# taz.de -- Neues Album von Pogendroblem: Und mit 30 kommt der Untergang
> Soundtrack zur multiplen Krise: Auf ihrem Album „Great Resignation“
> liefert die Kölner Posthardcoreband Pogendroblem Zeitdiagnostik mit
> Schmackes.
IMG Bild: Alte Meister:innen: Pogendroblem beim Stillleben
„Great Resignation“ – der Begriff bezeichnet das massenhafte Kündigen von
Bullshitjobs während der [1][Coronapandemie] 2020 bis 2022. Heute schon
fast vergessen, hätte die weltweite Seuche auch Anlass sein können, die
Gesellschaft radikal neu zu organisieren. Es kam bekanntlich anders und das
befreiende Moment, das in der Great Resignation steckte, ist einer Großen
Resignation gewichen.
Die Kölner Punkband Pogendroblem liefert mit ihrem vierten Album „Great
Resignation“ den Soundtrack zu diesem Befund. Zwölf Songs in weniger als 24
Minuten, schnell, krachend und stets getrieben von der Frage: Wie zur Hölle
navigiert man durch die multiple Krise? „Es ist nicht leicht / Mit dieser
Zukunft umgehen zu müssen.“ [2][In Anlehnung an den italienischen
Philosophen Antonio Gramsci] postulieren Pogendroblem in der Gen-Z-Hymne
„Unser Jahrzehnt“ eine „Zeit der Monster.“
Und stellen schon im Songtext zuvor fest: „Es kann nicht immer so
weitergehen“. Er ist die größte Neuerung auf dem Album, Schlagzeugerin
Sarah Benter singt zum ersten Mal. Kurzes Gitarrenintro, treibende Drums
und ein knapper, mantraartiger Text. Benter liefert einen Abgesang auf
unverbindliche Beziehungen, diese Perle von einem Punksong ist aber auch
eine treffende Zeitdiagnose.
## Der Schelm blitzt auf
Zeitdiagnostik konnten Pogendroblem schon immer: Alltagsgeschichten
spielerisch mit Politik verknüpfen und sich dabei selbst nicht allzu ernst
nehmen. Der Schelm blitzt auch auf dem neuen Album auf, etwa wenn die Band
in „Self Checkout“ den Ladendiebstahl der „Shoppingmaus“ als
„Inflationsausgleich“ besingt. Oder in „Alles oder Nichts“ postuliert: „Ich
will den Kontrollverlust / Aber bitte kontrolliert.“
Die Leichtigkeit früherer Alben ist allerdings größtenteils verschwunden,
auch Pogendroblem sind inzwischen um die 30: „30 werden / untergehen“. Aber
vielleicht liegt es nicht am Alter, sondern an den Verhältnissen. Deren
Zumutungen bringen Pogendroblem zielsicher auf den Punkt. Auf „Great
Resignation“ besingen sie die Fragmentierung von Gesellschaft, Beziehungen
und der Linken.
Der Song „Die Sache“ ist simpel, aber trifft: „Ich tue alles für die Sache
/ Wann tut die Sache was für mich?“ – welche Aktivist*in hat sich das
nicht schon selbst gefragt? Angesichts von [3][Klimakatastrophe] und
Faschisierung wird Aktivismus immer dringlicher, führt aber gleichzeitig zu
Überforderung.
## Phantomschmerzen?
Und Depression, ein Thema, das es zu [4][selten auf Punkalben] schafft,
aber in „Starke Schmerzen“ verhandelt wird. Wie stets bei Pogendroblem
bleibt vage, ob die starken „Schmerzen / Im Herzen“ vom Politischen oder
Persönlichen ausgelöst werden. Sicher ist, dass die Fragmentierung auch ins
Innerste reicht: „Nicht so gut darin / mich selbst zu spüren.“ Das ist
Verletzlichkeit und Kritik am eigenen Umgang damit in einem.
Songzeilen wie diese zeichnen die Songs von Pogendroblem aus, gepaart mit
Spaß am Experimentieren (Stichwort: Brotschneidemaschine und Elektroharfe).
Auch das neue Album folgt dem bewährten Konzept: stilistisch alles von
Postpunk bis Hardcore, kombiniert mit zwei sehr unterschiedlichen Stimmen
und gutem Songwriting.
Georg Gläser klingt manchmal nach [5][Neuer Deutscher Welle] und streut
Theorieanleihen in die Texte ein. Die Songs sind oft experimenteller als im
Punk erlaubt, manchmal poppig, manchmal Garage, gerne mit Synthesizer. In
„Starke Schmerzen“ löst sich zum Ende hin nicht nur die Erzählfigur,
sondern der gesamte Song in einem halligen Klangteppich auf.
Frieder Theißen besingt hingegen [6][klassische Deutschpunk-Themen] mit
Scheiß-drauf-Attitüde und Mitgrölpotenzial. Von dieser Spannung lebt die
Band. Bei „Praxis ohne Theorie“ fragt man sich allerdings, ob der Diskurs
nicht an seine Grenzen kommt. Es ist der vielleicht eingängigste Song des
Albums, treibende Drums, schnelle, schrammelige Gitarren, ganz viel rohe
Energie, die einen fast nötigen, mitzusingen und sich in die Menge zu
werfen.
Der Songtext dreht sich um linke Selbstverständlichkeiten, für die es
(eigentlich) keinen [7][Marx-Lesekreis] braucht. Die Vorstellung von
hunderten (überwiegend männlichen) Punks, die auf einem Konzert den catchy
Refrain „Praxis ohne Theorie“ grölen, lässt allerdings an die Barbarei
denken, gegen die Pogendroblem ansonsten ansingen. Das steht in
merkwürdigem Kontrast zu Liedern, die auf Walter Benjamin Bezug nehmen.
## Abgesang auf den Fortschrittsglauben
Davon abgesehen, liefert „Great Resignation“ wunderbare Musik. Das Album
endet mit dem tieftraurigen „Von gar nichts haben wir uns befreit“: Ein
melancholisches Gitarrenriff, zu dem Gläser mehr postuliert als singt,
verursacht Gänsehaut, dann ein langsamer, düsterer Bass. Und sobald Gläser
„Von gar nichts habe ich mich befreit“ schreit, möchte man anfangen zu
weinen. Es ist ein Abgesang auf den Glauben an gesellschaftlichen
Fortschritt.
Das emotionale „Es tut mir leid“ am Ende des Songs lässt einen ratlos
zurück. Aber es erinnert auch nochmal daran, dass es eindeutig nicht so
weiter gehen kann. „Von gar nichts haben wir uns befreit“ bringt den
politischen Gesamtzustand 2025 schmerzhaft auf den Punkt. Es ist einer der
besten Songs der Band bisher. Auf dem wahrscheinlich besten
Deutschpunkalbum dieses deprimierenden Jahres.
1 Jan 2026
## LINKS
DIR [1] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746
DIR [2] /Buch-ueber-Antonio-Gramsci/!5794267
DIR [3] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
DIR [4] https://www.youtube.com/watch?v=Bw6XdgY3z0Q
DIR [5] /Neue-Deutsche-Welle/!t5009688
DIR [6] /Neues-Album-von-Drangsal/!6092524
DIR [7] /Klage-der-Marxistischen-Abendschule/!6101920
## AUTOREN
DIR Larissa Schober
## TAGS
DIR Punk
DIR Neues Album
DIR Köln
DIR Social-Auswahl
DIR Buch
DIR Subkultur
DIR Punk
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Popjournalismus der 1980er: An der Oberfläche kratzen
Ein Faksimile-Band erinnert an das Magazin „Elaste“, das 1980 in Hannover
entstand. Thema ist es auch in Erika Thomallas Oral History zum
Popjournalismus.
DIR Punk-Geschichtsschreibung in Hamburg: Und noch einmal zurück zum Beton
Die Veranstaltung „Alles bleibt gut“ feiert mit Fotos und Konzerten 45
Jahre Punk, Avantgarde und NDW in Hamburg – und bleibt ein Versprechen
schuldig.
DIR Punkband Amyl and the Sniffers auf Tour: Die eigenen Engel auf der Haut
Sie spielen nihilistischen Krawall für alle. Die Punkband Amyl and the
Sniffers aus Melbourne kommt mit ihrem Album „Cartoon Darkness“ auf Tour.