# taz.de -- Beten und genießen: „Zwischen Gastronomen und Pfarrern gibt es Gemeinsamkeiten“
> Matthias Lasi arbeitet als Gastropfarrer. Hier spricht er über
> Burn-out-Sorgen, nächtliche Gottesdienste und gesegnete Spiegeleier.
IMG Bild: Abendmahl, mal anders: Gastro-Pfarrer Lasi 2024 als Praktikant in der Küche des Wellnesshotels Tanne in Baiersbronn
taz: Herr Lasi, wann waren Sie zuletzt in einem Restaurant?
Matthias Lasi: Vor ein paar Wochen mit meiner Frau, ich hatte Hirschragout,
sie bestellt in dem Restaurant jedes Mal die Kohlrouladen. Vor einiger Zeit
wollte der Wirt die Rouladen von der Karte nehmen, doch wir konnten ihn
glücklicherweise davon abbringen. Seitdem müssen wir bei der Reservierung
am Telefon nur „Kohlrouladen“ sagen, schon wissen sie Bescheid und wir
kriegen einen Tisch. Gut essen gehört bei mir zur Lebensqualität dazu.
taz: Sie sind der einzige Gastropfarrer Deutschlands und für die Seelsorge
der Gastronomen im nördlichen Schwarzwald zuständig. Was hat Sie an dieser
Stelle gereizt?
Lasi: Ich war bis Februar 2022 Pfarrer der Evangelischen Auslandskirche in
Kyjiw, doch als der Krieg begann, musste ich nach Deutschland zurückkehren
und suchte nach einer neuen Aufgabe in meiner Landeskirche in Württemberg.
Ich hatte schon in Kyjiw viel mit Menschen zu tun gehabt, die nicht
kirchlich sozialisiert sind, das fand ich immer faszinierend. Ich dachte
mir, dass das bei den Gastronomen auch so sein könnte. Außerdem hatte ich
das Gefühl, dass es zwischen Gastronomen und Pfarrern viele Gemeinsamkeiten
gibt und wir uns gut ergänzen würden.
taz: Was meinen Sie?
Lasi: Wir bieten beide Wellness, die Gastronomen für Körper und Geist, wir
Pfarrer für die Seele. Wir gehen beide einem [1][uralten Beruf der
Gastfreundschaft] nach und sind zu Tageszeiten tätig, an denen andere meist
nicht arbeiten, zum Beispiel abends oder am Sonntag.
taz: Warum gibt es gerade im nördlichen Schwarzwald die Stelle eines
Gastropfarrers?
Lasi: Alleine in Baiersbronn, wo ich im Pfarrhaus wohne, gibt es zwei
Drei-Sterne-Restaurants sowie zwei Ein-Sterne-Restaurants, es gibt in der
ganzen Region viele Hotels, Gaststätten und Restaurants. Bereits vor etwa
zwanzig Jahren fragten die Gastronomen bei der Kirche nach seelsorgerischer
Unterstützung an, weil sie festgestellt hatten, wie schwierig es ist,
außerhalb der Arbeit soziale Kontakte zu knüpfen.
taz: Was machen Sie für die Gastronomen?
Lasi: Wenn jemand über etwas reden will, dann kriegt er bei mir innerhalb
von ein, zwei Tagen einen Termin. Es kommen auch Gastronomen auf mich zu,
die eigentlich keinen Kontakt mit der Kirche haben, das kommt immer
häufiger vor. Außerdem veranstalten wir drei Mal im Jahr spezielle
Gottesdienste, beim Weihnachtsgottesdienst kommen 150 bis 200 Gastronomen.
Es gibt eine Predigt und danach einen Empfang, natürlich mit sehr leckeren
Häppchen. Diese Gottesdienste beginnen abends um 21 Uhr, denn erst dann
haben die Gastronomen Zeit. Es war ein kleiner Kampf, dass die
Gottesdienste nicht noch später beginnen. Früher gingen die erst um 21.30
Uhr los und dann locker bis 2 oder 3 Uhr morgens. Wir haben den Beginn eine
halbe Stunde vorverlegt, sonst bin ich am nächsten Morgen zur ersten
Schulstunde Religionsunterricht nicht fit.
taz: Gibt es noch weitere Angebote?
Lasi: Einmal im Jahr richte ich ein Sommerfest aus hier im großen
Pfarrgarten, für das meine ukrainische Frau und ich kochen. Im ersten Jahr
gab es Borschtsch, letztes Jahr haben wir gegrillt. Die Sterneköche haben
mir gesagt, dass sie das genießen, wenn es mal etwas anderes gibt. Auch bei
den zweimonatlichen Stammtischen der Gastronomen bin ich dabei, generell
habe ich ein offenes Ohr.
taz: Sie können aufgrund Ihrer Schweigepflicht sicherlich nicht ins Detail
gehen, aber was sind die größten Probleme der Gastronomen?
Lasi: Ein großes Thema [2][ist der Personalmangel]. Wenn zum Beispiel ein
Koch wegbricht, kann der nicht so einfach ersetzt werden, das kann Betriebe
an den Rand der Existenz bringen. Viele Gastronomen haben Angestellte, die
nicht aus Deutschland stammen. Einer hat mir kürzlich gesagt, dass er
Angestellte aus 18 Nationen im Betrieb hat, die Sprachbarriere ist da oft
eine Herausforderung. Allerdings würde es ohne diese Menschen überhaupt
nicht gehen, dann müsste jeder zweite, wenn nicht sogar noch mehr Betriebe
schließen.
taz: Haben Sie in Ihrer Zeit als Gastropfarrer erlebt, [3][dass Betriebe
schließen mussten]?
Lasi: Das ist mir nicht begegnet, aber manche arbeiten schon sehr am Limit.
Die sagen mir auch immer wieder, dass sie kurz vor dem Burn-out seien. Wenn
sie die Chance hätten, morgen zu schließen, würden manche das sofort
machen. Ich finde es aber sehr ermutigend, dass es im letzten Jahr einigen
kleineren Betrieben gelungen ist, ihre Gaststätte oder ihr Hotel in neue
Hände zu übergeben.
taz: Essen Sie als Gastropfarrer häufig in Gaststätten?
Lasi: Im Sternerestaurant war ich noch nie, das ist mir zu teuer, aber in
kleinere Gaststätten gehe ich schon manchmal, einfach um Kontakt zu halten.
Ich liebe es, im Schankraum zu sitzen, den Geschmack des Essens zu genießen
und was Gutes zu trinken. Früher hatte ich bei Lokalen vor allem verrauchte
Gaststätten im Kopf, in denen die Menschen schon ein paar Biere zu viel
intus hatten, da habe ich mich nie wohlgefühlt. Doch das hat sich zum Glück
geändert. Und wenn die Kirchen immer leerer werden, muss man die Menschen
vielleicht in den Gaststätten aufsuchen, um mit ihnen ins Gespräch zu
kommen.
taz: Sie haben auch ein Praktikum im Wellnesshotel Tanne gemacht. Wie war
das?
Lasi: Die Idee dieses Praktikums war, zu schauen, wie es hinter der
Küchentür zugeht. Ich habe gelernt, wie man Zwiebeln ganz fein schneidet.
Ich war auch beim Frühstücksbuffet dabei und dort für das Braten der
Omeletts und Spiegeleier zuständig. Dabei habe ich gemerkt, wie
anspruchsvoll dieser Jobs ist, denn es geht nicht nur darum, die
Spiegeleier zu braten, sondern man muss gleichzeitig auch noch mit den
Gästen kommunizieren und während der Unterhaltung dann lässig ein bisschen
mehr Salz auf das Spiegelei streuen. Es stehen zehn Menschen in der
Schlange und während man mit der vierten Person redet, muss man sich
erinnern, wie die ersten drei Gäste ihr Spiegelei wollten.
taz: Hat man Sie als Pfarrer erkannt?
Lasi: Ich wurde ein paar Mal angesprochen, ein Ehepaar hat ein Foto von mir
gemacht und an ihren Diakon geschickt. Ich habe sie gefragt, ob sie ein
gesegnetes Spiegelei wollen und ihnen dann mit Schnittlauch ein Kreuz aufs
Ei gestreut. Der Chef von der Tanne ist dann immer wieder reingekommen und
hat gefragt, ob ich nicht noch ein gesegnetes Spiegelei machen wolle.
taz: Wie gut vertragen sich das Christentum und die gehobene Gastronomie?
Lasi: Ich lebe, um zu glauben, aber ich glaube auch, um das Leben zu
genießen, dazu gehören Beziehungen, Freundschaften, Erfolg zu haben,
anerkannt zu sein. Aber natürlich auch essen zu gehen, deswegen passt das
für mich gut zusammen.
taz: Hätte Jesus ein Problem damit gehabt, in ein Sternerestaurant zu
gehen?
Lasi: Ich glaube, dass er keine Berührungsängste gehabt hätte und neugierig
gewesen wäre. Vielleicht hätte er ein Problem damit gehabt, wenn das Menü
mehrere Hundert Euro kostet, aber es wäre ihm vor allem um die Menschen und
den Zusammenhalt gegangen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie sehr
sich die Gastronomen hier in der Region unterstützen, die renommierten
Hotels, die Sternerestaurants und die kleineren Gaststätten. Es gibt eine
Whatsapp-Gruppe, da wird sich ausgetauscht, ob jemand Erfahrungen mit einer
bestimmten Fritteuse hat. Wenn jemandem die Sahne ausgeht, dann wird sofort
ausgeholfen. Es ist wie eine große Familie.
taz: Was wünschen Sie sich für die Gastronomen im kommenden Jahr?
Lasi: Ich hoffe, dass die Preise wieder ein bisschen günstiger werden.
Manche Gastronomen erzählen, dass der Käse auf einmal das Doppelte gekostet
hat. Da wäre ein bisschen Entspannung gut. Vor allem wünsche ich mir aber
für die Gastronomen einen positiven Blick in die Zukunft – ich glaube, das
brauchen wir alle.
29 Dec 2025
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