# taz.de -- Neuer Frankfurt-„Tatort“: Wenn Murot tief taucht und trotzdem an der Oberfläche bleibt
> Im neuen Tatort aus Hessen geht es ans Seelenleben der Figuren, die ihr
> inneres Kind suchen. Richtig schauspielern darf dann auch nur der
> Nachwuchs.
IMG Bild: Felix Murot (Ulrich Tukur)
Ist dieser Tatort nun ein großer Spaß, ein dumpfer Schmarren oder hat er
eine tiefere Bedeutung? Am passendsten ist wohl ein Spruch, der zum Ende
dieser Geschichte hin fällt, „trivial ist sie trotzdem“. Denn dass wir alle
ein inneres Kind haben, das verletzt worden ist und verletzt hat, das nicht
aufgearbeitet ist und das manche Antworten bereithielte auf unsere
erwachsenen Fragen – das ist so unbekannt nicht.
Am Kind liegt es eh nie, auch in diesem „Murot“-Tatort nicht. Das Kind ist
gut, es spielt vor allem sehr gut. Der im Film fünfjährige, im wirklichen
Leben schon zwei Jahre ältere [1][Lio Vonnemann] ist dabei aber halt der
einzige in diesem Krimi, dem man seinen Charakter glaubt; und
möglicherweise ist die interessanteste Frage bei der ganzen Sache, warum
das so ist.
Warum nimmt der kleine Lio seine künstlerische Arbeit ernst – oder darf und
soll sie ernst nehmen –, und alle anderen, von Regie, Autor bis hin zu den
deren Ideen Verkörpernden kaspern rum oder chargieren?
Ist es vielleicht so, dass die Kindheit die letzte ironiesichere Bastion
unserer Gesellschaft ist? Und wäre aber wiederum das nicht ein
vielversprechender Ansatzpunkt gewesen für eine ja doch irgendwie in einer
kritischen Tradition sich verortende Fernsehspielreihe?
## Leidende Seele neu erschlossen
Aber bevor wir uns die Gedanken anderer Leute machen, machen wir erst mal
unseren Job: Kommissar Murot (Ulrich Tukur) hat Probleme, gegen die kein
Zahnarzt hilft, das ermittelt seine Kollegin blitzschnell. Murot ist in
Therapie, und zwar einer so unrealistisch-erfundenen wie technisch
avancierten, die ihm seine leidende Seele noch mal ganz neu erschließt.
Eva Hütter (Nadine Dubois) sitzt derweil mit ihrem fünfjährigen Sohn
Benjamin (genanntem Lio Vonnemann) beim Familiengericht, der Realismus ist
hier schon etwas forciert, in dem Sinne, dass sich niemand um Anwesenheit
und Wohlergehen des Jungen bei der heftigen Verhandlung zu kümmern scheint,
bis eben seine Mutter, vom Entzug des Sorgerechts bedroht, mit ihm
wutentbrannt abzischt, also ihn entführt.
Die Mutter versteckt sich mit Lio in einer abgelegenen Waldhütte, die
Polizei sucht sie, also Kommissar Murot. Das alles ist so inszeniert und
gespielt, dass es beim Komödienstadel durchfallen würde. Weil die Mutter
die versprochenen Frühstücksflocken vergessen hat, fährt sie noch mal los –
wer Kinder hat, weiß: Das ist realistisch!
Im Örtchen nimmt ein Polizist so unrealistisch offensichtlich ihre Spur
auf, dass die Mutter Eva panisch wird und einen Unfall baut, der sie ins
Koma bugsiert. Und wo ist nun das Kind? Das müssen Murot und Kollegin Magda
Wächter (Barbara Philipp) natürlich rausfinden. Und Murot hat die
naheliegendste aller Ideen: Könnte man die Seelenerkundungsmaschine seines
Psychiaters nicht mit der Komatösen verbinden und so die Information
bekommen, wo Benjamin ist?
Man kann sich das von der Planung des Tatort-Teams durchaus vollrealistisch
so vorstellen, „hey, bei ‚Twin Peaks‘ und [2][‚Stranger Things‘], da machen
die da doch auch so abgefahren-suprarealistische Geschichten – das machen
wir auch! Aber so ironisch gebrochen halt!!“
Für eine solche Herangehensweise gibt es Namen: Sie sind Größenwahn und
Dilettantismus. Dass man beim Kind noch Restscham hat und vor solchem
Vorgehen zurückschreckt, wurde schon erwähnt. Und mehr fällt einem wirklich
nicht mehr ein.
28 Dec 2025
## LINKS
DIR [1] https://www.crew-united.com/de/Lio-Vonnemann_801514.html
DIR [2] /Letzte-Staffel-von-Stranger-Things/!6128540
## AUTOREN
DIR Ambros Waibel
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