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       # taz.de -- Ausstellung über Ossip Klarwein: Der vergessene Architekt der Knesset
       
       > Das Hamburger Barlach-Haus würdigt den Architekten Ossip Klarwein. Er
       > floh 1933 aus Hamburg nach Palästina und baute den jungen Staat Israel
       > mit auf.
       
   IMG Bild: Das von Ossip Klarwein entworfene Getreidesilo Dagon im Hafen von Haifa im Jahr 2024
       
       Es gilt als ein Meisterwerk expressionistischer Baukunst: die Kirche Am
       Hohenzollernplatz in Berlin-Wilmersdorf, gebaut vom Hamburger Büro
       [1][Fritz Höger,] das mit dem inzwischen zum Weltkulturerbe zählenden
       [2][Chilehaus] Weltruhm errang. Zur Eröffnung der evangelischen Kirche in
       Berlin am 19. März 1933 erschien auch der spätere Reichsluftfahrt- und
       -wirtschaftsminister [3][Hermann Göring]. Denn dieser durchaus monumentale
       Backstein-Stil war den NS-Machthabern noch genehm. Und Höger war immerhin
       schon seit 1932 in der NSDAP.
       
       Nicht bei der Eröffnung anwesend war Ossip Klarwein, der eigentliche
       Architekt des Baus. Aus einer Warschauer jüdischen Bürgerfamilie stammend,
       war er nach zahlreichen Stationen in ganz Europa seit 1927 Chefarchitekt
       und Büroleiter in Högers Team. Doch angesichts der politischen Situation
       und nach massiven antisemitischen Angriffen gegen seine Person hatte er
       bereits im Januar 1933 um seine Entlassung gebeten, drei Monate vor der
       [4][Machtübergabe an die NSDAP.]
       
       Zwar konnte er erst einmal inoffiziell weiterarbeiten, doch im November
       1933 gelang es Klarwein, Hamburg zu verlassen und in Haifa im
       [5][britischen Mandatsgebiet Palästina] neu anzufangen. Verdrängt, verjagt
       und vergessen – ein Schicksal, das allzu viele Künstler und Intellektuelle
       im Dritten Reich erleiden mussten.
       
       Von Ossip Klarwein (1893–1970) sind trotz seiner teils schwierigen
       Lebensumstände insgesamt 126 Vorhaben zu belegen, darunter 63 gebaute
       Architekturen, 41 Planungen und 7 urbanistische Projekte. Obwohl er
       zeitweilig Stadtbaumeister von Jerusalem und der wesentliche Architekt der
       Knesset, des Parlaments des jungen israelischen Staates, war, ist er auch
       in Israel weitgehend vergessen: Es gibt in keinem Land, in keiner Sprache
       bisher auch nur eine Monografie über ihn oder eine nennenswerte
       wissenschaftliche Aufarbeitung seines Werkes.
       
       ## Zwischenstand trotz offener Fragen
       
       So führt das bisher dreijährige, von der Historikerin und Journalistin
       Jaqueline Hénard privat initiierte deutsch-israelische Rechercheprojekt nun
       zu einer ersten umfangreichen Annäherung. Unter der aktuell nicht einfachen
       Situation in Israel von einem internationalen Team erarbeitet, gefördert
       von einigen Stiftungen, kann trotz mancher offener Fragen ein Zwischenstand
       in Katalog und Ausstellung präsentiert werden. Bereits [6][in der Kirche Am
       Hohenzollernplatz gezeigt,] ist deren zweite, erweiterte Station das
       [7][Barlach-Haus] im Hamburger Jenischpark.
       
       Es ist eine für das Haus eher unübliche Studienausstellung mit vielen
       reproduzierten Fotos und Dokumenten auf Stellwänden, ergänzt um kurze
       Dokumentarfilme von Studierenden der Tel Aviv University und einen
       separaten Raum mit schwarz-weißen Großfotos von Eli Singalovski (*1984),
       der Klarweins Bauten im heutigen Zustand wie kühle Großskulpturen
       porträtiert. Zu entdecken sind ein Werk und eine Biografie, die die
       Aufbrüche und Brüche des 20. Jahrhunderts auf exemplarische Weise
       verdichten.
       
       Die Wilmersdorfer [8][Kirche Am Hohenzollernplatz] erhielt aufgrund der
       klaren, trotz expressiver Details der von außen fast industriell anmutenden
       Kubatur den Spitznamen „Kraftwerk Gottes“. Und es gibt auch eine „Burg am
       Meer“, ein ähnlich blockhaftes Klinkergebäude mit hohem Uhrturm von
       Klarwein: das Rathaus von Wilhelmshaven-Rüstringen.
       
       Für die nun erst beginnende Forschung gibt es neben dem Problem, dass
       Dokumente zu Klarwein in Archiven in mehreren Ländern verstreut sind, eine
       grundsätzliche Schwierigkeit: In aufwendigen und langfristigen Projekten
       ist es nicht leicht zu bestimmen, wie entscheidend am Ende der Anteil eines
       der mehreren involvierten Architekten war.
       
       Klarwein baute Einfamilienhäuser und Gedenkstätten, Geschäftshäuser und
       Seminargebäude der Universität. In besonderem Maße steht aber das später
       immer wieder vergrößerte Dagon-Getreidesilo im dem Meer abgerungenen
       Hafenviertel von Haifa für die Handschrift Klarweins. Hier, am höchsten
       Gebäude Israels in den 1950er Jahren, hat er aus der Zweckarchitektur durch
       Betonornamente eine expressive Stadtkrone geschaffen.
       
       ## Drei Geschwister im Holocaust ermordet
       
       Am wichtigsten ist aber die wie ein moderner Tempel mit Betonsäulen und
       vorkragendem Dach konstruierte Knesset, vergleichbar mit zeitgleichen
       Repräsentationsbauten von Mies van der Rohe oder Walter Gropius. Das
       verschollene Modell des ursprünglichen Wettbewerbsentwurfs wurde für die
       Ausstellung nach Fotos rekonstruiert.
       
       Zur Biografie Klarweins gehört auch, dass die drei in Deutschland
       gebliebenen Geschwister im [9][Holocaust] ermordet wurden. Und dass der
       einzige Sohn Mati (1932–2002) als Künstler in einem vom Vater erbauten
       kleinen Haus an der Küste Mallorcas lebte. Er hatte in Frankreich bei
       Fernand Léger studiert, war stark vom fantastischen Realismus Ernst Fuchs'
       beeinflusst und als psychedelischer Maler bekannt: Er gestaltete
       beispielsweise Plattencover von Miles Davis und Carlos Santana.
       
       18 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Wer-im-Nazi-Reich-mitgemacht-hat/!5281207
   DIR [2] /Koloniale-Gewalt-in-Chile/!6011888
   DIR [3] /Aufarbeitung-der-NS-Zeit/!5989533
   DIR [4] https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/geschichtsgalerien/05-maerz-1933-wahl-zum-deutschen-reichstag/
   DIR [5] /Nahost-Konflikt/!5965507
   DIR [6] /Die-Kunst-der-Woche/!6095972
   DIR [7] https://www.barlach-haus.de/
   DIR [8] /Die-Kunst-der-Woche/!6095972
   DIR [9] https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320492/holocaust-schoa/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hajo Schiff
       
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