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       # taz.de -- Jafar Panahi über seinen neuen Film: „Das Kino ist nur ein Teil dieses Widerstands“
       
       > Der iranische Regisseur Jafar Panahi spricht über Trauma und Humor. Sein
       > preisgekrönter Film „Ein einfacher Unfall“ läuft jetzt an.
       
   IMG Bild: Vahid (Vahid Mobasseri) hat in „Ein einfacher Unfall“ jemanden entführt, den er meint zu kennen
       
       Jafar Panahi dreht weiter – trotz Haft, Zensur und erneuter Verurteilung.
       Mit „Ein einfacher Unfall“ legt der iranische Regisseur einen Film vor, der
       von den Nachwirkungen politischer Gewalt erzählt, ohne je plakativ zu
       werden. Ehemalige politische Gefangene glauben, ihrem mutmaßlichen Folterer
       zufällig im Alltag zu begegnen. Was folgt, ist kein Rachethriller, sondern
       eine vielschichtige Reflexion über Erinnerung, Angst und die Frage nach
       Verantwortung in einem repressiven System wie dem des Iran. Panahi
       verdichtet eigene Hafterfahrungen zu einer Erzählung, in der Stimmen,
       Geräusche und innere Bilder eine zentrale Rolle spielen. [1][Nach der
       Goldenen Palme im Mai] ist der heimlich gedrehte Film nun für den
       Europäischen Filmpreis nominiert und hat Oscar-Chancen. 
       
       taz: Herr Panahi, die Grundidee Ihres neuen Films wirkt verstörend real.
       Beruht sie auf tatsächlichen Erfahrungen oder ist sie eine
       Fiktionalisierung? 
       
       Jafar Panahi: Politische Gefangene entwickeln während der Haft starke
       innere Bilder. Oft sind ihnen die Augen verbunden, sie sehen ihre Verhörer
       nicht. Die Vorstellungskraft arbeitet ununterbrochen: Wie sieht dieser
       Mensch aus? Würde ich ihn draußen erkennen? Kenne ich ihn vielleicht? Diese
       Fragen begleiten fast alle politischen Gefangenen. [2][Als ich 2022/23 im
       Gefängnis war], wurden meine Ohren extrem empfindlich. Ich konnte Menschen
       allein an ihrer Stimme erkennen. Wenn man sie hört, versetzt es den Körper
       sofort in Alarmbereitschaft. Diese Erfahrung war der eigentliche
       Ausgangspunkt des Films. Der Film ist weniger eine konkrete Rekonstruktion
       als eine Verdichtung dieser inneren Gedankenspiele – und ein Versuch zu
       beobachten, was passiert, wenn solche Erwartungen auf die Realität treffen.
       
       taz: Sie verzichten dabei auf eindeutige Schuldzuweisungen, alles bewegt
       sich in Grauzonen. 
       
       Panahi: Wenn man die Schuld nur einer einzelnen Person zuschreibt, verfehlt
       man das eigentliche Problem. Das Hauptproblem ist die Struktur, das System,
       das solche Menschen hervorbringt. Hätten die ehemaligen Gefangenen den
       Folterer getötet, wäre es ein Rachefilm gewesen. Aber das hätte nichts
       verändert. Der Film fragt: Woher kommt dieser Mensch? Er ist ein Produkt
       einer Machtstruktur. Es geht nicht um Vergebung, sondern um Bewusstwerdung.
       
       taz: Wie haben Ihre eigenen Hafterfahrungen Ihren Blick auf diese
       Machtstrukturen verändert? 
       
       Panahi: Dieses Regime ist politisch, ideologisch und wirtschaftlich
       gescheitert. Nach der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ ist das für alle
       offensichtlich geworden. Gleichzeitig hält sich das System weiter durch
       Geld, Gewalt und Repression an der Macht. Von außen hat es seine
       Legitimität verloren, von innen existiert es nur noch durch Unterdrückung.
       
       taz: Sie haben erneut heimlich gedreht. Was bedeutet dieses Risiko für Sie
       und Ihr Team? 
       
       Panahi: Wenn man unter solchen Bedingungen arbeitet, bleibt einem oft keine
       Wahl. Die Zensur besteht weiter, auch wenn offiziell von Freiheit
       gesprochen wird. Auch wenn mein offizielles Drehverbot inzwischen
       aufgehoben wurde, würde mir die Regierung niemals eine Genehmigung für
       einen solchen Film geben. Also habe ich ihn wieder heimlich gedreht. Man
       lernt, sich selbst und das Team zu schützen, um überhaupt weiterarbeiten zu
       können. Mutiger wird man nicht. Man wird nur erfahrener.
       
       taz: Trotz der Schwere des Themas bewahren Ihre Filme einen feinen,
       manchmal fast beiläufigen Witz. Ist Humor für Sie ein Mittel, um über
       Traumata zu sprechen? 
       
       Panahi: Es geht nicht um einen einzelnen Ton, sondern um eine sehr präzise
       Mischung. Humor kann Dinge ausdrücken, die sonst kaum sagbar wären. Als
       Filmemacher arbeite ich mit Realismus: mit realen Orten, realen Menschen,
       realen Situationen. Und im iranischen Alltag entsteht Humor oft ganz
       natürlich – durch Sprache, Gesten, Reaktionen. Wenn man die dunkle Seite
       zeigt, muss man auch die andere Seite zeigen. Diese Balance zu finden, ist
       eine sehr genaue, fast handwerkliche Arbeit.
       
       taz: In Ihrem Film gibt es eine Figur, die Hochzeitsfotografin, die einen
       Frauentyp verkörpert, den wir früher im iranischen Kino nicht gesehen
       haben. 
       
       Panahi: Sie steht für den gesellschaftlichen Wandel im Land. Junge Frauen
       sind heute sichtbarer, selbstbewusster, weigern sich oft, Kopftuch zu
       tragen. Seit der Bewegung von 2022 ist diese weibliche Energie in der
       gesamten iranischen Gesellschaft deutlich spürbar. Das wollte ich abbilden.
       
       taz: Ihre Filme werden international gefeiert, sind im Iran jedoch
       verboten. Was bedeutet diese Anerkennung außerhalb des Landes für Sie? 
       
       Panahi: Es ist schmerzhaft. Wenn man einen Film an einem Ort macht, möchte
       man vor allem, dass er dort gesehen wird – von den eigenen Landsleuten.
       Wenn sie deine Filme nicht sehen können, fehlt dir etwas Wesentliches: ihre
       Reaktionen, ihre Kritik. Das ist für einen Filmemacher eine Form der
       Entbehrung.
       
       taz: Schützen internationale Preise Sie – oder erhöhen sie die Gefahr? 
       
       Panahi: Beides. Bekanntheit erhöht das Risiko, verschafft aber auch eine
       gewisse Immunität. Als ich im Gefängnis im Hungerstreik war, wusste die
       Welt davon. Andere Gefangene waren seit Wochen im Hungerstreik, ohne dass
       jemand davon erfuhr. Sichtbarkeit kann schützen.
       
       taz: In Ihrem Film stehen Rache und Vergebung in Spannung zueinander. Was
       ist Ihrer Meinung nach entscheidend, um nach dem Ende autoritärer Regime
       voranzukommen?
       
       Panahi: Das hängt davon ab, wie man diese Begriffe definiert. Es gab zum
       Beispiel einen Brand im [3][Evin-Gefängnis]. Einige Gefangene konnten
       entkommen und sahen dabei verletzte Wärter, die am Boden lagen. Anstatt zu
       fliehen, halfen viele dieser Gefangenen den verletzten Wärtern. Ist das
       Vergebung? Ich nenne es Menschlichkeit. Solange Menschen menschlich
       handeln, kann die Welt vorankommen. Vergebung bedeutet für mich nicht, die
       Augen zu schließen. Die aktuelle Regierung versucht, der Gesellschaft
       Gewalt aufzuzwingen. Je mehr ihr das gelingt, desto gewalttätiger kann auch
       die Reaktion der Gesellschaft werden. Es ist ein Kreislauf. Deshalb muss
       man sich weigern, ihre Sprache zu übernehmen.
       
       taz: Ist das Ihr bislang politisch schärfster Film? 
       
       Panahi: Das Thema ist politisch, aber ich verstehe mich nicht als
       politischen Filmemacher im ideologischen Sinn. In meinen Filmen ist niemand
       vollkommen gut oder vollkommen schlecht. Ich urteile nicht. Ich gebe allen
       Figuren Raum und überlasse dem Publikum die Schlussfolgerungen.
       
       taz: „Ein einfacher Unfall“ ist nun mehrfach für den europäischen Filmpreis
       nominiert und hat große Oscar-Chancen. Was erhoffen Sie sich, kann Ihr Film
       bewirken? 
       
       Panahi: Wir sollten das Kino nicht idealisieren. Ein Film braucht Jahre, um
       zu entstehen. Seine Wirkung ist langsamer, aber historischer. Heute besitzt
       jede und jeder ein eigenes Medium, um sich unmittelbar auszudrücken. Das
       Kino ist nur ein Teil dieses Widerstands – aber einer, der bleibt. Ich sehe
       die Anerkennung für das iranische Kino insgesamt. Und für mich persönlich
       ist es vor allem Ansporn zu überlegen, wovon mein nächster Film handeln
       soll.
       
       taz: Gerade wurden Sie von einem Gericht in Teheran in Abwesenheit zu einem
       Jahr Haft verurteilt. Trotzdem wollen Sie in den Iran zurückkehren. Warum
       ist Exil keine Option? 
       
       Panahi: Ich verstehe ehrlich gesagt Ihre Frage nicht. Ich bin doch dort
       aufgewachsen. Meine Arbeit, mein Leben, meine Sprache sind dort verankert.
       Selbst wenn ich lange Zeit im Ausland verbringe wie jetzt, um meinen Film
       zu präsentieren, könnte ich mich im Exil nicht auf Dauer anpassen. Jede
       Arbeit hat ihren Preis, und ich akzeptiere die Konsequenzen.
       
       1 Jan 2026
       
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