# taz.de -- Türkische Künstlerin Neriman Polat: Fortschreitende Verluste
> Die türkische Feministin Neriman Polat zeigt in der Berliner Dependance
> der Istanbuler Galerie Zilberman ihre politische Kunst. Hoffnungsvoll ist
> die eher nicht.
IMG Bild: Neriman Polat, „Kayıp/Lost“ 2025
Eine leuchtend rote Daunenkinderjacke im Hinterhof eines Mietshauskomplexes
in der Türkei. Sie hängt an dem Ast eines Baumes, der so über eine Mauer
ragt, als wolle er seine Hände zur Hilfe nach dem verknäulten Textil
ausstrecken.
„Kayıp – Verloren“, der Titel von Neriman Polats Fotografie, die derzeit in
der Berliner Dependance der Istanbuler Galerie Zilberman zu sehen ist, ruft
eine charakteristische Ambivalenz des Œuvres der türkischen Künstlerin auf:
die zwischen Verlorenheit und Fürsorge, zwischen dem Sozialen und dem
Individuellen.
Die Ausstellung im friedlichen Berliner Westen kommt zur passenden Zeit.
Während [1][in der Türkei die kritische Kunst] unter dem immer
repressiveren Regime ihres grimmigen Präsidenten ächzt, ruft das Werk der
1968 in Istanbul Geborenen demonstrativ die 1990er Jahre auf, die als die
Geburtsstunde der kritischen Gegenwartskunst aus der Türkei gelten, die auf
der ganzen Welt Beachtung findet.
Die Absolventin der Istanbuler Mimar-Sinan-Universität der Schönen Künste
gehörte damals zu den Künstler:innen, die die klassische Moderne und die
Idee einer singulären Künstler:innenpersönlichkeit hinter sich
ließen. Mittels Fotografie, Video, Konzept und Installation, mit Fantasie,
Ironie und Verve stürzten sie sich auf soziale und politische Konflikte.
## Metallgitter mit bunten Textilien
Seit dieser Zeit arbeitet Polat mit der Gruppe Sanat Tanımı Topluluğu (STT)
zusammen und gründete später gemeinsam mit anderen Künstlerinnen die
feministische Künstlergruppe Arada („Dazwischen“). Sie gehörte auch zum
Kollektiv Hafriyat: Der Name bedeutet „Ausgrabung“. Er steht symbolisch für
das Aufdecken verborgener Schichten, Geschichten und Stimmen.
Die von Polat aus feministischer Perspektive bearbeiteten Themen wie
Geschlecht, öffentlicher Raum und die Ästhetik des Alltagslebens ziehen
sich auch durch ihre Berliner Schau. Der aus einer Galeriewand
herausragende Balkon aus dem Jahr 2025, über dessen Metallgitter bunte
Textilien gehängt sind, markiert gleichsam paradigmatisch die Schwelle
zwischen Innen und Außen, der privaten und der kollektiven Sphäre, zwischen
intim und offen.
Polats Schau ist ein Paradox: Eine Künstlerin, die sich lange weigerte,
Galeriekünstlerin zu werden, präsentiert sich mit ihr in den Räumen einer
Galerie, die sich seit ihrer Gründung 2008 zu einer der führenden
kommerziellen des Landes entwickelt hat. In Berlin ist Zilberman längst zu
einem wichtigen Treffpunkt der türkischstämmigen Intelligenz avanciert.
Die Ausstellung ist Teil einer Trilogie, die 2018 im Istanbuler Artspace
Merdiven unter dem Titel „Merciless“ begann. Ihre Fortsetzung fand sie 2023
mit „Roofless“ und nun mit „Groundless“ in der Galerie Zilberman. Sie
komplettiert das Thema fortschreitenden Verlusts, das sich individuell wie
sozial verstehen lässt.
Zu den Stärken dieses bemerkenswerten Œuvres gehört es, das Politische in
eine eindrückliche Poetik zu überführen. In ihrer ikonischen Fotoarbeit
„Private Security“ von 2013 liegt eine junge Frau in Polizeiuniformjacke
und mit nacktem Unterkörper auf einer Matratze.
In der Berliner Schau sind es die wiederkehrenden Rosen auf Textil, ein
Symbol für ermordete ebenso wie selbstbewusste Frauen. Einzig
„Plastikhandschuh“, die kleine Fotoarbeit [2][aus dem Gezi-Jahr 2013] weckt
ein Gefühl sanfter Hoffnung inmitten kulminierender Krisen.
Die zwei in Form eines Victory-„V“ gereckten pinkfarbenen Finger auf einer
laubbedeckten Treppenstufe erinnern an die rebellische Straßenkunst der
legendären Revolte. Für Polat stehen sie für den anhaltenden Wunsch, dass
„wir trotz allem Frieden wünschen“.
7 Jan 2026
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## AUTOREN
DIR Ingo Arend
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