, ein ökologisches Gehör herauszubilden
       vermag, eine Sensibilität für die Verwüstungen im planetarischen Maßstab,
       die Ausplünderung der Erde. Ich spreche mit Betroffenen sexualisierter
       Gewalt, die man lange nicht hören wollte, erschüttert von der
       Sisyphusarbeit ihrer Aufklärungsanstrengungen.
       
       ## Desinformation entkräften durch Miteinanderreden und Einanderzuhören
       
       [3][Fast drei Jahre lang begleite ich Misha Katsurin], einen Unternehmer
       aus Kyjiw. Kurz nach Beginn von Putins Angriffskrieges versucht er, seinen
       Vater zu erreichen, der in einem russischen Kloster lebt, abgeschottet und
       in seiner eigenen Welt. Aber der Vater glaubt ihm nicht, dass wirklich
       Krieg ist. Was tut Katsurin, der Unternehmer? Er initiiert ein weltweit für
       Aufsehen sorgendes Dialogprojekt, versucht Millionen von Ukrainerinnen und
       Ukrainern dazu zu bringen, ihre Verwandten in Russland zu kontaktieren,
       beraten von Psychologen und Menschen, die Ahnung haben von
       Verhandlungsführung.
       
       Seine Idee: Die Macht der Desinformation durch das Miteinanderreden und
       Einanderzuhören brechen. Misha Katsurin scheitert, weil im Bombenhagel des
       Krieges irgendwann auch der Dialog stirbt. Aber seine Versuche, das
       Gespräch über Propagandamauern hinweg am Leben zu erhalten, sind lehrreich
       und tief berührend.
       
       Die Herangehensweise, die ich bei all diesen so unterschiedlichen Themen
       und Geschichten wähle, hätte der Sozialpsychologe Kurt Lewin action
       research genannt. Sinnliche Empirie, teilnehmende Beobachtung und
       Vor-Ort-Recherche, das Bemühen, wirklich in das Geschehen einzutauchen, ein
       Interesse an der Klugheit und manchmal auch Weisheit von Praktikerinnen –
       darum geht es.
       
       Und doch: Es gibt auch ein persönliches, ein privates Erkenntnismotiv, das
       mir lange nicht wirklich klar ist. Denn Tatsache ist, dass ich selbst in
       einem entscheidenden Moment meines Lebens nicht wirklich zugehört oder erst
       hingehört, dann aber vorschnell wieder weggehört habe.
       
       Erneut eine Szene, ein konkretes Bild. Das Jahr 2007, Besuch bei den Eltern
       in Freiburg. Ich stehe da an der schönen alten Kirschholzkommode im
       Wohnzimmer, auf der sich stets die neuen, gerade publizierten Bücher
       finden, die irgendwer mitgebracht hat, blättere in den Erinnerungen [4][des
       einstigen Reformpädagogik-Stars Hartmut von Hentig]. Und bin verstört. Der
       angeberische Ton, diese „Ich kannte sie alle“-Prosa stößt mich ab, das
       Namedropping, das voller Selbstverzückung nachzeichnet, mit welchen
       Berühmtheiten man zu tun hatte.
       
       Und mich irritiert, dass ausgerechnet eine Person in dieser Parade der
       Prominenz seltsam blass erscheint, nämlich der Lebensgefährte Hentigs. Sein
       Name ist Gerold Becker. Ein pädagogisches Wunderwesen sei er, ein Mann, der
       auch noch den schwierigsten Kindern helfen könne, so suggeriert Hentig.
       Aber das ist es dann auch schon. Mir kommt die überanstrengt wirkende
       Präsentation dieser Heiligenlegende so merkwürdig vor, dass ich mich
       spontan an den Rechner setze und googele.
       
       Im Netz wird Becker dann als pädokrimineller Missbrauchstäter kenntlich,
       der, protegiert von einer mächtigen Bildungselite, [5][als Schulleiter an
       der Odenwaldschule sein Unwesen trieb]. Manche der Jungen hat er, wie man
       heute weiß, hundertfach missbraucht. Kein Wort von all dem in der
       Hochglanzstory, die Hentig abliefert, obgleich manche Vorwürfe bereits 1999
       in einem Artikel der Frankfurter Rundschau nachzulesen waren, den Jörg
       Schindler verfasst hat, ein junger Reporter, dessen Arbeit zunächst nahezu
       ohne jede Resonanz blieb.
       
       ## "Zum einen braucht es couragierte Betroffene und hartnäckige
       Journalisten, die den Langstreckenlauf der Aufklärung absolvieren, die
       dranbleiben."
       
       Ich befrage nach diesem Lektüreerlebnis ein paar Monate lang Menschen, die
       Becker und Hentig kennen. Was ist dran an den Recherchen? Wieso hört hier
       niemand hin? Die Reaktionen: diffuse Formen der Tabuisierung, Ausflüchte,
       hingehauchte Appelle, die Ekelgeschichte nicht weiter zu verfolgen. Zur
       Wahrheit gehört, dass ich das Thema dann tatsächlich wieder fallen lasse
       und erst aufgreife, als Jörg Schindler 2010 noch einmal in der Frankfurter
       Rundschau nachlegt. Eigentlich veröffentlicht er mehr oder minder denselben
       Artikel noch einmal: Missbrauch an der berühmten Odenwaldschule!
       
       Das ganze Setting ähnelt damit einem faszinierenden
       medienwissenschaftlichen Experiment, weil man nun Resonanz und Reaktion zu
       zwei verschiedenen Zeitpunkten vergleichen kann. Und jetzt ist alles
       anders. Sämtliche Leitmedien steigen in die Berichterstattung ein.
       Fernsehsendungen und Filme in Serie. Zahllose Artikel. Nun beginnt das
       Zeitalter der Aufklärung in der Reformpädagogik, allmählich und unter
       massivem öffentlichem Druck.
       
       Und da ist sie wieder, meine alte Forschungsfrage, nun erneut in
       veränderter Gestalt. Sie lautet jetzt: Wie entstehen solche Kipppunkte der
       Wahrnehmung? Wie bildet sich kollektive Zuhörbereitschaft? Warum hört die
       Welt auf einmal zu? Meine Antwort: Zum einen braucht es couragierte
       Betroffene und hartnäckige Journalisten, die den Langstreckenlauf der
       Aufklärung absolvieren, die dranbleiben. Zum anderen hat 2010 ein anderes
       Medienzeitalter begonnen.
       
       Die Betroffenen können sich nun leicht über Blogs vernetzen, sich
       austauschen, einander Kraft geben, was hier geschieht. Nötig sind
       schließlich innerhalb der Institution mutige Zuhörerinnen, Inside-Outsider
       mit Einfluss, die dabei helfen, die Verdrängung zu beenden; genau dies tut
       die damalige Schulleiterin Margarita Kaufmann mit großem Mut.
       
       2010 implodiert der Genie- und Priesterkult, der in der Reformpädagogik
       lange beherrschend war, mit einem einzigen, großen Knall. Der Anlass:
       Tanjev Schultz, damals Reporter der Süddeutschen Zeitung, ein glänzender,
       unbestechlicher Journalist, [6][befragt den lange umjubelten Hartmut von
       Hentig zu den Enthüllungen über seinen Lebensgefährten Gerold Becker].
       Hentig gilt bis dato – eine kleine Zitatlese – als „epochaler Pädagoge“,
       als „Helmut Schmidt unter den deutschen Pädagogen“, als „großer Mentor
       aller pädagogischen Erneuerung“, als „Pädagogikpapst“. Eben dieser Hartmut
       von Hentig verteidigt nun im Gespräch mit Tanjev Schultz den Haupttäter
       Gerold Becker auf bizarre Weise. Stellt ihn in eine Reihe mit Sokrates und
       Rousseau. Und lässt ansonsten verlauten, allenfalls sei es für ihn denkbar,
       dass ein Schüler mal Becker irgendwie verführt haben könnte.
       
       Nach diesem Kommunikations-Desaster – ein klassisches Beispiel der
       Täter-Opfer-Umkehr – haben die Bewunderer Hentigs im Ringen um
       Deutungshoheit noch einmal einen letzten, erfolglosen Auftritt. Die
       Politikerin und Publizistin [7][Antje Vollmer diagnostiziert
       „journalistischen Missbrauch“] – und meint, man habe den alten Mann „in
       eine Verhörsituation gebracht.“ Der Schriftsteller Adolf Muschg versteigt
       sich zu der Behauptung, dass es eine Kampagne gegen Gerold Becker gebe,
       sich zwischen angemessener Zärtlichkeit und Missbrauch ohnehin nicht
       wirklich unterscheiden ließe und man ja auch unter Erwachsenen ein „Nein“
       nicht als endgültige Antwort akzeptieren müsse – eine Intervention, die der
       Schriftsteller 2021 im Schweizer Fernsehen zum bloßen Freundschaftsdienst
       für Hentig verniedlicht, nun um Distanznahme bemüht.
       
       Der Journalist Reinhard Kahl, [8][unter anderem Autor für Zeit und taz],
       der Hentig lange mit hymnischen Artikeln und Filmen feiert und lobt und
       seinerseits kräftig von Hentig gefeiert und gelobt wird, fordert in einem
       eigenartigen Zickzack-Kurs einerseits öffentlich Aufklärung, andererseits
       erklärt er noch Monate nach Hentigs Absturz [9][in einem sagenhaft
       peinlichen Artikel der Fachzeitschrift <i>Pädagogik</i>], dass
       ihn „Hartmut von Hentig häufig an einen Christus erinnert, so leidend und
       leidenschaftlich, so freundlich und zart, so einfühlend und zerbrechlich“.
       
       Hentig selbst vergleicht sein eigenes Schicksal der öffentlichen Verfemung
       in einem 2011 veröffentlichten Aufsatz mit Sokrates, Jesus und Rousseau.
       Hat man nicht, so fragt er sich ohne Ironie, auch Jesus „erniedrigt,
       verhöhnt“, auch Sokrates „verkannt, verleumdet und zu Unrecht verurteilt“,
       auch Rousseau mit „Verachtung und Verstoßung“ misshandelt? Das alles sind
       seltsam verrutschte Schmerzensbilder, Symptome einer frei drehenden, aber
       doch szenetypischen Selbsthuldigung.
       
       ## Hagiographien sind Heiligenlegenden, die sich wie ein Schutzfilm über
       die Realitätswahrnehmung legen können
       
       Und doch ist dies alles auch gleichzeitig hochgradig aufschlussreich. Denn
       derlei Gerede enthält die entscheidende Spur, um das Rätsel der wissenden
       Ignoranz und des fehlenden Zuhörens zu lösen, davon bin ich überzeugt.
       Tatsächlich lag vieles ziemlich offen da. Die Jungen an der Odenwaldschule
       sangen Spottgesänge. Im Kreis der Lehrerinnen und Lehrer erzählte man sich
       Witze, die von kleinen Jungs handelten, die immer im Weg seien, wenn man
       sich selbst an den verehrten Schulleiter heranmachen wolle.
       
       Einmal, da rammten Jugendliche vor dem Haus von Becker, das auf dem
       Schulgelände lag, über Nacht einen Baumstamm in Gestalt eines Riesenphallus
       in den Boden. Ein andermal stieß eine Putzfrau auf Kinderpornos, entdeckte
       den Schulleiter im Bett mit einem Schüler, beschwerte sich, ohne Erfolg.
       Über Jahre hinweg wollte den Betroffenen niemand zuhören, auch dann nicht,
       als längst alles in der Frankfurter Rundschau nachzulesen war.
       
       Ich behaupte: Man hielt auch deshalb in den eigenen
       Bewunderungsgemeinschaften an der Illusion der Grandiosität und der
       Harmonie der Täuschungen fest, weil der Kontrast zu den selbst erschaffenen
       Heiligenlegenden unaushaltbar groß gewesen wäre. Eben deshalb schien die
       Infragestellung so schwer. Eben deshalb lebte man lieber in seinem eigenen
       Weltbild, aber nicht in der wirklichen Welt mit ihren so verstörenden
       Geräuschen, Stimmen, Schreien. Was sich hier zeigt, könnte man
       hagiographische Dissonanz nennen. Hagiographien sind Heiligenlegenden, die
       sich wie ein Schutzfilm über die Realitätswahrnehmung legen können.
       
       Ein vom Missbrauch Betroffener, auch er auf der Odenwaldschule, hat mich
       auf diese Idee gebracht. Er berichtete davon, wie er einmal versuchte, sich
       seinen Eltern anzuvertrauen und ihnen zu erzählen, was ihm geschehen war.
       Seine Eltern – eine ungewöhnlich aufschlussreiche Formulierung – hätten so
       reagiert, als habe er „an die Maria gepinkelt“, also eine Heiligenstatue
       besudelt und beschmutzt.
       
       Genau das ist es. Man hat rund um die Odenwaldschule, diesen – so schien es
       – Leuchtturm der Pädagogik, diesen vermeintlichen Zauberberg der
       Erziehungskunst, jede Menge Heiligenlegenden erschaffen, die im maximalen
       Kontrast zur scheußlichen Realität des Missbrauchs standen. Je intensiver
       Verehrung, Anbetung und Selbstverherrlichung, so der hier wirksame
       Mechanismus, je entschiedener man all dies dann auch noch öffentlich
       proklamierte, desto größer die selbstverursachte Blindheit und die
       Unfähigkeit, wirklich hin- und zuzuhören.
       
       Aber warum habe ich selbst, als ich aus einer Intuition heraus
       recherchierte, erst hingehört, dann weggehört, schließlich wieder
       hingehört? Die entscheidende Antwort liegt, so wird mir schließlich klar,
       in meinen eigenen Schulerfahrungen. Denn ich kannte den Kontrast der
       Bilder, ich kannte den Widerspruch von Sein und Schein, der mich bei der
       Hentig-Lektüre und der anschließenden Netzrecherche so aufwühlte: Hier der
       charismatische, vermeintlich phänomenale Pädagoge, da die schaurige
       Hinterbühnen-Realität. Dieser Kontrast war mir im Prinzip vertraut, wenn
       auch in Gestalt deutlich weniger gravierender Erlebnisse.
       
       Meine Mitschüler und ich wurden an einer Freien Waldorfschule von einem
       sadistischen Klassenlehrer terrorisiert, der kein Missbrauchstäter war,
       aber ein Großmeister der vernichtenden Beschämung, auch er charismatisch,
       rhetorisch versiert, scheinbar unangreifbar, umschwärmt und bewundert. Er
       zwang meinen Freund Leon, der in Wirklichkeit wie alle anderen Betroffenen,
       die ich hier erwähne, anders heißt, sich vor der Klasse zu waschen, bis
       auch unter den Fingernägeln nichts Schwarzes mehr zu sehen war. Er
       verspottete ihn, weil seine Eltern, wie er behauptete, zu den Proleten
       gehörten, arm und dreckig.
       
       Er ließ Francesca, die ihre Tage hatte und zu ihrem Unglück eine weiße Hose
       trug, nicht auf die Toilette, obwohl sie darum bat, bis ihre Hose dann
       durchgeblutet war und man die Blutflecken sah. Er schickte Niklas vor die
       Tür, weil er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters manchmal nicht mehr
       aufhören konnte zu weinen und einfach nicht mehr richtig funktionierte.
       
       Auch ich wurde manchmal attackiert und verspottet, verlor allerdings, je
       länger und intensiver ich in den letzten Jahren mit meinen einstigen
       Mitschülerinnen und Mitschülern sprach, meine egozentrische Illusion.
       Anderen war es deutlich schlechter ergangen und nichts von dem, was wir
       erlebten, ist auch nur im Ansatz mit den Geschehnissen an der
       Odenwaldschule vergleichbar, darum geht es nicht.
       
       Es war die allmähliche Entzifferung dieser Erfahrungen, es waren diese
       Gespräche, die mir schließlich den entscheidenden Schlüssel lieferten, um
       den Wechsel vom Ich-Ohr zum Du-Ohr und das Zuhören wirklich zu begreifen.
       Wir hören, was wir fühlen, so wurde mir klar. Und wir fühlen, was wir
       selbst erlebt haben, weil sich im Inneren etwas formt, was die Soziologin
       Arlie Hochschild eine Tiefengeschichte nennt, eine mal rein persönliche,
       mal kollektiv geteilte Deutungsmatrix aus Erfahrung und Erkenntnis, aus
       Verbitterung und Scham, die sensibilisiert.
       
       Jeder Mensch trägt seine eigene Tiefengeschichte mit sich herum. Sie wird
       durch die jeweils besondere Lebenssituation, durch persönliche Erlebnisse
       und durch kollektive Umstände geformt. Sie macht ihn durchlässig oder lässt
       ihn in Abwehr, Angst und Leugnung erstarren oder in einen Zwitterzustand
       hineindriften, der eine erahnte, zunächst nur diffus gespürte Wahrheit
       umkreist, die man partout nicht wahrhaben und eigentlich am liebsten wieder
       wegdrücken will, aber der man doch nicht dauerhaft ausweichen kann.
       
       Wirklich hören heißt also auch: etwas in veränderter Form erneut hören.
       Erkennen bedeutet bis zu einem gewissen Grad immer auch: wiedererkennen,
       sich in dem, was ein anderer berichtet, spiegeln. Damit ist nicht gesagt,
       dass man nur zu hören vermag, was man selbst erlebt hat, sondern dass uns
       das Selbstdurchlebte feinfühliger werden lässt, offener, resonanzfähiger.
       
       Das Fremde wird uns zugänglicher, weil es Eigenes berührt, das bei
       genauerer Betrachtung dann doch wieder ganz anders sein kann. Manche
       Lebensnarbe ist eigentlich ein Wahrnehmungsorgan. Diese Einsicht ist es,
       die mir letztendlich hilft, die verstreuten Einzelanalysen und Recherchen
       zu verknüpfen und nach den Tiefengeschichten im Leben der Menschen zu
       suchen, denen ich begegnet bin.
       
       Nun setze ich noch einmal anders an, führe mit neuem Fokus erneut
       Interviews, achte auf biographische Motive, individuelle oder kollektive
       Schlüsselerlebnisse. Und schreibe, zunächst zögernd, tastend, in bewusster
       Distanz zu einer entrückten, leblosen Akademikerprosa, ein zweistimmiges
       Buch – als Wissenschaftler und als Mensch. Das heißt, ich lege im Ringen um
       ein befreites und befreiendes Sprechen und im Bemühen um eine
       erfahrungsnahe Sprache meine eigene Ignoranz- und Zuhörgeschichte offen,
       ordne das Material aus zehn Jahren Recherchearbeit ein allerletztes Mal.
       Nun ist das Buch geschafft, endlich.
       
       ## Im Konkreten und in der direkten Begegnung, versteht man anders
       
       Aber das Thema der wissenden Ignoranz bleibt, das weiß ich. Erst vor ein
       paar Wochen ist mir eine Zeitungsnotiz in die Hände gefallen, die von der
       Golden Gate Bridge berichtet: Die Zahl der Todessprünge sei inzwischen
       drastisch gesunken. Denn nach Jahren der Diskussion, nach zähen Phasen des
       Planens und des Bauens spannt sich entlang beider Seiten der Brücke
       inzwischen ein 224 Millionen Dollar teures, aus rostfreiem Stahl
       bestehendes, mehrere Meter breites Auffangnetz über die Tiefe, [10][eine
       Selbstmordbarriere]. Nun macht es einem die Brücke schwer, sich das Leben
       zu nehmen, endlich.
       
       Mich hat diese Meldung sofort elektrisiert und ich habe Kevin Briggs
       angerufen, den Meister des existenziellen Zuhörens. Was ist hier passiert,
       wollte ich wissen. Das ist eine lange Geschichte, so hat er gesagt. Auch
       sie handelt auf verwickelte Weise vom Zuhören und vom Ende von Verdrängung
       und Ignoranz, weil doch schon so lange klar war, dass man hätte eingreifen
       und etwas tun müssen gegen die zahllosen Todessprünge auf der Golden Gate
       Bridge und Spur der Verwüstung, die ein Suizid im Leben von Menschen zieht.
       
       Diese Geschichte, so Kevin Briggs, erzählt von der schrittweisen Akzeptanz
       des Leidens der Angehörigen, die endlos für ein solches Netz kämpften, um
       weiteres Leid zu verhindern, und die es schließlich bauen ließen mit jeder
       Menge eigens eingeworbener Spendengelder. Nun ist es da. Nun gibt das Netz,
       das Menschen auffängt und hält, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Ob
       wir uns sehen könnten? Vielleicht noch mal oben auf der Brücke wie im
       Sommer vor ein paar Jahren? Aber klar doch.
       
       Man versteht im Konkreten und in der direkten Begegnung anders, besser und
       mehr, das habe ich am Ende dieser Erkenntnis- und Wahrnehmungsreise
       wirklich begriffen. Bald geht es los.
       
       28 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.loc.gov/item/today-in-history/may-27/
   DIR [2] https://www.vice.com/de/article/ich-habe-hunderte-menschen-davon-abgehalten-von-der-golden-gate-bridge-zu-springen/
   DIR [3] https://www.zeit.de/kultur/2022-03/misha-katsurin-russland-propaganda-familie-ukraine
   DIR [4] /Missbrauch-an-Reformschulen/!5142563
   DIR [5] /Missbrauch-an-der-Odenwaldschule/!5139278
   DIR [6] https://archiv.reporter-forum.de/fileadmin/pdf/Gern_Gelesen/Zeugnistage.pdf
   DIR [7] https://www.tagesspiegel.de/politik/manche-kampfen-alte-schlachten-4251958.html
   DIR [8] /Reinhard-Kahl/!a894/
   DIR [9] https://www.beltz.de/fachmedien/paedagogik/zeitschriften/paedagogik/kahls_kolumne/ps_reinhard_kahls_kolumne_52010.html
   DIR [10] https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/suizide-an-der-golden-gate-bridge-in-san-francisco-ein-netz-aus-stahl-soll-leben-retten-a-0df68803-8a70-432f-a8d6-d52cc6ba425d
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Bernhard Pörksen
       
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